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Unverfügbar! Innovative Räume in gut schweizerischer-reformierter Tradition

Published onJun 21, 2022
Unverfügbar! Innovative Räume in gut schweizerischer-reformierter Tradition
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1. Resonanzräume sorgender Gemeinschaften

Wer Menschen hilft, lässt sich in Gott’s Name von ihrer Not berühren.

Ein berührtes Herz lässt die Not des andern nicht kalt. In der Mundart des Schweizerdeutsch: „Es gaat as Läbig!“ Die Erfahrung von Lebendigkeit, so der Soziologe Hartmut Rosa, ist das, was Resonanz ermöglicht. Beides, Lebendigkeit wie Resonanz, entzieht sich nach ihm jedoch der „Verfügbarmachung von Welt“: „Unablässig versucht der moderne Mensch, die Welt in Reichweite zu bringen: Dabei droht sie uns jedoch stumm und fremd zu werden: Lebendigkeit entsteht nur aus der Akzeptanz des Unverfügbaren.“ (Rosa, 2019, Coverseite).

Wenn lebendiges Leben in seiner ganzen, tiefen und weiten Gestalt auf dem Spiel steht, und das tut es, wenn das Lebendige durch Not in Gefahr ist, treten beide, der, der hilft und der, dem geholfen wird, in einen besonders gestimmten Raum. Besonders gestimmt ist der Raum dadurch, dass beide durch eine besondere Erfahrung angerührt werden. Sie erfahren das Unverfügbare, das in jeder Hilfe verborgen ist. Dass Helfen nicht machbar ist, geht ans Lebendige. Wer Lebendigkeit erfährt, wer sich lebendig spürt, schafft seinerseits Raum, akzeptieren zu können, dass alles, was zusammenspielen muss, damit geholfen wird, unverfügbar bleibt.

Nicht zufällig bemerkt Rosa, den Begriff der Unverfügbarkeit aus der Theologie entlehnt zu haben. Er beschreibt das Verhältnis zwischen Gott und Mensch „ein gleichsam hörendes, auf-hörendes Aufeinanderbezogensein, das verwandelnde Kraft hat, aber beiden Seiten die ‚eigene Stimme‘ und die Antwortfreiheit lässt: Ob sich Resonanz einstellt und was ihr Ergebnis sein wird, bleibt unverfügbar offen.“ (Rosa, 2019, 67–68). Im Beten entdeckt Rosa dieses Aufeinanderbezogensein, in dem es darum geht, „ein entgegenkommendes Antworten oder ein Antwortgeschehen zu erspüren, dessen Inhalt nicht schon feststeht.“ (Rosa, 2019, 68).

Liegt die Kunst der Diakonie darin, „allgemein helfendes Handeln als spezifisch diakonische Praxis zu verstehen“ (Sigrist, 2020, 12), scheint nicht nur im Beten, sondern auch im Helfen dieses Aufeinanderbezogensein von Gott und Mensch auf. Die diakonische Praxis interpretiert menschliches Helfen als Resonanz der Menschenfreundlichkeit Gottes (Titus 3,4), menschliches Lieben als durch göttliches Lieben in Schwingung versetzt. Im Helfen geht es um eine Bezogenheit von Gott, Mensch und Mensch, das auf alle Seiten hin Freiheiten offenlässt, anders zu werden. Anders zu werden oder anders zu sein ist unverdient, wird als Geschenk erfahren, besser widerfahren. Dies ist nach Rosa jedoch im Unverfügbaren mitgemeint (Rosa, 2019, 68).

