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„Du sollst die Fremden nicht bedrücken… es sei denn, sie sind Schwarz.“ Über Würdehierarchien, Empathielücken und das Privileg des Weißseins auf der Flucht

This essay deals with different facets of racist discrimination in the context of refugee migration since the Russian invasion of Ukraine. It argues that it is specifically a church theological task to break with the culturalist, hierarchical patterns of perception on refugees.

Published onMay 22, 2022
„Du sollst die Fremden nicht bedrücken… es sei denn, sie sind Schwarz.“ Über Würdehierarchien, Empathielücken und das Privileg des Weißseins auf der Flucht
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1. Medien auf Tuchfühlung mit (biologistischem) Rassismus

But this isn’t a place, with all due respect, like Iraq or Afghanistan, that has seen conflict raging for decades, you know, this is a relatively civilized, relatively European – I have to chose those words carefully, too – city where you wouldn’t expect that or hope that it’s going to happen.1

It’s very emotional for me because I see European people with blue eyes and blonde hair being killed […].2

Das erste Zitat stammt von dem US-amerikanischen CBS-Auslandskorrespondenten Charlie D’Agata, dem es mit dieser Aussage zum einen gelang, die Menschen in der Ukraine als „relativ Zivilisierte“ zu beleidigen und im gleichen Zug den Irak und Afghanistan sowie deren Einwohner_innen als „unzivilisiert“ abzuwerten. Dies ist eine im negativen Sinn bemerkenswerte Aussage: zum einen reiht sie sich in dichotomisierende, kolonialrassistische Erzähltraditionen ein, in denen weiße Menschen festlegen, wer als rückständig, unmündig oder gar bedrohlich gilt (vgl. Popal 2019, 678). Zum anderen waren es weiße Rassist_innen, die „Zivilisierungsmission“ als moralische Rechtfertigung nutzten, um die Ausbeutung und Entrechtung von Menschen of Color zu legitimieren. Vor diesem historischen Hintergrund ist die Nutzung des binären Wortpaares zivilisiert/unzivilisiert durch einen weißen Reporter im Zuge einer kriegerischen Auseinandersetzung unsäglich.

Die zweite Aussage stammt aus einem BBC-Interview mit dem früheren ukrainischen Generalstaatsanwalt David Sakvarelidze. Für ihn sei die Situation in der Ukraine besonders emotional, da Europäer_innen mit blauen Augen und blonden Haaren getötet würden – ein weiteres Beispiel für die rassistische Rhetorik westlicher Medien im Kontext des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Nicht allein der Krieg erscheint als unfassbare Terrorgröße, es ist vielmehr die Tatsache, dass weiße Menschen Opfer dieses Krieges sind.

Nun sind rassistische Denkstrukturen und Machtverhältnisse zwar in allen Teilen weißer Dominanzgesellschaften tief verwurzelt und es ist aus BIPoC-Perspektive traurige Alltagsrealität, mit white supremacy-Narrativen konfrontiert zu werden. Irritierend ist allerdings, wie unverhohlen sich diese Ideologie der Ungleichwertigkeit mit Blick auf den Krieg in der Ukraine in der medialen Öffentlichkeit zeigt: Üblicherweise tarnt sich der (Neo-)Rassismus durch die „Kulturkategorie“ als „Instrumentarium zur Distanzierung von ‚Anderen‘“ unter Vermeidung des „diffamierenden Rassebegriff[s]“ (Messerschmidt 2014, 49) oder andere Distanzierungsmuster. Vielfach gehen rassistische Praktiken direkt mit einem Set an vehementen Abwehrmechanismen und Derailing-Strategien einher, um Rassismusvorwürfe zu skandalisieren.

Bei der Kategorisierung von „Kriegsopfern erster und zweiter Klasse“ – so der Titel eines Kommentars von Emran Feroz (2022) angesichts der rassistischen Berichterstattung – treten die hierarchisch verstandenen biologischen Differenzmuster (zusätzlich zu den kulturellen) derart in den Vordergrund, dass es wohl nicht allzu kühn ist zu behaupten, dass der kolonialistische Mythos von Rasse (vgl. Arndt 2019, 660) auch nach 1945 gut zu funktionieren scheint.

