Skip to main content
SearchLogin or Signup

Christus als Infektionstoter: Der Isenheimer Altar und die Corona-Pandemie

Von der Corona-Krise aus fällt ein neuer Blick auf den Isenheimer Altar: Der Gekreuzigte trägt Spuren einer Infektionskrankheit, der Pest. Der Artikel erklärt den Hintergrund und stellt Gedanken zur theologischen Rezeption heute an.

Published onApr 03, 2020
Christus als Infektionstoter: Der Isenheimer Altar und die Corona-Pandemie

Kaum auf ein Altarbild sind schon so viele Blicke geworfen worden wie auf den Isenheimer Altar. Das gilt im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Vom Kontext ‚Corona‘ aus fällt ein weiterer Blick auf diesen Altar, auf seine Bilder und sein Umfeld. Ein Blick, der sich lohnen könnte: Denn es ist der Christus mit den Pestbeulen, der hier vor Augen gemalt wird. Der Gekreuzigte trägt die Spuren einer Epidemie; ein Infektionstoter ist hier zu sehen. Wie kommt es dazu? Welche Aspekte erscheinen im neuen Licht? Und: wie lässt sich das theologisch mit der Gegenwart verschränken?

<p>Quelle: Wikipedia</p>

Quelle: Wikipedia

Den Hintergrund zuerst: Matthias Grünewald schuf den Altar für ein Antoniterkloster in Issenheim (heute mit Doppel-s geschrieben). Die Antoniter waren ein Spitalorden. Sie nahmen Erkrankte auf und pflegten sie. Ursprünglich ging es um eine Krankheit, die auch „Antonius-Feuer“ genannt wurde – die Mutterkornerkrankung Ergotismus, die von einem Pilz im Getreidemehl herrührte. Im Mittelalter wird diese Krankheit geradezu zur Epidemie. Sie verursacht eine Verengung der Blutgefäße, die zum Verlust von Gliedmaßen und in manchen Fällen zum Tod führt. [1]

Antonius – kaum nimmt man ihn wahr auf dem rechten Seitenflügel, lenkt doch die bekannte Kreuzigungsdarstellung die Augen auf die Mitte. Antonius, der Patron des Klosters, des Ordens und der Krankheit, die im Mittelpunkt seiner Tätigkeit steht. Aber auch: Antonius, der Wüstenvater. Ein weiteres Bild des Altars zeigt Antonius und seine Versuchungen in der Wüste. Die Geißeln des körperlichen Leidens werden in diesen Bildern zwar bis zur Schmerzgrenze thematisiert (auch für die Betrachtenden). Aber Antonius, der Wüstenvater, kennt auch die Anfechtungen der Einsamkeit – neben Geldgier, Ehrgeiz und Gaumenlust sind das auch die Sorge für seine Schwester und die Sehnsucht nach Geselligkeit im Kreis seiner Verwandten. Und vor allem: die Länge der Zeit. So schildert es Athanasius im 5. Kapitel seiner Vita Antonii. Das Leben des Wüstenmönchs ist übrigens ein Grund, warum Isolationskrankheiten in die Zuständigkeit des Antoniterordens fielen.

Antonius gegenüber, auf dem linken Flügel, steht Sebastian – der Heilige, der durch Pfeile zu Tode kam. Aber auch: Sebastian, der Pestheilige.[2] Deswegen steht er hier. Denn Anfang des 16. Jahrhunderts zogen Pestepidemien immer wieder den Oberrhein entlang[3] und brachten neue Wellen Erkrankter ins Kloster. Die Kranken, die nun kamen, waren Infizierte; sie hatten nichts Verdorbenes gegessen, sondern sich mit dem Pest-Bakterium angesteckt.

Beide Krankheiten hat Grünewald dem Gekreuzigten eingezeichnet. Der Brustkorb ist eingesunken, drastisch auffällig, und auch die blauen Lippen zeigen, woran dieser Mensch eigentlich gestorben ist: erstickt ist er, als Folge der mit dem Ergotismus verbundenen Atemnot.[4] Befremdlich wahrzunehmen ist das in Zeiten knapper Beatmungsgeräte und tausender Verstorbener einer Lungenkrankheit. So sehr Grünewald damit dem Gekreuzigten seine Zeit einschreibt, so sehr trifft er damit einen historischen Kern: Der Tod, den man am Kreuz starb, war in letzter Konsequenz ein Erstickungstod, ausgelöst durch die Absackung der Körpermitte. Die Darstellung ist realistisch in doppelter Weise.

