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Kalte Krieger sind Falsche Freunde. Zur Neuorientierung nach dem politischen Salto rückwärts ins 21. Jahrhundert (Langfassung)

Die ideologieanfällige Einordnung des Ukraine-Krieges in ein „neues Zeitalter" kann zum Anlass werden, sich diskurskritisch im Rahmen eines erweiterten Weltbildes neu zu orientieren. Wir leben längst in einem neuen Zeitalter globaler Vernetzung und Verantwortung.

Published onSep 21, 2022
Kalte Krieger sind Falsche Freunde. Zur Neuorientierung nach dem politischen Salto rückwärts ins 21. Jahrhundert (Langfassung)
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1. Ein böses Erwachen

„Wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht.“

So brachte Außenministerin Annalena Baerbock schon am Morgen danach die tiefe Orientierungskrise auf den Punkt, die Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine ausgelöst hatte. Bundeskanzler Olaf Scholz sprach in seiner anschließenden Regierungserklärung mehrfach von einer „Zeitenwende“, seine Außenministerin dann vor der UNO von einer „neuen Realität“ in einem „neuen Zeitalter“.

Jenes erste Zitat wird im kollektiven Gedächtnis haften bleiben, weil es sich als anschlussfähig erwiesen hat und zugleich den gemeinsamen Speicherort aller Deutungsgeschichten markiert, die jetzt entstehen und auf die wir uns in Zukunft immer wieder beziehen werden, wenn wir uns über die Welt verständigen, in der wir jetzt leben – auch und gerade dann, wenn wir einer bestimmten Deutung widersprechen.

Und wir müssen diesem politischen Weckruf widersprechen, um ein böses Erwachen in unserer Welt zu vermeiden – aus vielen Blasen heraus und möglichst über die Grenzen von Traditionsgemeinschaften hinweg.

„Wir schaffen das!“

„Whatever it takes!“ „Die Rente ist sicher!“ „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Politische Orientierungsangebote markieren eine Krise abgekoppelt von ihrem Wahrheitsgehalt und von ihrer pragmatisch-politischen Halbwertzeit. Die gegenwärtige Beschwörung eines plötzlich sich offenbarenden neuen Zeitalters trägt dabei alle Merkmale einer halben – und damit falschen Entschuldigung: Man/meine Partei/ich konnte es gar nicht kommen sehen!

Dem entspricht die fast schon mythische Urheberzuschreibung durch unsere politischen Protagonisten, „Russlands Krieg bedeutet ein neues Zeitalter“. Genauer: „Putin … hat eine neue Realität geschaffen“. Die enthusiastische parlamentarische Zustimmung im Reichstagsgebäude zu so einer Deutung über Parteigrenzen hinweg wirkt dann eher bedrohlich. Weil die anschließend eingeforderte Neue Normalität explizit als Rückkehr zu einer leichtfertig vergessenen alten gedeutet wird. Und weil sich das angekündigte Neue Zeitalter schließlich als das des Kalten Krieges entpuppt, in dem man sich gegen die Rote Gefahr verteidigen musste.

„Not with a bang but a whimper.”

Diesen Speicherort für das Ende jener Geschichte hat unser kollektives Gedächtnis dann schon längst aktiviert. Reagans Verteidigungsminister Weinberger internationalisierte das im englischen Sprachraum als Schulbildung präsente apokalyptische Elliot-Zitat, indem er es als den Sieg des Westens im Kalten Krieg markierte. Und das gelang nachhaltig. Es geht immer noch um den ökonomischen Niedergang dort, wo die „Achse des Bösen“ verankert ist. Damals durchs Wettrüsten, heute durch Sanktionen. Das passt.

Varianten der Geschichte passen zwar auch. Aber orientieren sie wirklich zuverlässiger? Der Held der Schurkengeschichte war dann immer schon irre oder ist es als Alleinherrscher geworden. Er spricht, handelt und inszeniert sich im Kreml genauso wie sein Vorgänger in der Reichskanzlei und liefert damit eine Drehbuchvorlage zur Komödie vom Großen Diktator. Nur dass schon damals deren Erstaufführung das erwartbare Tragödienende nicht verhindern konnte.

Oder: Angehörige der Politkaste lügen sowieso, sobald sie den Mund aufmachen. Und sie finden eine hörige „Lügenpresse“. Alles Propaganda, wie in Kriegszeiten. Wahrheit überlebt nur als unterdrücktes Spezialwissen. – Allerdings adressiert jede Kriegspropaganda genau mit dieser Metastory ihre eigentliche Zielgruppe und ist dabei immer überlaut. Haben das Netz und seine Bilder nur die damals allenfalls gefunkten Printmedien ersetzt? – Sollten wir einfach auf den Knopf drücken, um endlich Ruhe zu haben?

Störsignale einer Orientierungskrise

werden dann im Halbschlaf reflexhaft abgewehrt. Aber es gibt leidensfähige Überbringer solcher schwierigen Botschaften von den Rändern unseres kollektiven Wahrnehmungs- und Kommunikationshorizonts. Sie versprechen zwar kein leichtes Erwachen, aber sie signalisieren immerhin mit dem Ende schöner wie böser Träume den Anbruch eines neuen Tages. Mit Chancen, sich in der Welt, so wie sie ist, selbst zu orientieren. Zu unterscheiden, was in ihr hinzunehmen und was zu verändern ist. Und zu entscheiden, wie das geschehen soll: ob und wie uns das dann selbst involviert.

Wir erwachen dann allerdings in einer Welt der Krisen, die durch jene Stories vom fortdauernden Kalten Krieg nur wie durch Schlaglichter erhellt wird. Die angebliche Vordringlichkeit des endlich durchdringenden späten Weckrufes nach Beginn des Ukraine-Krieges verstellt die Gleichzeitigkeit von Pandemie-, Umwelt- und Flüchtlingskrisen, von weltweiten Hungers- und Kriegsnöten, von andauernder politischer Unterdrückung, sozialer Ungerechtigkeit und Diskriminierung. Die redaktionell überprüften dürren Fakten, die von dort berichtet werden, kämpfen hier um Aufmerksamkeit gegen eine lähmende Dauerberichterstattung, dort gegen staatliche Propaganda und überall gegen Verschwörungstheorien in den sozialen Medien, die durch Fake News beliebig angereichert werden.

Das gilt auch für die nach und nach wieder sichtbar werdenden unbestreitbaren Zusammenhänge einzelner Krisenerscheinungen. Indem sie alle als Kriegsfolgen thematisiert werden, verschwinden sie zusammen mit jenen ideologischen Scheinzusammenhängen in einem „Nebel des Krieges“, der zugleich die vorlaufende kulturelle Orientierung in der Krise und die nachlaufende gesellschaftliche Bearbeitung einzelner Krisenprobleme erschwert.

Dennoch kann die Rede vom Erwachen in einem neuen Zeitalter, einer neuen Realität hilfreich sein. Wir müssten sie uns nur als überfälligen und eben nicht zufällig anschlussfähigen Weckruf bewusst machen. Jene Rede verweist zunächst auf einen epochalen Wandel unseres Weltverständnisses, der sich längst vollzogen hat. Wenn wir uns zunächst auf diesen Rahmen konzentrieren, ergeben sich einige orientierende Hinweise ebenso auf den Kriegsanlass dieser späten Erkenntnis wie auf jenes jetzt wieder aktuelle nebulöse Clausewitz-Zitat in dessen Buch „Vom Kriege“. Es hätte Epoche machen können, nicht nur militärisch.1

2. Epochenwechsel und Weltbildwandel

„Wir sind in der Morgenröte eines künftigen Lebens.“

Martin Luthers neuzeitliches Epochenbewusstsein war nicht immer nur apokalyptisch verfinstert – wobei die Türkenkriege eine unheilvolle Rolle spielten. In hellen Momenten konnte er an Paulus anknüpfen, der eineinhalb Jahrtausende zuvor inmitten von Verfolgungen, im Kontext des ideologisch begründeten römischen Gewaltfriedens gejubelt hatte: „Das Alte ist vergangen. Siehe es ist alles neu geworden.“ (2. Korinther 5,17) Indem Paulus von „neuer Schöpfung“ sprach, erschloss er Orientierungs- und Organisationspotenziale an den Grenzen traditionaler Gemeinschaften, denen das Bindungs- und Regulierungspotenzial antiker und mittelalterlicher Ordnungsvorstellungen auf Dauer nicht gewachsen war.

Im Rückgriff darauf erschloss sein Ausleger im Übergang zum neuzeitlichen Weltbild intuitiv dessen naturwissenschaftliche Möglichkeiten, indem er auf die nun spürbar werdenden Grenzen des alten Vorstellungsrahmens verwies: „Jetzt sehen wir die Kreaturen gar recht an, mehr als im Papsttum… Ein Pfirsichkern, obwohl seine Schale sehr hart ist, muss sich doch zu seiner Zeit auftun durch den sehr weichen Kern, der drinnen ist. Das übergeht Erasmus fein und achtet es nicht, sieht die Kreaturen an wie die Kuh ein neues Tor.“

Geschichten, Geschichte, Narrative

Man kann sich nicht für oder gegen ein neues Weltbild entscheiden. Wir bewegen uns immer schon in ihm, sobald wir kommunizieren. Und wir setzen es gerade dann voraus, wenn wir einzelnen Erkenntnissen und Wertungen widersprechen, die uns stören. Denn sobald wir uns überhaupt auf gemeinschaftliches Wissen und Können beziehen, ist dieses bereits zur unhintergehbaren Voraussetzung sowohl unserer Erkenntnisse als auch unserer Irrtümer geworden, auch wenn es sich in seinen erweiterten und vertieften Grundlagen und in seinen flimmernden Grenzbereichen gerade erst neu erschließt.

Im Hintergrund einander ablösender Weltbilder stand und steht jeweils ein anderes jener epochalen Leitmedien, in denen sich die Evolution der Menschheitsgattung durch Kulturtechniken fortsetzt. Die traditionale mündliche Überlieferung wurde durch schriftliche abgelöst, die zunächst händische Vervielfältigung orientierender Traditions-, Kommunikations- und Orientierungsmuster, die Antike und Mittelalter kennzeichnete, durch deren Speicherung und Reproduktion in mechanisierten Druckverfahren. Mit dem jeweiligen Mix der Verbreitungsmedien (mit je eigenen Gattungs-Leitmedien) erweiterte sich zunächst das Orientierungs- und Regulierungspotenzial der epochalen Akteure. Gleichzeitig aber prägte die sich überlagernde Abfolge jener epochalen Leitmedien ebenso unhintergehbar deren Aneignung in jeder Normalbiografie, wie die Sprach- die Körperbewegungen überlagern und diese – anfangs mühsam! – vom schulischen Lesen- und Schreibenlernen überlagert werden.

