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Einführung

Published onOct 28, 2021
Einführung
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Das Thema digitales Abendmahl ist seit letztem Jahr in aller Munde und so haben wir einen zweiten Workshop dazu durchgeführt. Die im April 2021 erschienene Digitalisierungsdenkschrift der EKD benennt noch einmal grundlegende Fragen rund um digitale Formen des Gottesdienstes und des Abendmahls auf. Dort heißt es:

„Neben diese [dogmatischen] Fragen traten andere, die im Zusammenhang des dritten Gebotes systematisch- und praktisch-theologisch (insbesondere liturgiewissenschaftlich) neu reflektiert und vertieft werden müssten: Braucht das Heilige im Analogen wie im Digitalen besondere (kunstvoll gestaltete) Symbole? Sind Präsenz- und Körperlichkeitserfahrung Kriterium für (religiöses und christliches) Gemeinschaftsgefühl und -handeln? Sind Präsenz und Körperlichkeit – die Leiblichkeit des Menschen – notwendige Merkmale für die symbolhafte Inszenierung der Begegnung des Menschen mit Gott? Umgekehrt: Kann von „Gottesdienst“ gesprochen werden, wenn eine körperliche Präsenz ausgeschlossen ist?“[1]

 

Viele dieser Dimensionen sind im letzten Jahr verschiedentlich diskutiert worden und auch in unserem Workshop zum Abendmahl im Januar 2021 zur Sprache gekommen. Ich möchte die Kernpunkte unserer Überlegungen aus dogmatischer und kirchengeschichtlicher Perspektive noch einmal zusammenfassen und dazu auf die Thesenreihe zurückgreifen, die Hella Blum, Selina Fucker und ich zum digitalen Abendmahl verfasst haben.

Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist die seit 1973 geltende Leuenberger Konkordie. Sie ist die theologische Grundlage für das heute im evangelischen Raum geltende Verständnis des Abendmahls. Darauf gründet unsere erste These, aus der sich die anderen Thesen dann in Ableitung ergeben: „Abendmahl ist also nicht menschliches Handeln, sondern Feiern mit dem Herrn und Zeugnis für sein Handeln.“

Daraus ergibt sich These 2: „Das Geschehen im Abendmahl bleibt von dieser Grundaussage her außerhalb des von Menschen Bestimmbaren.“

These 3 öffnet hierzu den Rahmen: Die Feier des Abendmahls ist geprägt von der neutestamentlichen Hoffnung, dass das Reich Gottes herannaht. Wir feiern Abendmahl im Hier und Jetzt, damit im Unvollkommenen. Aus unserer Sicht stellt dieses „defizitäre“ Moment im Vergleich zum eschatologisch Verheißenen ein Grundmoment jeder Abendmahlsfeier dar: Nicht nur ist die leibliche Gemeinschaft auch in analogen Gottesdienstformaten sehr unterschiedlich ausgeprägt, vielmehr bleibt das Abendmahl in physischer Gemeinschaft immer auch hinter der eschatologisch verheißenen leiblichen Gemeinschaft mit dem Einladenden zurück.[2]

Dennoch wird die Feier des Abendmahls damit nicht beliebig. Das machen wir mit These 4 deutlich: Abendmahlskonkretionen müssen gestern, heute und zukünftig daraufhin befragt werden, ob sie ein angemessenes Zeugnis des Heilshandelns geben.

Unter dieser These könnten nicht nur liturgische Fragen diskutiert werden, sondern z.B. auch anthropologische Fragen der Gotteserfahrung[3] oder Fragen im Blick auf Beauftragung und Ordination. Das machen wir in These 5 deutlich: „Alle Abendmahlskonkretionen müssen und dürfen als vorläufig, befragbar und kritisierbar angesehen werden. Aus der unter 1 benannten theologischen Grundaussage folgt keine letztgültige Norm in der Ausgestaltung des Abendmahls.“

 

In der These 7 versuchen wir, die theologischen Ecksteine des Abendmahls zu benennen: Wesentlich in der Konkretion des Abendmahls sind Gemeinschaft, Gabecharakter, Körperlichkeit/Leiblichkeit, Stärkung und Anteil an der Verheißung. Dies gilt für das Abendmahl im Analogen wie im Digitalen. Davon ausgehend, haben wir gefragt: Inwieweit kann das Abendmahl im digitalen Raum diese Konkretionen einlösen?