<p>Quelle: Wikipedia</p>

Quelle: Wikipedia

Andererseits trägt dieser Christus die Male der Pest an seinem Körper. „Die Spuren der Geißelung sind hier wie aufgebrochene Pestbeulen gemalt. Unverholen [sic] trägt dieser Leichnam die Symptome der Pest. Hier ist nicht zuerst ein Gekreuzigter, hier ist ein Pestleichnam gemalt.“ Solche Leichname hatten die Mönche, aber auch die Kranken und Gesunden täglich gesehen. Ein solcher Leichnam hängt hier am Kreuz – nicht der noch lebende Christus, wie sonst fast immer.[5]

In der besten Beschreibung, die mir in diesen Shutdown-Tagen online zur Verfügung stehen, schreibt Jörg Sieger: „In diesem Christus konnten sie sich wiederentdecken, denn er war einer von ihnen.“[6]. Es berührt mich, wie diese doppelte Identifikation ins Bild gemalt wird: Das ist einer von euch, sagt der Maler. Ich bin einer von euch, sagt Christus – und nur weil er das zuerst gesagt hat, kann der Maler ihm die Symptome der Pilz- und Pestkranken in die Haut zeichnen. Gott hat sich identifiziert mit den Leidenden und Sterbenden, mit den Menschen, die einer Epidemie zum Opfer fallen. Gott macht sich verletzlich und wird einer von uns in der größtmöglichen menschlichen Schwachheit. Er solidarisiert sich mit uns, er identifiziert sich – das predigt das Bild den Kranken, die nach ihrer ersten Nacht im Spital vor den Altar gebracht und auch später noch auf Bahren davor gelegt wurden. Es ist Kreuzestheologie kontextualisiert für die Zeit der Epidemie. Gott lässt sich affizieren – und ja, er lässt sich infizieren. Was würde sich eigentlich ändern, das Hinabsteigen Gottes in die Tiefe so zu beschreiben? Es käme Gott noch näher, es wäre körperlicher, es wäre ein Kampf in Gott selbst, der durch die Infektion hervorgerufen wird, und es wäre deutlich, dass es bleibend etwas in Gott verändert.

Jesus Christus, der sich infizieren lässt, aus Solidarität mit den Infizierten – eine Figur wie einer der Ärzte-Helden, die Infizierte weiter behandeln, wenn das Ansteckungspotential schon bekannt ist. Eine Figur wie der chinesische Arzt Li Wenliang, der als einer der ersten das Corona-Virus erkannt, Infizierte behandelt hat und schließlich daran gestorben ist – dessen Bild aber auch um die Welt ging, weil er das Auftreten des Virus gemeldet hat und dafür mundtot gemacht wurde.

Dieses Bild wirft ein eigenes Licht auf die Frage, ob Christus sterben musste oder ob er es nur riskiert hat. Sie gehört zu den Fragen, die in der Inkarnationstheologie diskutiert werden, nachdem man nicht mehr von einem Gottvater reden wollte, der seinen Sohn zu seinem eigenen sadistischen Ergötzen tötet. Da ist der Gedanke vom Risiko Gottes eine interessante Idee.[7] Andererseits: Wie kann Jesus Christus ohne das Kreuz die Tiefe der menschlichen Not und Sterblichkeit nachfühlen, in Gott hineintragen und davon erlösen? Jemand, der mitten unter die Infizierten geht, um zu helfen, hat es jedenfalls mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit zu tun, dass er selbst davon getroffen wird. Christus als einer von unseren Toten – Christus als Arzt. Auch das eine sehr alte Weise, von ihm zu sprechen.

