Vor einer “Selbst-Verehrlichung“ der Kirche?

„Kirche heute, so scheint es, ist ein Unternehmen zur Selbstverwaltung der Melancholie über die Unmöglichkeit von Kirche.“ Ist es so? Ist es tatsächlich unmöglich, heute noch authentisch christliche Kirche zu sein? ... Retrofuturologische Reflexionen von G. Wegner
Updated Feb 01, 2018 (24 Older Versions)chevron-down
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Vor einer “Selbst-Verehrlichung“ der Kirche?
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Ein Satz aus einem Aufsatz von Peter Sloterdijk geht mir immer wieder nach: „Kirche heute, so scheint es, ist ein Unternehmen zur Selbstverwaltung der Melancholie über die Unmöglichkeit von Kirche.“

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Sloterdijk, Peter, Nach Gott, Berlin 2017, 285.
Ist es so?

Kirche als selbstverwaltete Unmöglichkeit
Hanna Reichel: Leider finde ich, dieses schnippische Zitat trifft es sehr gut. Überall sind alle mit Strukturdiskussionen in die eine oder die andere Richtung befasst, und “KIRCHE” ist darum überall auch ein Ries...
Hanna Reichel: Und in der Theologie finde ich übrigens, dass es parallel ein ganz ähnliches Phänomen gibt. Nämlich, dass man dauernd und überall darüber diskutiert, was eigentlich “Theologie” ist und was die Aufg...
Thomas Renkert: Und das ist der Grund, warum ich mir für die Theologie mehr anti-foundationalism und mehr Pragmatismus wünschen würde. Dietrich Bonhoeffer beginnt seine Vorlesung “Wesen der Kirche” mit der Beobach...
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Ist es tatsächlich unmöglich, heute noch authentisch christliche Kirche zu sein? Das letzte große Unternehmen in diese Richtung war die „Kirche der Freiheit“, die mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts ausgerufen wurde. Die Abkehr von überholten Strukturen – vor allem denen der Kirchengemeinde – und die entschlossene Hinwendung zu angeblich modernen „Kunden-Beziehungen” mit den Menschen war das Ziel. Das war gewiss keine Melancholie; hat aber so nicht geklappt, wenn auch viele Spuren hinterlassen. Der Ausgangspunkt war eben diese Einsicht, dass es immer schwieriger wird, das was Kirche inhaltlich bedeutet, plausibel mit Menschen zu kommunizieren die mit christlichem Glauben immer weniger in Berührung kommen. Wenn das so ist dann bedeutet es ganz nüchtern, dass sich der Kreis derjenigen die sich noch interessieren, immer mehr verkleinert und authentische christliche Kommunikation nur mit denen möglich ist die sich in irgendeiner Weise der christlichen Religion überhaupt verbunden wissen – in der Regel sind das dann diejenigen die von Kindheit an mit dem Glauben in Berührung gekommen sind und sich etwas von ihm über vielfältige Übungen angeeignet haben.

Aus diesen Engführungen rauszukommen – dafür stand „Kirche der Freiheit“: Öffnung zu modernen Kommunikationsmitteln und -wegen , Zielsteuerungen, Qualitätskontrollen – „Organisationswerdung der Kirche“, wie es mache nun nannten. Ein „Aggiornamento“ der besonderen Art.


„Kirche heute, so scheint es, ist ein Unternehmen zur Selbstverwaltung der Melancholie über die Unmöglichkeit von Kirche.“ Ist es so? Ist es tatsächlich unmöglich, heute noch authentisch christliche Kirche zu sein?


