Gottes Zutrauen zum Menschen in der Klimakrise
Die Erfahrung der Klimakrise offenbart dem Menschen eine Seite der ihn umgebenden Natur, die ihm so noch nicht begegnet war. Sie zeigt ihm „eine Verletzlichkeit [der Natur], die nicht vermutet war, bevor sie sich in schon angerichtetem Schaden zu erkennen gab“.1 Ebenso und damit zusammenhängend offenbart die Klimakrise dem Menschen das Ausmaß an eigener Wirkmächtigkeit.
Die Klimakrise „bringt […] an den Tag, daß die Natur menschlichen Handelns sich de facto geändert hat, und daß ein Gegenstand von gänzlich neuer Ordnung, nicht weniger als die gesamte Biosphäre des Planeten, dem hinzugefügt worden ist, wofür wir verantwortlich sein müssen, weil wir Macht darüber haben.“2
Der Mensch sieht sich herausgefordert aufgrund dieses Wissenstands die Natur zum Gut zu erklären und die anthropozentrische Ethik zu erweitern. Die Natur als menschliches Treugut zu betrachten, ist für die Ethik neu, 3 nicht jedoch für die christliche Religion, denn sie kennt den Topos des Auftrags zur Pflege und Bewahrung der Schöpfung nach Gen 2,15.
Was heißt es aus meiner christlich-theologischen, westeuropäischen, weißen Perspektive von Gott in der Klimakrise zu sprechen und Gott in der Klimakrise zu denken? Als besonders prominent in der kirchlichen und theologischen Bearbeitung der Schöpfungstheologie im Kontext der Erfahrung der Klimakrise tritt die Rede vom Auftrag zur „Bewahrung der Schöpfung“ hervor, die sich auf Gen 2,15 im zweiten biblischen Schöpfungsbericht bezieht.
Lichtinstallation am Berliner Dom mit dem Text „Schöpfung bewahren“ am 18.11.2008. Ersteller: Christian Ditsch Urheberrecht: © KNA-Bild
Die Rede von der Bewahrung der Schöpfung – nicht nur in kirchlichen Äußerungen im öffentlichen Kontext – zeigt, „wie sich ein zentrales dogmatisches Lehrstück verändert, wenn es auf die Fragen der Lebensführung bezogen wird.“4 Eigentlich will die Lehre von der Schöpfung nämlich Wesen, Güte und Treue Gottes vermitteln, wie sie sich im Schöpfungshandeln zeigen. Ihr Ort ist entsprechend die Gotteslehre. Heute jedoch wird mit der Rede von der „Bewahrung der Schöpfung“ auf das Verhalten des Menschen und seine Verantwortung für den Umgang mit der Natur, die als Schöpfung gedeutet wird, rekurriert.5 Die Schöpfungslehre verschiebt sich damit in die Anthropologie und Ethik. Wir haben es hier, laut Reiner Anselm, mit einer „spezifisch modernen Umbildung christlicher Lehrgehalte“6 zu tun.
Die Denkfigur, die alltagssprachlich und alltagsreligiös am stärksten verbreitet ist, lautet in aller Einfachheit und elementarisiert:
Gott hat die Erde7 gut geschaffen.
Gott schuf auch die Menschen.
Gott gab den Menschen eine herausragende, übergeordnete Position auf der Erde und beauftragte die Menschen, die Erde zu bebauen und zu bewahren/pflegen. (Gen 2,15)
Spätestens seit den 1980er Jahren tritt das Gegennarrativ hinzu, dass die Menschen die Erde aber ausbeuten und zerstören. Die Verschiebung von der religiösen Rede von Schöpfung hin zu der – naturwissenschaftlich verstandenen – Erde wird im letzten Schritt deutlich. Fortgesetzt lautet die elementarisierte Problembeschreibung also:
Die Menschen kommen ihrem Auftrag zur Bewahrung der Erde nicht nach.
Die Ausbeutung der Erde wird als Verfehlung/Sünde der Menschen gegen das Gebot der Bewahrung verstanden.
Der zuvor gegangene Schritt von der religiösen zur säkularen Sprache, wird also in diesem letzten Schritt wieder zurückgegangen, und die Zerstörung der Erde in der religiösen Sprache von Schuld und Sünde gedeutet. „Theologie in der Klimakrise“ umfasst also den Aufruf zur Umkehr und zur Verantwortungsübernahme, um den Auftrag Gottes nicht zu verfehlen oder zu missachten. Aus einem Text über Gott und Gottes Handeln, wird ein Text über Bewahrung und Fürsorge, über menschliche Verantwortung und menschliches Versagen als Themen der Schöpfungserzählungen.8
Allein schon die Rede von der „Bewahrung der Schöpfung“ mit der „Erhaltung von Natur“ gleichzusetzen, ist zu problematisieren, da Schöpfung und Natur Deutungsbegriffe unterschiedlicher Ebenen sind. Aus bibelwissenschaftlicher Perspektive hat Jan Christian Gertz darauf aufmerksam gemacht, dass die Rede von der Bewahrung auch von der alttestamentlichen Exegese durchaus kritisch gesehen wird.9 Nichtsdestotrotz ist „Bewahrung der Schöpfung“ ein Slogan, der sich seit nun drei Jahrzehnten gehalten und durchgesetzt hat, wenn es darum geht, kirchliches Engagement für den Klimaschutz biblisch zu begründen und zu fordern. Deshalb halte ich es für angezeigt den Bewahrungsbegriff nicht zu verwerfen, sondern sich unter veränderten Vorzeichen mit ihm theologisch auseinandersetzen.