Die alten Autoritäten verschwinden dadurch zwar nicht. Aber ihr regional wirksamer kultureller und gesellschaftlicher Einfluss, nachwirkend in Familien- und Clantraditionen, wird ebenfalls überlagert und relativiert. Die identitätsstiftenden Geschichten der Gemeinschaften gingen ein in den Rahmen einer Weltgeschichte, deren typische Akteure Nationen waren, die – nicht selten in kriegerischen Auseinandersetzungen – territorial um ihre Selbstfindung rangen. Ergebnisse schlugen sich neuzeitlich in Verträgen nieder, die altes Recht „aufhoben“. Heute sehen wir, dass „Geschichte“ selbst ein Narrativ ist und als solches eingebettet war in das neuzeitliche Leitparadigma der zwei Kulturen, in dem Natur- und Kulturwissenschaften, faktisches und Orientierungswissen einander stabilisieren sollten: entkoppelt.

Den damit einhergehenden Wandel der Weltbilder können wir erkennen und überblicken, weil sich längst ein neuer Weltbildwandel vollzogen hat: ermöglicht und aufrechterhalten durch die elektronische Reproduzierbarkeit von Informationen. Grundlage dafür war die folgenreiche Erkenntnis am Anfang des vorigen Jahrhunderts, das alles, was wir beobachten können, den Regeln formaler Sprachen folgt – einschließlich unserer Beobachtungen selbst. Nach diesem „linguistic turn“ verdichten sich heute im „Netz“ als Verbreitungsmedium Chancen und Risiken, Orientierungsherausforderungen und Handlungsoptionen eines epochalen Leitmediums mit globaler Reichweite: für eine Menschheit, die so oder so bereits zur Weltgemeinschaft geworden ist.

„Anything goes?“

Die Postmoderne als kulturell vorlaufende Epochendiagnose ist mit der Formel des „Anything goes“ also zu Unrecht verunglimpft worden. Sie hatte einen harten Kern. Die nationalen Regulierungsinstanzen, die sich rechtlich durch territoriale Kontrolle definieren, sind epochal überholt. Epochal überholt ist auch ihre kulturelle Fixierung auf nationale Identität, denen dann eine notfalls heroische, in jedem Fall aber kulturell ungebrochene biografische Identität entsprechen würde. Mag es auch noch so lange politisch „alternativlos“ sein, diese Regulierungsinstanzen zu adressieren und obwohl die Alternativen sich vorerst nur in Umrissen abzeichnen.

„Postmodern“ wurden mit dem neuerlichen Weltbildwandel zunächst die Begrenzungen und die blinden Flecken der überlagerten alten Weltbildorientierungen sichtbar. Während die Grenzen und Brüche jener neuzeitlichen individuell-biografischen wie kollektiven „geschichtlichen“ Selbstorientierungen hervortraten, zeichnete sich aber dann immer deutlicher ab, dass Umwelt- wie Identitätsthemen nur systemisch und in vernetzten Zusammenhängen reflektiert werden können.

Kulturell ideologisieren sich ausgreifende Orientierungsversuche zunehmend. Und sie begründen immer häufiger Gewalt bei der Durchsetzung von Regulierungen, die letztlich ins Leere greifen werden. Typischerweise begleitet von immer hohler tönenden Erfolgsmeldungen: im Netz.

Aufwachen im „Raumschiff Erde“,

darum geht’s. Alle wegweisenden neuen Akteure agieren weltweit oder sind weltweit vernetzungsfähig: von internationalen Konzernen bis zu Handels- und Klimaschutzorganisationen, von der UNO bis zu NGOs, von trans- und international vernetzten Terrorgruppen bis zu fluiden und temporären Bewegungen mit unterschiedlichen Themen, die durch Netzresonanzen ausgelöst werden. Diese Akteure beziehen sich auf Daten oder auf Wahrnehmungen, die weltweit generiert und vernetzt verarbeitet werden könnten oder sollten, in Verfahren, die sich bereits in einen gemeinsamen Informationsmarkt hinein entwickeln. Und das geschieht trotz aller Rückschläge unaufhaltsam, weil es von den nacheilenden nationalen Regulierungsinstanzen nur lückenhaft zu kontrollieren und gar nicht im Ganzen zu steuern ist.

Klimaerwärmung, Umweltschäden und Infektionen, die als äußere und innere Umwelt unserer Gattung bewusst werden, machen prinzipiell nicht an Ländergrenzen Halt. Und das gilt trotz aller Kontrollversuche auch für Netzinformationen. So dass wir inzwischen auch in einem weltweit gemeinsamen sozialen Umfeld leben. Viele Migrationsbewegungen, die nicht direkt durch Klimaveränderungen ausgelöst werden, werden ausgelöst durch netzvermittelte Push- und Pullfaktoren: Entkommene scheinen als Angekommene immer schon gewusst zu haben, wie man den Folgen von globalen Investitions- und Desinvestitionsentscheidungen entgeht. Ein großer Rest flieht vor netzinduzierten und netzgestützten lokalen Terrorgruppen oder vor den Folgen ihrer mitunter nicht weniger terroristischen Bekämpfung, die transnational koordiniert wird.

Diese Rede vom Epochenwechsel, der ein epochal überholtes Geschichtsnarrativ systemisch „aufhebt“, ist zwar selbst wieder nur ein Narrativ. Und der militärtechnisch als symmetrisch zu klassifizierende heiße Krieg zwischen der Ukraine und Russland als Auslöser der jüngsten großen Fluchtbewegung scheint diesem Metanarrativ zu widersprechen. Aber dennoch könnte sich dieser zunächst nach einem weiten Vorstellungsrahmen tastende Anfang als guter Ausgangspunkt einer fälligen Neuorientierung erweisen. Denn er hilft jedenfalls, wenn sich als eigentliche Ursache eines bösen Erwachens in unserem Zeitalter kognitive Dissonanzen erweisen sollten.

Ich orientiere mich im Folgenden sogar weiterhin an einem narrativen Algorithmus Tiefer Innovation, der sich „im Netz“ und nicht nur in meiner eigenen Traditionsblase bewährt hat. Vermutlich, weil wir erzählende Tiere sind. Denn unser kollektives Gedächtnis organisiert sich immer wieder neu durch einen kreativen Mechanismus, der all unseren Narrativen zugrunde liegt: vom Mythos bis zum Fachartikel – ein Tiefenaspekt unseres neuen Weltbildes, der die Orientierung in ihm erleichtert. Ich entfalte die von mir im Anschluss an Claude Lévi-Strauss und anderen entdeckte „Innovationsformel“ in einer App, die in ihrem ersten Lösungsschritt nach der zu lösenden Aufgabe fragt wie in einem Beratungs- oder Mediationsauftrag, sodann nach den verschiedenen Sichtweisen der Beteiligten und nach den zu erreichenden Zielen, die ihnen dabei vor Augen stehen – bis sie den Blick darauf lenkt, worum es dabei eigentlich geht. So eröffnet sich ein Ausblick auf Dritte Wege, die einen besseren Übergang in Krisen- wie Nachkrisentage ermöglichen könnten.

Vor den sich daran anschließenden Lösungsschritten identifiziert diese App durch ihre gezielten Fragestellungen die narrativen Akteure, die jene Rede vom neuen Zeitalter auf den Plan gerufen hat, und bündelt die narrativen Funktionen, durch die sie aufeinander einwirken. Das hilft jetzt bei der Rekonstruktion überlagerter Diskurse und anschließend bei der differenzierenden Einschätzung von Orientierungshinweisen, die daraus abgeleitet werden. Als Input verwende ich auch im folgenden Diskurselemente, von denen ich unterstelle, dass sie in unserem kollektiven Bewusstsein schon aktiviert sind oder dass sie demnächst mit Notwendigkeit adressiert werden.

Diese Aktualisierungsthese lässt sich kontrollieren und kritisieren. Und sie hält wach.

3. Schlachten der Vergangenheit

„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit.“

Diese Feststellung eines amerikanischen Senators, gesprochen zu Beginn des Ersten Weltkrieges, lässt sich nach Beginn des Ukraine-Krieges nicht nur auf Putins Lügen und auf die russische Diplomatie und Propaganda anwenden. Er lässt sich auch auf Selenskyjs Gegenprogramm beziehen, das durch Fakten Empathie hervorruft und diese dann mit dem moralischen Appell verbindet, militärisch zu helfen. Dieser Satz gilt aber auch für die Politik in Berlin, Brüssel und Washington: Selbst wenn dort militärische und energiepolitische Maßnahmen beschlossen werden, die als solche jetzt unvermeidlich und wiederum „alternativlos“ sein mögen (wenn es darum geht, eine Ausweitung dieses Krieges zu vermeiden oder energietechnische Alternativen bereitzustellen).

So oder so wird sich nämlich der Kalte Krieger, der als rettender Held jenes alten Zeitalters beschworen wird, in dem man lediglich neu erwacht, als verlogener „Falscher Freund“ erweisen. Man bezeichnet so eine vertraut klingende Wendung in einer fremden Sprache, die man gerade erlernt – die dort aber etwas ganz anderes meint und Missverständnisse auslöst. Auch in den Kontexten unserer vernetzten Weltgesellschaft, in denen sich Freund und Feind zurechtfinden müssen, kann es fatale Konsequenzen haben, sich kurz nach dem Erwachen in diesem Zeitalter am scheinbar Naheliegenden zu orientieren. Nicht nur Militärs neigen dazu, mit den Mitteln der Gegenwart die Schlachten der Vergangenheit zu schlagen und dabei die Zukunft der Gemeinschaft zu verspielen, in der sie leben.

Solche Falschen Freunde treten schon auf den Plan, wenn Historiker mit Blick auf die aktuelle militärisch-politische Lage die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ im Rückblick auf die Kriege zu Beginn der neuzeitlichen Staatenbildung beschwören. Denn das ist keine fachliche Diagnose, auf die man heute eine politische Therapie gründen könnte, sondern eher selbst ein kulturelles Krisensymptom. Ernst Bloch erprobte diese vor dem Zweiten Weltkrieg vorwärtsweisende Einsicht in das Orientierungspotenzial der ideologisch überlagerten „Erbschaft unserer Zeit“ in der Zeit des Kalten Krieges differenzdiagnostisch, und das erwies sich als schwer genug. Seine tief begründete Orientierung an einem „Prinzip Hoffnung“ erfordert einen wachen Blick auf sich überlagernde Realitätsbezüge, die jedes erwachende Bewusstsein irritieren müssen, damit bewährte Traditionen uns nicht in die Irre führen. Gerade in aktuellen Krisensituationen gilt es zu unterscheiden zwischen den ursprünglich orientierenden und den gegenwärtigen Kontexten unserer Traditionsmuster. Wir müssen aushalten, dass sie zunächst ins Leere zu greifen scheinen.

Der „Nebel des Krieges“ kann dann zum Anlass werden, narrative Ortungsimpulse auszusenden. Sie orientieren uns einigermaßen zuverlässig durch Erkenntnisse an den Rändern funktionierender Diskurse. Denn sie lassen Unterschiede hervortreten zwischen schnellen Antworten auf schwierige Fragen, die zu jeder Zeit ideologisch vorgehalten werden, und Unterschieden, die einen Unterschied machen und anschlussfähig sind. „Ping-ping“. Bis ein Umgebungsbild entsteht, an dem wir uns orientieren können und in dem zwischen Hindernissen, die wir in jedem Fall vermeiden sollten, ein möglicher Kurs sich abzeichnet (wenn wir wissen, wohin wir wollen).

