Vor einer “Selbst-Verehrlichung“ der Kirche?

„Kirche heute, so scheint es, ist ein Unternehmen zur Selbstverwaltung der Melancholie über die Unmöglichkeit von Kirche.“ Ist es so? Ist es tatsächlich unmöglich, heute noch authentisch christliche Kirche zu sein? ... Retrofuturologische Reflexionen von G. Wegner
Vor einer “Selbst-Verehrlichung“ der Kirche?
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Published
Oct 24, 2017
DOI
10.21428/c7ff8751

Ein Satz aus einem Aufsatz von Peter Sloterdijk geht mir immer wieder nach: „Kirche heute, so scheint es, ist ein Unternehmen zur Selbstverwaltung der Melancholie über die Unmöglichkeit von Kirche.“1 Ist es so?

Ist es tatsächlich unmöglich, heute noch authentisch christliche Kirche zu sein? Das letzte große Unternehmen in diese Richtung war die „Kirche der Freiheit“, die mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts ausgerufen wurde. Die Abkehr von überholten Strukturen – vor allem denen der Kirchengemeinde – und die entschlossene Hinwendung zu angeblich modernen „Kunden-Beziehungen” mit den Menschen war das Ziel. Das war gewiss keine Melancholie; hat aber so nicht geklappt, wenn auch viele Spuren hinterlassen. Der Ausgangspunkt war eben diese Einsicht, dass es immer schwieriger wird, das was Kirche inhaltlich bedeutet, plausibel mit Menschen zu kommunizieren die mit christlichem Glauben immer weniger in Berührung kommen. Wenn das so ist dann bedeutet es ganz nüchtern, dass sich der Kreis derjenigen die sich noch interessieren, immer mehr verkleinert und authentische christliche Kommunikation nur mit denen möglich ist die sich in irgendeiner Weise der christlichen Religion überhaupt verbunden wissen – in der Regel sind das dann diejenigen die von Kindheit an mit dem Glauben in Berührung gekommen sind und sich etwas von ihm über vielfältige Übungen angeeignet haben.

Aus diesen Engführungen rauszukommen – dafür stand „Kirche der Freiheit“: Öffnung zu modernen Kommunikationsmitteln und -wegen , Zielsteuerungen, Qualitätskontrollen – „Organisationswerdung der Kirche“, wie es mache nun nannten. Ein „Aggiornamento“ der besonderen Art.


„Kirche heute, so scheint es, ist ein Unternehmen zur Selbstverwaltung der Melancholie über die Unmöglichkeit von Kirche.“ Ist es so? Ist es tatsächlich unmöglich, heute noch authentisch christliche Kirche zu sein?


Sloterdijk kennt dies alles und gießt darüber seinen Spott aus, indem er das Theorem von Niklas Luhmann von der Ausdifferenzierung der Religion in der Gesellschaft wie folgt interpretiert: „‘Ausdifferenzierte‘ Religion ist kirchliche Religion nach dem Kälteschock der Moderne; sie fährt mit ihrer Selbstklimatisierung fort, indem sie sich darauf konzentriert, in ihren eigenen Räumen die Temperatur konstant zu halten und Zugluft auszuschließen – soweit möglich. Für Besuche von außen wirkt das Ergebnis prima vista charmant, auf die Dauer stickig, für längere Aufenthalte wenig geeignet.“2 Was dann einzig noch interessant bliebe, wäre das mehr oder minder distanziert-intellektuelle Interesse an der Religion als solcher, die das existenzielle religiöse Eigeninteresse ersetzt. Man redet gerne „über“ Religion – aber lebt nicht mehr in ihr. Es blieben dann übrig „Religionsintellektuelle“, die sich mehr oder minder klug über Chancen und Möglichkeiten noch an Gott zu glauben austauschen würden – aber die Vorstellung von Kirche als einer lebendigen Gemeinde, die immer wieder in ihren Gottesdiensten den Glauben an Gott fröhlich feiert und sich für seinen Empfang zu öffnen versucht, sei schon lange obsolet.

Die letzten kleinen Gruppen, die dies noch praktizieren, bemerkt kaum noch jemand – schon gar nicht jemand, der oder die auf der Höhe der Zeit leben will.


Man redet gerne „über“ Religion – aber lebt nicht mehr in ihr. Es blieben dann übrig „Religionsintellektuelle“, die sich mehr oder minder klug über Chancen und Möglichkeiten noch an Gott zu glauben austauschen würden.