Ich gehe dafür in folgenden Schritten vor: Ausgehend von der Frage, wie man angesichts der Klimakrise über Erhaltung und Bewahrung der Welt theologisch nachdenken kann, thematisiere ich zuerst die Lehre von der creatio continua und stelle die Kritik an der Rede vom Bewahrungsauftrag dar. Dies führt mich in einem zweiten Schritt zu Überlegungen, wie mit der Wahrnehmung des Scheiterns am Auftrag theologisch umgegangen werden kann. Dafür untersuche ich Beauftragung unter dem Blickwinkel des darin enthaltenen Zuspruches des Anvertrauens. Im dritten Schritt thematisiere ich abschließend die theologische Rede vom concursus divinus, die – so eine mögliche Interpretation – in Gen 2,15 das Zutrauen Gottes in die menschliche Gestaltungskraft ausdrückt. Ich ende mit dem Resümee, dass der Mensch beauftragt ist, in der Schöpfung Verantwortung zu übernehmen, weil es ihm zuzutrauen ist. Die Rede von Gottes Zutrauen in den Menschen ist hier als systematisch-theologischer Versuch gedacht, der auch seelsorglich Verwendung finden kann. Es geht darum, Gott in der Klimakrise zu denken und die theologische Rede von Schuld und Sünde unter diesem Vorzeichen zu diskutieren. Es soll darum gehen, „eine angesichts eines naturwissenschaftlich geprägten Wahrheits- und Wirklichkeitsverständnisses auskunftsfähige Theologie [und Rede von Gott] in hermeneutisch aufgeklärter Auseinandersetzung mit den biblischen Texten […] zu entwickeln.“10
Die Schöpfung wird theologisch mit Bezug auf Gen 1 als ein Schaffen aus dem Nichts, creatio ex nihilo, verstanden. Gleichzeitig ist sie mit Bezug auf die vorexilischen Psalmen ein nicht-abgeschlossener Prozess und insofern ist Gott in der Welt kontinuierlich und unablässig am Werk.11 Die heutige Welt ist dann die fortgesetzte Schöpfung (creatio continua) und die „in sich und durch sich [selbst] fortgesetzte Schöpfung“12 (creatio continuata). Gottes fortwährendes Handeln in der Welt hebt die relative Eigenständigkeit der Geschöpfe mithin nicht auf, sondern macht sie vielmehr zu einem Mittel seines Wirkens. Bereits in Genesis 1,11.24 und 1,20 wird deutlich, dass Gott durch sein Wort Erde und Wasser dazu befähigt, eigenständig Leben hervorzubringen. Die Schöpfung erweist sich somit als eine Geschichte der fortgesetzten Entfaltung, in der göttliche Wirkmacht und geschöpfliche Selbstwirksamkeit zusammenkommen. Im gemeinsamen Wirken kann Schöpfung als Beziehungsraum gedeutet werden.13
Die Schöpfung bedarf also göttlicher Erhaltung und der fürsorglichen, göttlichen Begleitung der Welt – Schöpfung ist angewiesen auf diese göttliche Mitwirkung (concursus divinus). Unter Berufung auf Schleiermacher formuliert Eberhard Jüngel, dass der Schöpfungsakt als nicht aufgehört habend bezeichnet werden kann und man entsprechend vom fortgesetzten, ursprünglichen Anfangen ausgeht.14 Bei Martin Luther lässt sich der Gedanke finden, dass Gottes Wollen seine Werke überdauert, aber menschliche Werke auch menschliches Wollen überdauern – was damals Trost und Mahnung zugleich sein sollte, stößt heute mit Bitternis auf.15
Gott, im Akt des Schöpfens, stellt sich in der Schöpfung in Differenz zur Welt und sich ihr gegenüber. Im Schöpfungshandeln wird Gottes vollständige Souveränität im Gegenüber zur Schöpfung offenbar.16 Diese Souveränität ist aber nicht mit Beziehungslosigkeit gleichzusetzen. In der creatio continua bindet sich Gott an die Welt, die Schöpfung ist bestimmt vom lebenserhaltenden, aber nicht determinierenden Willen Gottes.17
Wird dieser Teil der Schöpfungslehre mit Gen 2 zusammengelesen, kommt es zur Betonung der Mitwirkung des Menschen an der Schöpfung. Diese Betonung ist mit Blick auf den Text keineswegs selbstverständlich: „Gott, der Herr, brachte also den Menschen in den Garten Eden. Er übertrug ihm die Aufgabe, den Garten zu pflegen und zu schützen.“ (Gen 2,15)18 – Der Auftrag an den Menschen bezieht sich nicht auf die gesamte Welt, sondern auf den überschaubaren Garten. Er ergeht zudem vor der Gebotsübertretung, später – nach der Vertreibung aus dem Paradies – wird er auf die Cheruben übertragen.