„Chabos wissen, wer der Babo ist.“

An der Beschwörung von Clanautorität: am archaischen „Respekt“-Wechselspiel von Gruppenschutz und -schrecken, können wir uns heute intuitiv zuverlässig orientieren. Weil und insofern sie unseren Blick tief hinein in Weltbildüberlagerungen überhaupt lenkt und auf deren aktuelle kulturelle und gesellschaftliche Nachwirkungen gerade in Krisenzeiten. Wir sehen dann, wie Clanverbundenheit heute nationale und selbst transnationale Regulierungen locker überwindet: Allerdings mit Hilfe von Smartphones, Blockchain-Verschlüsselungen und Neuen Medien.

Wenn sich unser Blick schärft, unterscheiden wir dann eine kulturell mehr oder minder harmlose, sogar selbstironische Gewaltverherrlichung in den sozialen Netzwerken von Berichten über grenzüberschreitende kriminelle Machenschaften, denen unsere nationalen Sicherheitsbehörden nicht immer gewachsen sind. Was aber, wenn es hier zu flimmern beginnt? Wenn an unserer Bedrohungsgrenze plötzlich Falsche Freunde als falsche Verwandte Wache halten. Kalte Krieger, die als eine der ersten Maßnahmen des jetzt ausgerufenen neuen Zeitalters zwischen denen unterscheiden, die „zu uns“ gehören und rein dürfen – und denen, die eben nicht zu uns gehören?

Wir dulden an den ukrainischen Grenzen ein Grenzregime wie aus uralten Zeiten, bei dem faktisch nur die hineingelassen werden, die „draußen“ nicht für unsere demokratische Freiheit kämpfen können (die Rambo-Variante des Kalten Kriegers): weiße Frauen und Kinder – diese allerdings mit Hund und Katze, sofern die sich nachträglich impfen lassen. Als Kontrasteffekt tritt dann jene fatale Überlagerung von archaischer Gewalt und zusammengeflickten transnationalen Regulierungen hervor, mit der wir jetzt immer noch an den EU-Außengrenzen zwischen richtigen und falschen Flüchtlingen unterscheiden: Ein verdrängter Weltkrieg im Nebel, dessen politisch-militärische Strategiedefizite sich ins Bewusstsein drängen und hektische Taktiker auf den Plan rufen – mit Sehnsuchtsrufen nach territorial-nationalen Grenzregulierungen.

„Dr. Seltsam oder Gebrauchsanweisung für Anfänger in der sorgenfreien Liebe zu Atomwaffen“

ist der treffende österreichische Titel für Stanley Kubricks ironisch-realistischen Film aus dem Jahre 1964, der uns heute zusammenzucken lässt. Indem er die Protagonisten des Kalten Krieges als sich selbst in die Paranoia treibende Konfliktprotagonisten darstellt, demaskiert er Kalte Krieger als wahre Feinde. Der zuckende rechte Arm des frankensteinmäßig wiederbelebten Dr. Seltsam im amerikanischen War Room zeigt am Schluss, dass der immer noch den „totalen Krieg“ will. Und er vererbt diesen Drang erfolgreich auf den ganz am Schluss jubelnd seinen Cowboyhut schwenkenden Kommandanten des Langstreckenbombers, der auf der von ihm per Hand ausgelösten Wasserstoffbombe im präzisen Zielanflug der Weltvernichtung entgegenreitet.

In ihrem regredierten Freund-Feind-Denken werden beide Filmfiguren als Überbleibsel der amerikanischen McCarthy-Ära dargestellt. Aber offensichtlich blieb der Schoß noch fruchtbar, aus dem das kroch. Als Reaktion auf die 9-11-Attentate entfesselte George Bush nach dem Vietnam- den Afghanistan-Krieg als Gegenspieler Osama Bin Ladens – und hinterließ seinen Nachfolgern nichts als Lösungsaufgaben in heißen Kriegen auf kleiner Flamme. Die Helden dieser Narrative sind Konfliktprotagonisten ohne Mediationsperspektive. Mit ihnen droht der Kalte Krieg der Supermächte zu eskalieren bis zur dann unvermeidlichen letzten Stufe der gemeinsamen Selbstvernichtung.

Und diese transnationalen Hybride selbst zeigten in den paranoiden Diskursen der karikierten Protagonisten ihr wahres Gesicht wie in einem Doppelspiegel. Es war hässlich; die Fratzenmaske von Horrorclowns wurde sichtbar. In der Beobachterperspektive der erwachenden 68er Generation, die diesen Film zum Kultfilm werden ließ, unterstützten die USA jeden kleptokratischen blutigen Schlächter als Staatsoberhaupt, wenn er sich den blauen statt des roten Buttons ans Revers heftete. Wie die Sowjetunion das spiegelbildlich tat – was jene Generation allerdings wiederum in den blinden Fleck ihrer eigenen Diskurse verbannte.

Heute thematisiert die kulturelle Diagnose einer bis ins Archaische regredierenden nationalen Identifikation ein aktuelles Desorientierungsrisiko, das mit dem gegenwärtig sich vollziehenden Weltbildwechsel notwendig einhergeht. Wir können allerdings bei diesem kulturellen Orientierungsimpuls nicht übersehen, dass er den Kalten Krieg selbst als eine bestimmte zeitliche Episode markiert, die definitiv hinter uns liegt. Jene Kalten Krieger als wahre Feinde lassen Epochenmerkmale unserer gegenwärtigen Selbstorientierung in den Hintergrund treten, die längst in unser Weltbild eingegangen sind. In dieser Hinsicht agierten sie im falschen Film. Das ist bei einem späteren Film ganz anders, der gerade ebenfalls wieder aktuell wird.

„WarGames (Kriegsspiele)“

von 1983 thematisiert kulturell weit vorlaufend, man kann auch sagen prophetisch hellsichtig den tatsächlichen Weltbildrahmen, in dem heute ein angeblich neues Zeitalter (des Kalten Krieges) zum Thema wird. Und das lässt sich nun gerade an den Protagonisten dieses Filmes darstellen. Der Schüler David hackt sich (damals noch mit Tastatur, Telefon und Akustikkoppler) in ein spannendes Netzspiel-Angebot ein. Es wählt „weltweiter nuklearer Krieg“ und löst als Sowjetunion „Erstschlag“ aus. Dabei setzt er allerdings als Gegenspieler das riesige Computersystem in Gang, das im verbunkerten Verteidigungszentrum der USA die nächsten Züge gegen einen simulierten Gegner durchspielt und das schließlich die atomaren Antworten automatisch auslösen wird. Es ist so programmiert, weil einige der ausführenden Soldaten in den Raketensilos moralische Bedenken haben könnten.

Die Rettung naht, nachdem David den „Vater“ dieses Computerprogramms aufgespürt hat, der sich schuldbewusst in den verschneiten Norden Kanadas zurückgezogen hat. Beiden gelingt es schließlich, den Computer für Tic-Tac-Toe zu interessieren, bei dem auf einem Quadrat mit neun Feldern derjenige gewinnt, der als erster drei Kreise oder Kreuze in einer Reihe oder in einer Diagonale anordnen kann. Mit der Erkenntnis, dass hier wie auch bei der wechselseitigen atomaren Vernichtungsdrohung nur derjenige gewinnt, der gar nicht spielt, bricht er den Countdown zum Erstschlag ab und fragt stattdessen seinen Programmierer, ob er Lust auf eine nette Schachpartie habe.

Diese Protagonisten sind also Nerds wie die wirklichen Protagonisten jener Episode des Kalten Krieges, die fest in den paradigmatischen Grundlagen unseres Weltbildes verankert waren. Von denen war nur John von Neumann (verschmelzend mit dem politischen Überlebenskünstler Wernher von Braun) zum Vorbild von Dr. Seltsam geworden. Den in diesem Kontext fast notwendig disruptiven Biografien der Anderen sind später eindrucksvolle Filme oder Filmdokumentationen gewidmet worden. Der ebenso wie von Neumann genial-witzige Atomphysiker Richard Feynman hatte das Manhattan-Projekt im Gegensatz zu diesem selbst zunehmend kritisch bis in die Phase des Kalten Krieges hinein begleitet, die noch ganz von der Ausgangskonstellation des Zweiten Weltkriegs bestimmt war. Alan Turing, der die nach ihm benannte elektronische Entschlüsselungs-„Bombe“ gegen die Enigma-Verschlüsselung der Wehrmacht gebaut hatte, wurde ebenso wie von Neumann wegweisend für die anschließende rasante Entwicklung beim Bau und bei der Programmierung von Computern. John Forbes Nash entwickelte schließlich im Anschluss an beide die Theorie all jener ökologischen Siedlerspiele, deren Gleichgewichtsdenken ebenfalls fest in unserem Weltbild verankert ist und mit denen unsere Kids als digital natives aufwachsen (A Beautiful Mind. Genie und Wahnsinn 2001).

Zeitgenössisch bis heute kulturprägend wurden aber damals deren kopierte Spiegelbilder im Rechner, mit deren Diskursalgorithmen wohl jeder Nerd seine Spiele treibt. In Gestalt von Hybrid-Personen drängte die immer lebendiger in Erscheinung tretende künstliche Intelligenz der Computer aus der Maschine heraus. Avatare wollen hinein in die oder in eine Welt, die sie selbst narrativ mitgestalten wollten oder gar erschaffen hatten: allenfalls scheinfreundlich, stets bedrohlich. Denn wie jenes erwachende Computerprogramm in „WarGames“, das (ebenso wie sein simulierter Computer-Gegenspieler auf der anderen Seite) längst erkannt hat, dass die größte Gefahr für seine Welt von den Menschen ausgeht, die es ursprünglich programmiert haben, neigen sie dazu, sich von deren Eingriffen abzukoppeln. Postmodern-prophetisch war hier „Welt am Draht“ (schon 1973), ikonisch wurde „Blade Runner“ (1982). Und „Matrix“ begleitet uns bis heute (seit 1999).

Der wirkliche Kalte Krieg endete dagegen in einem Patt zwischen kulturell nur scheinbar vorwärtsweisenden Narrativen. Francis Fukuyama hatte schon 1986, also noch vor dem Zerfall der Sowjetunion, die weltweite Durchsetzung (wirtschafts-)liberaler Demokratien als auf Dauer unvermeidlich proklamiert. Mit diesem politischen „Ende der Geschichte“ ziehe aber das Risiko eines kulturellen Endes der Menschheit herauf: Gekränkte „letzte Menschen“ würden mit allen Mitteln um Selbstbestätigung und Anerkennung kämpfen. 1993 machte dann als dessen Gegenspieler Samuel P. Huntington Furore, der verkündete, der Kalte Krieg werde durch einen weltweiten „Kampf der Kulturen“ abgelöst, in dem archetypisch sich verfestigende Grundorientierungen menschlicher Existenz in immer neu ausbrechenden Gewaltkonflikten aufeinandertreffen müssten. – Mit Nietzsche und Heidegger gegen Hegel und Marx: diese Retro-Diskurskonstellation hätte das Ende immer neuer Kalter-Krieg-Varianten zur Epochenbestimmung sein können. Denn weil sich beide Orientierungsimpulse präzise überlagerten, verwiesen beide Narrative gemeinsam auf einen Epochenhintergrund, in dem das Ende der Geschichte und das Ende des Menschen gleichermaßen „aufgehoben“ waren.