Vielleicht werden tatsächlich kreuzestheologische Facetten, die in der jüngeren Theologie eher als Problemfall gehandelt worden sind, im Moment wieder plausibler. Eine davon scheint der Gedanke der Stellvertretung zu sein. Der Gedanke, dass es Einzelne braucht, die etwas für andere übernehmen: in der Medizin und Pflege, in der Lebensmittelversorgung, in der Nachbarschaftshilfe. Eltern an Stelle der Lehrenden. Nichts scheint im Moment klarer.

Eine andere liegt in der Opferbereitschaft, dieser problematischen Tugend des Kreuzes. Das Lob darauf ist in aller Munde – weniger moralisch einfordernd wie bei der Klimathematik vor Ausbruch der Corona-Krise, eher zurückgeworfen auf das schiere Gebot der Stunde.

Christus als Epidemie-Opfer – all das scheint mir theologisch richtig. Und vielleicht hat es auch noch nicht alles von seinem Trostpotential eingebüßt; auch wenn Gedanken wie die Nachfolge Christi im Leiden und die Hoffnung auf Genesungskräfte, die von einem Bild ausgehen, nicht mehr dazu gehören. Das aber müssen diejenigen entscheiden, die unmittelbar betroffen sind. Dennoch möchte ich die Warnung hören, die Günter Thomas ausspricht (vgl. auch seinen Beitrag in dieser Ausgabe): Betreiben wir eine religiöse Vertiefung von Ohnmacht mit dieser Rezeption?

Differenzen sind anzuzeigen. Ist es überhaupt die gleiche Ohnmacht, die Jesus am Kreuz erfährt, und die, die schwer erkrankte Covid-Patienten und ihnen Beistehende erfahren? Der Maler hat diese Überblendung gewollt – aus guten theologischen und seelsorgerlichen Gründen. Im Blick auf den historischen Jesus aber heißt die Antwort: nein. Jesu Ohnmacht geht vor allem auf die politischen Kräfte zurück. In der aktuellen Pandemie erfahren wir Ohnmacht hauptsächlich in einem geschöpflichen Sinn. Und doch spielt Politik da natürlich eine Rolle. Dieser Umstand sollte dazu anleiten, das vorhandene Machtgefälle nicht auszublenden, in Berufung auf allgemeine Solidarität etwa oder in der kirchlichen Vorannahme, dass Angst im Moment das beherrschende Gefühl aller sei und uns alle gleich mache – so wichtig Seelsorge ist. Und eins gilt politisch-theologisch für den Isenheimer Altar wie für jede Kreuzestheologie: Der Gekreuzigte lässt keinen Platz für andere Sündenböcke frei.

Um auf die Warnung zu hören und nicht bei der religiösen Vertiefung der Ohnmacht stehenzubleiben, bietet es sich an, den geschlossenen Altar zu öffnen. Auf dem zweiten Schaubild schwebt der Auferstandene vom Grab zum Himmel.

<p>Quelle: Wikipedia</p>

Quelle: Wikipedia

Es predigt die Überwindung des Todes. Weil es Ostern und Himmelfahrt zusammennimmt, predigt es aber auch: Christus ist auch der, der zum Himmel gefahren ist – weg von einem Ort, hin zum überspannenden Himmel. Er ist der, der es so möglich machte, verschiedene konkrete Situationen in ihm zu verorten. Verschiedene Situationen wie jetzt im Moment: Manche Menschen sind gerade am tiefsten Punkt. Manche haben Angst. Andere sind überlastet. Wieder andere wachsen, fühlen sich endlich wahrgenommen, wertgeschätzt und gebraucht. Manche sind wütend. Manche sind froh über die Zwangspause. Manche erfahren so etwas wie Einkehr neu, Gemeinden spüren sich endlich wieder, Nachbarschaften und Generationen finden zueinander. Himmelfahrt – das Potential, die konkrete leibliche Erfahrung an etwas U-Topischem und doch Leiblichem zu verorten, das Heterotope in der Ubiquität.[8] Nicht umsonst hat sich der theologische Disput über die Ubiquität an einer konkreten, leiblichen Erfahrung, dem Abendmahl, entzündet.

