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Digitale Gottesdienste: Kairos zur erneuerten Predigt

Published onDec 04, 2020
Digitale Gottesdienste: Kairos zur erneuerten Predigt
Prof. Helmut Schwier: Digitale Gottesdienste


In dem neuen Feld digitaler Gottesdienste, das seit Ende März 2020 zu einer erstaunlichen wie erfreulichen Vielfalt und Experimentierfreude in den Gemeinden geführt hat, entstehen gleichzeitig neue Grundsatzfragen, die vor allem systematische und praktisch-theologische Reflexionen und Diskussionen brauchen. Da ich davon überzeugt bin, dass digitale Gottesdienste nicht nur ein zeitlich begrenztes Ersatz- oder Notangebot sind, sondern künftig neben analogen Formen eine eigenständige Rolle spielen werden und sollen, plädiere ich dafür, bei den Stärken anzusetzen und sie weiterzuentwickeln. Anstatt sich bei den Fragen nach dem online-Abendmahl zu verheddern, sollten wir auf die Stärken digitaler Gottesdienste schauen. Sie wahrzunehmen, ist einfach, sie ernst zu nehmen, schon schwerer, sie weiterzuentwickeln, anspruchsvoll und strittig.

Ich spitze meine Sicht zu; sie lautet: Jetzt ist der Kairos der Predigt. Das möchte ich in den folgenden Thesen erläutern, einordnen und entwickeln. Dabei sehe ich viele Verbindungslinien zwischen analogen und digitalen Predigten.

These 1: Nach Jahren der Neuentdeckung, Erkundung und Reflexion der Ritualgestalt des Gottesdienstes und der Wertschätzung von Leiblichkeit, Kopräsenz, sinnlicher Erfahrung, Performanz – sei es in hochkirchlichen Liturgien, in generationsverbindenden Gottesdiensten mit Spiel und Aktion oder bei den lebendigen Liturgien der Kirchentage – aber auch einer gewissen Vernachlässigung der Predigt steht die nun erneut im Zentrum. 

Dafür mache ich drei Argumente geltend: ein kommunikatives, ein rezeptionsästhetisches und ein theologisches Argument.

Die Predigt steht im Zentrum, weil in digitalen Formen die Kommunikation in Gestalt von Reden und Hören kaum Hürden aufweist. Sie funktioniert in der Regel leicht und problemlos. Gleichzeitig knüpft diese Kommunikationssituation nahezu bruchlos an die in analogen Gottesdiensten an und ist leichter auszuführen wie wahrzunehmen, als es beim Beten und Segnen der Fall ist, die in rezeptionsästhetischer Perspektive komplexere und intimere Handlungen sind und beispielsweise Stille, Gesten und innere Konzentration brauchen. Auch dies ist in digitalen Gottesdiensten nicht unmöglich, aber deutlich herausfordernder. Die Predigt steht im Zentrum, weil sie theologisch, als Kommunikation des Evangeliums, das Fundament und die inhaltliche Ausrichtung der zum Gottesdienst versammelten Gemeinde notwendig und hinreichend zur Darstellung bringt.

Dass die Predigt im Zentrum steht und aus meiner Sicht stehen soll, heißt nun gerade nicht ein Zurück zum alten Predigtgottesdienst mit seinem Zuviel an Pathos, Langeweile oder Belanglosigkeit und seinem Zuwenig an Lebensnähe, biblisch-theologischer Spannung oder existentieller Relevanz. Intendiert ist das Gegenteil, und zwar in prinzipieller, medialer und liturgischer Hinsicht.


These 2: In prinzipieller Hinsicht ist die Predigt Ansage und Zusage von Gottes Wort im Modus der Interpretation biblischer Texte in reflektierter Zeitgenossenschaft im Horizont der Gegenwart Gottes und seines Kommens.

Dieser theologische Predigtbegriff verbindet in kompakter Form wesentliche Elemente der Predigt, ordnet sie aber als Rede von Gott nicht in erster Linie als Rede in unserer Gegenwart zu, sondern versteht und behauptet sie als Rede in Gottes Gegenwart und damit gleichzeitig im Horizont seines Kommens. Gottes Gegenwart und sein Kommen sind sowohl verlässliche Signatur unserer Welt und ebenso Gewähr für ihre Veränderung und Vollendung. Ich predige nicht, weil ich es besser weiß, sondern weil ich darauf vertraue, dass Gott es besser weiß und kann und vollenden wird.