„Schon deshalb eignet sich Gen 2,15 nur sehr bedingt als biblische oder schöpfungstheologische Grundlegung einer besonderen Verantwortung des Menschen für die Schöpfung. Vermutlich wäre der in der jüngeren Auslegungsgeschichte und in vielen kirchlichen Stellungnahmen wiederholt formulierte Gedanke, der Mensch sei hier zur Bewahrung der Schöpfung aufgerufen, den Verfasserkreisen hinter der Paradieserzählung und ihren intendierten Leser:innen ohnehin nicht verständlich gewesen“.19
Dass Gen 2,15 dennoch für christliche Klimapolitik herangezogen wird, liegt, wie Konrad Schmid zeigen kann, vermutlich an unserem durch Aufklärung und Romantik geprägten Verständnis von Schöpfung und Bewahrungsauftrag.20 Hier wurde die Bibel als moralischer Imperativ und die Schöpfungsdarstellung als Idealbild der Erde verstanden. Das Motto der Romantik „Zurück zur Natur“ beherrscht auch heute mitunter (wieder) klimapolitisches Argumentieren. Wenn im Folgenden die theologische Rede vom Auftrag zur Bewahrung diskutiert und weiterentwickelt wird, so geschieht dies nicht in Ignoranz den exegetischen Erkenntnissen gegenüber. Vielmehr unternehme ich den Versuch zwischen exegetischer und wirkungsgeschichtlicher Deutung einerseits zu trennen und die aktuelle wirkungsgeschichtliche Deutung aufzunehmen.
Wird ein Bewahrungsauftrag angenommen, so zeigen massenhaftes Artensterben, Klimawandel und die anderen ökologischen Krisen, dass der Mensch seine Sache nicht gut macht und vielfach bereits gescheitert ist. Die isländlische Theologin Arnfríður Gudmundsdóttir formuliert gegenwartsanalytisch poiniert: „We have not been the stewarts of God’s creation”.21 Wie ist das theologisch zu erklären? Hierzu drei hamartiologische Möglichkeiten.
Der Mensch überhört die Beauftragung – bspw. weil er abgelenkt ist, oder weil er sie nicht hören will.
Megan Arndt hält in ihrer Analyse von Ralph Waldo Emersons Theologie fest, dass nach Emerson die Schöpfung der Gotteserkenntnis diene.22 Bei Emerson ermögliche die menschliche Deutung von lebensweltlichen Ereignissen erst die Gotteserkenntnis – und in Verlängerung die Erkenntnis des (vermeintlichen) göttlichen Willens, hier: die Bewahrung der Schöpfung durch den Menschen. Sollte der Mensch also zu abgelenkt sein, um Ereignisse wahrzunehmen (auch das Artensterben vieler Insekten blieb einige Zeit unbemerkt), hat er auch verpasst, welcher Auftrag an ihn erging. Dass der Mensch den Auftrag bewusst ignoriert, würde auf ein gestörtes Gott-Mensch-Verhältnis hinweisen, was theologisch als Sünde bezeichnet wird.
Der Mensch ist überfordert und scheitert deshalb am Auftrag.
Diese Antwortoption spiegelt ein Gefühl wider, dass zur Zeit viele Menschen bewegt und verzweifeln lässt – gleichzeitig erleben sie, dass einige Menschen mehr Macht und Möglichkeiten hätten, als andere. Last, Verantwortung und Möglichkeiten/Macht sind global extrem unterschiedlich verteilt. Hier findet sich u.a. eine Mischung aus den Gefühlen der Überforderung und Ohnmacht oder auch der Resignation („es ist schon zu spät“).23
Bei Ritschl findet sich der Gedanke, dass der Mensch durch die von der Sünde bestimmte Umgebung an der Verwirklichung des Guten gehindert werde.24 Sünde stellt einen Bruch des Gottesverhältnisses dar.25 Die Störung in der Beziehung zu Gott, oft bezeichnet als menschlicher Unglaube, wirkt sich in Konsequenz auf das menschliche Handeln und Verhalten aus. Die Sünde zeigt sich in der Zerstörung von Beziehungen des Menschen zu sich selbst, zu anderen menschlichen wie nicht-menschlichen Geschöpfen und zur Welt insgesamt. Sünde stellt eine Pervertierung der menschlichen Geschöpflichkeit dar, die der Mensch nicht aus eigener Kraft überwinden kann. Wenn Sünde also auf zerstörte Beziehungen hinweist26 und wir Schöpfung gleichzeitig als Beziehungsraum beschreiben, dann ist die Beziehung („Bewahrung“) zum Bezugsobjekt („Schöpfung“) gestört und folglich ist die Auftragserfüllung der Bewahrung und Pflege, also ein Caring, gar nicht möglich. Horizontale Kooperationen sind zwar nötig, dem in Sünde verstrickten Menschen aber kaum möglich.
Der Mensch missversteht den Auftrag
Konkret können vier Missverständnisse identifiziert werden.
Missverständnis 1: Der Mensch denkt, er könne nach eigenem Willen mit der Natur verfahren. Das Verständnis des Bewahrungsauftrags als Ausbeutungsfreigabe hat eine lange Tradition und knüpft auch an Gen 1 an.27 Es sei Gottes Wille, dass der Mensch die Natur ausbeute und beherrsche und sie ihm als Quelle zum unendlichen Verbrauch zur Verfügung stehe. Diese Radikalisierung des biblischen Herrschaftsauftrags lehnt man heute als missverstandenen Auftrag ab.28
Missverständnis 2: Der Mensch missversteht Bewahrung als Stillstand oder Rekonstruktion und meint z.B. Stand vor der Industrialisierung wieder herstellen zu müssen. Schöpfung aber muss, laut heutiger theologischer Forschung, je und je stattfinden, denn Schöpfung ist ein dynamischer Prozess. 29 Mit „Schöpfung“ kann also „die reale Lebenswelt und nicht eine uranfängliche, irreale Gegenwelt bezeichnet“ werden.30 Wir Menschen leben auch jetzt in der Schöpfung, sind auch jetzt (Teil der) Schöpfung. Es gilt also, den Kontingenzcharakter der Welt und ihre Entwicklungsbedürftigkeit zu betonen. Aus theologischer Perspektive sind statische Welt-, Natur- und Schöpfungsverständnisse nicht zu unterstützen.31
Geht man von einer creatio continua und der beständig im Wandel befindlichen Schöpfung aus, ist zu fragen, wie man im Wandel „bewahren“ kann. Oder anders formuliert: Wie können wir Menschen im Wandel leben und den Wandel pflegen?