Nun ist an dem, was der Philosoph hier sagt, vieles problematisch. Die Kirche hat nach wie vor eine starke Stellung: Noch nie waren z.B. Bundesregierungen so evangelisch wie heute. Ganz so schlimm kann es also nicht sein. Aber einiges ist auch sehr plausibel. Zum einen ist es richtig, dass das Interesse an religiöser Kommunikation in Deutschland in den letzten Jahrzehnten merklich zurückgegangen ist. Die religionssoziologischen Studien der letzten Zeit belegen dies in aller Deutlichkeit3, es sei denn, man bedient sich eines so allgemeinen Begriffes von Religion, dass darunter auch Formen von Kommunikation gefasst werden können, die von den Beteiligten selbst ausdrücklich nicht als Religion begriffen werden – wie z.B. Fußball.

Bisweilen neigen Theologen gerne dazu, weil sie auf diese Weise ihre Zuständigkeit für große Bereiche der Gesellschaft aufrechterhalten können – ohne dass die Gesellschaft dies allerdings noch merken würde. Das Ganze wirkt dann mehr oder minder wie ein Taschenspielertrick.4

Zum anderen, und dies scheint mir noch gravierender zu sein, hat sich die Kommunikation in den Kirchen in den letzten Jahren infolge der spürbaren Kommunikationsprobleme der Kirche selbst erheblich gewandelt. Dieser Wandel begann schon vor fünfzig Jahren mit dem epochalen Umbruch theologischen Denkens und kirchlichen Lebens infolge der weltweiten mentalen und kulturellen Veränderungen der 60er und 70er Jahre und kommt heute in vielfacher Hinsicht in Gestalt von Formen einer alles durchgreifenden „Sozialreligion“ wieder zum Durchbruch. Dieser Wandel ist dadurch charakterisiert, dass sich das einstmals

hierarchisch von oben nach unten geordnete christlich religiöse Weltbild (Gott der Herrscher über alles – die Menschen ihm unterworfen) in ein sozusagen nach vorne progressiv geöffnetes Verständnis verändert hat (Gott verändert – mit uns – die Welt zum Besseren). Immer deutlicher wandelt sich damit dann auch in der kirchlichen Kommunikation der Glaube an einen Gott dem Menschen sich anvertrauen, weil er die unbedingte Wahrheit und Liebe verkörpert, in der allein ein volles Leben zu realisieren sei, zu einer Dynamik in der dieser Gott zum Sponsor von Motivationsenergie für den Kampf um eine bessere Welt mutiert. Vielleicht die einzige Möglichkeit, Gott überhaupt noch zu denken?


Dieser Wandel ist dadurch charakterisiert, dass sich das einstmals hierarchisch von oben nach unten geordnete christlich religiöse Weltbild (Gott der Herrscher über alles – die Menschen ihm unterworfen) in ein sozusagen nach vorne progressiv geöffnetes Verständnis verändert hat (Gott verändert – mit uns – die Welt zum Besseren).


Besonders deutlich ist dieser Prozess in den vielfältigen Diskursen um das Reformationsjubiläum 2017 zum Ausdruck gekommen. Während der große Reformator vor 500 Jahren noch völlig eindeutig davon ausgegangen ist, dass sich die andere, transzendente Welt, aus der heraus letztlich die Christ_innen leben, im Glauben an Gott finden und bewohnen lässt, herrscht nun der Grundgedanke, dass eine andere, weltliche Welt möglich sei, sofern sich nur die Christen aktiv an dem Kampf um Gerechtigkeit und die Rettung der Schöpfung beteiligen. Beim Reformator war dieser Kampf, wenn er ihn überhaupt als solchen gesehen hat, eine Folge des Glaubens – aber eben eine Folge und nicht die Hauptsache. Nicht von der Stärke des Engagements hängt das christliche Leben oder gar die Existenz der Kirche ab, sondern davon, sich Gott zu öffnen, indem ich mich ihm gegenüber als rein empfangendes Subjekt, letztlich in Passivität, erfahre. Wie dieser Prozess auch immer im Einzelnen gedacht oder gestaltet worden ist: er geht auf jeden Fall letztlich mit einem sich Gott völligem Anvertrauen einher, denn eigentlich kann ich selbst gar nichts tun ohne seine Ermächtigung. Zwar gibt es die große christliche Freiheit im Glauben an Gott, die Menschen zu Königen ihrer selbst macht – aber diese Freiheit ist eine, die im Glauben immer wieder neu gewonnen werden muss. In der Welt soll ich meinem Nächsten dienen und das hieße dann: mich ihm oder ihr unterordnen. Oder man macht es wie Obama: „We are the ones, we’ve been waiting for!”