These 3: Der Predigtbegriff eröffnet eine erste mediale Weitung. Predigt ist nicht nur Kanzelrede und geschieht nicht nur verbal. Andere bekannte und analog bewährte Medien sind Bild und Musik. Auch die Monologform ist nicht zwingend.

Bild und Musik können die Predigtrede ergänzen, indem sie unterschiedlich intensiv in ihr vorkommen (klassische Variante), und sie können sie auch ersetzen (Bild/Musik als Verkündigung), und sie können sie weiterführen und vertiefen (Bild/Musik als Abschluss der Verkündigung). Beide Medien sind in digitalen Gottesdiensten nahezu unbegrenzt verfügbar, allerdings sind die Urheberrechtsfragen zu beachten. In diesem Zusammenhang ist es dringend nötig, dass seitens der EKD Rahmenverträge erarbeitet und abgeschlossen werden, die hier Rechtssicherheit schaffen.

Die verbale Predigt kann durch eine Person geschehen, kann ein Dialog oder eine Debatte sein, kann Fragen und Kommentare der Gemeinde aufnehmen, kann zu einem Predigtgespräch führen. All dies kann in digitalen Gottesdiensten einfach vorbereitet und wenig aufwändig durchgeführt werden und nimmt die große Stärke der Interaktivität auf.


These 4: Im letzten halben Jahr zeigten sich unterschiedliche Formen und Gestalten „digitaler“ Gottesdienste: Gottesdienstdokumentationen aus der Kirche vor Ort und für das Medium produzierte Gottesdienste.

In großer Fülle und Kreativität entstanden seit dem Frühjahr-Lockdown gefilmte und gestreamte Gottesdienste aus der Kirche vor Ort. Sie waren am gewohnten Ablauf orientiert, etwas gekürzt und durch Haupt- und einige Ehrenamtliche vorbereitet und durchgeführt worden. Andere „digitale“ Gottesdienste wurden für das Medium produziert, hatten eine angemessene Dramaturgie/Regie, verschiedene Kameraeinstellungen und wurden durchaus (semi-)professionell geschnitten.

Beide Modelle orientieren sich am konventionellen Gottesdienst mit Traditionskontinuitäten und einigen wenigen Neuerungen; erste Einsichten aus Fernsehgottesdiensten wurden im zweiten Modell aufgenommen und umgesetzt. Es bleibt insgesamt bei einem Verständnis des Digitalen als Übertragungsmedium.

Auch die Predigt ist hier Bestandteil der Konvention, was nicht per se schlecht ist. Sie ist inhaltlich weniger langatmig, medial vielfältiger und kreativer und vor allem kürzer.

An dieser Stelle sei eine Zwischenbemerkung zur Empirie angefügt. Es gibt unterschiedliche EKD- und landeskirchenweite empirische Untersuchungen zu den digitalen Gottesdiensten mit einigen Vorabinformationen zu Ergebnissen. Es lohnt, das genau anzuschauen, und vor allem sich nicht gleich bestätigen zu lassen durch vermeintlich sehr große Reichweiten. Hier sollten wir selbstkritisch und nüchtern bleiben.

Dazu ein illustrierendes Beispiel: In einer natürlich begrenzten Umfrage in einem westfälischen Kirchenkreis (Lübbecke) wurden sämtliche Streamingangebote aus Gemeinden des Kirchenkreises geprüft und hinsichtlich der Rezeptionen ausgewertet; es waren 50 Videos auf vier youtube-Kanälen. Ich finde hier zwei Ergebnisse bemerkenswert: Nach der ersten Euphorie in der Pfarrerschaft, dass es bei nur 300 Abos der vier Kanäle insgesamt rund 22.000 Aufrufe gab, wurde ernüchternd festgestellt, dass man kaum Menschen unter 45 Jahren erreicht und dass die Zugriffe fast nie aus youtube heraus erfolgten, sondern von externen Quellen (WhatsApp, Facebook, Kirchenkreisseite). Man erreichte also Kerngemeinde im Nahbereich und darüber hinaus solche, die über kirchliche Kanäle und Netzwerke aufmerksam gemacht wurden. Zweites Ergebnis: Die Videos waren durchgängig 20–30 Minuten lang; angeschaut wurden aber nur 2–6 Minuten eines Videos.