Sloterdijk kennt dies alles und gießt darüber seinen Spott aus, indem er das Theorem von Niklas Luhmann von der Ausdifferenzierung der Religion in der Gesellschaft wie folgt interpretiert: „‘Ausdifferenzierte‘ Religion ist kirchliche Religion nach dem Kälteschock der Moderne; sie fährt mit ihrer Selbstklimatisierung fort, indem sie sich darauf konzentriert, in ihren eigenen Räumen die Temperatur konstant zu halten und Zugluft auszuschließen – soweit möglich. Für Besuche von außen wirkt das Ergebnis prima vista charmant, auf die Dauer stickig, für längere Aufenthalte wenig geeignet.“

2
Sloterdijk, Nach Gott, 284.
Was dann einzig noch interessant bliebe, wäre das mehr oder minder distanziert-intellektuelle Interesse an der Religion als solcher, die das existenzielle religiöse Eigeninteresse ersetzt. Man redet gerne „über“ Religion – aber lebt nicht mehr in ihr. Es blieben dann übrig „Religionsintellektuelle“, die sich mehr oder minder klug über Chancen und Möglichkeiten noch an Gott zu glauben austauschen würden – aber die Vorstellung von Kirche als einer lebendigen Gemeinde, die immer wieder in ihren Gottesdiensten den Glauben an Gott fröhlich feiert und sich für seinen Empfang zu öffnen versucht, sei schon lange obsolet.

Fröhliche Gemeinden?
Hanna Reichel: Vielleicht gibts solche Christen ja schon auch noch. Aber vielleicht nicht so viel innerhalb der EKD?
Thomas Renkert: Ich finde die Formulierung hier auch sehr pessimistisch. Aber das liegt vielleicht daran, dass ich noch vor zwei Monaten einen von vier sonntäglichen Gottesdiensten von Hillsong besucht habe, zu de...

Die letzten kleinen Gruppen, die dies noch praktizieren, bemerkt kaum noch jemand – schon gar nicht jemand, der oder die auf der Höhe der Zeit leben will.


Man redet gerne „über“ Religion – aber lebt nicht mehr in ihr. Es blieben dann übrig „Religionsintellektuelle“, die sich mehr oder minder klug über Chancen und Möglichkeiten noch an Gott zu glauben austauschen würden.


Nun ist an dem, was der Philosoph hier sagt, vieles problematisch. Die Kirche hat nach wie vor eine starke Stellung: Noch nie waren z.B. Bundesregierungen so evangelisch wie heute. Ganz so schlimm kann es also nicht sein. Aber einiges ist auch sehr plausibel. Zum einen ist es richtig, dass das Interesse an religiöser Kommunikation in Deutschland in den letzten Jahrzehnten merklich zurückgegangen ist. Die religionssoziologischen Studien der letzten Zeit belegen dies in aller Deutlichkeit

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So zuletzt sehr deutlich die 5. EKD-D – Studie über Kirchenmitgliedschaft, in der ein halbwegs lebendiges religiöses Interesse gerade noch bei 22% der Kirchenmitglieder (!) konstatiert wird. Vgergl. H. Bedford-Strohm, Heinrich und/ Jung, Volker. Jung Hgg.(HG.): Vernetzte Vielfalt. Kirche angesichts von Individualisierung und Säkularisierung. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2015. Z, z.B. S. 502 Tabelle. Zum Ganzen: Detlef Pollack, Detlef / und Gergely Rosta, Gergely,: Religion in der Moderne,. Frankfurt / New York: Campus, 2015.
, es sei denn, man bedient sich eines so allgemeinen Begriffes von Religion, dass darunter auch Formen von Kommunikation gefasst werden können, die von den Beteiligten selbst ausdrücklich nicht als Religion begriffen werden – wie z.B. Fußball.

Selbstverblendung
Arne-Florian Bachmann: Als in Ostdeutschland sozialisierter Mensch bin - immer ein wenig geschockt, wenn ich die klugen aber unehrlichen Analysen dieser Art lese: die Unterstellung eines “religiösen A Priori” zB die ich ...
Benedikt Friedrich: “Nichtaustritt theologisch zu würdigen” - das passt doch relativ gut in den Trend Säkularisierungsprozesse selbst als (interne) Transformation des Christentums zu verstehen. Vielleicht wäre ja eine...

Bisweilen neigen Theologen gerne dazu, weil sie auf diese Weise ihre Zuständigkeit für große Bereiche der Gesellschaft aufrechterhalten können – ohne dass die Gesellschaft dies allerdings noch merken würde. Das Ganze wirkt dann mehr oder minder wie ein Taschenspielertrick.