Den Skandal, den es bedeutet, Menschen dazu zu helfen, sich Gott wirklich auszuliefern, sich von ihm ergreifen zu lassen und sich seiner Führung anzuvertrauen, insofern nicht mehr primär auf die eigene Aktivität zu setzen, vermeiden wir möglichst.


Natürlich wird alles versucht, diese unterschiedlichen existenziellen Bewegungen – die völlige Passivität gegenüber Gott und die totale Aktivität zur Umwandlung der Welt – miteinander zu versöhnen. Aber es ist dann doch bei vielen Äußerungen unserer Kirche sehr deutlich, dass die Aufforderung zur sozialen Aktivität deutlich im Vordergrund steht. Den Skandal, den es bedeutet, Menschen dazu zu helfen, sich Gott wirklich auszuliefern, sich von ihm ergreifen zu lassen und sich seiner Führung anzuvertrauen, insofern nicht mehr primär auf die eigene Aktivität zu setzen, vermeiden wir möglichst. So etwas klingt ja auch – das lässt nicht leugnen – in der Konsequenz wie ein Abdanken von Selbstlenkung und selber zu denken – oder gar in der Konsequenz wie Bin Laden und der IS. Anders gesagt: Einen Gott, der sich nicht selbst den Menschenrechten unterwirft, können wir nicht mehr denken. Aber macht das noch Sinn? Braucht es Gott dann noch? Dass Glaube an Gott eine trianguläre existenzielle Haltung bedeutet: in jeder Situation bin immer ich, der oder die andere und eben auch immer Gott präsent, ist kaum mehr rekonstruierbar.

Oder aber man reduziert das, was Gott tut, dann auf reine Liebe, Bejahung und Zustimmung zu dem, was Menschen ohnehin selbst tun, und verkürzt damit Gottes Gericht über unser Tun in einer radikalen Weise. Dass Gott uns etwas nicht verzeihen könnte, ist selbst nach den ungeheuren Gräueln des 20. Jahrhunderts eigentlich nicht vorstellbar. Mit Gott wird am Ende alles gut – und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende. Alles Böse, das jetzt in der Welt geschieht, wird dann konsequent dem Handeln der Menschen zugerechnet und hat mit Gott selbst nichts mehr zu tun – nicht einmal mehr in Form eines unerklärlichen Geschehens dessen Sinn wir nicht verstehen können. “Der moderne Mensch will die höhere Gewalt nicht erleiden, sondern sein.“5


Oder aber man reduziert das, was Gott tut dann auf reine Liebe, Bejahung und Zustimmung zu dem was Menschen ohnehin selbst tun und verkürzt damit Gottes Gericht über unser Tun in einer radikalen Weise.


Die Kirche wird nun konsequent zu einer Steigerungsmaschine der gegenseitigen Motivation bzw. der „Überzeugungstüchtigsten“6 , die den Laden einheizen. Und das hat Erfolg: Von dieser Art der Kommunikation geprägt, kann die Kirche im Wettstreit heutiger Erfolgsstrategien bestens mithalten, denn wer motivational auf der Höhe ist, hat generell bessere Erfolgschancen.7 Hauptsache, man lässt sich nicht hängen. Körperspannung und Attraktivität ist in Talkshows entscheidend – und nicht nur dort. Vielleicht geht es tatsächlich nicht anders. Aber geht es wirklich so?

Die Fragen, die sich in dieser Situation notwendigerweise stellen, werden sehr schön in einem kleinen Heft zum Reformationssommer 2017 auf den Punkt gebracht: „Braucht Gott mein Gebet, um etwas zu verändern, mein Lob, meine Klage – oder brauche ich das? Stellen die gelesenen und gehörten Worte der Bibel, der Kirchenväter und -Mütter oder eine Predigt mich infrage – oder hinterfrage ich ständig alles? Formen die alten Worte meine Gedanken und mein Bild von Gott – oder bin ich der Erschaffer meines Ichs und meines Gottes? Führt mein Gebet in die ‘Selbst-Verehrlichung’ – oder verharre ich bei vermeintlich richtigen Appellen an andere?“ Und die These ist dann: „Spiritualität hat hier ihren Dreh- und Angelpunkt und ist insofern ein Geschenk, ja sogar Gnade, als sie mich – im bergenden Schutz der Formen – mit Gott und mit mir in Berührung bringt.“8 So könnte es immerhin sein. Was braucht es dazu? Jedenfalls noch sehr anderes als den Gleichklang der Gemüter, dessen Schatten die Exklusion anderer Menschen ist.