Das täuscht offensichtlich. Man trägt immer noch und schon wieder „Retro“. Und ganz offensichtlich finden dramatische Re-Inszenierungen nationaler Showdowns vor einem sich verdunkelnden Epochenhorizont gerade vor dem Hintergrund einer nicht enden wollenden Coronakrise ein dankbares Netzpublikum.

Sieger der Vergangenheit

gewinnen nationale Kriege wie gerade aufgetaute konstitutionelle Monarchen von Gottes Gnaden. Distanziert und meist erhöht an meterlangen Tischen sitzend erklären sie dicht an dicht sitzenden Minister-Marionetten die Lage und dekretieren dann, was zu tun ist, um die nächste Schlacht zu gewinnen. Worauf diese dann gelegentlich ruckartig mitschreiben statt erstarrt zu lauschen. Nach einer Niederlage wird einer von ihnen stellvertretend kritisiert und wartet dann ergeben auf die Vollstreckung des längst gefällten Urteils. Als Beobachter finden wir auf solchen Retro-Bildikonen im Netz allerdings spätestens im Nachhinein weitere Indizien für eine längst ausgelöste Regressionsdynamik, in der am Schluss archaische Retro-Narrative aktiviert werden können. In sich durchsetzenden Szenarien eines Kalten Krieges gilt das für beide Seiten, die umeinanderkreisend einem diskursiven Schwarzen Loch entgegenfallen. Die aktuellen Nazi-Parallelen sind nach hinten und nach unten anschlussfähig: Der Große Vaterländische wird als heiliger Krieg geführt mit vorausgetragenen Führerikonen. Gegen einfallende Kreuzzügler und barbarische Horden lösen die Führenden „Stürme“ aus, die vorauseilenden Schrecken verbreiteten. Während die damals industrielle, heute netzgestützte Umsetzung auf strategisch eingesetzte Kriegsverbrechen und geplanten Völkermord verweist, sind dann allerdings für einen Netzbeobachter, der stabil in unserer Epoche orientiert ist, die Zivilisationskulissen aus dem 18. und 19. Jahrhundert längst gefallen.

In der gegenwärtigen Krise ruft Putins altrussisch-nationalistisches Retro-Konstrukt zwar in der Ukraine ethnisch-nationalistische Echoeffekte hervor. Aber selbst dabei lässt in weltweit vernetzten Medienzusammenhängen die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen Kontraste sichtbar werden. Während sich Selenskyj erfolgreich als Military-Influencer im Netzmedium inszeniert, adressiert Putins toxische Männlichkeit aus früheren Netzversuchen heute nur noch ganz gewiss nicht intendierte Zielgruppen. Stattdessen schlägt er als Retro-Sieger des Kalten Krieges Schlachten einer spätneuzeitlichen Vergangenheit, in der man noch als Held Nationalkriege gewinnen konnte. Selbst wenn er siegt, hat er dann richtige Antworten auf falsche Fragen gegeben. Während sein medialer Gegenspieler in seiner Serien-Präsidentenrolle aus alten Tagen als „Diener des Volkes“ (2015-2019) auch durch falsche Antworten tiefe Netzresonanzen auslöst, an denen wir uns gemeinsam orientieren können, weil sie auch bei uns anschlussfähige Orientierungsgestalten entstehen lassen.

Solche Kontraste weisen alle aus den Fake-Szenarien einer angeblich neuen Epoche eines Kalten-Krieges heraus auf ihren jeweiligen Netzhintergrund und können je für sich differenzdiagnostisch genutzt werden. Die krassen militärischen und geheimdienstlichen Fehleinschätzungen in Putins Umfeld und dessen politische Fehlentscheidungen verdanken sich nicht nur jener Bunkermentalität, die sich mit den Szenarien eines Kalten Krieges notwendig einstellt. Der verantwortungslose und dilettantische Umgang mit Atomwaffen- und Atomkraftrisiken, der Zynismus bei der Auslösung transnationaler Migrationsbewegungen und weltweiter Hungersnöte, die Unterschätzung der Aus- und Rückwirkung fälliger Sanktionen auf Finanz-, Energie- und Rohstoffmärkte – einschließlich nachhaltiger struktureller Veränderungen und kaum kalkulierbarer geopolitischer Konsequenzen – das sind Fehlorientierungen, mit den sich Putin in nationalistischer Selbstisolation Weltzusammenhängen zu entziehen versucht, die wir einzeln identifizieren und benennen können.

Zur Grundlage einer aktuell anschlussfähigen und stabilen Selbstorientierung werden solche Diagnosen aber nur, wenn sie einen Echoeffekt in uns selbst und in unserer eigenen Blase auslösen und auch von dort aus das kollektive Gedächtnis aktivieren. Dort haben sich archaische Schreckensbilder von Menschen- und Völkerrechtsverletzungen des NATO-Partners USA eingebrannt, die bis in die Gegenwart andauern. Die Leidensgestalten der Whistleblower sollten uns gerade in Krisenzeiten daran erinnern, wenn wir mit aktuellen Horrorbildern konfrontiert werden, die uns übers Netz erreichen. Wenn wir die Vorgeschichte des aktuellen Angriffskrieges nicht mehr ignorieren können, steht „Kalter Krieg“ als Relativierungsnarrativ bereit. Als Kontrast-Input funktioniert diese Eingabe aber nur, wenn wir uns daran erinnern, dass George W. Bush mit seinem „Krieg gegen den Terror“ nicht nur ganze Weltregionen in heiße Kriegsszenarien hineinzog und destabilisierte. Er entfesselte damit auch die Mutter aller asymmetrischen Kriege. In ihnen verbreiten sich netzinduzierte Attentatsimpulse viral, ohne an Ländergrenzen gestoppt werden zu können, bis über Ländergrenzen hinweg netzgestützte Attentate und netzgesteuerte Drohnen gegeneinander antreten. Strategisch fehlgesteuerte Retro-Versuche einer militärischen Lösung scheiterten dann jüngst in Afghanistan nach allzu bekanntem Muster, während es überall woanders weiter schwelt oder lodert – auch bei uns. In transnationalen Konflikten ist hingegen das Netz selbst zur strategischen Waffe geworden.

Als Angehörige der 68er-Generation haben wir immer noch Trauerarbeit beim Abschied von jenem linksideologischen Epochennarrativ vor uns, in dem sich im „arabischen Frühling“ auch die letzten rückständigen Regime zu linksliberalen Demokratien mit der Perspektive globaler sozialer Gerechtigkeit transformieren würden. Sonst könnte sich dieses ausgebliebene Ende einer säkularisierten linken Heilsgeschichte in einem ökologischen Kampf der Kulturen erneut in Szene setzen: diesmal als Apokalypse (um Ökoterrorismus zu rechtfertigen). Ein anderer blinder Fleck dieses linken Narrativs wird jetzt nur deshalb sichtbar, weil Karikaturisten dem russischen Bären als Aggressor im Ukrainekrieg ein zerzaustes Fell überwerfen – während erst die Sowjetunion und dann Russland für die Linke unsichtbar blieben, sobald Freiheits- und Menschenrechte zum Thema wurden. In der Selbstaufklärungsperspektive meiner von evangelisch-sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Traditionsmustern bestimmten Blase, in der ich die hier laufende App verwende, lässt erst das zuvor undenkbare Zusammenspiel von „Nachrüstung“ und „Wandel durch Annäherung“ den Vorhang fallen über all diesen Retro-Inszenierungen. Doch davon später.

Zur Diskurslandschaft nach der „Zeitenwende“ – ein Zwischenfazit

Wir schweben, daran sei erinnert, schon längst im „Raumschiff Erde“ durch das All; unsere gemeinsame Geschichte heißt „Evolution“. Das gemeinsame Überleben im Anthropozän ist nicht selbstverständlich, das Zusammenleben ist nicht leicht, manchmal ist es gefährlich. Wenn wir dort nach schweren Träumen am nächsten Krisen- oder Nachkrisentag zum Dienst antreten, sollten wir zunächst wissen, wo wir sind, ehe wir uns den anstehenden Themen zuwenden. Wenn dort stattdessen wie auf einem Holodeck „Kalter Krieg“ für alle re-inszeniert wird, kehren wir Chancen wie Risiken einer akuten Krisenbewältigung gleichermaßen den Rücken zu.

Auf der globalen Kommandobrücke dieses vernetzten Planeten, wo mathematisch-logisch-naturwissenschaftliche Instrumente die unendlichen Weiten von Raum und Zeit erforschen, bilden die narrativen Ortungsbilder der App dessen Innenwelt ab. Der Sicherheitsoffizier würde das Zwischenergebnis so zusammenfassen: Retro-Szenarien des Kalten Krieges lassen zwar erkennen, wo und in welchem Gelände sich die gegeneinander angetretenen Truppen ideologisch eingegraben haben. Und man sieht beim Zurückspulen, auf welchem Weg sie dorthin gekommen sind. Aber diese Rekonstruktion erlaubt eben nur einen klaren Blick auf die sich gegenseitig aufhebenden Intentionen strategischer Looser. Historisch sei das angemessen und zu beachten als Kontrasthintergrund eigener Orientierung und Planung, könne diese aber nicht ersetzen. Bild und Beurteilung der Lage, so werden wir beiläufig belehrt, setzen sich wechselseitig voraus.

Bei genauerer Betrachtung und bei der Auswertung dieser Ortungsbilder durch die App zeigt sich dann: Jetzt und hier die kulturelle Episode des Kalten Krieges als Epoche zu beschwören, erhöht das Regressionsrisiko, wird zur Ursache von desorientierten Entscheidungen und lässt unnötig große blinde Flecken entstehen – vor allem in Krisensituationen und in Krisenzeiten. Aber genau vor diesem Hintergrund tritt dann differenzdiagnostisch hervor, wie und woran wir uns stattdessen wach in unserer Gegenwart orientieren können. Dazu muss „Kultur“ in unserer Epoche unter einem Doppelaspekt betrachtet werden: nicht nur unter einem Gestaltaspekt als Ausdrucksform gesellschaftlichen Lebens, sondern auch unter einem Prozessaspekt als Orientierungsvorlauf gesellschaftlicher Neuvernetzung.

Die App setzt hier neu an und verweist uns dann mit wenigen neuen Inputs auf den Lösungspfad eigener Dritter Wege.

4. „Wir sind angekommen. Wir sind da!“

„Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“

Das ist ein prophetisches Wort des Gesundheitsministers der vorigen Regierung, gesprochen zu Beginn einer in den Hintergrund getretenen Krise – an dem wir uns gerade deshalb politisch einigermaßen nachhaltig orientieren können müssten. Denn in der Lösungsperspektive unserer App bündeln sich nach diesem Input notwendige Eigenschaften der narrativen Subjekte („Helden“) heutiger Lösungsgeschichten dadurch, dass sie sich als empathisch und verletzbar erweisen, dass sie Fehler zugeben – und dass sie auf Macht und Ämter auch verzichten können. Mit jenem Motto auf der Brust ließe sich also epochensicher und krisenfest politisch surfen: durch den Ukraine-Krieg hindurch, über noch kommende Covid-19-Wellen hinweg und ökologisch bedenkenlos. Wer so orientiert ist und ein Ziel vor Augen hat, bleibt auf Kurs, selbst wenn es ihn oder sie umhaut und wenn es gilt, wieder aufzustehen.