Missverständnis 3: Gleichzeitig missversteht der Mensch womöglich den Auftrag, weil ihm die Deutungen des Jetzt und des narrativ gefassten „Damals“ nicht gelingen und er orientierungslos bleibt. Die Diskrepanz der sehr guten Schöpfung und dem vorfindlichen Zustand, in dem die Welt als gewalttätig und brutal erfahren wird, macht es dem Menschen nicht leicht zu begreifen, wie „Bewahrung der Schöpfung“ aussehen könnte. Gott gilt zwar einerseits als Urheber von allem, gleichzeitig wird die Schöpfung im Alten Testament als eine gewaltfreie beschrieben. Die aktuelle Weltsituation ist jedoch geprägt von Gewalt – diese Spannung überfordert den Menschen bzw. macht es nötig, überhaupt erstmal neu nach dem Schöpfungsverständnis zu fragen.32
Missverständnis 4: Dieses Missverständnis macht sich am Verständnis des Bewahrungsgegenstands fest: Der Mensch ist gar nicht Verwalter bzw. Pfleger der „Umwelt“ oder „intakten Natur“, sondern der Schöpfung.33 Insofern liegt hier ein Kategorienfehler in den Deutungsbegriffen vor. Stattdessen wird theologisch mit „Schöpfung“ die von Gott geschaffene Welt, so wie sie auch heute besteht (creatio continua) bezeichnet (s.o.). Gleichzeitig lehrt der Begriff der creatio continua, dass die Schöpfung gar nicht vom Menschen vernichtet werden kann, sondern letztendlich nur von Gott selbst. Leonhardt macht darauf aufmerksam, dass der Mensch biblisch keine funktionale Bestimmung erhalten hat (Gen 9).34 Auch Schmid betont, dass nach Gen 8,20-22 und Gen 9 nur Gott selbst die Schöpfung bewahren wird.35 Der Mensch allerdings kann die Schöpfung weder bewahren (im Sinne: vor der Zerstörung schützen), noch selbst zerstören: „wirklich auszulöschen vermag er sie nicht (allenfalls sich selbst).“36 Denn die Zerstörung der Welt und der menschlichen Lebensgrundlagen ist nicht das Ende der Schöpfung.37
Der Mensch ist also – ausgehend von diesen exegetischen und theologischen Klärungen – gar nicht beauftragt zur Bewahrung der Schöpfung und es wäre ihm auch unmöglich, diesem Auftrag umfassen nachzukommen – er wäre um Scheitern verurteilt. In den Schöpfungserzählungen geht es „vielmehr primär um Aufklärung der Struktur des Kosmos, um die Entmächtigung, die Entmythologisierung der Natur und ihrer Gestalten“38 und insofern bilden sie immer wieder Anlass und Grund über das Verhältnis von Mensch und Gott nachzudenken, in den sich jeweils verändernden Umständen der Gegenwart menschlichen und nicht-menschlichen Lebens auf Erden.
Vom Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung zu sprechen, kann also systematisch-theologisch wie exegetisch kritisiert werden und scheint einigen Missverständnissen aufzusitzen, es ist allerdings in seinem Motiv und Ansinnen theologisch-ethisch doch auch zu würdigen. Eine ethische Umprägung der Schöpfungslehre rückt die Freiheit und Egalität der Einzelnen in den Mittelpunkt, um an der Gestaltung des Zusammenlebens und „in-der-Welt-Lebens“ mitwirken zu können.39 Dem Handlungsapell „Schöpfung bewahren“ geht es darum, aus der „gemeinsame[n] Geschöpflichkeit heraus sich um eine Weltgestaltung zu bemühen, die diese Egalität widerspiegelt“ und führt zur „normative[n] Aussage, nämlich Andere als gleichberechtigte Geschöpfe gleich zu behandeln“.40 Insofern „beinhaltet die Rede von der [Bewahrung der] Schöpfung den moralischen Impuls, das Gegebene nicht hinzunehmen, sondern es zu verbessern und gerade dadurch zu bewahren.“41
In der kirchlichen und theologischen Rede von der Bewahrung der Schöpfung sind moralische und normative Absichten erkennbar: „Wer von Schöpfung spricht und sich auf Schöpfung ansprechen lässt, der will auf neue Hierarchisierungen, auf Machtausübung, auf kapitalistische und patriarchale Denkfiguren verzichten.“42 Es wird deutlich, dass die kirchliche Aussageintention in Teilen von der vorgebrachten Kritik nicht getroffen wird. Vielmehr erscheint mir die Intention theologisch angemessen und ich unternehme daher im Folgenden den Versuch, den Auftrag an den Menschen theologisch unter dem Vorzeichen des Zutrauens zu deuten und so für die theologische Rede zu rehabilitieren.
