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Tagungsbericht „Abendmahl“

Published onFeb 26, 2021
Tagungsbericht „Abendmahl“

Durch die Referate standen im Workshop die dogmatische und dogmengeschichtlich perspektivierte Auseinandersetzung mit dem Abendmahl im Vordergrund: Was ist das Abendmahl? Was macht es aus, und welche Aspekte des Abendmahls stehen in welcher Form seiner Feier im Vordergrund? Welche Aspekte können digitale Formen des Abendmahls vermitteln - und welche stehen durch die digitale Mediatisierung im Hintergrund? Das Ziel des Workshops, diese Differenzierungen als Ausgangspunkt für die Diskussion digitaler Abendmahlspraktiken und zukünftiger Gestaltungen zu ermöglichen, wurde in den Debatten erreicht.

Im Anschluss an die Ausführungen von Prof. Dr. F. Nüssel wurde zunächst diskutiert, was unter einer Notsituation zu verstehen ist. Auf der einen Seite zeigt die gegenwärtige Situation stellenweise Ähnlichkeiten mit Kriegssituationen, in denen das Abendmahl in ungewöhnlichen Formen gefeiert wurde: Es ist die Suche nach existentiellem Trost, die im Evangelium gesucht wird. Ist dies der Antrieb, das Abendmahl zu feiern, so ist im konkreten Fall zu überlegen, was nötig ist, damit dies ermöglicht werden kann. Auf der anderen Seite darf die Corona-Situation jedoch nicht allgemein als Notsituation beschrieben werden - vielmehr ist zwischen Notsituation und Ausnahmesituation zu unterscheiden.

Aus dogmatischer Perspektive ist die Unterscheidung von verschiedenen Bedeutungs- und Erlebnisebenen im Abendmahl zentral, sowohl für analoge als auch für digitale Feiern. Zu fragen ist jeweils nach den Stärken, Schwächen und Grenzen; Defizite müssen benannt werden. Ziel muss sein, dem Anliegen der Stiftung so nahe wie möglich zu kommen. Ein zentrales Element stellt der Gabecharakter des Abendmahls dar, so ein Konsens in der Diskussion. “Nehmt und esst”, das steht im Mittelpunkt. Dabei ist Jesus Christus der Gebende. Im Weiterreichen der Elemente untereinander, kommt die Gemeinschaft der Beschenkten und die Bedeutung des Weitergebens zum Ausdruck. Diskutiert wurde, inwieweit Gemeinschaft liturgisch in digitalen Räumen vermittelt werden kann oder ob wie Leiblichkeit und Gemeinschaft in Wechselbezug zueinanderstehen. Die Kirche müsse leibliche Gemeinschaft auch in der Liturgie wertschätzen, denn sie sei auch konstitutiv in der Diakonie, so ein Votum. Die leibliche Gemeinschaft und Nähe könne dabei auch unangenehm empfunden werden - die Gabe kann zur Zumutung werden und ist nicht immer willkommen.

Brot und Wein sind dabei Symbole der Gabe, aber nicht die Gabe selbst. Wie dieser Gabecharakter inszeniert werden kann, hängt an der medialen Plattform und den Möglichkeiten zur Partizipation ab. Den Gabecharakter der Elemente können dabei auch für einzelne Feiernde explizit betont werden: Es sind viele Körner vereint im Leib, das Brot haben wir nicht selbst wachsen lassen u.a. Verbunden ist damit die Reflexion auf die Bedeutung der Formel “dies ist mein Leib”: Das Demonstrativpronomen verweist auf konkreten Leib in dieser Situation. Hier liegt eine offene Frage protestantischer Abendmahlslehre nach der Präsenz “in usu” im Hintergrund. Diskutiert wurden graduelle Lösungen, die den Zusammenhang zum Einsetzungsgeschehen selbst halten können (etwa durch Austeilen und Verteilen an die Feiernden in den Häusern). In ökumenischer Perspektive steht insbesondere die Frage nach dem Amt und der Beauftragung im Fokus, eine differenzierende Debatte fehlt jedoch bisher im ökumenischen Kontext.

Insgesamt wurde erkennbar, dass es sich in der Frage nach dem digitalen Abendmahl um ein neues dogmatisches Problem handelt, das noch gar nicht abschließend beschreibbar ist. Erkennbar sind mindestens drei Dimensionen: Eine anthropologische Dimension (Wie bin ich präsent im Abendmahl?), eine christologische Dimension (Christus vergegenwärtigt sich selbst) und eine mediale Dimension (Abendmahl als Heils-medium: Wie begegnet Gott im Abendmahl? In materialen Elementen? Im Anderen?), die der weiteren Präzisierung und Verhältnisbestimmung bedürfen.