 

These 7.1 hält dazu fest: Gemeinschaft ist in wichtigen Dimensionen auch im virtuellen Raum zu vermitteln (Sichtbarkeit der Feiernden, virtuellen Gemeinde, Gleichzeitigkeit/Simultaneität, Partizipation). Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass die Dimensionen der Gemeinschaft einem zeitlichen Wandel unterliegen. Im Zeitalter der Digitalität ist Kirche aufgefordert zu prüfen, ob nicht das Digitale als neue Dimension von Gemeinschaft mitzudenken ist (Teresa Berger).

These 7.2. verweist auf den Gabecharakter des Abendmahls: Sakrament ist Wort und Element. Das Wort wird zugesprochen, das Element empfangen. Dieser Gabecharakter kann im virtuellen Raum nicht in vollem Umfang eingelöst werden. Das Wort kann zugesprochen, das Element jedoch im virtuellen Raum nicht empfangen werden. Dazu bedarf es einer zumindest hybriden Form des Abendmahls.


These 7.3. nimmt einen der strittigsten Punkte; die Körperlichkeit, in den Blick: „Das Abendmahl im Digitalen kann diese Konkretion nicht einlösen. Im Blick auf die Betonung von Inkarnation und Leiblichkeit in der Theologie einerseits, auf die Grundaussage in 1 andererseits, muss geprüft werden, wie zwingend diese Konkretion ist. Hier bleiben letzte Fragen.“ Möglicherweise kann hier an unsere dritte These angeknüpft werden, d.h. dass jede Abendmahlsfeier defizitär ist und bei der virtuellen Abendmahlsfeier das Defizitäre (auch) bei der fehlenden Körperlichkeit spürbar wird.


Kaum strittig ist ein weiterer Prüfstein, die Stärkung durch das Abendmahl, auf die wir in These 7.4 eingehen: Das Abendmahl wird geschenkt und im Glauben angenommen. Auch im Virtuellen kann das Abendmahl als Geschehen, Stärkung und Aufbau erlebt werden. Deshalb kann es in der seelsorgerlichen Praxis auch dann digital gefeiert werden, wenn dogmatische Zweifel an der Sakramentsverwaltung bleiben.


Unser letzter Prüfstein gilt der Verheißung und dieser Prüfstein knüpft noch einmal an These 1 an: Wie unter 1 und 2 dargelegt, bleibt das Abendmahlsgeschehen außerhalb des Bestimmbaren. Das Wirken des Heiligen Geistes, der Anteil an der Verheißung sind damit nicht raum- und ortsgebunden. Auch das Abendmahl im Digitalen steht daher unter dieser Verheißung.

 

Leitend war in der Diskussion im Januar die Bedeutung dessen, was wir als „Präsenz“ im Abendmahl beschreiben. Erkennbar sind mindestens drei Dimensionen: Eine anthropologische Dimension (Wie bin ich präsent im Abendmahl?), eine christologische Dimension (Christus vergegenwärtigt sich selbst) und eine mediale Dimension (Abendmahl als Heils-medium: Wie begegnet Gott im Abendmahl? In materialen Elementen? Im Anderen?).

Hier schlossen die Diskussionen um die Leiblichkeit an: Das Verhältnis von Leiblichkeit und Digitalität darf nicht als Gegensatz gedacht werden, so eine Position: Die Pandemie habe das eindrücklich vor Augen geführt. Die digitalen Medien helfen während dieser Zeit dabei, Beziehungen aufrecht zu erhalten trotz aller Einschränkungen. Sinnvoller sei es daher, von Gradualitäten von Digitalität und Leiblichkeit zu sprechen. Zudem ist der Leib nie reduzierbar auf nur das Körperliche oder nur das Geistige. Vielmehr geht es um die Gestaltung der Beziehung zwischen Körperlichkeit, Emotionalität und Rationalität durch Symbole. Diskutiert wurde in diesem Zusammenhang auch die Bedeutung der Erlebnisperspektive. Zwischen digitalen und analogen Formen der Wahrnehmung kann nach Meinung der Teilnehmenden keine grundlegende Unterscheidung gezogen werden. Auch das Virtuelle ist Teil der Realität. Eingebracht wurden dazu auch Erkenntnisse der Neurowissenschaften: Wenn Spiegelneuronen uns schmecken lassen, was wir sehen, warum soll das nicht auch beim Abendmahl im Digitalen möglich sein?