Insofern (wäre Kirche) dann doch noch deutlich mehr als nur ein Verein von sozial Engagierten, wie man sie auch sonst findet. Und auch ein Versammlungsort nicht nur von Menschen, die sich ihre Absichten bestätigen lassen.


Ist die Kirche also doch noch etwas mehr als nur ein Club von Melancholikern, sondern schon auch ein Unternehmen zur „allmählichen Verfestigung des Glaubens beim Experimentieren mit dem Glauben“?9 Das wäre zumindest meine Hoffnung. Insofern dann doch noch deutlich mehr als nur ein Verein von sozial Engagierten, wie man sie auch sonst findet. Und auch ein Versammlungsort nicht nur von Menschen, die sich ihre Absichten bestätigen lassen, sondern auch von denen, die wissen, dass man in diesem Leben immer schuldig werden wird, sobald man Verantwortung übernimmt. Und damit dieser Gedanke nicht völlig abstrakt bleibt, ein Beispiel: Ist es heute möglich, dass Menschen in einem kirchlichen Kontext offen ihre Ängste und Sorgen angesichts der Flüchtlingszahlen – und auch ihren Protest – äußern können, ohne in irgendeiner Form als defizitär bezeichnet und „hinausgedrängt“ zu werden? So paradox es klingt: Erst dort, wo das möglich ist, übernimmt die Kirche wirklich ihre Verantwortung gegenüber den Flüchtlingen.

Und Sloterdijk? Die von ihm gesehene Melancholie in der Kirche lässt sich nicht durch Aktivität überdecken ,und das sollte auch gar nicht versucht werden. Besser ist es, Enttäuschungen – wie die, dass es mit der Organisationswerdung der „Kirche der Freiheit“ einfach nicht klappt – auszuhalten.

Denn ent-täuscht zu werden ist immer gut – und vielleicht sogar ein Weg zu Gott.