In der Diskussion mit Prof. Dr. C. Markschies wurde die Notwendigkeit der intellektuellen Reflexion auf das Abendmahl betont. Dass das Abendmahl eine materiale Praxis ist, steht dieser Notwendigkeit nicht entgegen, sondern bietet vielmehr einen zentralen Kern des Abendmahls. Ambivalent diskutiert wurde die Frage nach dem Amt und den im Abendmahl erkennbaren Machtstrukturen: Hier ist die liturgische Umsetzung von zentraler Bedeutung.

Die Diskussion mit Dr. Frank Vogelsang fokussierte sich auf die Aspekte des Gabecharakters, sowie auf die Frage nach der Leiblichkeit des Abendmahls.

Der im Gespräch bereits angesprochene Praxis der Bereitstellung oder Versendung von Brot und Wein für eine Feier des Abendmahls im Digitalen wurden Alternativen zur Seite gestellt: In der katholischen Kirche besteht seit langem die Praxis, z.B. bei Krankheit die Kommunion durch Bot:innen in die Häuser zu bringen. Dies geschieht vor einem anderen ordnungstheologischen Hintergrund, die Beziehungshaftigkeit der Gabe kommt aber hier stärker zum Ausdruck, als wenn jede und jeder sich die Elemente selbst bereitstellt oder sie im zugesandt werden. In der orthodoxen Kirche gibt es eine ähnliche Tradition, die "Eulogien", der Austeilung des geweihten Brotes nach dem Abendmahl.

Im Verhältnis von Leiblichkeit und Digitalität wurde dafür plädiert, die beiden nicht als Gegensatz zu denken: So helfen in der Pandemie die digitalen Medien dabei, Beziehungen aufrecht zu erhalten trotz aller Einschränkungen. Sinnvoller sei es daher, von Gradualitäten zu sprechen. Ein digitales Abendmahl, ein Abendmahl vor dem Bildschirm, eine digitale Weinprobe, eine digitale Party haben sinnliche Dimensionen - mit Grenzen. Eine Abendmahlsfeier in einer Kirche kann eine sehr sterile Angelegenheit sein und auch körperlich eher Fremdheit als Nähe empfinden lassen. Aus interreligiöser Perspektive wurde ergänzt, dass auch das Judentum nach Verlust des Tempels, der leiblich einheitlichen Gottesdienststätte, zu einer portativen Religion mit der Thora als Medium wurde und somit einen Medienwechsel in der Virtualität der Textwelt vollzog.

Des Weiteren wurde der Begriff der Leiblichkeit tiefer ausgelotet: Der Leib ist nie reduzierbar auf nur das Körperliche oder nur das Geistige. Die Gestaltung der Beziehung zwischen Körperlichkeit, Emotionalität und Rationalität wurde als die menschliche Kulturleistung gewürdigt: Der Mensch sei animal symbolicum, er lebe in einem Geflecht von physischer und symbolischer Welt, aus Dimensionen der Leiblichkeit und der Intersubjektivität. Deshalb sei die Abendmahlsfrage letztlich eine Frage der Kultur. Hier müssen jedoch unterschiedliche kulturelle Erfahrungen zusammengeführt und interkulturell relativiert werden.

Diskutiert wurde zudem die Bedeutung der Erlebnisperspektive. Zwischen digitalen und analogen Formen der Wahrnehmung kann nach Meinung der Teilnehmenden keine grundlegende Unterscheidung gezogen werden. Auch das Virtuelle ist Teil der Realität. Eingebracht wurden dazu auch Erkenntnisse der Neurowissenschaften: Wenn Spiegelneuronen uns schmecken lassen, was wir sehen, warum soll das nicht auch beim Abendmahl im Digitalen möglich sein? Für den liturgisch Gestaltenden wurde ein Dreischritt vorgeschlagen: Bevor das Abendmahl im Digitalen gestaltet werden könne, müsse sie oder er sich persönlich die folgenden drei Fragen – in der genannten Reihenfolge – stellen: Kann ich es (das Abendmahl als Sakrament im Digitalen) glauben? Kann ich mir es (als gemeinsame Feier) vorstellen? Kann ich es liturgisch umsetzen? Eine angemessene liturgische Umsetzung wurde auch als Aufgabe für analoge Abendmahlsfeier betont.