Das führt mich zu meinem letzten Punkt: Vergenwärtigungspraxis. Die Kranken vor den Altar zu bringen war eine Praxis, um ihnen die Kontaktflächen zwischen Situation und Glauben vor Augen zu führen. Sie ihnen präsent zu machen. Oder eigentlich: einen Ort anzubieten, an dem Gott sich selbst präsent macht. Denn dadurch, dass uns nach der Himmelfahrt der irdische Jesus ebenso entzogen ist wie der personal-leibliche Auferstandene, brauchen Glaubende erfahrbare Orte seiner Präsenz – z.B. eben das Abendmahl. In der aktuellen Krise sind Vergegenwärtigungspraktiken zu einem vorherrschenden Thema der Gläubigen geworden. Durch welche Praktiken kann Christus gegenwärtig werden, wenn Gottesdienst, Gruppen, Kreise, Besuche nicht stattfinden? Während der Pestwellen ging man in die Kirchen – heute sind sie zu. Eine aktivere, eine individualisierte, aber gleichzeitig homogenere Vergegenwärtigungspraxis ist gefragt: „Der Mond ist aufgegangen“ singen, das Vater Unser beten – eben solche Ressourcen nutzen, die möglichst viele unter ihren Schirm spannen. Urbi et orbi. Der Schirm, der den Erdkreis umspannt. Oder zunächst einmal Frankreich und Deutschland. Der Altar wurde übrigens von einem mitteldeutschen Maler für ein Kloster im heutigen Frankreich gestaltet.


[1] Vgl. https://www.musee-unterlinden.com/de/oeuvres/isenheimer-altar/ (25.3.2020).

[2] Die Verbindung zwischen Sebastian und der Pest ergibt sich vermutlich durch die Vorstellung, dass Seuchen durch „Pestpfeile“ der Götter ausgelöst werden, die im Alten Orient verbreitet und bis ins europäische Mittelalter wirksam war. Vgl. Daniel Arpagus, Texte aus Ägypten. Ägyptische Hymnen und Gebete. Vier ptolemäer- und römerzeitliche Hymnen zur Abwendung von Seuchengefahr, in: Bernd Janowski/ Daniel Schwemer (Hg.), Hymnen, Klagelieder und Gebete (TUAT.NF 7), Gütersloh 2013, 244-260: 245

[3] Vgl. Jörg Sieger, https://www.joerg-sieger.de/isenheim/menue/frame08.htm (25.3.2020).

[4] Vgl. Christof Diedrichs, Warum stirbt Jesus Christus? Und warum? Die Kreuzigungstafel des Isenheimer Altars von Mathis Gothart Nithart, genannt Grünewald (einblicke: Kunstgeschichte in Einzelwerken 5), Norderstedt 22017, 93; dort auch weitere Symptome.

[5] Vgl. Sieger, ebd.

[6] Ebd.

[7] Vgl. Niels Henrik Gregersen, Faith in a World of Risks: A Trinitarian Theology of Risk-Taking, in: Else Marie Wiberg Pedersen/ Holger Lam/ Peter Lodberg (Hg.), For All People - Global Theologies in Contexts. Essays in Honor of Viggo Mortensen, Grand Rapids, MI 2002, 214-233.

[8] Vgl. Michael Welker: Schöpfung und Wirklichkeit. Neukirchen-Vluyn 1995 (Neukirchener Beiträge zur Systematischen Theologie 13), 62f.

Comments
2
?
Dorothee Janssen: Danke für diesen Artikel. Mein Hirn arbeitet. Vergegenwärtigungspraxis: Ein Ort, den es schon gibt. Ein Christus, der die Zeichen des Coronavirus an sich trägt, weil er keinen Abstand gehalten hat. Aber es muss deutlich werden, dass er das nicht leichtsinnig getan hat und dass er niemanden ansteckte. “Anderen hat er geholfen… .” Ärzte, Pfleger, Homeschooling, ratlos dreinblickende Menschen. Ein begehbarer Gottesdienst, wie Stefanie Röder vom Netzwerk Cityseelsorge konzipiert.
Lisanne Teuchert: Für die Idee, auf den Isenheimer Altar einen Blick von der Corona-Krise aus zu werfen, danke ich Mikkel Gabriel Christoffersen.