2. Rassistische Fluchterfahrungen Schwarzer afrikanischer Menschen aus der Ukraine

Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine sind Millionen Menschen auf der Flucht. Allein in Deutschland wurden nach Angaben des Bundesinnenministeriums auf Basis einer Auswertung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zwischen Ende Februar und Mitte Mai 2022 circa 727.200 Personen aus der Ukraine im deutschen Ausländerzentralregister registriert. 98 Prozent der Kriegsgeflohenen sind ukrainische Staatsbürger_innen, davon rund 70 Prozent Frauen und 40 Prozent Kinder. Wie viele geflüchtete Personen aus der Ukraine Deutschland erreicht oder verlassen haben, lässt sich nicht genau beziffern, da ukrainische Staatsbürger_innen ohne Visum in die EU einreisen dürfen und innerhalb der EU-Mitgliedstaaten des Schengen-Raums Bewegungsfreiheit genießen. Eine Befragung des BMI ergab, dass etwa die Hälfte der geflüchteten Ukrainer_innen vorerst in Deutschland bleiben möchte.3

Das Migration Data Portal der Internationalen Organisation für Migration (IOM) – einer Organisation der Vereinten Nationen – schätzt, dass seit dem Beginn der russischen Invasion in die Ukraine im Februar mehr als 244.000 Drittstaatenangehörige aus der Ukraine geflohen sind.4

Bereits Ende Februar mehrten sich online Zeitungsartikel sowie persönliche Erfahrungsberichte auf Twitter und weiteren sozialen Medien unter den Hashtags #BlackinUkraine und #AfricansinUkraine, in denen die desolate Situation Schwarzer, afrikanischer Menschen während ihrer Flucht aus der Ukraine beschrieben wird.

Schwarze Menschen seien unter Anwendung von Gewalt (sowohl durch ukrainische Zivilist_innen wie Polizist_innen) davon abgehalten worden, in die Züge nach Polen zu gelangen. Neben rassistischen Beschimpfungen beschreiben Betroffene, wie ukrainisches Militär Schwarze Afrikaner_innen am Grenzübergang zu Polen an der Passage hinderte beziehungsweise ihnen im Gegensatz zu (weißen) Ukrainer_innen lange Wartezeiten aufoktroyierte. Es existieren ebenfalls Videos, die zeigen, wie Grenzsoldat_innen eine Gruppe Schwarzer Menschen mit Waffen bedrohen. (Vgl. Parbey 2022.)

Celia Parbey (2022) schildert die Wahrnehmung des Gründers und Pressesprechers von Mission Lifeline, einem Dresdner Verein für Seenotrettung, Axel Steier, der an der slowakisch-ukrainischen Grenze mit einem Konvoi im Einsatz war, folgendermaßen:

Er erlebe Zurückhaltung auf der Seite der Helfer:innen, wenn es um Geflüchtete gehe, die nicht weiß seien. Einige Helfer:innen, die sich an die Grenzen begeben, um dort Menschen abzuholen, würden zum Beispiel lieber weiße, ukrainische Familien als Schwarze Menschen mitnehmen. Weiße Menschen kämen an den Grenzen schneller an Hilfe als andere.

Eine Studentin aus Nigeria sagt mit Blick auf ihre Fluchterfahrung, dass sie nicht in die Ukraine zurückkehren wird, da „die letzten Tage auf der Flucht ihr klargemacht hätten, dass sie in diesem Land weniger wert sei als weiße Menschen“ (Parbey 2022).