Footnotes
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Comments
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Dennis Dietz: Neben einem “distanziert-intellektuellen Interesse an der Religion” finde ich ferner ein “distanziert-praktisches” Interesse zu beobachten, das mal auf die Bedeutung des Diakonischen Werks, mal auf die “ethische Autorität” der Kirche, mal schlicht auf die Kasualien abstellt. Auch wenn das jeweilige Innen und Außen dieser Interessenslagen sicher unterschiedlich liegt, gilt wohl auch hier (ganz ähnlich zum distanziert-intellektuellen Verhältnis), dass man zwar Religion als Motiv diakonischen Handelns / Referenzrahmen ethischer Urteilsfindung / Kulisse mehr oder minder profaner (aber doch irgendwie noch rudimentär rückgebundener) zentraler Lebensereignisse achtet - “aber man lebt nicht merh in ihr”.Aber verhält sich das erst seit dem Kälteschock der Moderne so? Wer von uns weiß, ob das strukturell ein altes Phänomen ist, dass sich nun in anderen, eben modernen Erscheinungsformen zeigt?
Dennis Dietz: Womöglich hatte der “Kälteschock der Moderne” stärker Auswirkungen auf die Kommunikationen, Organisationen und Strategien der kirchlichen Leitungen, Hauptamtlichen und Theologen als auf “die” Religion bzw. “die” Kirche selbst?!Ich erinnere mich an eine Hochzeit, zu welcher der Pfarrer bei der Predigt tatsächlich jedes Mal, wenn er “Gott” sagte, ein “oder ein höchstes Wesen” setzte. Dies tat er, um, wie er hinter sagte, es Anwesenden, die ein distanziertes Verhältnis zur (christlichen) Religion haben und nur des Brautpaars wegen da sind, leichter zu machen, dennoch in die Predigt einzuklinken, also um sie nicht zu “verprellen”. Ob demgegenüber gerade das klare, bekennende Profil mehr Anziehungskraft hätte, kann ich nicht sagen. In jedem Fall hat ich dort das Gefühl, dass die “distanziert-intellektull oder -praktisch” Interessierten zum primären Adressatenkreis wurden, was man nun wirklich unter “Selbstklimatisierung” verbuchen dürfte. Ist das Adressatenverschiebung im großen Maßstab auch im Gange / geschehen?
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Thomas Renkert: Die Kirche war sehr fleißig im letzten Jahr - und in der gesamten Reformationsdekade. Eine geradezu summende Aktivitätenwolke. Aber auch viele andere Projekte in Kirche, Diakonie, Theologie wollen Innovation sein oder erzwingen, wollen der nächste “Aufbruch” sein - das geht uns als Cursor_ ja nicht anders. Welche Form von Aktivität steht nicht im Verdacht Melancholiebekämpfung zu sein? Oder ist es vielmehr eine Frage der Haltung: auf welche Weise müsste eine Aktivität aussehen, die weder die Melancholie noch ihre Bekämpfung irgendwo im Hinterkopf hat?
Tobias Kuenkler: Es wäre spannend hier Ihre Einschätzung etwas ausführlicher dazu zu hören. Was hat nicht geklappt und welche Spuren wurden hinterlassen?
Hanna Reichel: Also, unbestritten ist das ein rhetorisch wirkungsvoller Abschluss! Aber inhaltlich hätte ich mir hier noch einen Satz mehr gewünscht: Von der Enttäuschung zur Ent-Täuschung, wo ist da im vorliegenden Fall die Brücke? Worin besteht die “Täuschung” der “Kirche der Freiheit” - und wodurch und wohingehend wird sie genau aufgehoben?
Thomas Renkert: Und wie hängen Ent-täuschung und Melancholie zusammen?
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Hanna Reichel: Ich freue mich ja insgesamt darüber, dass “Kirche” sich doch im großen und ganzen darüber einig zu sein scheint, dass man “pro-flüchtlinge” ist und das aus guten biblischen Wurzeln. Aber das Problem einer gewissen moralischen Überheblichkeit und eines undiskutierbaren Anspruchs sehe ich auch und begrüße darum die vorsichtige Aufforderung, andere Sorgen und Ängste zu hören. (Dieser Text wurde übrigens noch vor der Wahl geschrieben, entsteht also nicht unter dem Eindruck ihres Ergebnisses.) Aber warum damit die Kirche “erst dort … wirklich ihre Verantwortung gegenüber den Flüchtlingen” übernimmt, ist mir trotzdem nicht klar. Was soll das genau hießen?