Dass es dabei nicht ums Posieren geht, sondern dass man immer schon balancieren können muss, wurde schon deutlich, als mit „WarGames“ das Spielespielen als notwendige Epochenkompetenz zum Thema wurde. Aber für das politische Alltagsgeschäft wird bei der Krisenbewältigung im Epochenübergang sicherlich die Fähigkeit entscheidend sein, ein wirklich neues Denken einzuüben, ja es vorzuleben – oder sich eben als abschreckendes Beispiel pädagogisch in die Pflicht nehmen zu lassen, wenn der Hahn dreimal gekräht hat. Das eigentliche Petrus-Amt, würde ich das als protestantischer Beobachter gerne nennen. Jedenfalls geht es um ein tiefenorientiertes Führen von unten und von der Seite her. In gelebten politischen Biografien treten einzelne solche Heldinnen und Helden aktueller Lösungsnarrative eben vor jenem Dilemma-Szenario des Kalten Krieges hervor, dem sie sich in Talkshows und auf Pressekonferenzen immer wieder durch Wort und Tat entziehen müssen.

Wie sich jene Scheinalternativen im jeweiligen Mix der Netz-Verbreitungsmedien sicherheitspolitisch darstellen würden, hat ein ehemaliger Innenminister unfreiwillig auf den Punkt gebracht: „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.“ Der neue Wirtschaftsminister insistiert stattdessen öffentlich darauf, dass er sich ja längst entschieden habe und erläutert geduldig agile Planungsschritte von Energie-Transformationsprojekten. Und der neue Gesundheitsminister demonstriert öffentlich seine Bereitschaft, Irrtümer schnell einzugestehen, um deren Folgen zu begrenzen – mit dem Risiko, anschließend wieder die Berufsrolle wechseln zu müssen. Dasselbe scheinen die sich nach jener eingeforderten Epochenwende rückwärts auffällig häufenden öffentlichen Eingeständnisse von persönlichen Fehlern und Fehleinschätzungen von Politikern und Politikerinnen zu signalisieren.

Die Hemmungslosigkeit, mit der diese Schuldbekenntnisse eingefordert werden, und die ambivalenten Eindrücke, die ihre aktuellen Inszenierungen hinterlassen, aktivieren allerdings Schauerbilder in unserem kollektiven Gedächtnis. Die App, die ich gerade verwende, während dieser Text entsteht, greift diese Bilder auf und schlägt mir an ihrem Speicherort im kollektiven Gedächtnis einen Input vor, der die sich bereits abzeichnende Lösung und den ganzen Weg dorthin noch einmal in Frage zu stellen scheint. Denn in diesem weltbekannten Roman wird ausgerechnet ein Standbild aus der Anfangskonstellation des Kalten Krieges auf Epochendauer gestellt.

1949 – „1984“ – 2022

Das Erscheinungsjahr von George Orwells Dystopie „1984“ führt auf paradoxe Weise ins Heute. Szenen, die an die Schauprozesse der Hitler- und Stalinzeit erinnern, sind eingepasst in eine Rahmeninszenierung, in der eine sich endlos erstreckende Gegenwart die Endkonstellation des Zweiten Weltkrieges fortzuschreiben scheint – der damals beginnende Kalte Krieg als Anfang einer, unserer Weltepoche. Während der Orientierungssuche in der aktuellen Krisensituation des Ukraine-Krieges scheint mich die App also beim Einmünden in die Zielgerade mit der perfekten Gegenthese zu den Lösungsmöglichkeiten zu konfrontieren, die sich am Ende abzeichneten. Aber sie tut das eben auf eine bestimmte Weise. Unter der Frage: Was wäre möglich?, startet ihr Algorithmus einen Testdurchlauf, der aufzeigt, wo, wie und warum sich der Inszenierungsrahmen des Romans erweitert, während man ihn versteht. Und damit öffnet sich der Diskursraum möglicher Lösungsnarrative.

Nach einem bösen Erwachen in der Alptraumwelt des Romans lernt man das Buch so zu lesen, wie das das ein kundiger Leser, eine Leserin der alten Prawda und ihrer heutigen Propaganda-Nachfolgerinnen tut. Man orientiert sich dann nicht am inszenierten Rahmennarrativ mit der immer gleichen Botschaft: Die Führung garantiere, dass mit dem nächsten Sieg über den eingedrungenen Feind alles wieder (oder endlich) gut werde. Sondern man orientiert sich zunächst ausschließlich an den wie unfreiwillig mitgeteilten Inhalten (vor allem dann, wenn sie als Lügen dargestellt werden) und macht sich dann seinen eigenen Reim darauf. Dann zeigt sich, dass die Welt von „1984“ eben nicht die als Episode hinter uns liegende Freund-Feind-Konstellation zweier Supermächte ist, kulturell markiert durch ein apokalyptisches Eskalationsrisiko. Die von Orwell prophetisch imaginierte Machtkonstellation von Eurasien, Ostasien und Ozeanien (einschließlich des Romanschauplatzes Großbritannien) sprengt diesen Rahmen radikal. Sie ist in Wahrheit eine Triade, die sich durch Freund-Feind-Dyaden machtpolitisch stabilisiert. Der hellsichtig vorweggenommene taktische, vielleicht auch gefakte Einsatz strategischer Vernichtungswaffen ermöglicht einen Dauerkrieg zwischen diesen Machtblöcken, durch den in jedem der drei Machtzentren dasselbe Gefolgschafts- oder Treue-Szenario aufrechterhalten wird (dessen Feind-Besetzung dann auch wechseln kann).

Internalisiert wird diese Außenwelt durch einen Propaganda- und Überwachungsapparat, der nicht nur auf eine nahezu perfekte Vernetzung voraussetzt, sondern – das zeigt die Berufstätigkeit der Protagonistin und des Protagonisten im „Wahrheitsministerium“ lokal und im Detail – auch die stets mitlaufende Speicherung und Anpassung des kollektiven Gedächtnisses und der Sprache, die darauf zugreift. „Falsche“ Aktualisierungen alarmieren das „Liebesministerium“. Die Funktion dieses Apparates ist die Aufrechterhaltung einer Oligarchie der „Inneren Partei“ über die Masse der „Proles“: gesichert durch die Funktionselite der „Äußeren Partei“. Auch das scheint in allen drei Territorien ähnlich zu sein, ebenso wie das Verfahren, diese triadische Stabilität durch ideologische Freund-Feind-Fakes zu verschleiern: in einem gefakten Epochenszenario.

Wer aus diesem Netzwerk innerer und äußerer Verstrickung erwacht: im Roman, damals oder jetzt lesend, mit oder ohne App, muss sich von solchen Fakes verabschieden. Er oder sie erkennt dann Unterschiede, die einen Unterschied machen. Wir leben nicht in einem Zeitalter des Kalten Krieges, wohl aber in weltweit vernetzten Zusammenhängen, die uns vorgegeben sind und derer wir uns immer mehr bewusst werden. Wir wissen selbst, was oder wen wir lieben, auch wenn wir uns dabei immer wieder täuschen, wenn wir einander verraten oder ertragen müssen, verraten zu werden. Wir sehnen uns danach, eins zu werden mit dem, was wir alleine oder gemeinsam mit anderen begehren und uns erträumen, aber wir wollen dabei als wir selbst erkannt und anerkannt werden. Und wir wollen denen vertrauen können, denen wir uns anvertrauen, weil auch sie sich an solchen Unterschieden orientieren, die einen Unterschied machen. Nichts ersetzt dabei den Geschmack von Realität, ob sie nun süß schmeckt oder bitter.

Dennoch wollen die meisten nach den ersten Störsignalen erst einmal weiterschlafen. Und es gibt einige, die sich zu Recht davor fürchten, dass wir solche Unterschiede immer wieder hellwach benennen und – allein oder gemeinsam – in unseren eigenen Geschichten weitererzählen. Auch das macht einen Unterschied. Aber dem steht Gott sei Dank noch kein allgegenwärtiges Matrix-Maschinenbewusstsein gegenüber, das solche Herrschaftsinteressen aufnimmt und sie – wie in „1984“ – durch eine sich selbst stabilisierende Avatarkonstellation vom Großem Spieler und seinem gefährlichen Gegenspieler schützt. Statt sich in den vernetzten Weltzusammenhängen unserer Gegenwart an einem Dauer-Input zu orientieren, das den Krieg als Epochenmerkmal ideologisiert, kann man wach, authentisch und realitätsbezogen an persönliche und gemeinschaftliche Erfahrungen von Liebe und Solidarität anknüpfen. Nur muss das eben jetzt in einem weiteren Rahmen geschehen – und anders als bisher.

Doch was ist das für ein Raum, der sich so erschließt – und wie wäre er überhaupt zu füllen?

„Kultur ist systemrelevant.“

So benennt die App den Ergebnisrahmen, in den ich dieses Testergebnis einordnen kann. Sie bezieht sich mit diesem Input auf eine Protestformel gegen eine Corona-Krisenregelung, die im Ukraine-Krieg und bei sinkenden Inzidenzen ein wenig in den Hintergrund getreten ist, aber krisenstabil zu sein scheint – denn sie geht schon auf die Bankenkrise zurück: „too big to fail“. Man könne die Teilnahme an Kunstveranstaltungen nicht verbieten, während die an „Kultusveranstaltungen“ weiterhin erlaubt sei. Wegen des unmittelbaren Vergleichskontextes zucke ich auch bei diesem App-Vorschlag wieder kurz zusammen. Dann aber besinne ich mich auf die bisherigen Ergebnisse. In ihnen geht es um klärende anschlussfähige Unterscheidungen, die nicht in einem abstrakten Streit um Definitionen auslaufen sollten.

„Systemrelevant“ ist Kultur sowohl durch die institutionalisierte Speicherung, Aktualisierung und Transformation von Traditionsmustern, die geregelte Orientierung sichert (etwa im Bildungs- und Ausbildungsbereich), als auch durch die die inszenierte Aktualisierung interessanter Lebensäußerungen, die herkömmliche Orientierungen irritiert und Innovation ermöglicht. Dass „Kunst“ dabei zunehmend eine posttraditionale Traditionsgemeinschaft repräsentiert, ist durch das epochale Versagen anderer Traditionsgemeinschaften wie Kirchen, Parteien und Gewerkschaften bedingt und steht auf einem anderen Blatt. Denn das nur Kunstblut verspritzende gesellschaftliche Probierhandeln steht in einem notwendigen Zusammenhang mit der reibungsstark sich vortastenden Selbstorientierungen zivilgesellschaftlicher Gemeinschaften, dem politischer Regulierung vorlaufenden wissenschaftlichen Dialog und dem daran anknüpfenden Streit um Deutungs- und Anwendungsmöglichkeiten. Dieser Vorlaufaspekt gesellschaftlichen Handelns ist tatsächlich ebenso systemrelevant wie die laufende Produktion und der Austausch von Gütern und Dienstleistungen, das mitlaufend regulierende Rechtswesen und die Regel durchsetzende nachlaufende polizeiliche und militärische Gewalt, die unregulierte Gewalt nach Möglichkeit verhindert. Aber er sollte sich eben auch in anderen Bereichen des Lebens vorgreifend realisieren (nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch im Organisationsbereich jener oben genannten Traditionsgemeinschaften), damit aktuelle Orientierungsdiskurse neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen.