So intervenierte am 28. Februar der Vorsitzende der Afrikanischen Union, der Präsident Senegals Macky Sall, und forderte die Nachbarstaaten der Ukraine auf, das Recht afrikanischer Menschen zu gewährleisten, sich vor bewaffneten Konflikten in Sicherheit zu bringen.5

Die afrodeutsche Politikerin Aminata Touré twitterte am 27. Februar 2022 die Bitte an die deutsche Bundesregierung, sich auch für Schwarze Menschen und weitere Minderheiten auf der Flucht einzusetzen. Am 28. April 2022 sagte sie in einer Rede im Schleswig-Holsteinischen Landtag:

Was alles möglich ist, wenn es politisch gewollt ist, das zeigt uns die aktuelle Situation im Umgang mit Geflüchteten in der Ukraine. Und es sorgt dennoch für gesellschaftlichen Sprengstoff, wenn wir diese Möglichkeiten nicht für alle schaffen, die hierher kommen. Es ist mir wichtig zu betonen, dass das Unverständnis sich zu keinem Zeitpunkt an die ankommenden Menschen aus der Ukraine richten darf. Es sind, so wie es schon immer war in der Migrationspolitik, politische Entscheidungen, die zu einer Ungleichbehandlung führen. Denn es ist richtig, dass sie von Anfang an arbeiten dürfen, dass sie direkt in die Kommunen verteilt werden, dass ihre Abschlüsse schneller anerkannt werden oder sie schnellen Zugang zu Bildungsinstitutionen bekommen. Aber es bedeutet eben auch, dass all jene, vor Jahrzehnten, einigen Jahren oder Wochen nach Deutschland gekommen sind, die aus anderen Ländern vor Krieg und Zerstörung geflohen sind, sich die Frage stellen: Was haben wir falsch gemacht? Wieso bekommen wir nicht denselben Zugang?

3. Die Dichotomisierung geflüchteter Menschen in Deutschland

So schließt sich also die Frage an, wie genau sich die Dichotomisierung der aus der Ukraine geflüchteten Menschen in Deutschland zeigt. Im Hinblick auf die Reproduktion von Stereotypen über geflüchtete Menschen und die Instrumentalisierung der Kultur-Kategorie reiht sich auch das deutsche Fernsehen in die Reihe unsäglicher Berichterstattungen ein.

Als „Höhepunkt“ einer „rassistischen Scharade“ bezeichnet der Journalist und Autor Emran Feroz die Sendung „Hart aber fair“ vom 28. Februar 2022, in der Gabor Steingart ukrainische Menschen „unserem Kulturkreis“ zuordnete und ferner betonte, dass diese „Christen“ seien, weswegen er davon ausgehe, dass es „diesmal funktioniert“ (Feroz 2022). Feroz schildert seinen Eindruck, wie durch das Narrativ der „heldenhaften Ukrainer und feigen Afghanen“ Plasberg und Gäste Gefallen daran finden, die Konstruktion der „Überlegenheit des weißen, christlichen Mannes, der nun seine Heimat verteidigt“ (Feroz 2022) zu stabilisieren.

Ferner fällt mit Blick auf die politischen und medialen Diskurse auf, dass die Forderung nach exakt bezifferten Obergrenzen – man erinnere sich der seehoferschen 200.000 – aktuell kein fester Bestandteil der flüchtlingspolitischen Diskussion sind, ganz im Gegensatz zu 2015/2016.

Die Ungleichbehandlung ukrainischer Geflüchteter und nicht-ukrainischer Geflüchteter zeigt sich wohl am gravierendsten in der Aktivierung der EU-Massenzustromrichtlinie am 4. März 2022, die bereits 2001 in Kraft trat, allerdings bei den Kriegen in Syrien, Afghanistan, Jemen oder Irak keine Anwendung fand.6

Ukrainische Kriegsgeflohene müssen in Deutschland sowie anderen EU-Staaten nicht das übliche Asylverfahren durchlaufen, sondern erhalten automatisch einen Aufenthaltsstatus, der zunächst auf ein Jahr festgelegt ist, aber auf maximal drei Jahre verlängert werden kann. Ferner regelt die Richtlinie mit ihren Mindestnormen für die Gewährung vorübergehenden Schutzes, dass Personen aus der Ukraine, einer Erwerbstätigkeit nachgehen dürfen, Anspruch auf medizinische Versorgung haben sowie auf Sozialleistungen, eine angemessene Unterbringung und Zugang zu altersabhängigen Bildungsangeboten. Familienmitglieder von anerkannten ukrainischen Geflüchteten erhalten ebenfalls einen Aufenthaltstitel.