„Die Erde ist uns anvertraut“ – so ist es von vielen Kanzeln zu hören als Auslegung der Beauftragung zur Bewahrung. Der Wortstamm des Anvertrauens ist „trauen“. Es scheint mir angezeigt, das Verständnis von Vertrauen und Zutrauen im Hinblick auf den Bewahrungsauftrag auszuarbeiten.
Wenn wir jemandem einen Auftrag erteilen, z.B. den Müll rauszubringen, dann tun wir das nur, wenn wir einigermaßen sicher sind, dass die entsprechende Person in der Lage ist, diesen Auftrag auszuführen. Meine vierjährige Tochter reicht noch nicht so hoch, dass sie die Mülltonne öffnen könnte. Es wäre ein unsinniges Anliegen, sie mit dem Müllrausbringen zu beauftragen – denn sie bräuchte meine Hilfe. Mein neunjähriger Sohn hingegen hat schon die nötige Körpergröße erreicht und er ist bereits über die verschiedenen Farben der Mülltrennung ausreichend informiert. Er ist diesem Auftrag gewachsen und wird ihn zu meiner Zufriedenheit ausführen können. Ich kann ihm diese Handlung also zutrauen und ihn mit dieser Aufgabe betrauen und beauftragen. Zur Wortfamilie „trauen“ gehören und lassen sich voneinander unterscheiden: vertrauen, zutrauen, betrauen und anvertrauen.
Die Geistes- und Sozialwissenschaften haben sich in den vergangenen 50 Jahren umfassend mit dem Phänomen des Vertrauens beschäftigt. Im Forschungskontext geht es häufig um das Vertrauen zwischen Personen, wobei mit wenigen Ausnahmen nur die Person, die vertraut, thematisiert wird, nicht die, der das Vertrauen geschenkt wird und was das mit ihr macht.43 Vertrauen ist ein komplexes Phänomen, immer relational orientiert, und im Vertrauen wird die nicht zu vermeidende Unwissenheit über den Anderen in ein akzeptiertes Risiko transformiert.44 Vertrauen ist für unser globales wie lokales Handeln in der Gesellschaft eine zur Reduktion von Komplexität unverzichtbare Einstellung.
In der deutschen Sprache und in Forschungen zum Vertrauens-Begriff wird unterschieden zwischen:
Vertrauen in eine Person.
Zutrauen in die Fähigkeit(en) einer Person.
Anvertrauen eines Objekts oder Aufgabe an eine Person.
Betrauen einer Person mit einer bestimmten Aufgabe.
Während sich Vertrauen auf ein Wollen der Vertrauen empfangenden Person und auf deren Integrität und Kontinuität richtet,45 bezieht sich das Zutrauen auf ein Können, auf die Fähigkeiten und Kompetenzen einer Person. Für die Thematik der „anvertrauten Schöpfung“ ist es angezeigt, sich auf das Zutrauen, also das Vertrauen in Fähigkeiten zu konzentrieren.46 Das Zutrauen ist dem Vertrauen verwandt, jedoch nicht identisch mit ihm. Je nach Kontext und Anwendungsfeld gibt es Überschneidungen und fließende Übergänge. Ich halte es gleichwohl für sinnvoll, Zutrauen in Abgrenzung zum Vertrauen eigens zu thematisieren.
Vertrauen und Zutrauen teilen den Wortstamm „trauen“, dessen Bedeutungen reichen von „keine Vorbehalte, „kein Mißtrauen haben“, über „Glauben schenken“, bis hin zu „ehelich verbinden, verheiraten“. Reflexiv (also: sich trauen) meint, etwas zu „wagen, etw. zu tun“, „den Mut zu etw. haben“. Das Substantiv Zutrauen bezeichnet den „Glauben an jmds. Fähigkeiten und Zuverlässigkeit“. Als Verb bedeutet zutrauen
von jmdm. annehmen, glauben, dass sie zu einer besonderen Leistung fähig, imstande ist;
von jmdm. annehmen, glauben, dass er zu etwas Niederträchtigem fähig, imstande ist.47
Man kann in aller Schlichtheit folgendermaßen resümieren: Menschen kann etwas zugetraut werden. Ob man ihnen vertraut, ist damit noch nicht gesagt.
Für die Beauftragung mit einem bestimmten Unterfangen bedeutet das: jemandem etwas zuzutrauen, heißt, es für möglich zu halten, dass dieser die Aufgabe erfüllen kann. Also davon auszugehen, dass die Person über Eigenschaften und Fähigkeiten verfügt, diese Aufgabe zu bewältigen. Hätte sie nicht die entsprechenden Eigenschaften und Fähigkeiten, die für diese Aufgabe gebraucht werden, wäre es unsinnig, ihr die Bewältigung zuzutrauen und den Auftrag zu erteilen.
Gemeinsam ist dem Vertrauen und dem Zutrauen, dass sie auf einer Form der Anerkennung aufbauen: dem Anerkennen von Fähigkeiten oder dem Anerkennen des Anderen als Vertrauenswürdig. „Einzig in dem Maße, in dem wir uns als Glieder einer kollektiven Anerkennungsordnung verstehen, können wir das gleichsam sozialisierte Wohlwollen als Basis für ein Vertrauen unter sonst Fremden betrachten.“48 Dieses Zitat Martin Hartmanns bezieht sich, wie ein Großteil der Vertrauensforschung, auf das Vertrauen das vom Menschen ausgeht (zu einem anderen Menschen, zu einer Institution, zu Gott). Gibt es aber auch die andere Richtung? Gott, der den Menschen etwas zutraut? Und wie verändert das geschenkte Zutrauen den Menschen?