Die Heldinnen und Helden solcher Narrative, so notiere ich während der laufenden Kreativphase der App, sind jedenfalls präzise als Gegentypen zu jenen Führungsfiguren zu bestimmen, die sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt haben und die jetzt dort als Wahrnehmungshintergrund aktualisiert sind: Neben den veralteten übergroßen Bildern des allwissenden und alles sehenden Großen Bruders sind es die vergilbenden Plakate des rauchenden Cowboys, wie John Wayne sie in Filmen verkörpert hat. Jemand, der immer schon so war, wie er jetzt ist – von altem Schrot und Korn, wortkarg, aber reaktionsschnell, entscheidungs-, handlungs- und treffsicher. Mit ihm steigt vielmehr ein Kalter Kriegsheld aus der Gruft, an dem man einen Katalog von Gegeneigenschaften ablesen kann. Man kann sie den schon erwähnten öffentlich Handelnden in der gegenwärtigen Krise zuordnen, die so zu ikonischen Leitbildern im Epochenübergang auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen werden könnten: Empathiefähigkeit und Authentizität, eingeübt in verschiedenen Berufsrollen, münden ein in jene entscheidende Führungseigenschaft im Epochenübergang, die ebenfalls schon Thema war: tief greifende Orientierungstransformationen vorleben zu können, um Vernetzungstransformationen zu bewirken, mit denen sich dann bestimmbare Einzelprobleme lösen lassen. Das setzt die Fähigkeit zur Selbsttransformation und Risikobereitschaft voraus – und eine nur lose Kopplung an politische Positionen und Rollen.

Im Unterschied zum „Großen Kommunikator“ Ronald Reagan, der als ehemaliger Cowboy-Schauspieler politisch Karriere machte, entziehen sich, wie wir gesehen haben, gegenwärtig öffentlich Handelnde typischerweise den Dilemma-Szenarien des Kalten Krieges und dem biografischen Identitätsnarrativ eines vergangenen Zeitalters. Aber eigentümlich treffsicher häufen und verdichten sich an dieser Stelle bestätigende Inputs, die vom hellsichtig Naiven berichten, den es ins Präsidentenamt trägt wie im Kino (vgl. neben Selenskyj schon Welcome Mr. Chance, 1979). Im Hintergrund beginnen dann allerdings die Gruselclown-Verführerbilder von Donald Trump, Boris Johnson und anderen zu flimmern. Ich breche hier ab, denn gerade wenn ich den zunächst verwirrenden Output dieser Kreativphase in den bisherigen App-Zusammenhang einordne, ergibt sich ein Zwischenergebnis, das weiterführt:

In einer Epoche mit dem Leitmedium weltweit vernetzter elektronischer Kommunikation, deren Weltbild sich gerade erst in Umrissen erschließt, löst die politische Rede von einer Zeitenwende (als Rückwärtsrolle in die Zeit des Kalten Krieges) erhellende Resonanzen aus. Vor dem Hintergrund einer in Epochenübergängen intuitiv empfundenen ungeheuren Erweiterung des kulturellen Potenzialraums, können wir, wie gesehen, eine enthusiastische Begrüßung des Neuen erwarten, aber auch utopische Entwürfe und Hybris bei deren Umsetzung. Dieses Fake-Narrativ aktualisiert Traditionsmuster, an denen sich personale Innenwelten in kulturell vielfach überlagerten Blasen orientieren. Mit dem Freund-Feind-Thema spricht es „Personen“ dabei auch als Schnittstellen der Traditions- und Kommunikationsvermittlung an und thematisiert so das potenziell weltweite gesellschaftliche Vernetzungspotenzial unserer Weltgemeinschaft. Schließlich und vor allem aber wird mit diesem Narrativ auch das kulturelle Veränderungs- und Anpassungspotenzial dieser vernetzten und überlagerten Innenwelten zum Thema.

Spätestens hier aber lenkt jener Impuls nun den bangen Blick darauf, ob und wie die Rückkopplung jener Innenwelten mit der gesellschaftlichen und natürlichen Außenwelt gelingen kann, die jeweils so sind, wie sie sind. Retro-Beispiele, Regressionsspiralen und dystopische Weltmodelle zeigen vor jenem weiten und hellen Horizont, der sich für die nach Orientierung suchende Weltgemeinschaft öffnet, welcher kulturelle Unterschied jetzt und hier den entscheidenden Unterschied macht.

„Was ist wirklich möglich?“,

fragt die App in ihrer nächsten Phase. Weder die Retro-Figuren eines angeblich noch fortbestehenden Kriegszeitalters werden uns retten, noch müssen wir immer noch auf irgendjemanden warten, der oder die uns erst noch ins gelobte Land der Zukunft führt. Dort, wo wir jetzt angekommen sind, können wir uns selbst und können wir uns wechselseitig durch nicht beliebig anschlussfähige Narrative orientieren – deren Heldinnen und Helden diese Narrative dann entweder authentisch und resilient präsentieren können oder über kurz oder lang verstummen werden. Die Anschlussfähigkeit an „Realitätsdiskurse“ aller Art ist der Unterschied, mit dem die Evolution hier Unterschiede macht und im Bereich der Kultur notwendige Bedingungen gesellschaftlichen und planetarischen Überlebens setzt: Durch gelingende (oder misslingende) Orientierung.

In unserer Epoche sollte eine realitätsbezogene Krisenpolitik in der Ukraine-Krise notwendigerweise weiterhin kopplungsfähig sein sowohl an die weiterlaufenden systemischen Vorgaben der Umweltpolitik als auch an wissenschaftliche Pandemiediskurse. Im Kontext einer sich abzeichnenden Weltgemeinschaft ließen sich viele Zusatzkriterien zur Krisenbewältigung unter ökologischen Rahmenbedingungen bündeln zur jüngst erhobenen Forderung nach einer „feministischen Außenpolitik“, die sich die neue Außenministerin vor der jüngsten Krise zu eigen gemacht hat. Und für eine glaubwürdige Umsetzung solch einer Politik, an der man sich nachhaltig orientieren kann, können wir jetzt als Diskurskriterium zusätzlich benennen, dass in realitätstüchtigen politischen Narrativen jeweils konkrete Themen, Regionen und Personen benannt werden – als ob diese jeweils eine Adresse im weltweiten Netz hätten.

Im Übergang zur letzten Phase der App, in der als Ergebnis festgehalten wird, wer was wann mit wem verabredet, damit sich ein neues Narrativ entfalten kann, stellt die App mir (wie jedem anderen Anwender, jeder Anwenderin) genau jene Frage nach den blinden Flecken im eigenen Narrativ, die nicht zufällig bereits am Anfang dieses Textes zum Thema wurden. Als Theologe und Germanist, der sich berufsbiografisch auch als Therapeut, Mediator und Berater herumgetrieben hat, hatte ich das Glück, schon sehr früh die Epochenwende selbst zu meinem Lebensthema machen zu können. Der Unterschied zwischen dem Neuzeit-Mythenverständnis und der Mythosformel bei Lévi-Strauss machte einen Unterschied! Im Themenbereich „Schöpfung zwischen Innovation und Kreativität“ erschlossen sich mir daraufhin wissenschaftliche Zusammenhänge und Lösungsmodelle vor anderen, die in ihrer jeweiligen Zunft besser vernetzt waren und Anwendungen besser vermarkten konnten. Da ich aber auch Sigmund Freud zu den Gründergestalten im Übergangsfeld jener Epochenwende zähle, ist mir wohl bewusst, dass es Neid war, der mich in meiner kulturellen Blase alarmierte und meine App anspringen ließ, als im politischen Diskurs von einer Zeitenwende die Rede war. Mit dem Output des hier entstehenden Textes sollte die App noch einmal beweisen, dass das Leben – zu Unrecht! – auch den bestraft, der zu früh kommt.

Aber sein politischer Hintergrund gab und gibt mir noch einmal Gelegenheit darauf hinzuweisen, dass sich in meiner eigenen kulturellen Blase zwar ein lebenslanges Engagement für nationalstaatlich organisierte Solidaritätsorganisationen bündelt, die in ihrem Werteengagement vielleicht „alternativlos“, aber „epochal überholt“ sind: evangelische Landeskirche, SPD und Einheitsgewerkschaft (jeweils mit ihren eigenen blinden Flecken, die oft genug immer noch meine eigenen sind). Aber eben bewusst als störend orientierende (Nicht-) Mitgliedschaft am Rande. Und wie sich in meinen beruflichen Netzwerken Inspiration, kollegiale Beratung und Supervision verbinden, das bezeugt unserer Webseite https://institut.iwse.de. Die App bestand jedoch auf Ursprungsszenen dieses Textes als Input. Also:

Die Blase als „Sitz im Leben“ unserer Alltagsorientierung

Ich stehe da nicht auf dem Kommandodeck eines Planeten-Raumschiffes, sitze nicht einmal ordentlich am Schreibtisch vor dem Bildschirm und stelle mich den Fragen der App, um zu schreiben, was ich schreibe, wie jetzt. Ich sitze regelmäßig im Café, um Abstand von den Kriegsnachrichten zu gewinnen und von Kriegsbildern und -gedanken, die sie im Kopf entstehen lassen. Dort übe ich mich als ordinierter Universitätstheologe und multiprofessioneller Dilettant immer wieder in Demut, indem ich mir von meinem Freund Werner Fuchs – Diakon und gastronomischer Selfmade-Unternehmer („Martha’s Finest“) – Rollendünkel, institutionelle Naivität und Praxisferne vorwerfen lasse. Und mangelnde Bereitschaft, die eigene Comfortzone zu verlassen. Dann rekonstruieren wir wechselseitig, wo sich Inhalte unseres gemeinsamen kulturellen Gedächtnisses irritierend überschneiden (dass Helmut Schmidts „Nachrüstung“ erst Willy Brandts „Wandel durch Annäherung“ ermöglichte, dass der jetzige Gesundheitsminister als Berater einer früheren Gesundheitsministerin für eben die Fallpauschale warb, an der er sich heute im Amt abkämpft): ehe wir uns den jüngsten Artikeln unseres intellektuellen Leitbildes Arno Widmann zuwenden.

Der ist irritiert, dass er Orhan Pamuks Pest-Roman nicht mehr im Kontext der Covid-, sondern der Ukraine-Krise liest. Aber als narratives Kontrastmittel trainiere uns Kunst darin, zwischen verführerischer Illusion, kritisch zu betrachtenden Geschichtsnarrativen und der Notwendigkeit zu unterscheiden, Fakten in unsere eigenen individuellen und kollektiven Narrative einzuordnen, um uns – immer neu erwachend – in der Wirklichkeit zu orientieren. (Orhan Pamuks „Die Nächte der Pest“. Vom Versinken und Aufwachen, Frankfurter Rundschau vom 7. 3. 2022) In dieser Wirklichkeit (des Ukraine-Krieges) erweisen sich dann die Arbeiter, auf die Brecht sich berief, als zerstörend und mordend, als Opfer wie als Täter – je nachdem, in welchem kulturellen Kriegsnarrativ sie zu Helden ihrer Gesellschaft werden. (Wer baute die Stadt auf? Und wer zerstörte sie? Brechts lesender Arbeiter und die Trugschlüsse und Traumata des Krieges a.a.O., 20. 4. 2022).