Sei es nun im Beten oder im Helfen, bei beiden schwingt mit, dass Inhalt und Ergebnis noch nicht feststehen. Wer betet, betet inhaltsoffen. Wer hilft, hilft ergebnisoffen. Ergebnisoffen heisst nicht, die Absicht über Bord zu werfen, Brot dem Hungernden zu geben, sondern in bester Absicht zu erspüren, wie denn das Brot dem Hungernden hilft. Die Hilfe gehört dem Empfangenden, nicht dem Absender. Wie die Hilfe ankommt, entzieht sich der Manipulation und Macht des Helfenden. Dies zu akzeptieren, geht ans Lebendige, denn man hat nicht im Griff, was mit eigenen Händen getan wird. Der Blick des andern, der die Hilfe empfängt, ist es, der den Helfenden ergreift oder in Bann zieht.1

Diakonie eröffnet Räume, wo Menschen in Bann gezogen werden. Etwas greift nach ihnen, was sie lebendig werden lässt. Sie akzeptieren, dass unverfügbar bleibt, wenn Hilfe geschieht. Sie danken Gott, wenn Hilfe erfolgt. Sie loben den, dem geholfen wird und den, der hilft. Sie erleben den Raum, in dem sie sich befinden, voller Resonanz. Vertikal, diagonal und horizontal fügen sich die Achsen ineinander. Räume werden mit ihnen und über sie gespannt, voller vibrierender Drähte zwischen Tradition und Innovation. Unverfügbar und geschenkt entstehen in solchen lebendigen, spannungsvollen Räumen Augenblicke und Situationen, wo Menschen berührt werden durch die Not, wie durch das Abwenden von Not. Resonanzräume sorgender Gemeinschaften entstehen, deren Ergebnis, also Qualität und Ausgestaltung, eben nicht schon feststehen. Die Menschen können sie aus ihrer langen Tradition erspüren.

Resonanzräume sorgender Gemeinschaften entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern im öffentlichen Raum. Johannes Eurich beschreibt diakonische Einrichtungen in dieser nicht präzise zu bestimmenden, oszillierenden und schillernden Sphäre, auch „dritten Sektor“ genannt, zwischen Markt, Staat und Gemeinschaft, Familie als Urbild der Gemeinschaft (Eurich, 2013, 239–257). Er stellt als „analytisches Modell“ die „Hybridisierung von Dritte-Sektor-Organisationen“ vor, „um Veränderungsprozesse zwischen den Sektoren des Staates, des Marktes und der Gemeinschaft im Blick auf die Organisationsebene beschreiben und Schlüsse auf die Organisationssteuerung ziehen zu können.“ (Eurich, 2013, 256). Ergebnisse stehen in diesen Veränderungsprozessen eben nicht fest. Das Moment des Unverfügbaren schwingt mit. Denn Wandlungsprozesse führen nach Eurich nicht immer zur Hybridisierung. Auch das Neben- oder Gegeneinander von unterschiedlichen Logiken und Rationalitäten können in Organisationen und diakonischen Unternehmen Folge sein. „Die Chance zur Vernetzung und Nutzbarmachung von Synergieeffekten setzen daher spezifische Fähigkeiten sowie den Willen zur Öffnung und Wandlung auf Seiten der Organisationsführung voraus.“ (Eurich, 2013, 256). Nicht zuletzt nicht nur, jedoch auch mit dem Willen zur Öffnung und Wandlung widerfährt den Verantwortlichen diakonischer Werke, dass Resonanzräume sorgender Gemeinschaften entstehen.

Weniger soziale Dienstleistungserbringer in der Diakonie, wie dies für Deutschland mit seiner grosser Diakonie gilt, dafür umso mehr Kirchgemeinden kommen in der Schweiz in den Blick, wenn es um die Veränderungsprozesse zwischen den Sektoren von Markt, Staat und Gemeinschaft geht. Der Grund liegt darin, dass diakonische Praxis wesentlich in Kirchgemeinden stattfindet. Sie gestaltet sich weniger in der Hybridisierung von Dienstleistungserbringern aus, sondern in der Dynamisierung einer spezifisch kirchlichen, diakonischen Form von Gemeinwesenarbeit (Hofstetter, 2022, 125–138).