Die Situation für Drittstaatangehörige mit befristetem Aufenthaltstitel in der Ukraine, also beispielsweise auch afrikanische Studierende, ist sehr viel diffiziler: sie müssen individuell nachweisen, warum eine Rückkehr in ihr Herkunftsland zu dem gegenwärtigen Zeitpunkt durch Krieg oder auch politische Verfolgung nicht möglich ist. Weiterhin kann ein Aufenthaltstitel zu Studienzwecken beantragt werden oder es kann ein reguläres Asylverfahren durchlaufen werden.

Am 20. April 2022 hat die Kultusministerkonferenz beschlossen, dass ukrainische Schüler_innen, die fluchtbedingt ihr Abitur nicht ablegen konnten, sich dennoch in Deutschland für ein Studium bewerben können. Auch Studierende im ersten Studienjahr können ein Studium an einer deutschen Hochschule aufnehmen.7 Diese Regelung gilt nicht automatisch für afrikanische Studierende in der Ukraine, die ihr durch den Krieg zwangsunterbrochenes Studium in Deutschland fortsetzen möchten.

Politische Maßnahmen, die es Jugendlichen und jungen Erwachsenen ermöglichen, ohne lange Unterbrechungen ihre Ausbildung fortzusetzen und somit in der neuen Gesellschaft anzukommen, sind in jedem Fall zu begrüßen. Gleichzeitig kommt man nicht umhin zu fragen, wo diese Empathie angesichts der Brüche in den Biographien von Jugendlichen of Color war, als diese nach kriegerischen Auseinandersetzungen in Deutschland Schutz und einen Neuanfang suchten.

Und daran anknüpfend seien auch nochmal die von Touré aufgeworfenen Fragen präzisiert:

Warum hatten geflüchtete Menschen aus Syrien oder Afghanistan nicht das Recht, den Wohnort frei zu wählen oder das Recht, einer selbstständigen oder angestellten Erwerbstätigkeit nachzugehen? Es ist zu erahnen, welches Maß an Frustration Geflüchtete of Color angesichts der disparaten Umgangsweisen beziehungsweise politischen Maßnahmen empfinden müssen.

Der Politikwissenschaftler und Autor Said Rezek kommentiert dazu in dem Artikel „Alle Geflüchteten sind gleich, ukrainische sind gleicher“:

Die Ungleichbehandlung zwischen ukrainischen und nicht-ukrainischen Geflüchteten vergiftet das Vertrauen in unseren Rechtsstaat, allen voran in den Gleichheitsgrundsatz. Außerdem werden die Schwächsten in der Gesellschaft gegeneinander ausgespielt. Alle Rechte, die Ukrainer:innen gewährt werden, finde ich richtig, aber sie sollten für alle Geflüchteten gelten, sonst ist es diskriminierend und rassistisch.8

Betroffen macht auch die Tatsache, dass während der Evakuierung Afghanistans deutsches Bier offensichtlich vor größerem Wert war als die Sicherheit afghanischer Menschen.

Fragwürdig ist das Vorgehen in einigen Kommunen Deutschlands, dass beispielsweise geflüchtete Menschen ihre Unterkünfte in zentralen Unterbringungseinrichtungen „leerziehen“ müssen, um den Platz ukrainischen Geflüchteten zur Verfügung zu stellen.9

In gleicher Weise befremdet die Haltung der Integrationsbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung Gudrun Brendel-Fischer, die richtigerweise an den Bund appellierte Ukrainer_innen einen schnellen und koordinierten Zugang zu Sprachkursen zu gewähren und sich dabei gleichzeitig zu der Aussage verstieg: „Ukrainischen Geflüchteten muss nicht erklärt werden, wie eine Waschmaschine funktioniert oder dass auf dem Zimmerboden nicht gekocht werden darf“10 – auch hier klingt sie durch: die stereotypisierende Unterscheidung zwischen den „zivilisierten Weißen“ und „unzivilisierten Anderen“.

4. Der Racial Empathy Gap oder: warum fällt Solidarität mit Geflüchteten of Color so schwer?

Warum bewegen die Kriegs- und Fluchterfahrungen weißer Ukrainer_innen weiße US-Amerikaner_innen und Europäer_innen augenscheinlich mehr als die Erlebnisse außereuropäischer Flüchtlinge of Color?