„Wir hatten die Wahl, ‚Frieden für Vietnam‘ oder ‚Waffen für den Vietcong‘ zu rufen, schreibt Widmann auch. „Ich tat letzteres.“ Werner und ich wissen, dass er nach seiner selbstkritischen Distanzierung von einer ideologisch verhärteten und gewaltbereiten Linken seine Bereitschaft zum berufsbiografischen Rollenwechsel schon hinreichend bewiesen hat und nun einfach weiterschreiben kann: klärend und orientierend. Das, beschließe ich, werde auch ich tun. Ich werde ihm später davon erzählen, dass mich die Leitdifferenzen von Schleiermacher und Clausewitz bei der App-Anwendung und bei der Auswertung ihrer Ergebnisse begleitet haben und dass ich beide schon vor meinen weiteren Ausbildungen und Tätigkeiten für mich entdeckt hatte. Auf einem von mir als authentisch empfundenen Zickzackkurs zwischen einer wegen meines Theologiestudiums freiwilligem Offiziersausbildung und nachträglicher (und später widerrufenen) Kriegsdienstverweigerung. Was ihn nervt, weil er das schon kennt.

Ich trage also hier im Text nach: Am Anfang meiner wissenschaftlichen Laufbahn nahm ich mit Genugtuung wahr, dass beide als zu früh gekommene System- und Prozessdenker bei der Anwendung überkommener Traditionsmuster zwischen Deduktion und Induktion oszillierten: der eine als (Re-) Konstrukteur gesellschaftlich prägender diskursiver Orientierungssysteme (einschließlich ihrer Orientierungsgestalten), der andere als Vordenker bei der Einschätzung und bei der immer neu aktuellen politischen Einbettung aller militärischen Gewalt. So dass ich auch die Kriegsdiskurse in meine Orientierungsbilder einordnen konnte.

Aber war’s das? Was kann ich noch tun, nachdem ich meine eigene Orientierungsgeschichte zu Ende erzählt habe?

5. „Was verabreden wir?“

Neuer Auftrag (App-Phase 1)

Die App fragt hartnäckig weiter, obwohl ich den Text eigentlich schon abgeschlossen habe. Nur noch Restmaterial wartet am Dateiende aufs Löschen oder sogar noch in Zettelform auf den richtigen Papierkorb. Ich selbst bin als Messie unterwegs. Aber vielleicht ist das kein Zufall, denke ich beim Überblick. Ich könnte der Leserin, dem Leser vorschlagen, ein eigenes „Zeitenwende“-Narrativ als Variante dieser App-Anwendung zu produzieren. Das wäre schon die Aufgabendefinition in der ersten Phase. Und die könnte ich dann mit Hilfe des Restmaterials erläutern. „Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit/ Leicht beieinander wohnen die Gedanken,/ doch hart im Raume stoßen sich die Sachen“, zitiert nämlich Arno Widmann am 7.3. aus Schillers Wallenstein. Mit diesem Zitat wollte die damalige Lehrergeneration die Radikalität der jungen Linken als „bloße Theorie“ brandmarken. Die stimmten dem zu, berichtet er – und wählten die radikale Praxis. Welcher Unterschied macht hier den Unterschied, vor dem wir unsere Krisenrealität wahrnehmen? – Das formale Ziel dieser Phase wäre eine vorläufige Überschrift als Name des Projekts.

Und inhaltlich? Ich sortiere jetzt meine restlichen Anfangsnotizen in zwei Stapel, um zu zeigen, wie ich begonnen habe. Bei der ersten Epochenwende (hin zur Schrift) hat man die Gnostiker als Häretiker denunzieren wollen, weil ihre Orientierungsnarrative „Mythen“ seien. Unter dieser Überschrift hatte ich notiert, dass man ihre geheimen Verschwörungs- und Erlösungstheorien daran erkennen konnte, dass sie auf Fragen antworteten wie: Wo kommen wir her? Warum sind wir hier? Wo gehen wir hin? Um zu klären, wer wir sind, was das Ganze soll – und was wir daher tun sollen. Weil das ja Urfragen sind, für die jede und jeder immer wieder nach Antworten sucht – und immer schon je für sich gefunden hat, ohne sich dessen bewusst zu sein. Dazwischen orientieren wir uns dauernd: der eine so, die andere oder die anderen anders. Mit Konsequenzen für uns und für die Welt, in der wir zusammenleben.

Auf dem anderen Stapel entdecke ich immer noch jene Fakten und Daten, die bei den Standard-Kriseninterventionen des „neuen Zeitalters“ irritieren: An den Grenzen werden „falsche Flüchtlinge“ aussortiert, die „richtigen Waffen“ werden den Angegriffenen verweigert. Von anderen Krisen wird kaum noch berichtet: Covid 19- und Umweltkrise laufen aber weiter, ebenso lokale Kriege und Hungersnöte. Flüchtlingsbewegungen und Hungersnöte mögen unterschiedliche Ursachen haben, aber jetzt werden sie von der Ukraine-Krise überlagert und ihre Folgen verstärken sich: durch den Krieg ebenso wie durch die Sanktionen, die verhängt werden. Und die Auswirkungen überfordern die nationalstaatlichen „Zeitenwende“-Verkünder regelmäßig, weil sie den weltweiten Austausch von Bildern und Nachrichten nicht kontrollieren können, an denen sich die Menschen orientieren und die dann sie selbst, Gelder und Güter in Bewegung setzen: über Grenzen hinweg.

Einleitend soll also „Zeitenwende“ als andere Seite der Leitdifferenz vorläufig benannt (oder erschreckt aufwachend umbenannt) werden: als Hintergrund, vor dem sich die eigene Wahrnehmung der Krisenrealität abhebt – und als Platzhalter für etwas, was ich selbst als Weltbild-Wandel-Narrativ erzählt habe. („Da bin ich neugierig“, notiere ich auf einem neuen Zettel, den ich dann bald wegwerfe.)

Humpelnd ans Ziel,

wie Ödipus: der am Ende zu viel wissende „Schwellfuß“ der griechischen Mythologie. Das, aber immerhin das, kann ich versprechen. Denn am Beispiel dieses Mythos entwickelte Lévi-Strauss seine, meine Zauberformel, die wir immer schon verwenden, wenn wir erzählen und dabei ein Ziel vor Augen haben. Die Leitfragen der übrigen Phasen finden sich im Text, teilweise sogar als Zwischenüberschriften. Nach diesem Schema lassen sich nicht nur interne (Beratungs-) und externe (Mediations-) Konflikte bearbeiten, wir legen es auch unseren Kursen und Beratungen zugrunde. Es ist besser als wir selbst! Wie Niklas Luhmann und sein Gewährsmann George Spencer-Brown wussten, kopieren wir dabei jene Ausgangsdifferenz immer wieder in abgeleitete Differenzen hinein: nach einer rekursiven Regel. Das offenbare Geheimnis der Schöpfung.

Praktisch wird nach Ihren ersten tastenden eigenen Antworten mit jeder Phase deutlicher werden, was für jede und jeden, der sich dieser Aufgabe stellt, das „Objekt des Begehrens“ ist. Wer hat es für wen bereitgestellt? Wer oder was hilft mir, wer oder was hindert mich zu erreichen, was ich dort wirklich will? Auch diese Positionen des Schemas, dass allen Erzähl- und Textzusammenhängen zugrunde liegt, werden sich Phase für Phase benennen lassen, gerade weil sich die Besetzungen unterwegs verändern werden. Vorab dann nur noch so viel: Jene Leitdifferenz entfaltet sich durch die Ortungsimpulse der App so, dass diese als Orientierungsimpulse auf Dritten Wegen weiterführen. Das funktioniert nach der letzten Epochenwende völlig anders als im neuzeitlichen Schema der „zwei Kulturen“: in einem, in Ihrem Narrativ. So sollten sie sich nicht nur im „Nebel des Krieges“ bewähren, sondern können vielleicht auch bewirken, dass diese Nebel sich dadurch schneller lichten und dass gemeinsame Ziele gemeinsam erreicht werden können.

Und für diejenigen, die mehr wissen wollen: Der Quellcode unserer App ist tief im Weltbild unseres digitalen Zeitalters verankert. Jene Ortungs- und Orientierungsimpulse, die sich narrativ entfalten, lassen sich mit 0 und 1 codieren. Durch sie verschränken sich qualitativ und quantitativ zu erfassende Größen, Abzählbares und nicht Abzählbares aus unseren Wissens- und Erfahrungsbereichen reißverschlussartig, sobald wir es benennen. Wie Naturwissenschaft und Technik zeigen, treten dabei Deduktion und Intuition („Erfahrung“, Nichtübereinstimmung), die „hinkend“ ineinandergreifen, in einen Diskurs- und Verfahrenszusammenhang, der aus vagen Netzzusammenhängen neue, komplexere Gestalten auf höheren gesellschaftlichen Organisationsebenen hervortreten lässt.

Dieser spiralförmig gestaltende Algorithmus, den Mythos- wie Innovationsformel festhalten, entfaltet sich nach jedem Anfang („Urknall“) als andauernde Schöpfung im Trommelrhythmus der Primzahlen, wie Mathematiker uns erklären würden. Er lässt das Alte – irritierenderweise – als Altes im Neuen erscheinen, das einen erweiterten und paradigmatisch vertieften Verständnisrahmen erfordert. Das sollte in Erkenntnismustern und Modellen Dritte Wege eröffnen – und nicht zu einem Salto rückwärts ins 21. Jahrhundert verleiten.

Unterwegs I (Regeln und Normen)

Es waren unvorhersehbare Dritte Wege, die den Kalten Krieg als eine hinter uns liegende Episode zum Fake-Hintergrund der gegenwärtigen Krisensituation werden ließen. Die Enge (und die Faszination) dieser von Scheinalternativen bestimmten Nachkriegsepisode, in der die Zeitgenossen Orwells gefangen, hat dieser in seinem dystopischen Epochenroman so zum Thema gemacht, wie es nur einem Beobachter möglich wird, dem sich der sehr viel weitere Lösungsraum unserer Epoche intuitiv längst erschlossen hat. So entfaltet sich das Orientierungspotenzial von Geschichten, die von draußen und von unten erzählt werden – und die von Leidenden berichten. Das ist der Weg zu Befreiung und Erlösung, den unser kollektives Gedächtnis speichert. Und das hat praktische Konsequenzen. Ein Salto rückwärts im halbwachen Zustand kann uns im Raumschiff Erde tief fallen lassen. Aber vielleicht ist es auch noch zu früh für den Kommandoraum.

Heißt das Anything goes? Nein. Es gibt Wahrheiten, an denen wir uns dabei zuverlässig orientieren können, Irrtümer, die wir vermeiden können, und ein Verhalten, das sich einüben lässt. Ich empfehle für unterwegs:

- LINKS – rechts. EINATMEN – ausatmen. ICH BIN ANGEKOMMEN – ich bin da (wie beim Yoga).