Vertrauen beinhaltet, sich darauf zu verlassen, dass sich eine Person auf die von mir erwartete Weise verhalten wird. Vertrauen folgt aus der Vertrauenswürdigkeit der Vertrauenempfangenden: sie haben sich in der Vergangenheit als verlässlich erwiesen. Beim Zutrauen hingegen wird ein Zutrauen in eine Fähigkeit gesetzt, ohne jedoch eine normative Erwartungshaltung an die Zutrauensempfangenden zu haben und ohne die Folgen des zugesprochenen Zutrauens absehen zu können. Zutrauen kann auf Rationalität aufbauen und entspringt mehr der Kalkulation aufgrund von Wissen, als das beim Vertrauen der Fall zu sein scheint. Auf der Seite der Empfangenden entfaltet Zutrauen (oft) eine aktivierende Wirkung und ruft ins Handeln, es hat eine befähigende Komponente, indem es Kompetenz zuschreibt. Zutrauen hat mehr mit Fähigkeiten zu tun, als mit Integrität. Insofern hat Zutrauen eine starke Wirkung auf die Zutrauens-Empfangenden. Hervorzuheben ist, dass das Zutrauen für die Zutrauenempfangenden erst durch die Äußerung des Zutrauens und das Wahrnehmen dessen, erfahrbar und wirksam wird. In der Beauftragung wird das Zutrauen neu und neu erfahrbar, und selbst wenn der Mensch an der Aufgabe scheitert, so wird ihm im Zutrauen immer wieder die Möglichkeit zum Gelingen gegeben.
Im Unterschied dazu, ist im Vertrauen als Folge auch die Erwartungshaltung enthalten, dass das Vertrauen nicht enttäuscht, sondern ihm entsprochen wird. Vertrauen stellt zugleich eine ethische Forderung des Entsprechens an den Vertrauenempfangenden.49 Beim Vertrauen haben wir es mit einer intersubjektiven Erwartungshaltung zu tun. Vertrauen soll entsprochen werden – insofern ist es ethisch normativ.50 Wenn Vertrauen enttäuscht wird, zerstört dies Beziehung. Vertrauen kann, ebenso wie Sünde, als ein relationaler Begriff verstanden werden.
Wie wird in der christlichen Tradition das Zutrauen in Fähigkeiten reflektiert? In einigen Berufungsgeschichten trauen sich die Berufenen ihren Auftrag oder das Bevorstehende nicht zu. Doch es wird berichtet, dass Gott es ihnen zutraut; Gott duldet keine Flucht und Ausrede. Die Geschichte von der Berufung Jonas kann hier als besonders prägnantes Beispiel benannt werden (Jona Kap 1-2). Ist Zutrauen biblisch eher paternalistisch behaftet oder kann erst durch das Zutrauen Gottes der Mensch die ihm geschenkten Gaben entfalten?
Bei der kirchlichen Rede von der Beauftragung zur Bewahrung haben wir es also mit einer Mischung aus normativer Forderung, die in die biblischen Text hineininterpretiert wird, (an der Menschen scheitern und dies als Sünde deuten) und einem Zuspruch auf der Grundlage von Zutrauen in vorhandene Fähigkeiten zu tun. Zutrauen rechnet mit der menschlichen Freiheit, sich gegen die Befolgung eines Auftrags zu entscheiden oder auch an ihm aus unterschiedlichsten Gründen zu scheitern. Zutrauen ermöglicht aber auch gerade erst diese freie Entscheidung. Ausgehend von diesen Überlegungen könnte der Auftrag zur Bewahrung (nicht exegetisch, aber wirkungsgeschichtlich) interpretiert werden als Ausdruck des Zutrauens Gottes in die Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit des Menschen.
In den kurzen Überlegungen zum Ver- und Zutrauen sollte deutlich geworden sein: Erstens ist Zutrauen nicht deckungsgleich mit der Beauftragung. Allerdings ist eine Beauftragung ohne Zutrauen unsinnig – denn nur, wenn mit der Möglichkeit zur Umsetzung zu rechnen ist, macht es Sinn einen Auftrag zu erteilen. Gleichzeitig wird Zutrauen erst durch die ausgesprochene Beauftragung erfahrbar. Wird der Auftrag zur Bewahrung unter der Voraussetzung des hier erarbeiteten Verständnisses von Zutrauen verstanden, dann gilt die Beauftragung einem Zutrauen in die Gestaltungskräfte des Menschen. Zutrauen heißt nicht, dass Bewahrung zwingend gelingt, aber dass es möglich ist, dass Bewahrung gelingen kann. Zutrauen spricht von der Möglichkeit.
Zweitens bedeutet Zutrauen nicht Vertrauen: Dass die Schöpfung den Menschen anvertraut sei, ist ein theologisch paradoxer Satz. Denn wenn dies im konsequenten Verständnis von Vertrauen gesagt worden sei, dann hätte Gott sein Schöpfungshandeln an den Menschen abgetreten – was dem Verständnis der creatio continua widerspricht. In der Interpretation des Bewahrungsauftrags als Zutrauen hingegen, wird kein ohnmächtiges Vertrauen Gottes ausgedrückt, sondern Zutrauen kann als ein Aspekt der creatio continua als souveränes Versöhnungs- und Erlösungshandeln Gottes am Menschen interpretiert werden, der dem Menschen sein Zutrauen allein aus Gnade ausspricht, sogar angesichts dessen Schuldigkeit.51
Gott hat keinen Grund dem Menschen zu vertrauen, insofern der Mensch Sünder ist. Da Gott den Menschen liebt, gilt dem Menschen Gottes Zutrauen als Zusage, auch in der Beziehung zur Schöpfung. Im Vertrauen auf Gott, im geschenkten Glauben, kann der Mensch kann sich sagen lassen, dass Gott das Zutrauen in ihn nicht aufkündigen wird.