Wie kann es sein, dass immer wieder in den deutschen Medien Betonung findet, dass das Schicksal der Ukrainer_innen „uns“ besonders tangiere und dazu je nach Sprecher_in, die Kategorien Weißsein, Religion (Christentum), Kultur, Phänotyp bemüht werden?

Warum fällt die Solidarisierung mit Schwarzen und Braunen Menschen so viel schwerer, die an der belarussischen Grenze oder in griechischen Elendscamps ausharren, die von illegalen Pushbacks im Mittelmeer betroffen sind oder im Transitgebiet Lybien versklavt werden?

Warum können Ukrainer_innen, die sich weiß und christlich positionieren können als „In-Group“ betrachtet werden, während Kriegsgeflohene of Color von pauschalisierenden Ablehnungskonstruktionen betroffen sind und fremd gemacht werden?

Es ist die hässliche Fratze des Rassismus, die im postkolonialen und postnationalsozialistischen Deutschland selbstverständlich nie verschwunden war, konkreter die rassismusbezogene Empathielücke („Racial Empathy Gap“), die hierarchische Strukturen zwischen Geflüchteten und „unsere“ Einstellung zu ihnen festlegt respektive beeinflusst.

Die Politologin Emilia Roig analysiert in Why We Matter. Das Ende der Unterdrückung diese Empathielücke und beschreibt, dass Menschen, die zu einer dominanten Gruppe gehören, beispielsweise Männer, weiße Menschen oder Menschen ohne Behinderung nicht lernen, Einfühlungsvermögen für diejenigen zu entwickeln, die der marginalisierten bzw. minorisierten Gruppe angehören (Roig 2021, 142–150). Medien tragen durch das Ungleichgewicht an Repräsentationen dazu bei, dass Perspektiven der dominanten Gruppe, die über politische, kulturelle und wirtschaftliche Macht verfügen, die Alltagsrealität bestimmen. Im Hinblick auf die Kategorie des „Weißseins“ bedeutet das: BIPoC lernen durch die Überrepräsentation der unsichtbaren Norm des Weißseins früh, die Welt aus dem Blickwinkel weißer Menschen wahrzunehmen, allerdings lernen weiße Menschen durch den Mangel an diversifizierten Standpunkten und Narrativen wenig über den Blick auf die Welt von BIPoC. Ohne die Möglichkeit, sich mit bestimmten Menschen zu identifizieren, fällt es schwerer, sich in deren Emotionen hineinzuversetzen und Empathie zu entwickeln.

Mit Blick auf die Kategorie Gender formuliert Roig (2021, 145):

Viele Männer begreifen erst die Notwendigkeit des Feminismus, wenn sie Töchter haben. Wenn sie den Schmerz und die Wut erahnen können, die eine hypothetische Vergewaltigung oder andere sexistische Misshandlung ihrer Töchter bei ihnen auslösen würde, fällt es ihnen leichter, sich in Frauen im Allgemeinen einzufühlen. Der Anknüpfungspunkt für die Empathie liegt bei ihnen selbst, und nicht bei den Frauen.

Wie kann es also gelingen, Einfühlungsvermögen für die Personen zu entwickeln, die als minderwertig konstruiert werden, ohne dabei das eigene Ich zu zentrieren?

Roig schildert, wie eng verbunden Empathie und Entmenschlichung sind. Die Dehumanisierung von Individuen oder Gruppen, hindert Menschen daran, Empathie zu verspüren. Unter Bezugnahme auf Studien zeigt sie auf, dass weiße Menschen den physischen Schmerz anderer weißer Menschen stärker nachempfinden können („racial empathy gap“) als den von Menschen of Color oder dass weiße Menschen im Medizinsystem davon ausgehen, Schwarze Menschen empfänden weniger Schmerzen. Allerdings lasse sich diese Empathielücke nicht nur auf körperliche Schmerzen reduzieren, sondern beziehe sich ebenfalls auf Emotionen wie Trauer, Liebe oder Kummer (vgl. Roig 2021, 146).