In der Diskussion dieser Thesen wurden nicht nur die unterschiedlichen dogmatischen Einschätzungen unserer Beschreibungen deutlich. Vielmehr stießen wir immer wieder an die Beobachtung, dass die dogmatischen Perspektiven sehr eng mit der liturgischen Gestaltung verbunden sind: Wie können die Dynamiken und Dimensionen des Abendmahls, die dogmatisch im Zentrum stehen, in den liturgischen Vollzügen gestaltet werden?

 

Hier ist die Unterscheidung von verschiedenen Bedeutungs- und Erlebnisebenen im Abendmahl zentral, sowohl für analoge als auch für digitale Feiern. Ziel muss sein, dem Anliegen der Stiftung des Abendmahls in allen Formen so nahe wie möglich zu kommen. Vor dem Hintergrund der erreichten Differenzierungen wurde eine Denkmatrix erkennbar, die in der Verbindung von analog und digital denkt: Was muss/soll das Abendmahl im Digitalen und Analogen in jedem Fall beinhalten/weitergeben?

Wie z.B. der Gabecharakter inszeniert werden kann, hängt an der medialen Plattform und den Möglichkeiten zur Partizipation ab. Den Gabecharakter der Elemente können dabei auch für einzelne Feiernde explizit betont werden. Weiter zu diskutieren ist die Frage nach Inklusions- und Exklusionsaspekten analoger und digitaler Formen, um der Aufforderung “Trinkt alle daraus!” gerecht zu werden. Auch die Bedeutung von Räumen und Orten zur Inszenierung und liturgischen Gestaltung des Abendmahls müssen weiter bedacht werden.


Für den liturgisch Gestaltenden wurde ein Dreischritt vorgeschlagen: Bevor das Abendmahl im Digitalen gestaltet werden könne, müsse sie oder er sich persönlich die folgenden drei Fragen – in der genannten Reihenfolge – stellen: Kann ich es (das Abendmahl als Sakrament im Digitalen) glauben? Kann ich mir es (als gemeinsame Feier) vorstellen? Kann ich es liturgisch umsetzen? Eine angemessene liturgische Umsetzung wurde auch als Aufgabe für analoge Abendmahlsfeier betont.

 

In praktisch-theologischer Hinsicht – insbesondere im Blick auf die Reflexion und Gestaltung der liturgischen Vollzüge – stellen sich also zahlreiche Anschlussfragen, die wir heute im Gespräch zwischen Praktischer Theologie und gemeindlicher Praxis diskutieren wollen: Welche Dimensionen stehen in der liturgischen Gestaltung derzeit im Vordergrund – und welche Potentiale liegen in digitalen Formen? Welche theologischen Aspekte des Abendmahls lassen sich liturgisch wie gestalten? Welche neuen liturgischen Vollzüge lassen sich für die Gestaltung digitaler und hybrider Formen entdecken? An welche Logiken und Kommunikationsweisen im Digitalen kann hier angeschlossen werden und welche Verbindungen ins Analoge sind möglich? Und – sehr grundlegend: In welchem Verhältnis stehen dogmatische Beschreibungen und seelsorgerlicher Auftrag?

 

Die Impulse zu diesen Fragen und unsere Diskussion dokumentieren die folgenden Beiträge.



[1] https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/denkschrift_freiheit_digital_EVA_2021.pdf, 87.

[2] Frederike van Oorschot: Präsent sein. Ekklesiologische Perspektiven auf das kirchliche Leben, in CURSOR_. Zeitschrift für explorative Theologie, 19. Mai 2020. Zuletzt abgerufen am 24.1.2021
https://cursor.pubpub.org/pub/2k2hdjci/release/1

[3] Vgl. hierzu Gorski wie Anm. 6: „Es ist nüchtern festzustellen, dass Menschen die Formen medial vermittelter Gemeinschaft unterschiedlich empfinden: Für die einen ist auch dies eine Erfahrung konkreter Gemeinschaft, in deren Mitte die leibliche Anwesenheit des Auferstandenen geglaubt werden kann. Für die anderen ist es eine virtuelle Gemeinschaft, die mit der konkreten Handlung nicht verbunden werden kann.“ 

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