Versteht man so Gemeinwesendiakonie in der Schweiz, liegt der Fokus im Unterschied zur Gemeinwesendiakonie in Deutschland nicht in der Vernetzung von diakonischen Organisationen und Kirchgemeinden im Dritten Sozialraum, denn in der Schweiz gibt es sehr wenige diakonische Werke. Sondern das Augenmerk liegt in einer dynamischen Verzahnung von Kirchgemeinden mit Akteurinnen und Akteuren aus Politik, Zivilgesellschaft und Nachbarschaft. Dynamisch deshalb, weil die Veränderungsprozesse gesellschaftlichen Lebens gerade auch in ihren urbanen Formen innovatives Potential von kirchlichem Leben und christlicher Existenz freilegen, deren Ergebnisse eben auch noch nicht feststehen. Fest steht: Das Potential der Diakonie für Sorgende Gemeinschaften ist in der Schweiz gross. (Hofstetter, 2021). Dieses Potential schafft innovative Räume in gut schweizerischer Tradition, unverfügbar und unverdient, jedoch mit unglaublich dynamischen Kräften, die Resonanz freisetzen.2

Das Praxismodell Resonanzraum sorgender Gemeinschaften beschreibt in Aufnahme des Resonanzmodells Rosas mit seinen drei Resonanzachsen vertikaler, horizontaler und diagonaler Ausrichtung die diakonische Dimension von Freiwilligenarbeit, Transzendenzerfahrung und Einsatz diakonischer Mittel. (vgl. Sigrist, 2021, 141–145). Vier Konkretionen sollen vorgestellt werden.

2. Corona-Batzen

Im Januar 2021 entstand bei einem informellen Gespräch abends spät zwischen der Ressortverantwortlichen für Diakonie der Kirchgemeinde Zürich, der grössten evang.-ref. Kirchgemeinde in Europa mit fast 70‘000 Mitgliedern, und dem Grossmünsterpfarrer der Impuls: Was die Politik kann, muss auch Auftrag der Kirchen sein: Unbürokratisch zu helfen dort, wo die Corona-Pandemie bei Arbeitsplätzen und Haushalten zuschlägt. Hat die Bundes-Politik schon 2020 Milliarden schwere Pakete für die Abfederung der Arbeitsfälle geschnürt, wurde bei Wein, Brot und Käse folgende Grundidee entwickelt:

  • Subsidiär zu den Hilfeleistungen des Staats und der Wirtschaft, die gesetzlich die Existenzgrundlagen zu sichern hat, nimmt die Kirchgemeinde jene Personen und Familien in den Blick, die durch die Maschen des politischen Unterstützungsnetzes fallen, sowie auch durch fehlende Resilienz in den eigenen Familien geschwächt sind.

  • Im Zusammenspiel helfender Kulturen im schweizerischen Wohlfahrtspluralismus mit ihren unterschiedlichen Logiken und Rationalitäten (Sigrist, 2020, 71–86) zielt die Unterstützung auf Menschen und auf Familien, die weder in der Sozialhilfe noch durch Arbeitslosen-Unterstützung abgesichert sind und die zudem ökonomisch nicht ausreichend durch eigene Möglichkeiten existenzsichernd leben können. Die Absprache mit den Sozialbehörden der Stadt wie auch mit dem Sozialminister erfolgt zu Beginn des Projekts.

  • Der Begleitbrief an die Mitarbeitenden der Kirchgemeinde hält fest: „‚Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben‘ (Mt 25, 35). Mit dem Corona Manifest vom letzten November haben wir Zürcher Kirchen unseren Willen bekräftigt, im Bereich der Diakonie nachhaltig in die Gesellschaft hineinzuwirken3. Auch Soforthilfe tut in diesem Zusammenhang Not. Als Instrument zur schnellen finanziellen Hilfe lanciert unsere Kirchgemeinde den ‚Corona Batzen‘. Der ‚Corona-Batzen‘ will dort helfen, wo Menschen durch die Maschen fallen: schnell, unbürokratisch und basisnah. Er versteht sich als humanitäre Soforthilfe, subsidiär zur staatlichen Unterstützung, zum familiären Netz und zu berufs- und anderer personenspezifisch gewidmeter Unterstützung. Im Fokus stehen der untere Mittelstand und weitere Personengruppen, die durch das Netz anderer Unterstützungsangebote fallen oder zwar davon profitieren, diese aber dennoch nicht ausreichen.“ (Reformierte Kirche Zürich, 2021).