Hanna Reichel: Die Sätze davor waren herausfordernd. Gott, wenn er eben nicht nur ein Deckmäntelchen oder Vehikel für Moralität ist, ist vom Gott des IS nicht mehr prima facie zu unterscheiden! … Aber warum jetzt trotzdem wieder zurück zu “Macht das Sinn? Braucht es Gott dann noch?” Solange es darum geht, ob unser Gottesbild “Sinn” macht, oder ob es so einen Gott “braucht”, würde ich sagen, stehen wir unter dem vollends berechtigten Projektions-Verdikt Feuerbachs. Dann erfinden wir uns einen Gott, den wir brauchen, um Sinn zu machen. Radikaler wäre es doch gewesen, zu sagen: “Aber Gott ist…”- völlig davon abgesehen, ob es so einen Gott braucht, ob er uns passt, ob wir das sinnstiftend finden - oder einfach nur gruselig. Und der Unterschied zum IS liegt dann v.a. in der Tatsache, dass sie eben Unrecht haben, und sich de facto also einem Götzen unterwerfen, und nicht in der Tatsache, dass sie sich unterwerfen (mal davon abgesehen, dass es dann auch direkt um die Unterwerfung ANDERER unter diesen Gott geht…)
Thomas Renkert: Solange es darum geht, ob unser Gottesbild “Sinn” macht, oder ob es so einen Gott “braucht”, würde ich sagen, stehen wir unter dem vollends berechtigten Projektions-Verdikt Feuerbachs. Dann erfinden wir uns einen Gott, den wir brauchen, um Sinn zu machen. Die Frage, die mich umtreibt, ist, ob wir denn mit einem Gottesbild, den “wir” vordergründig “nicht brauchen” bzw. den es “nicht braucht” denn wirklich Feuerbachs Vorwurf ausweichen. Oder ob nicht der “unbrauchbare” Gott durchaus und immer schon Teil unserer Projektionen ist, nur vielleicht um eine Ecke mehr herum. Oder, um es anders zu sagen: Ein Gott, der für uns / ein Gottesbild, das “für uns” tatsächlich keinerlei sinnstiftende Funktion mehr hätte (und die explizite Negation einer solchen Funktion kann ja in sich selbst Sinnstiftung auf einer Form von Minimalniveau bedeuten), könnte weder Teil eines praktizierbaren Religionskonstruktes, noch einer kommunizierbaren Offenbarungsthese sein. Von daher würde ich die Aussage Einen Gott, der sich nicht selbst den Menschenrechten unterwirft, können wir nicht mehr denken.tatsächlich etwas ernster nehmen. Inwiefern wären wir denn prinzipell bereit, ein solches, mit unseren Grundwerten inkompatibles, Gottesbild zu akzeptieren? Oder besser: unter welchen Umständen? Und da müssten wir Hierigen und Heutigen ehrlicherweise entweder zu großkalibrigen Epiphanien greifen, um hier wieder uns einen Gott vorzustellen, der unseren fundamentalethischen Maßstäben widerspräche. Oder aber man müsste von einem gnostischen Demiurgen sprechen, oder eine Art von hermetisch abgekapselter religiöser Sozialisation in einer Gruppe mit sektenähnlichen Strukturen annehmen. Daher finde ich die Aussage in der Tatsache, dass sie eben Unrecht haben, und sich de facto also einem Götzen unterwerfen, und nicht in der Tatsache, dass sie sich unterwerfennicht unproblematisch: Es ist die Idee der absoluten Unterwerfung und des Verzichts auf die Betätigung der eigenen Vernunft, der zu Fundamentalismen, Extremismen und Gewalt führen - unabhängig vom jeweiligen “Glaubensinhalt”. Diese Art von Eiferei gibt und gab es auch im Christentum. Bzw. ein zentrales Element des “Götzenhaften” liegt gerade in der Unterwerfungsgeste, die nie wirkliche Demut gegenüber der Unverfügbarkeit Gottes bedeutet, sondern eine unhinterfragbare, weil implizite und antihistorische, antirationale, Absolutsetzung der eigenen Ideen. Deshalb ist auch der IS kein religiöses Erstarken, oder ein Erweckungsphänomen, sondern Ausdruck eines tragischen und fundamentalen Verfalls - und da ist es aus meiner Sicht drittranging, ob wir diesen religionssoziologisch erklären, oder ob wir christlich-theologische truthmarkers einführen und ihn zum Götzendienst erklären. Für “uns” stellt sich die Problematik anders dar: Theologie und Kirche müssen, und so lese ich den SatzOder aber man reduziert das, was Gott tut, dann auf reine Liebe, Bejahung und Zustimmung zu dem, was Menschen ohnehin selbst tun, und verkürzt damit Gottes Gericht über unser Tun in einer radikalen Weise.die Frage stellen, ob und wenn ja, wo und wie man noch die Möglichkeit des unverfügbaren Wirken Gottes in den Kairoi des Alltags, in Geist und Gericht zuzulassen bereit ist. Wo unsere Systeme bewusst Risse haben, windschief und im Fragment bleiben dürfen. Wo unsere Verkündigung und Gottesdienste nicht nur alles mit einem heiligen Glitzer - mal bejahender, mal kritischer - überpudern. Damit möchte ich nicht zurück zu einer Sackgasse der frühen dialektischen