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Ähnliches kann auch in Bezug auf Kirche geschehen, wenn man z.B. von einer „verschämten Mitgliedschaft“ oder Ähnlichem spricht, was dann bedeutet, dass Kirche zwar eine Bedeutung hätte, man sie aber nicht so richtig zu zeigen wagt. Auch so etwas tröstet die Theologen.

Zum anderen, und dies scheint mir noch gravierender zu sein, hat sich die Kommunikation in den Kirchen in den letzten Jahren infolge der spürbaren Kommunikationsprobleme der Kirche selbst erheblich gewandelt. Dieser Wandel begann schon vor fünfzig Jahren mit dem epochalen Umbruch theologischen Denkens und kirchlichen Lebens infolge der weltweiten mentalen und kulturellen Veränderungen der 60er und 70er Jahre und kommt heute in vielfacher Hinsicht in Gestalt von Formen einer alles durchgreifenden „Sozialreligion“ wieder zum Durchbruch. Dieser Wandel ist dadurch charakterisiert, dass sich das einstmals

Sozialreligion
Arne-Florian Bachmann: Das möchte ich gerne diskutieren, denn ich sehe schon diese Tendenz. Allerdings werde ich etwas nervös, wenn man nun “Hierarchie” gegen “Hoffnung” ausspielt. Das richtende - Zurechtbringende - Elem...
Hanna Reichel: Ich persönlich würde das hier progressiv genannte Verständnis auch eher mit Impulsen aus der Befreiungstheologie und der ÖRK-Frieden,Gerechtigkeit,BewahrungderSchöpfung-Kiste sehen… Ich bin da übri...

hierarchisch von oben nach unten geordnete christlich religiöse Weltbild (Gott der Herrscher über alles – die Menschen ihm unterworfen) in ein sozusagen nach vorne progressiv geöffnetes Verständnis verändert hat (Gott verändert – mit uns – die Welt zum Besseren). Immer deutlicher wandelt sich damit dann auch in der kirchlichen Kommunikation der Glaube an einen Gott dem Menschen sich anvertrauen, weil er die unbedingte Wahrheit und Liebe verkörpert, in der allein ein volles Leben zu realisieren sei, zu einer Dynamik in der dieser Gott zum Sponsor von Motivationsenergie für den Kampf um eine bessere Welt mutiert. Vielleicht die einzige Möglichkeit, Gott überhaupt noch zu denken?


Dieser Wandel ist dadurch charakterisiert, dass sich das einstmals hierarchisch von oben nach unten geordnete christlich religiöse Weltbild (Gott der Herrscher über alles – die Menschen ihm unterworfen) in ein sozusagen nach vorne progressiv geöffnetes Verständnis verändert hat (Gott verändert – mit uns – die Welt zum Besseren).


Besonders deutlich ist dieser Prozess in den vielfältigen Diskursen um das Reformationsjubiläum 2017 zum Ausdruck gekommen. Während der große Reformator vor 500 Jahren noch völlig eindeutig davon ausgegangen ist, dass sich die andere, transzendente Welt, aus der heraus letztlich die Christ_innen leben, im Glauben an Gott finden und bewohnen lässt, herrscht nun der Grundgedanke, dass eine andere, weltliche Welt möglich sei, sofern sich nur die Christen aktiv an dem Kampf um Gerechtigkeit und die Rettung der Schöpfung beteiligen. Beim Reformator war dieser Kampf, wenn er ihn überhaupt als solchen gesehen hat, eine Folge des Glaubens – aber eben eine Folge und nicht die Hauptsache. Nicht von der Stärke des Engagements hängt das christliche Leben oder gar die Existenz der Kirche ab, sondern davon, sich Gott zu öffnen, indem ich mich ihm gegenüber als rein empfangendes Subjekt, letztlich in Passivität, erfahre. Wie dieser Prozess auch immer im Einzelnen gedacht oder gestaltet worden ist: er geht auf jeden Fall letztlich mit einem sich Gott völligem Anvertrauen einher, denn eigentlich kann ich selbst gar nichts tun ohne seine Ermächtigung. Zwar gibt es die große christliche Freiheit im Glauben an Gott, die Menschen zu Königen ihrer selbst macht – aber diese Freiheit ist eine, die im Glauben immer wieder neu gewonnen werden muss. In der Welt soll ich meinem Nächsten dienen und das hieße dann: mich ihm oder ihr unterordnen. Oder man macht es wie Obama: „We are the ones, we’ve been waiting for!”