Der Auftrag zur „Bewahrung der Schöpfung“ und die menschliche Schwäche daran zu scheitern – ist das ein Zutrauen in den Menschen, das ihm in innerweltlicher Hinsicht unmöglich ist zu bestätigen? Bei Emerson begegnet der Gedankengang, der Mensch könne ein Zutrauen in sich selbst haben, aufgrund der Erkenntnis des Wertes der eigenen Seele (Emerson spricht von „self-reliance“).52 Jeder Mensch habe Potential sich selbst in Richtung des idealen Menschen zu optimieren, und könne „auf die eigene Verbundenheit mit Gott vertrau[en]“.53 Denn Gott sei „within man“ – hier kann Zutrauen als Zusage interpretiert werden. Auch in heutigen Predigten werden Zutrauen und Vertrauen gern affirmativ, ermutigend und provokativ-fordernd verwendet: Dietz Lange schreibt bspw. in seiner Predigt zur Exoduserzählung, dass Gottes Volk vertrauensvoll mit Gottes Zusage ins Unbekannte aufbreche.54 Zutrauen kann auch, theologisch gesprochen, ein Wort der Zusage und Ermutigung gegen menschliche Schwäche stellen, und rechnet mit den Möglichkeiten des Gelingens und Scheiterns zugleich. Vom Zutrauen Gottes in den Menschen im Kontext der Klimakrise zu sprechen kann also bedeuten, dass das Zutrauen Gottes in den Menschen anhält, auch in seinem ständigen Scheitern und Sich-Versündigen. Zutrauen wird dann (wie der Begriff der Sünde im Beitrag von Sarah Bach55) zum empowerment, angesichts von Verzweiflung oder Ohnmachtsgefühlen.
Zutrauensaussagen lassen sich in den biblischen Schriften an verschiedenen Stellen finden (vgl. u.a. Prophetenberufungen). Hervorzuheben ist im Zusammenhang mit der Interpretation von Gen 2,15, dass sich die Zutrauensaussage in Form der Beauftragung auf den dortigen Lebensraum des Menschen bezieht und nicht auf die Schöpfung insgesamt. Gott gibt dem Menschen Zuspruch zum Zutrauen in seine Fähigkeit zur Bewahrung und Gestaltung des eigenen Lebensraumes – und das gilt auch im Heute.
Jan-Olav Henriksen betont in innerweltlicher Perspektive, dass “good relationships” auch zu „good servantship“ führen können.56 Es sei insofern nötig, eine Haltung auf den Bewahrungsauftrag aus der Beziehungsperspektive heraus einzunehmen. Eine gute Beziehung zur Schöpfung kann entsprechend Ausgangspunkt für menschliches Bemühen um die Erfüllung des Bewahrungsauftrags sein. Der Mensch als Teilnehmer an der Schöpfung sei in „intra-action“ (ein Begriff, den Henriksen von Terra Schwerin-Rowes übernimmt) mit den Mitgeschöpfen und so erst auch mit Gott.57 Eine gelingende Beziehung zur Schöpfung steht in Intrarelation mit der Beziehung des Menschen zu Gott. Henriksen verwendet hier den Begriff der Verwobenheit („interwined“), der auch in den neueren Untersuchungen zur Sünde eine Rolle spielt.58
Die Überlegungen zum Zutrauen Gottes in den Menschen fügen sich ein in die dogmatische Lehre vom concursus divinus: Sie steht für die Erfahrung eines begleitenden Gottes, wie sie auch in der weisheitlichen Theologie zu finden ist.59 „Die Weisheitsanthropologie und -theologie […] deutet das eigene Leben im Kontext mit anderem Leben und eingebettet in die Welt als wohlwollend begleitet durch Gott.“60 Als Aspekt der Vorsehung Gottes entwickelt die Lehre vom concursus divinus die ermöglichende Begleitung alles geschöpflichen Wirkens.61 Dies widerspricht einer Ausrichtung des Lebens als eines „Sich-treiben-Lassens“ im Verlass auf Gottes Vorsehung und interpretiert Glaube als ein „Sich- von-Gott-bestimmen-Lassen“. Hier wird deutlich, dass „Gott, dessen Wesen Liebe ist, dem Geschöpf eigene Lebensmöglichkeiten und dem Geschöpf Mensch eigene Möglichkeiten bewußten Wählens und Handelns einräumt, ohne es damit in einen Raum der Gottlosigkeit zu entlassen.“62 In diesem Kontext deute ich den „Akt des Gesetzt- und Bejahtwerdens, den die Geschöpfe nicht selbst hervorbringen, sondern nur in Anspruch nehmen können“, als ein Zutrauen Gottes in den Menschen, in dem sich ein „Miteinander von Bestimmtwerden und Selbstbestimmung“ zeigt.63 Dies ist abzugrenzen von der Auffassung, dass Gott der Unterstützung durch den Menschen bedürfe, oder dass der Mensch selbst zu seinem Heil beitragen müsse. Auch behauptet die Mitwirkung nicht die Gleichrangigkeit oder gleiche Größe von Gott und Mensch. Im Zutrauengeben kann durchaus ein Machtgefällte festgestellt werden, nicht nur in Mensch-Mensch-Beziehungen. Die Lehre vom concursus divinus macht vielmehr auf die Bedürftigkeit des Menschen aufmerksam, in der er in all seinem Versuchen immer auch auf die Zusage und das Mitwirken Gottes angewiesen ist und ihm gleichzeitig aber wirksames Handeln – gegen und im Sinne Gottes – möglich ist. „Daß das Geschöpf und insbesondere der Mensch bei dem geschichtlichen Geschehen selbst einen wesentlichen Beitrag leisten kann, ist eine von Gott gewährte Möglichkeit, die dem Geschöpf Würde verleiht.