Der Glaube, dass Schwarze Menschen weniger emotionsfähig als weiße sind, gehöre zum wissenschaftlichen Rassismus und besteht im kollektiven Bewusstsein bis heute fort. Deswegen stoßen Nachrichten über Hunderttausende Menschen, die von ihrem Weg von Afrika nach Europa im Mittelmeer ertrinken oder im Krieg in Sudan sterben so häufig auf Gleichgültigkeit (Roig 2021, 147).

Schwarze Menschen werden also zum einen als weniger empfindsam konstruiert, zum anderen bewirkt die long durée kolonialrassistischer Entmenschlichung Schwarzer Personen, dass weiße Menschen in ihrer Empathie versagen.

Insbesondere die Schwarze Theologie hat zu der Frage der fehlenden Empathie weißer Menschen angesichts der tödlichen Konsequenzen des Rassismus für Schwarze Menschen profunde Reflexionen vorgelegt (Cone 1971; Cone 2019).

Gerade mit Blick auf Berichterstattungen über die Flucht aus der Ukraine ist medienethisch ein eklatanter Mangel an journalistischer Verantwortung zu konstatieren: zum einen haben mehrheitlich weiße Jounalist_innen ungerechte und stereotype Annahmen über Geflüchtete reproduziert, zum anderen fand kaum eine Reflexion über weiße Privilegien und Machtgefälle statt. Es waren Politiker_innen, Autor_innen und Aktivist_innen of Color, die erneut die Aufgaben übernehmen mussten, die weiße Dominanzgesellschaft auf rassistische Narrative hinzuweisen.

5. Kirchlich-Theologische Überlegungen

Auf Instagram veröffentlichte Emilia Roig (als emiliazenzile) am 28. Februar einen Post, nachdem sich die Berichte über rassistische Diskriminierung gegenüber Schwarzen Geflüchteten aus der Ukraine mehrten. Sie schreibt:

Rooting for Black and Brown people in Ukraine doesn’t weaken support and empathy towards white Ukrainians…Quite the opposite: if we ensure that the most marginalized people can reach safety, then everyone will. If Black people are safe, everyone else will be, too…because they are currently the ones at highest risk. It’s not a zero-sum-game: Black people’s safety wouldn’t mean the absence of other people’s safety. This is what intersectional justice is about. It’s about leaving no one behind.

Die evangelische Kirche versteht sich zwar als „Anwältin der Schwachen“ und ihr Engagement im Hinblick auf Seenotrettung und geflüchtete Menschen ist nicht zu leugnen. Gleichzeitig ist sie nach Wahrnehmung der Autorin bislang nicht prominent als zivilgesellschaftliche Akteurin in Erscheinung getreten, die sich die Themen intersektionale Marginalisierung bzw. Gerechtigkeit, kritisches Weißsein bzw. die Auseinandersetzung mit weißen Privilegien auf die Fahnen geschrieben hat. Auch waren es kaum kirchliche (weiße) Stimmen, die die Hierarchien der Würde und Empathielücken im Kontext der ukrainischen Fluchtmigration scharf kritisiert haben. Es ist eine fatale Fehlannahme, zu glauben, dass von kriegerischen Auseinandersetzungen alle Menschen in existenzieller Weise gleich betroffen wären. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die damit verbundene Fluchtmigration zeigen, dass Schutzsuchende auf unterschiedlichen Stufen der Anerkennung platziert werden respektive sich selber platzieren (!); (mehrfach) marginalisierte Gruppen wie Schwarze Studierende oder trans Personen stehen dabei ganz unten. Weiß (hier ließe sich auch „cis“ ergänzen) gelesen zu werden bedeutet eine Machtposition, die sich in Bewegungsfreiheit (plus kostenlosen Deutsche Bahn-Tickets mit ukrainischer Staatsangehörigkeit), unbürokratischem Zugang zu Bildung, Wohnraum, gesundheitlicher Versorgung manifestiert. Schwarz gelesen zu werden, bedeutet Barrieren beim Grenzübergang, Einschränkung der Bewegungsfreiheit, erschwerter Zugang zu materieller Teilhabe und kulturellem Kapital sowie die Versagung von Empathie.