Den Skandal, den es bedeutet, Menschen dazu zu helfen, sich Gott wirklich auszuliefern, sich von ihm ergreifen zu lassen und sich seiner Führung anzuvertrauen, insofern nicht mehr primär auf die eigene Aktivität zu setzen, vermeiden wir möglichst.


Natürlich wird alles versucht, diese unterschiedlichen existenziellen Bewegungen – die völlige Passivität gegenüber Gott und die totale Aktivität zur Umwandlung der Welt – miteinander zu versöhnen. Aber es ist dann doch bei vielen Äußerungen unserer Kirche sehr deutlich, dass die Aufforderung zur sozialen Aktivität deutlich im Vordergrund steht. Den Skandal, den es bedeutet, Menschen dazu zu helfen, sich Gott wirklich auszuliefern, sich von ihm ergreifen zu lassen und sich seiner Führung anzuvertrauen, insofern nicht mehr primär auf die eigene Aktivität zu setzen, vermeiden wir möglichst. So etwas klingt ja auch – das lässt nicht leugnen – in der Konsequenz wie ein Abdanken von Selbstlenkung und selber zu denken – oder gar in der Konsequenz wie Bin Laden und der IS. Anders gesagt: Einen Gott, der sich nicht selbst den Menschenrechten unterwirft, können wir nicht mehr denken. Aber macht das noch Sinn? Braucht es Gott dann noch? Dass Glaube an Gott eine trianguläre existenzielle Haltung bedeutet: in jeder Situation bin immer ich, der oder die andere und eben auch immer Gott präsent, ist kaum mehr rekonstruierbar.

Oder aber man reduziert das, was Gott tut, dann auf reine Liebe, Bejahung und Zustimmung zu dem, was Menschen ohnehin selbst tun, und verkürzt damit Gottes Gericht über unser Tun in einer radikalen Weise. Dass Gott uns etwas nicht verzeihen könnte, ist selbst nach den ungeheuren Gräueln des 20. Jahrhunderts eigentlich nicht vorstellbar. Mit Gott wird am Ende alles gut – und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende. Alles Böse, das jetzt in der Welt geschieht, wird dann konsequent dem Handeln der Menschen zugerechnet und hat mit Gott selbst nichts mehr zu tun – nicht einmal mehr in Form eines unerklärlichen Geschehens dessen Sinn wir nicht verstehen können. “Der moderne Mensch will die höhere Gewalt nicht erleiden, sondern sein.“

5
Sloterdijk , Nach Gott, 333.


Oder aber man reduziert das, was Gott tut dann auf reine Liebe, Bejahung und Zustimmung zu dem was Menschen ohnehin selbst tun und verkürzt damit Gottes Gericht über unser Tun in einer radikalen Weise.


Die Kirche wird nun konsequent zu einer Steigerungsmaschine der gegenseitigen Motivation bzw. der „Überzeugungstüchtigsten“

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Sloterdijk, Nach Gott, 354.
, die den Laden einheizen. Und das hat Erfolg: Von dieser Art der Kommunikation geprägt, kann die Kirche im Wettstreit heutiger Erfolgsstrategien bestens mithalten, denn wer motivational auf der Höhe ist, hat generell bessere Erfolgschancen.
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Sloterdijk, Nach Gott, 354.
Hauptsache, man lässt sich nicht hängen. Körperspannung und Attraktivität ist in Talkshows entscheidend – und nicht nur dort. Vielleicht geht es tatsächlich nicht anders. Aber geht es wirklich so?