“64 Dies bleibt immer begrenzt auf das Wirken des Menschen in Beziehung zu anderen Geschöpfen. In der Beziehung zu Gott bleibt der Mensch ganz allein Empfangender. Gottes Wirken verstanden als Gottes Liebe und das darin ausgedrückte Zutrauen befreit und inspiriert den Menschen zu verantwortlichem Wirken. Klaas Huizing bescheinigt der Lehre vom concursus divinus einen relativierenden Effekt auf lähmende Panik und climate anxiety: „Dieser antialarmistische Grundzug macht die Rede vom concursus divinus für eine theologische Ethik unverzichtbar“65 – verspricht er doch Begleitung und Hoffnung, auf ein gemeinsames Wirken und verlangt dieses Mitwirken von Seiten des Menschen aber auch und wendet sich damit gegen Taten- und Verantwortungslosigkeit.
„Schöpfung bewahren“ - das ist der Imperativ, der die theologische und kirchliche Rede zur Klimakrise dominiert. Der Begriff der creatio continua – Gott ist immer noch am Werk – scheint auch für unsere und gegen unsere heutigen Erfahrungen ein relevanter und theologisch beizubehaltender Begriff zu sein, der der Rede vom Bewahrungsauftrag zur Seite gestellt werden sollte. Ich möchte mich dafür aussprechen, das Zutrauen als Reinterpretament des Beauftragungs-Motivs in Augenschein zu nehmen. In der Kombination von concursus divinus und der Rede von Gottes Zutrauen zur menschlichen Möglichkeit „Schöpfung zu bewahren“ (in aller Begrenztheit dieser Redewendung), ergibt sich eine Perspektive zur Reaktion und Weiterentwicklung theologischer Rede in der Klimakrise.
Die Klimakatastrophe und die ökologischen Krisen, die wir erleben, erwecken den Eindruck, dass das Göttliche sich negativ in der Realität manifestiert bzw. zeigt. Diese Erfahrung steht in Kontrast zur göttlichen Offenbarung in Schönheit (der Natur), Gemeinschaft, Gesundheit etc. Sünde gipfelt insofern nicht nur in der Unterbrechung der Mensch-Gott-Beziehung, sondern Sünde führt auch dazu, dass wir die Realität nur noch aus selbst-zentrierter Perspektive wahrnehmen. Stattdessen kann der Mensch versuchen, Gottes Zutrauen in den Menschen zu bemerken. Auch der schöpfungs-theologische Begriff des concursus divinus ist in diesem Zusammenhang hilfreich, denn hier wird die Notwendigkeit der fortlaufenden Mitwirkung Gottes und die Selbstständigkeit der Handlung der Geschöpfe zusammengebracht. Handlungen sind nicht ohne den Einfluss Gottes möglich, denn es handelt sich um die Gott gewirkte Erhaltung der Kraft zum Handeln.66 Die fürsorgliche, göttliche Begleitung der Welt kann nicht als determinierendes oder aktiv eingreifendes Gotteshandeln verstanden werden, sondern als Zutrauen in die Möglichkeiten der Menschen, als empowerment angesichts von Hoffnungslosigkeit und Ohnmachtsgefühl. Insofern ist der Auftrag zur Bewahrung heute in der Klimakrise, womöglich seelsorglich als Zuspruch und Hoffnungszusage zu verstehen, die ins Handeln ruft. Es ist ein Handeln „trotz“…
Etwas bestechendes, attraktives scheint an diesem Imperativ „Schöpfung bewahren“ dran zu sein, sonst hätte er nicht diesen prominenten Platz erhalten und Menschen überzeugt. Mit meiner Interpretation des Bewahrungsauftrags als eine Form des Zutrauen Gottes, kann diese Aussage, auch wenn sie in paradiesischen Zuständen getätigt wurde, auch für den heutigen Menschen als Zuspruch gelten und bietet die Möglichkeit, unter Achtung der exegetischen Erkenntnisse, dass dieser Auftrag im Paradiesgarten galt, in Form des Zuspruches an den Menschen auch heute noch zu gelten. Dadurch bietet sich eine Verstehensmöglichkeit für diejenigen an, die daran festhalten wollen und es erweitert den theologischen Interpretationsrahmen. Der Aufruf zur Tat, der neben dem Zuspruch ebenfalls im Zutrauen gehört werden kann, ist kein versteckter Aufruf zur Werkgerechtigkeit. Vollendung und Versöhnung der Schöpfung ist immer Gnade und lässt sich vom Menschen nicht herstellen. Und gleichzeitig, so das biblische Zeugnis, ist Reich Gottes schon mitten unter uns und wir sind aufgerufen daran mitzuwirken.67
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