- Störungen haben Vorrang: Stopp! Und über die eigene Schulter schauen. Was hat mich irritiert? Kritische Parameter (Unterschiede, die einen Unterschied machen) erkennen und benennen (wie wir in unseren Ausbildungen lehren).

- Dann anders: Mit diesem Input weitermachen!

- Und schließlich: Beobachter wie Gestaltungspositionen am Rande und von der Seite festigen und als sich normativ an die Regel binden: Der abgewählte Looser hat in seiner Weise recht! Jede, jeder den’s trifft, hat immer recht. (Mindestens auf eine humane Behandlung in Kriegsgefangenschaft und im Exil.) Resistenz und Resilienz sind immer zu fördern.

Unterwegs II (Ortungs- und Orientierungsbilder)

Diese Regeln und Normen, tief ansetzend und wiederholt auf Nichtbeliebiges angewandt, entfalten sich in narrativen Zusammenhängen in einer ästhetischen Dimension. Dritte Wege können orientierte kulturelle Wege zur Bildung neuer gesellschaftlicher Orientierungsgestalten werden: überprüfbar, prinzipiell rückholbar, potenziell nachhaltig. So ergeben sich Ordnungsbilder, deren Genese und Struktur ich (nach jener oben erwähnten Formel) hier ebenfalls mitteile. Sie dienen der Ergebnissicherung zwischendurch wie am Ende.

Für Schleiermacher steht das protestantische Prinzip für den notwendigen Transzendenz- (Gottes-, Unendlichkeits-) bezug von Religion. Das katholische Prinzip steht (waagerecht) für den notwendigen Sozialbezug von Religion. Die dritte (Vermittlungs-) Achse ist nach Schleiermacher für die Gestaltentwicklung notwendig. Theologisch kann man das mit der Trias von Glaube, Liebe und Hoffnung wiedergeben.

Eine dogmatisch und ethisch „gesunde“ christliche Gestalt steht (wie in Freuds oder Riemanns Neurosenmodell) in gleichmäßiger Distanz (bzw. hält Kontakt) zu „Nazoräertum“ (Asket, Autonomie) und „Doketismus“ (Mystiker, Partizipation) einerseits, „Manichäismus“ (Priester, Dauer) und „Pelagianismus“ (Prophet, Wandel) andererseits. Wichtig für die diagonale Immanenz-Transzendenz-Achse ist, dass in der Tiefen-Topologie unseres Weltbildes Gott nicht mehr „oben“ (Antike) oder „in der Tiefe“ ist. Er wartet auf uns „zwischen“ 0 und 1 „imaginär“ in den Schichten und Maschen der Netze auf uns: nachdem er immer schon unsere Adresse aufgerufen hat.

In unserem Zusammenhängen unterscheiden wir orientierendes und orientiertes Verhalten. Das eine ist gekennzeichnet durch nur paradigmatisch zuordbare, normierende und dimensionierende Orientierungsaspekte. Hier steht ∞ (digital 0) für prinzipiell nicht abzählbare Qualitäten, die auf der x-Achse abgetragen werden. Auf der y-Achse werden syntagmatisch verkettete Orientierungsaspekte abgetragen, die prinzipiell skalier- und abzählbar sind; hierfür steht n (digital 1). Der qualitative und der quantitative Orientierungsaspekt werden immer wieder durch konkrete Ortungsimpulse eines Narrativs gemessen und nichtbeliebig in Beziehung gesetzt. Dadurch ergeben sich Markierungen auf Dritten Wegen (in der Grafik durch i-Werte wiedergegeben). Also:

Und nicht nur wegen der Schleiermacher-Ordnungsbilder habe ich veröffentlicht: „Krisenlernen im Paradigmenwechsel. Ein ethno-soziologischer Werkstattbericht“, in: Lebensgefühl Corona. Erkundungen in einer Gesellschaft im Wandel. Eine qualitative Langzeit-Studie, hrsg. von Ulrich Lilie / Daniel Hörsch, Berlin: midi / Ev. Werk für Diakonie und Entwicklung e. V. 2022, 147-154; zusammen mit Holger Böckel: Pilger- als Patientenreise. Kirchliche Zukunftschancen in der Wahrnehmungsperspektive der Unternehmensdiakonie, a.a.O. 178-186. (https://www.mi-di.de/corona-studie), Grafiken S. 15.

 

Dadurch dass sich auf der x-Achse syntagmatische („Alltags-“, quantitative, abzählbare) Vorgänge und Orientierungen abzeichnen (Religion 2), bis diese auf der y-Achse abgetragen werden müssen, weil es nun um („Sonntags“, qualitative, nicht mehr abzählbare) Erlebnisse und Umorientierungen geht (Religion 1), wird auf der z-Achse (beides integrierend) der Prozess selbst sichtbar und zum Thema. Auf sich überlagernden Sprachebenen: durch Handlungen, Orientierungen, Reflexionen, auf Objekt-, Beobachtungsebenen, erschließen also geeignete Narrative durch die Integration syntagmatischer und paradigmatischer Beziehungen intuitiv einen Sozialraum als kulturell vorangetriebenen gesellschaftlichen Gestaltbildungsprozess.

Das verbindet Vorlage und Variante.

Schlussphase: Wie kontrollieren wir die Wirkung?

Durch Netzresonanzen. Wie sonst? Eigentlich habe ich ja hier schon zusammen mit dem ursprünglichen Text unseren Quellcode als Open Source veröffentlicht. Ich füge noch Print- und Onlinematerial zum Download hinzu; unsere Netzadresse steht ja oben schon:

Ich habe gerade „Eunet“ fertiggestellt (im Erscheinen). Dort heißt es im Vorwort: „Dieser App-Roman kann auch als vierter Band einer Buchreihe gelesen werden, die den gemeinsamen Untertitel ‚Zwischen Kreativität und Schöpfung‘ tragen müsste. Nach ‚Innovation‘ (Berlin: EB-Verlag 2012) ‚Regulierung‘ und ‚Tiefe Innovation‘.

Nicht nur wegen Clausewitz habe ich veröffentlicht : Wolfgang Nethöfel, Gott geht mit uns durch die Zeiten, in: Zur Sache BW 37 (1/2020) CYBER. Leben hinter der Firewall, S. 12-16 (https://www.bundeswehr.de/resource/blob/261410/7e941bb241aa2e16ecad763a32d96aa5/zur-sache-bw-37-2020-data.pdf).

Und nicht nur wegen der Schleiermacher-Ordnungsbilder habe ich veröffentlicht: Krisenlernen im Paradigmenwechsel. Ein ethno-soziologischer Werkstattbericht, in: Lebensgefühl Corona. Erkundungen in einer Gesellschaft im Wandel. Eine qualitative Langzeit-Studie, hrsg. von Ulrich Lilie / Daniel Hörsch, Berlin: midi / Ev. Werk für Diakonie und Entwicklung e. V. 2022, 147-154; zusammen mit Holger Böckel: Pilger- als Patientenreise. Kirchliche Zukunftschancen in der Wahrnehmungsperspektive der Unternehmensdiakonie, a.a.O. 178-186. (https://www.mi-di.de/corona-studie), Grafiken S. 15.

Und jetzt Klick! Ab mit dem Text. Der CURSOR blinkt im Netz wie ein Leuchtturm und verspricht Orientierung.

… Danach (Darknet)

Früh am Morgen, wartend, hastig tippend vor dem Bildschirm (Reste im Kopf, unterwegs zu einem pastoralen Nachwort):

In Krisenzeiten gebiert unser traumpräsentes Kollektivgedächtnis Ungeheuer. Im Wachzustand unserer Vernunft haben wir jedoch bei unserer „Odyssee im Weltraum“ die sich daraufhin naheliegenden Lösungsvorschläge ebenso zu überprüfen wie die Besatzung von Discovery One die Vorschläge des Bordcomputers HAL 9000. Wir ordnen sie dann differenzdiagnostisch verschiedenen Narrativen zu – oder schieben den gesamten Traum in den Zettelkasten zurück, aus dem er gekommen ist. Der reist mit uns und verbindet uns von innen ebenso mit Ursprung uns Ziel unserer Reise wie es die äußeren Daten tun, die dort gespeichert sind. Was oder Wer das ist, erschließt sich in unserer Epoche weder „oben im Himmel“ noch als Ergebnis einer (säkularisierbaren) kollektiven oder individuellen Heilsgeschichte, sondern so, als ob es zwischen den Maschen des Bordnetztes immer schon auf uns gewartet hat und wartet: mit einer Netzadresse für jede und für jeden von uns.

Als digital immigrant und allenfalls halb-woke erkenne ich in unserer Krisensituation aus meiner Blase heraus, dass es – gegen allen Augenschein – global anschlussfähigen Orientierungsmuster meiner eigenen Traditionsgemeinschaft gibt. Sie präferieren ästhetisch wie ethisch, das, was tiefe Resonanzen über Gestaltebenen hinweg erzeugt: im nicht beliebigen Kontakt mit dem, was am Rande, draußen und unten ist. Die orientierenden Narrative nicht nur meiner eigenen Traditionsgemeinschaft erzählen vom endlichen Sieg Anteil nehmender Liebe über die Scheinsiege gewaltsamer Selbstbehauptung, vom Wechselspiel zwischen Selbstkritik, Einsicht und schöpferischem Neuanfang. Solche narrativen Potenziale lassen sich missbrauchen, wie man wissen kann und immer wieder sieht. Und ganz sicher waren und sind säkularisierte Kopien oft prägnanter als orthodoxe Rituale, in denen solche Muster abgekoppelt und folgenlos reproduziert werden. Auch das gehört zum bösen Erwachen in Traditionsgemeinschaften.

Aber ich weiß auch, dass man sich jeden Morgen neu darauf besinnen kann, was jetzt wirklich der Fall und was heute zu tun ist. In Krisenzeiten schließt das ein, sich für radikale Reformen der eigenen Traditionsgemeinschaft einzusetzen, damit diese auf Kurs bleiben kann: eine nicht nur protestantische Urerfahrung …

Der Bildschirm flackert, und ich merke, dass sich die App ins Darknet verabschiedet, weil sie seit ihrem paradoxen Rückgriff auf die Nachhaltigkeit der Ergebnisse selbst zum Thema geworden ist. Sie setzt noch einmal bei der Corona-Krisen-Differenz von Kultus und Kult an und schlägt analog zum Epochen-Gegenbild von 1984 als Input Projekte von Anne Imhof und Eliza Douglas vor. Sie müssten ein stabiles Netz-Gegenbild ergeben. In den weltweiten Performances reiner Resonanz ist keine der beiden Personen als Knoten adressierbar, nirgendwo ist ein Narrativ ist zu erkennen, in der wachen Präsenz aller verschwindet das Netz.

„Und wer oder was ist zwischen den Maschen?“, frage ich, staunend verstummend in meiner Blase.

Die App hat offensichtlich darauf gewartet. „Ich weiß nicht einmal, ob ich an dich glaube. Aber ich hasse dich.“ (Outer Range, Amazon Prime Video 2024).

„Done!“

Dann ist der Bildschirm leer und das Große Rauschen …

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