  • Konkret wird die finanzielle Hilfe wie folgt festgelegt: „Der ‚Corona Batzen‘zielt auf Personen mit Wohnsitz in der Stadt Zürich, die Corona-bedingt eine Erwerbseinbusse erleiden. Der maximal ausrichtbare Betrag an Alleinstehende ist auf CHF 3200.– festgelegt, an Familien auf CHF 4800.–, zusätzlich CHF 1000.– ab dem dritten Kind“ (Reformierte Kirche Zürich, 2021).

  • Der Fokus auf die aufsuchende Hilfe im städtischen Sozialraum ist in Zürich eine langjährige kirchlich reformierte Tradition. Die Linien können zum Teil bis in die reformatorischen Aufbrüche in der Stadt unter Mitwirkung von Ulrich Zwingli, dem Zürcher Reformator, gezogen werden (Sigrist, 2018, 169–194). Aufsuchende Hilfe, ein wirkungsvolles Instrument: „Ein Gesuch einreichen kann jeder diakonische Mitarbeiter bzw. jede diakonische Mitarbeiterin und jede Pfarrperson der Kirchgemeinde Zürich oder einer von der Kirchgemeinde Zürich massgeblich mitgetragenen Institution (Zürcher Stadtmission, Bahnhofkirche). Diese verbürgen sich mit der Einreichung des Gesuchs für die Berechtigung der Begünstigten auf den Corona-Batzen.“ (Reformierte Kirche Zürich, 2021).

Im Sommer 2021 hat das Parlament der evang.-ref. Kirchgemeinde Zürich eine Million Franken für den Corona-Batzen gesprochen. Bis im März 2022 wurden 105 Gesuche beraten, 28 Gesuche wurden abgelehnt, bei 77 Gesuchen wurde ein Betrag zwischen CHF 3‘200 bis CHF 8‘800.- ausbezahlt, insgesamt rund CHF 320‘000.- Dabei wurden Einzelpersonen und Familien, die ihren Wohnsitz in der Stadt Zürich haben, in unterschiedlichen Kulturen und mit verschiedenen Konfessionen und Religion leben, unterstützt, insgesamt fast 200 Personen. 42 Gesuche wurden von Frauen gestellt, 25 Gesuche von Familien, 9 Gesuche von Männern. Gründe für die Gesuche waren Kurzarbeit, Stellenverlust sowie das Ausbleiben von Aufträgen. Die Gesuchstellenden arbeiten oft in der Gastrobranche, in der Reinigung und in der Sexarbeit.

Der reformierten Kirche Zürich gelang es mit dem Projekt „Corona-Batzen“, innovative Räume diakonischer Wirkung im Wohlfahrtspluralismus, urbaner Ausprägung zu erschliessen. Dabei setzte sie auf das Vernetzungspotential des kirchlichen Personals im Sozialraum von Quartier und Nachbarschaft, das den Blick hinter die Fassade in Stuben und Küchen freilegt. Dazu kommt, dass durch vielfach langjährige Arbeit das Vertrauen zwischen Hilfeleistenden und Hilfeempfangenden so gewachsen ist, dass Schamgrenzen gegenüber dem Empfang von Hilfe und dem Eingestehen eigener Ohnmacht überwunden wurden. In diesen neu erschlossenen Räumen der Hilfe scheint unverhofft wie unverfügbar eine meist versteckte Form von Frauenarmut auf, die ausserhalb der traditionellen Felder kirchgemeindlicher diakonischer Arbeit liegt. Eine spezifisch schweizerische Gestalt von kirchlicher Gemeinwesenarbeit zeigt sich als soziale Arbeit in unsichtbarer Armut.

Ausgangspunkt des Corona-Batzens war – ein nächtliches, inspirierendes Gespräch zwischen Kirchenleitung und Pfarramt: Unverfügbar.