Meines Erachtens sollte man diese Angebote vor Ort weiter betreiben und fördern, denn sie pflegen und stabilisieren Glaube und Kirchenbindung, und sie ermöglichen den Produzent*innen neue Erfahrungen und Kompetenzen. All dies bleibt cum grano salis inhaltlich wie medial aber im Bereich des Bekannten und Erwartbaren mit einer gewissen Offenheit für Neues. Für manche kann es ein Zwischenschritt oder ein Sprungbrett zu wirklich neuen digitalen Gottesdiensten sein.


These 5: Digitale Gottesdienste, die mediale Transformationen wagen, sollten auch neue Predigten wagen. Diese Predigten sind kurz (2–5 Minuten), ähnlich wie im Radio, jedoch vielfältig in der Form, sie integrieren Wort, Musik, Bild und sie erhoffen und fördern lebendige Interaktivität. 

In der Vorbereitung solcher Predigten zielen Bibellektüre, Exegese und theologische Reflexion nicht auf theologische Richtigkeiten und das, was wir schon immer gehört haben, sondern auf die Dynamik und die Spannungen des Textes und den einen Gedanken oder die eine Metapher oder den einen Erzählaspekt oder das eine Bild – also auf das eine, das mich selbst überrascht und besticht. Daraus entwerfe ich die Predigt und bei dem einen bleibe ich.


These 6: Ich rede nicht über Gott und die Welt im Allgemeinen, sondern wage eine konkrete und genaue Sprache und rede von dem, das mich begeistert, das ich glaube oder nicht glauben kann, das mich in Frage stellt, das meine Existenz in dieser Welt vor Gott bedenkt, der gegenwärtig ist und kommen wird. Dazu braucht es eine theologische Existenz, die das Gebrochene und Fragmentarische akzeptiert und reflektiert und in österlicher Zuversicht ernst nimmt.

Aus der Predigttheorie kann man von der Dramaturgischen Homiletik (Nicol/Deeg) lernen, wie Form und Inhalt in moves gestaltet werden, allerdings sind nun in der Regel zwei moves ausreichend. Aus der literaturwissenschaftlich informierten Homiletik der kurzen Form (Angela Rinn), die nicht zuletzt als Rundfunkhomiletik fruchtbar wird, ist neben dem Traktat der Essay als Formvorbild anregend, weil er die Existenz der Predigenden samt ihrer geistlich-spirituellen Seite fordert: „Essayistisch predigen kann man nicht aus der Distanz, nicht leib- und lieblos oder mit hierarchischem Gefälle“ (Rinn: Kurz und gut predigen, Göttingen 2020, 126). Bei den TED-talks ist anregend, nur über das zu reden, was mich selbst begeistert oder inspiriert (Felix Ritter). Die Person der Prediger*innen wird dadurch wichtig, ihr Glauben, Zweifeln, Ringen mit dem Evangelium soll zur Sprache kommen, das sie als Theolog*innen selbstkritisch reflektiert haben.

Obwohl ich selbst aus der Tradition liberaler und hermeneutischer Theologie komme, gewinne ich zunehmend die Einsicht, dass wir in den Predigten durch Angebote immer neuer religiöser Deutungen nur deren Vagheit und Zufälligkeit vermehren. Digitale Gottesdienste bieten, gerade weil sie hinsichtlich ihrer Kommunikationsbedingungen eigentlich nicht religionsaffin sind, die Chance, Gottes Wort so an- und zuzusagen, dass das Reden von Gottes Frieden, seiner Liebe und Gerechtigkeit die Welt nicht bestätigen, sondern verändern will. Das braucht Prediger*innen, die auf die Floskeln verzichten und mit dem gegenwärtigen und kommenden Gott in ihrem Leben und in der Diesseitigkeit der Welt rechnen. Das nenne ich eine theologische und predigende Existenz in Zeitgenossenschaft und österlicher Zuversicht.

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