Im Sinne einer „ecclesia semper reformanda“ können digitale Abendmahlsformen heute nicht als defizitär, sondern als Bereicherung der bisherigen Möglichkeiten gedacht werden, so ein weiterer Impuls. Sie bieten neue Formen für Partizipation und Inklusion. Jedoch sei mit einer starken Präsenz im Digitalen auch das Risiko verbunden, dass die Sichtbarkeit der Kirche als Akteur vor Ort weiter abnehme. Diese Perspektive führte zu weiteren Fragen, die im Rahmen der Diskussion offenblieben: Ist das digitale Abendmahl lediglich eine abgeleitete Form der Abendmahlspraxis? Oder bringt gerade ein im digitalen Raum gefeiertes Abendmahl der Verheißung und Universalität zum Ausdruck und knüpft somit an das Urchristentum an? Welche hybriden Formen sind denkbar?

Im Gespräch mit Landesbischof Prof. Dr. J. Cornelius-Bundschuh wurden insbesondere Formen des Hausabendmahls diskutiert. Hier kam zum einen die Präparatio zum Abendmahl als konstitutivem Element für das Erleben in den Blick: Sie gibt dem Einlassen auf eine andere Relationalität Formen und Ausdruck, z.B. in der Kleidung, aber auch in Raum und Zeit. Die individuelle Vorbereitung auch bei Formen des Abendmahls zu Hause ist z.T. sehr intensiv. Mut und Vertrauen in das religiöse Gespür der Menschen, dass sie ein Hausabendmahl passend gestalten, sind hier gefragt. Eine Vielfalt der Stile z.B. viele Kerzen und frisch gebügeltes Tischtuch oder einfach Brot und Wein in Mitten des Familienalltag - all das können passende Formen sein. Betont wurde dabei zum anderen, den Reichtum der Leiblichkeit und Sinnlichkeit nicht nur im Blick auf Einzelne, sondern auch für die Gemeinschaft nicht zu verlieren. Wenn keine Hausgemeinschaft möglich ist, wie z.B. im ersten Lockdown in Österreich, ist das digitale Abendmahl in seelsorgerlichen Not angemessen, sofern es keine andere Möglichkeit gibt.

Zur Darstellung der Gemeinschaft haben einige Gemeinden begonnen, die Elemente entweder in die Häuser auszuteilen oder in den Kirchen zum Abholen vorzubereiten. Mit diesen Formen wird versucht, die Austeilung als Bezugsgeschehen erkennbar zu halten. Diskutiert wurde, wie stark das Verständnis einer Wandlung der Elemente in diesen Praktiken implizit im Hintergrund steht. Zu fragen ist in diesem Zusammenhang, wie eine Digitalität der Präsenz Gottes beschrieben werden kann.

Erkennbar ist in den letzten Jahrzehnten auch in analogen Formen eine weniger starke liturgische Aufladung der Formen. Viele der Fragen in der Gestaltung der Formen, sind stark vom Kontext der Feier abhängig. Entscheidend ist, sich auf die aktuelle Not einzulassen und sich die Zeit zu nehmen für die Frage, wie das Abendmahl so gestaltet werden kann, dass seine Fülle deutlich wird. Dazu gehört es auch, die liturgischen Formen im Blick auf ihre Ritualdynamik und die diskutierten Dimensionen des zeichenhaften Handelns liturgisch weiter zu entwickeln und praktisch-theologisch zu reflektieren.

Die Abschlussdiskussion bündelte noch einmal verschiedene Diskussionsstränge. Hervorgehoben wurde die Bedeutung der eschatologischen Differenz aller Abendmahlsformen zu den verheißenen Formen der Gemeinschaft. Entscheidend für die Diskussion ist zudem, verschiedene Settings digitaler und hybrider Abendmahlsfeiern zu unterscheiden. Vor dem Hintergrund der erreichten Differenzierungen wurde die Bedeutung einer Denkmatrix erkennbar, die in der Verbindung von analog und digital denkt: Was muss/soll das Abendmahl im Digitalen und Analogen in jedem Fall beinhalten/weitergeben?

Weiter zu diskutieren ist die Frage nach Inklusions- und Exklusionsaspekten analoger und digitaler Formen, um der Aufforderung “Trinkt alle daraus!” gerecht zu werden. Auch die Bedeutung von Räumen und Orten zur Inszenierung und liturgischen Gestaltung des Abendmahls müssen weiter bedacht werden. Die Diskussionen im Verlauf des Workshops nahmen sehr differenziert nicht nur diese unterschiedlichen Aspekte des Abendmahls in den Blick, sondern reflektierten von dort aus auch auf die Möglichkeiten der liturgischen Gestaltung des Mahls in digitalen und digital-analogen Hybridformen. Diese bedürfen gesondert weiterer Reflexion in einer praktisch-theologischen Perspektive, die in diesem Workshop nicht abgedeckt werden konnte.

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