Die Fragen, die sich in dieser Situation notwendigerweise stellen, werden sehr schön in einem kleinen Heft zum Reformationssommer 2017 auf den Punkt gebracht: „Braucht Gott mein Gebet, um etwas zu verändern, mein Lob, meine Klage – oder brauche ich das? Stellen die gelesenen und gehörten Worte der Bibel, der Kirchenväter und -Mütter oder eine Predigt mich infrage – oder hinterfrage ich ständig alles? Formen die alten Worte meine Gedanken und mein Bild von Gott – oder bin ich der Erschaffer meines Ichs und meines Gottes? Führt mein Gebet in die ‘Selbst-Verehrlichung’ – oder verharre ich bei vermeintlich richtigen Appellen an andere?“ Und die These ist dann: „Spiritualität hat hier ihren Dreh- und Angelpunkt und ist insofern ein Geschenk, ja sogar Gnade, als sie mich – im bergenden Schutz der Formen – mit Gott und mit mir in Berührung bringt.“

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Reformationsjubiläum 2017 e.V. Hg. Spiritual Journey. Gott auf der Spur in der Lutherstadt Wittenberg, Wittenberg: 2017
So könnte es immerhin sein. Was braucht es dazu? Jedenfalls noch sehr anderes als den Gleichklang der Gemüter, dessen Schatten die Exklusion anderer Menschen ist.


Insofern (wäre Kirche) dann doch noch deutlich mehr als nur ein Verein von sozial Engagierten, wie man sie auch sonst findet. Und auch ein Versammlungsort nicht nur von Menschen, die sich ihre Absichten bestätigen lassen.


Ist die Kirche also doch noch etwas mehr als nur ein Club von Melancholikern, sondern schon auch ein Unternehmen zur „allmählichen Verfestigung des Glaubens beim Experimentieren mit dem Glauben“?

9
Sloterdijk, Nach Gott, 289.
Das wäre zumindest meine Hoffnung. Insofern dann doch noch deutlich mehr als nur ein Verein von sozial Engagierten, wie man sie auch sonst findet. Und auch ein Versammlungsort nicht nur von Menschen, die sich ihre Absichten bestätigen lassen, sondern auch von denen, die wissen, dass man in diesem Leben immer schuldig werden wird, sobald man Verantwortung übernimmt. Und damit dieser Gedanke nicht völlig abstrakt bleibt, ein Beispiel: Ist es heute möglich, dass Menschen in einem kirchlichen Kontext offen ihre Ängste und Sorgen angesichts der Flüchtlingszahlen – und auch ihren Protest – äußern können, ohne in irgendeiner Form als defizitär bezeichnet und „hinausgedrängt“ zu werden? So paradox es klingt: Erst dort, wo das möglich ist, übernimmt die Kirche wirklich ihre Verantwortung gegenüber den Flüchtlingen.

Und Sloterdijk? Die von ihm gesehene Melancholie in der Kirche lässt sich nicht durch Aktivität überdecken ,und das sollte auch gar nicht versucht werden. Besser ist es, Enttäuschungen – wie die, dass es mit der Organisationswerdung der „Kirche der Freiheit“ einfach nicht klappt – auszuhalten.

gute Ent-Täscuhung?
Hanna Reichel: Also, unbestritten ist das ein rhetorisch wirkungsvoller Abschluss! Aber inhaltlich hätte ich mir hier noch einen Satz mehr gewünscht: Von der Enttäuschung zur Ent-Täuschung, wo ist da im vorliegen...
Thomas Renkert: Und wie hängen Ent-täuschung und Melancholie zusammen?
Arne-Florian Bachmann: Es gibt ja den schönen Text von Judith Butler über “Trauer” in “Precarious Life”, bei dem redet sie von Trauer als “agreeing to undergo a transformation that you wouldn’t have choosen.” Und Melanch...
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Denn ent-täuscht zu werden ist immer gut – und vielleicht sogar ein Weg zu Gott.

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