Theologie, einen “Bruch”, eine Krisis, bzw. das Einbrechen der Wirklichkeit des ganz anderen Gottes erzeugen zu wollen (denn auch dies ist ein überheblicher Verrat an Gottes Unverfügbarkeit). Aber wenn wir nicht einmal mehr mit der Möglichkeit rechnen, dass nicht nur unser Gottesbild, sondern Gott selbst mit uns eine Nacht lang wie ein Fremder am Jabbok ringen will, haben wir es tatsächlich garantiert nur noch mit Projektionen und Götzen zu tun. Ein christlich viables Gottesbild muss m.E. in einer (perichoretischen) Verschränkung des pro nobis und des totaliter aliter, von revelatus und absconditus, von Systematizität und Fragmentarizität bestehen, von Geborgenheit und skandalon. Es muss vor allem aber ein Gottesbild sein, dass sich nicht ständig intellektualistisch mit dieser Metafrage von Feuerbach zu Barth und wieder zurück in selbstreferentielle Schleifen treiben lässt, und stattdessen bereit ist, diese Spannung als offene Frage in der gemeinschaftlichen Praxis auszuhalten und auszuhandeln. Nur dort, wo uns die Gnade Gottes gruselt, wir mit seinem Gericht rechnen, wo wir Unterwerfung und Autonomie in unserer Geschöpflichkeit zu vereinen versuchen, wo unser Tun und Denken in einer zögernden, klagenden Doxologie münden, die die Tür zumindest einen spaltbreit für “the man himself” offenlässt, haben wir die Chance wenigstens die plattesten der möglichen Projektionen und Götzenbilder zu umschiffen. Das Schöne am Christentum ist doch, dass es keiner von uns “richtig” macht, und sowohl die guten wie auch die schlechten Theologien, die lauwarmen wie die brennenden Gemeinden, die faulen wie die fleißigen Knechte nicht ohne die Gnade des ganz anderen und nicht ohne das Gericht des “lieben” Gottes auskommen.
Hanna Reichel: Sind “Regierungen” evangelisch, wenn viele ihrer Vertreter evangelisch sind? Da bin ich mir noch nicht ganz so sicher. (Und dass Leute in Regierungen gewählt werden können, die auf ihrem Steuerzettel kirchenzugehörg sind, mag zwar auch eine “Stellung” sein, aber ganz besonders “stark” finde ich das jetzt direkt noch nicht.)
Thomas Renkert: Man könnte auch als Akzelerationist argumentieren, dass genau dieses Hängen am “öffentlichen Einfluss” von Kirche Teil des Problems darstellt, weil es der Kirche weiterhin erlaubt, die eigenen massiven Herausforderungen nicht anzugehen, denn: Ganz so schlimm kann es also nicht sein.
Hanna Reichel: Vielleicht gibts solche Christen ja schon auch noch. Aber vielleicht nicht so viel innerhalb der EKD?
Thomas Renkert: Ich finde die Formulierung hier auch sehr pessimistisch. Aber das liegt vielleicht daran, dass ich noch vor zwei Monaten einen von vier sonntäglichen Gottesdiensten von Hillsong besucht habe, zu dem die Besucher mit Bussen hintransportiert wurden, und bei dem die für 2000 Menschen ausgelegte Halle aus allen Nähten platzte. Das ist dort fröhlich-inklusiver Alltag.
Hanna Reichel: Leider finde ich, dieses schnippische Zitat trifft es sehr gut. Überall sind alle mit Strukturdiskussionen in die eine oder die andere Richtung befasst, und “KIRCHE” ist darum überall auch ein Riesenthema. Aber sollte es in der Kirche um “Kirche” gehen? Mir kommt es vor, als würde das letztlich zudecken, dass es eigentlich nichts mehr gibt, worum es in der Kirche geht, und man sich deshalb allerorten und auch sehr unterschiedlich und auch sehr ernsthaft damit befasst, was eigentlich Kirche sein soll und wie man eigentlich Kirche heute sein kann usw. usf. Um im gerne (und auch hier im Artikel) aufgegriffenen Marketing-Jargon zu bleiben: Was ist eigentlich das “Produkt”?
Hanna Reichel: Und in der Theologie finde ich übrigens, dass es parallel ein ganz ähnliches Phänomen gibt. Nämlich, dass man dauernd und überall darüber diskutiert, was eigentlich “Theologie” ist und was die Aufgabe der Theologie und die gesellschaftliche Relevanz der Theologie usw. (also, da mache ich übrigens auch dauernd und laut mit) - statt dass man einfach über die theologischen themen reden würde und sich dann überlegt wie und warum und wohin.
