Tagungsbericht „Identität.Macht.Verletzung“ (Oktober 2018)

Für mehr Pluralität im Identitätsbegriff
by Nina Schmidt
Apr 03, 2019chevron-down
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Tagungsbericht „Identität.Macht.Verletzung“ (Oktober 2018)
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Die Tagung „Identität.Macht.Verletzung“, die Anfang Oktober in Berlin stattfand, wurde ausgerichtet von narrt, dem Netzwerk für rassismuskritische und antisemitismuskritische Religionspädagogik und Theologie (https://narrt.eaberlin.de/). An der Tagung teilgenommen haben sowohl beruflich und ehrenamtlich Tätige aus verschiedenen Bereichen kirchlicher Praxis als auch Wissenschaftler*innen aus Theologie und (Religions-)pädagogik.

Im Fokus der Tagung stand die Ambivalenz des „nicht mit und nicht ohne Identität“: Die rassismuskritischen Reflexionen von Identitätskonstruktionen auf der einen Seite und die Sensibilisierung für die Möglichkeit des Widerständigen in Identitätskonstruktionen auf der anderen. Zudem wurden internationale Perspektiven (schwarze Theologie aus den USA) wie auch historische Perspektiven (NS-Geschichte) diskutiert und so die gewaltbelastete Vergangenheit und deren Bearbeitungsformen in die gegenwärtigen Debatten eingebracht.

Der Einstieg der Tagung war in seiner Vielschichtigkeit brisant und spannend. Die unterschiedlichen Vorträge hatten sehr unterschiedliche Perspektiven auf die Produktivität von Identitätskonzepten. Paul Mecheril (Institut für Pädagogik, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg) begann mit einer Reflexion des Veranstaltungsortes und führte aus, dass in dieser Linie Rassismuskritik auch immer Kritik am eigenen Wohlstand und an der eigenen gesättigten intellektuellen Perspektive sein müsse. Solche Kritik müsse auch die Bildung an Schule und Universität in den Blick nehmen, die in vielen Bereichen den Blick auf die eigene Verstrickung eher verstelle als bearbeitbar mache. Albrecht Grözinger (Praktische Theologie, Universität Basel) zeigte, dass das Abendland historisch zwar eine gewaltförmige Formation war, gleichzeitig aber auch viel, auch manchmal gelebtes, Potential für Multilateralität, Anerkennung von Diversität und Individualität, sowie Transkulturalität und Transnationalität habe. Grözinger zu Folge sei das Potential zu wertvoll, um die Verwendung des Begriffs „Christliches Abendland“ den neuen nationalistischen Strömungen in Europa zu überlassen. Yael Kupferberg (Technische Universität Berlin, Zentrum für Antisemitismusforschung) kritisierte mit einer Melange aus Kritischer Theorie und jüdischer Theologie jede Festlegung von Individuen auf eine festgezurrte Identität. Schon der Gottesname: „Ich werde sein, der ich sein werde“, verweigere sich wie das Bilderverbot, einer Fixierung von Gottes- und damit auch von Menschenbildern. Sowohl die Kommentare von Max Czollek (Schriftsteller, Berlin) und Léontine Meijer-van Mensch (Programmdirektorin, Jüdisches Museum Berlin) wie auch die anschließende Podiumsdiskussion suchten nach Formen, wie diese Volatilität in Bildungskontexten zu realisieren wäre. Auch die Frage, wie das Bewusstsein für den je eigenen kulturellen Hintergrund ohne die Fixierung und Selbstidealisierungen auskommen könnten wurde diskutiert.

Thorsten Knauths (Arbeitsstelle interreligiöses Lernen, Universität Duisburg-Essen) Vortrag über Vulnerabilität bildete das Scharnier zu den, die Vorträge vertiefenden Arbeitsgruppen, die sich mit Handlungsfeldern konkret auseinandersetzten. Er führte in die Relevanz des Begriffs in einer multiperspektivischen und transkulturellen Bildungsarbeit ein. Er betonte, wie wenig beachtet, bezogen auf die „normale“ Realität, solche Diversität und damit sehr verletzende Wirklichkeit in pädagogischen Handlungsvollzügen sei.

Innerhalb weiterführender Arbeitsgruppen wurde das diverse Feld der Zugänge zum Themenkomplex der Tagung noch einmal geweitet. Ein Workshop zu Identität und Digitalität verdeutlichte beispielsweise die Dynamisierung von Zuschreibungen, sowie die Möglichkeiten sich dagegen zur Wehr zu setzen und offenere Konzepte von Identitätsverständnissen im digitalen Raum zu leben.

Die Erfahrungen aus dem Hamburger Modell des Religionsunterrichtes zeigten mit zwei ehemaligen Schülerinnen, wie nachhaltig ein kultur- und religionssensibler Schulunterricht sein kann. Die beiden verdeutlichten, dass sie erst und nur da gelernt hätten mit fundamentalen Differenzen produktiv und eben gemeinsam umzugehen. Die Ambivalenz des Begriffs „Christliches Abendland“ wurde in einem der Workshops noch einmal thematisiert, an Hand der Verbindung von Gedenken, Schuld und Identitäten.

Die zwei Abschlussvorträge regten dazu an, die eigene Beschäftigung noch einmal in einer anderen Perspektive zu betrachten. Katharina von Kellenbach (Religious Studies, St. Mary’s College of Maryland, USA) nahm Bezug auf den kollektiven Umgang mit der deutschen Schuldgeschichte und fragte danach wie ein Umgang mit Schuld aussehen kann, bei dem Schuld nicht „abgewaschen“, sondern bewusst angeeignet und bearbeitet wird. An Hand von Bildern aus der Wasserreinigung und den biblischen rituellen Reinigungspraktiken schlug sie eine solche produktive Aneignung und Bearbeitung von kollektiver zur Identität gewordener Schuld vor. J. Kameron Carter (Duke University, North Carolina, USA) bot eine faszinierende Lesart von Bonhoeffer als pars pro toto für „gute“ abendländische Haltung. Bonhoeffer habe, vor seiner Inhaftierung, versucht dem NS Staat die Deutung des westlichen Christentums zu entreißen. Gelingen konnte ihm dieses nur über die positive Verortung Jesu Christi im Abendland. Carter zufolge bestätige er damit die koloniale Perspektive des NS und des damaligen nationalen Denkens in Europa. Carter formulierte eine radikale Kritik an europäischer (weißer, männlicher) Praxis, die die Weltgeschichte selbstidealisiert, auch wenn sie sich selbst als kritisch versteht. Diese Perspektive sollte für die kommende Bearbeitung der Themen zentral sein.

Die Ergebnisse und Vorträge der Tagung werden zum einen in einer auf kirchliche Praxis fokussierten Broschüre in Zusammenarbeit mit der BAG K+R publiziert und zum anderen in der Dokumentationsreihe der epd erscheinen.



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