3. Wirtschaftsdiakonie

Am Anfang war das Gespräch: Das geistgewirkte Gespräch zwischen einem Unternehmer, dessen Ein-Personen-Firma durch die Pandemie stark unter Druck kam, und der Pfarrperson in einem Kaffee im Schatten des Grossmünsters im Januar 2021. Die fehlenden Aufträge des Unternehmers und die fehlende Nähe der Institution Kirche zu Firmen und Geschäften prallten aufeinander. Die in der Diakonie-Bewegung in dem deutschsprachigen Raum Europas seit dem 19. Jhdt. immer wieder angewandte Formel „Minus mal Minus ergibt ein Plus“ führte auch in diesem Fall zu einem überraschenden Ergebnis. In aller Kürze und in wenigen Schritten soll die Formel ausgerechnet werden, wie sie im zusammenfassenden Bericht von Januar 2022 des ersten „Wirtschafts-Diakons“ in der Schweiz, Duke Seidmann, vorliegt:4

  • Ausgangslage: „2020 gerät eine spezielle Zielgruppe wieder ins Bewusstsein der Kirche: Die Kleinunternehmen (KMU) und die Selbständigen im Kirchenkreis 1. Corona lässt viele von ihnen an den Rand der Existenz geraten. Im urbanen Raum liegen Berufs- und Wohnort oft weit auseinander; dieser Typus packt lieber an, statt zu jammern. Kirche ist für sie hier kaum ein Thema. Dabei finanziert ‚Die Wirtschaft‘ mit ihren Kirchensteuern die Landeskirche zu einem grossen Teil. KMU + Selbständige sind kirchliche ‚Stammkunden‘, die wir zu lange für selbstverständlich genommen und vernachlässigt haben. Vielen war das auch ganz recht. Kann diese Krise eine Chance bieten, die zugewucherten Wege wieder freizulegen, die Verbindung dialogisch wieder aufzunehmen, möglicherweise auch hier diakonisch hilfreich zu wirken? Zu fremd ist man sich in den letzten Jahrzehnten geworden, die Chancen sind ungewiss, doch der Moment ist richtig, um mindestens hinzugehen und zu fragen. Ein umfassendes Bild von den wirklichen Wahrnehmungen und Bedürfnissen der über 5000 Betriebe in der Altstadt soll in einer Studie erarbeitet werden, welche die Grundlage für weitere Entscheide bilden soll.“

  • Umsetzung: „Anstelle von Fragebogen - die ja auch nur Reaktionen auf unsere eigenen Annahmen spiegeln würden, oder einer Zusatzbelastung für die im Coronajahr stark geforderten Kirchenmenschen, wurde ein externer ‚Wirtschaftsdiakon im Mandat‘ (der Zürcher Kommunikationstrainer Duke Seidmann) ausgesandt, der bei über 100 Kleinbetrieben im KK1 vorsprechen und offene Gespräche führen sollte. Der Spezialist für Gesprächsführung und Kundenkontakt filterte im engen Austausch mit der Begleitgruppe des Kirchenkreises 128 potentielle Ansprechpartner quer durch alle Branchen heraus und konnte mit 84 von ihnen persönliche Termine für ein erstes Erkundungsgespräch vereinbaren. In insgesamt 250 telefonischen und persönlichen Gesprächen entstand ein klares und – entgegen aller anfänglichen Skepsis und bei allem Erstaunen über die ungewöhnliche Ansprache – eindrücklich positives Bild über die Bereitschaft der Zielgruppe, mit der Kirche wieder ins Gespräch zu kommen. Hinter eingerosteten Türen fanden sich kaum Abgründe von Ablehnung oder Wüsten der Gleichgültigkeit, sondern ausgetrocknete Bachläufe.“