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Arne-Florian Bachmann: Heißt das: wir brauchen eine neue Diskussion über christliche Erziehung? Wird das eigentlich irgendwo theologisch reflektiert? Empirisch (Pollack) wird das ja durchaus auch so gesehen. Wobei ich ergänzen würde: es müssen nicht die Eltern sein. Und es kann hier auch ganz viel schief laufen. Der Tobias Künkler hat da glaube ich mit Tobias Faix ne Untersuchung zu geschrieben. Das wäre hier ja nochmal interessant. Zusätzlich wäre theologisch zu fragen: inwiefern das Sozial-Relationale als “Medium” des Glaubens verstanden werden kann ohne in eine Struktur zu kommen, dass es “die Kirche” (als imaginierte Ganzheit) ist, die den Glauben vermittelt, sondern eher das, was “zwischen Menschen” geschieht - eben medial.
Arne-Florian Bachmann: Das möchte ich gerne diskutieren, denn ich sehe schon diese Tendenz. Allerdings werde ich etwas nervös, wenn man nun “Hierarchie” gegen “Hoffnung” ausspielt. Das richtende - Zurechtbringende - Element könnte auch mit dem Glauben an einen persönlichen Gott, mit der Ansprache, verbunden sein. Man muss dafür nicht Monarchische Sprache bemühen (die uns ja aus guten Gründen etwas schwer fällt). Der Progressivismus kann auch gut funktionieren mit einem nicht-personalen Gott. Abgesehen davon: man muss hier etwas inne halten: ist DIESE Form des Progressivismus wirklich heute bestimmend? Den Ort, wo ich heute so etwas sehe, ist in Post-Evangelikalen Kreisen (darüber müsste man eigens sprechen). Theologisch ist doch heute eher ein ästhetisierendes, poetisierendes Subjektivitätschristentum einschlägig oder sehe ich das falsch? Das wäre also nochmal ein dritter Typ Christentum. Was religionssoziologisch zu sagen wäre: es gibt eine auffällige Stabilität der Volkskirchen in den 80er Jahren. Meine Vermutung wäre: gerade das Zuusammenspiel von theologischem Progressivismus, den ersten sozialen Bewegungen (Friedensbewegung, Umweltbewegung etc.) hat stabilisierend in Ost und West gewirkt. Vielleicht auch das Aufkommen der charismatischen Erneuerung in den Großkirchen.
Hanna Reichel: Ich persönlich würde das hier progressiv genannte Verständnis auch eher mit Impulsen aus der Befreiungstheologie und der ÖRK-Frieden,Gerechtigkeit,BewahrungderSchöpfung-Kiste sehen… Ich bin da übrigens voll dafür und sicher gibt es beides auch noch, aber ich hätte auch eher den Eindruck, dass da die Hauptwelle eher vorbei ist und heute wenn dann was anderes… aber was? Selbstfindung? REligion als Teil eines ganzheitlichen Lebens? und/oder einer lau-sozialen Ader?
Arne-Florian Bachmann: Als in Ostdeutschland sozialisierter Mensch bin - immer ein wenig geschockt, wenn ich die klugen aber unehrlichen Analysen dieser Art lese: die Unterstellung eines “religiösen A Priori” zB die ich für einen Akt der religiösen Übergriffigkeit und Bevormundung halte. Aber zur Zeit beschäftige ich mich mit Thomas Wabels kluger Ekklesiologie, die auf “veränderte Formen der Mitgliedschaft” eingeht. Das ist im Einzelnen sehr klug und auch sehr anregend; aber wenn am Ende steht: auch der Nichtaustritt ist als eine Form der Mitgliedschaft “theologisch zu würdigen” (Wabel, Thomas, Nahe Ferne Kirche, 478) dann frage ich mich schon: gibt es eigentlich eine Institution, die sich so sehr selbst belügt? Vielleicht gibt es die: die SPD macht ähnliche Prozesse durch; aber das ist ein anderes Thema.
Benedikt Friedrich: “Nichtaustritt theologisch zu würdigen” - das passt doch relativ gut in den Trend Säkularisierungsprozesse selbst als (interne) Transformation des Christentums zu verstehen. Vielleicht wäre ja eine vorsichtige(!) Unterscheidung zwischen inneren Veränderungsbewegungen, stillem Tolerieren, Desinteresse und tatsächlicher Ablehnung von anderem Standpunkt ein ehrlicherer Umgang. Beispiel: Wenn der Zweifel immer nur als produktive Ressource verstanden wird, dann wird selbst die radikalste Infragestellung überhaupt nicht in ihrer Intention ernstgenommen, sondern immer nur als neue Kreativstelle hochgehalten (“Ich bin ok. Du bist ok!”). Ich will nicht dafür plädieren stupide lediglich zwischen innen/außen oder richtig/falsch und orthodox/heterodox zu unterscheiden. Aber gerade wenn es um die Frage nach dem ehrlichen Umgang der Kirchen (und ihrer Theologien) mit der eigenen Position in unserer Gesellschaft geht - vielleicht ist es dann eben auch sinnvoll zu sagen, dass es graduelle Unterschiede bis hin zu einer offenen Differenz gibt, die nicht mehr einfach religiös wegintegriert werden kann.