Insbesondere Kirche steht in der Verantwortung, eine Humanisierung der Migrationspolitik unermüdlich anzumahnen, wenn diese Politik in der gerechten Verteilung materieller Güter und Befähigungen eklatant versagt sowie in ihrem auf Anerkennung und Wertschätzung gerichteten Wirken. Das Ethos der bedingungslosen Achtung eines jeden Menschen und des diskriminierungsfreien Blicks propagiert Kirche nicht nur in Bezug auf die Zivilgesellschaft, sondern selbstkritisch auf den kirchlichen Binnenraum. Sie erinnert daran, dass es eine Perversion der biblischen Nächstenliebe bedeutet, diese auf weiße Christ_innen zu beschränken.

Ebenso skandalös sind kulturalistische Wahrnehmungsmuster, die den Krieg in afrikanischen oder westasiatischen Ländern durch die Differenzierung von „zivilisiert“ und „unzivilisiert“ normalisieren. Hier ist eine theologische Rede gefordert, die klarstellt, dass Krieg die größtmögliche Katastrophe für Menschen ist, unabhängig davon, ob Menschen in Deutschland, der Ukraine, im Kongo oder in Afghanistan mit dem Krieg leben müssen.

„If it’s a measure to feel the human pain, Europe is the most Uncivilised place on the earth.“11

Im Anschluss an Roig ist zu betonen, dass in der Bereitstellung von gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten und der Befähigung zur Teilhabe von vulnerablen Gruppen ein entscheidender Schlüsselfaktor liegt zur Sicherheit, Versorgung und Anerkennung aller Menschen, weswegen selektive Solidarität ein Irrweg ist.

Essenziell ist, dass im Kontext der Reflexion über rassifizierte Unterdrückungs- und Ungerechtigkeitsstrukturen, Empathie und Mitleid nicht verwechselt werden.

Während Empathie meint, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und die Welt aus ihrer Perspektive zu sehen, bedeutet Mitleid, in der eigenen Perspektive zu verharren und aus dieser heraus eine benachteiligte Person zu betrachten (vgl. Roig 2021, 147). Mitleid kann auch im Setting eines asymmetrischen Machtverhältnisses empfunden werden und Ausdruck des Gefühls der eigenen Überlegenheit sein. Auch wenn Mitleid mit dem Impuls zum Helfen einhergeht, sollte es das eigentliche Ziel sein, in dem Anderen oder der zur Anderen gemachten, ein gleichwertiges Gegenüber zu erkennen.


Literatur

Arndt, Susan. 2019. „Rasse“. In Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, hg. von Susan Arndt/Nadja Ofuatey-Alazard, 660-665, Münster: Unrast Verlag.

Cone, James H. 2019. Kreuz und Lynchbaum. Struvenhütten: mutual blessing edition.

Cone, James H. 1971. Schwarze Theologie. Eine christliche Interpretation der Black-Power-Bewegung. München: Chr. Kaiser Verlag.

Feroz, Emran. 2022. „Von Kriegsopfern erster und zweiter Klasse“. übermedien, 1. März 2022. https://uebermedien.de/69002/von-kriegsopfern-erster-und-zweiter-klasse/

Messerschmidt, Astrid. 2014. „Distanzierungsmuster. Vier Praktiken im Umgang mit Rassismus“. In Rassismus bildet. Bildungswissenschaftliche Beiträge zu Normalisierung und Subjektivierung in der Migrationsgesellschaft, hg. von Anne Broden/Paul Mecheril, 41–58. Bielefeld: transcript Verlag.

Parbey, Celia. 2022. „Rassismus auf der Flucht: Frauen und Kinder zuerst – außer, sie sind Schwarz“. ze.tt, 2. März 2022. https://www.zeit.de/zett/politik/2022-03/rassismus-flucht-ukraine-krieg

Popal, Miriam. 2019. „zivilisiert und wild“. In Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, hg. von Susan Arndt/Nadja Ofuatey-Alazard, 678, Münster: Unrast Verlag.

Roig, Emilia. 2021. Why We Matter. Das Ende der Unterdrückung. Berlin: Aufbau Verlag.

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