  • Methode: „Mit der Initiative ‚Wirtschaftsdiakonie‘ verfolgen wir einen dezidiert dialogischen Ansatz. Anstelle von Belehrung und Bekehrung suchen wir das Gespräch. Mindestens so sehr wie das Einstehen für die eigenen Glaubensüberzeugungen ist die Sichtweise des ‚Anderen‘ von Interesse. Der Prozess ist ergebnisoffen. Es geht also nicht um das Erreichen eines bestimmten Ziels, sondern um die Begegnung mit dem ‚Anderen‘ im Dialog. Und selbstverständlich ergeben sich handfeste Resultate aus den Gesprächen (s. Gesprächsberichte), doch wir steigen eben nicht mit einer definierten Vorstellung vom Gesprächsergebnis in die Begegnung, sondern überlassen mindestens 50% des Gesprächsverlaufsanteils dem Gegenüber.“

  • Erkenntnisse: „Die Initiative kam viel besser an, als erwartet. Die Idee, eine Wirtschaftsdiakonie einzurichten, welche die Sprache der KMUs und Selbständigen spricht, ihre Anliegen und Wahrnehmungen aus eigener Erfahrung kennt und das Gespräch sucht, wurde aus folgenden sieben Hauptgründen fast von allen Befragten begrüsst.

    1. Hingehen, Verstehen können, Wahrnehmen: Viele fühlten sich von der Kirche gar nicht mehr wahrgenommen. Besonders dass sich die Kirche vom Hügel ‚herab‘ zu ihnen bewegt und das Gespräch ohne Belehrungs- oder Bekehrungsabsicht sucht, überraschte und berührte viele.

    2. Zuhören, Zusagen und Zuversicht verbreiten: Trotz Kirchensteuerpflicht (die vielen gar nicht bewusst war), empfanden sich die wenigsten als potentielle Partner der Kirche, dass diese auch für sie da sein soll, erstaunte sie positiv. Am wichtigsten ist ihnen, gehört und ernst genommen zu werden. Die meisten sind ja alles andere als rücksichtslose Profitmaximierer, sondern verantwortungsbewusste Arbeitgeber. Der zuversichtliche entspannte und fröhliche Approach des WD wurde von den meisten als angenehm und motivierend wahrgenommen.

    3. Verbindung herstellen und halten: ein Bottom-up Netzwerk? Das Bedürfnis nach zusätzlichen Aufwänden, weiteren Organisationen oder Veranstaltungen hält sich in Krisenzeiten in engen Grenzen. Der ‚ambulante‘ Wirtschaftsdiakon traf aber nicht nur fast überall auf offene Türen und die Bereitschaft auf gehaltvolle Gespräche, sondern darf wiederkommen: es eröffnet sich die Chance eines kirchlich vorangetriebenen, doch autonomen Netzwerks nachbarschaftlicher Unterstützung – ohne neue Strukturen, Ämter oder Institutionen.

    4. Der Dreifachschlüssel Mandat/Laiengespräch/Interpersonalität ermöglicht Verbindung auf Augenhöhe: Viele Gesprächspartner beherrschen ‚Christentum‘ ungefähr noch so wie ihr Schulfranzösisch – hoffentlich fragt keiner…! Dass da jetzt einer ‚von uns‘ kommt – kein undurchschaubarer Institutionsrepräsentant aus einer unbekannt gewordenen Welt – erleichtert, öffnet Herz und Mund: das längste Erkundungsgespräch dauerte ungeplante 5 Stunden! Keine Spur von religiösem Desinteresse! Doch der Zugang zu diesen Ebenen funktioniert nur interpersonal-dialogisch, nicht über suprapersonale Zielgruppenansprache, sei sie auch noch so professionell! Nur wo der Einzelne individuell – nicht als (unfreiwilliger) Repräsentant eines Kollektivs – angesprochen wird, öffnet er sich persönlich!

    5. Angebotspalette Kirche transparent machen: Von professionellen Adressen über die praktische Beratung in heiklen Situationen bis zur persönlichen Seelsorge: keine andere Institution hat 2000 Jahre Erfahrung mit der Unvollkommenheit des Menschen und wie ihr menschlich und wirksam zugleich zu begegnen wäre. Doch die wenigsten wissen um dieses reichhaltige Angebot!

    6. Informelle, nicht-urteilende und diskrete Unterstützung: In schwierigen Situationen hilft oft schon nur ein Gespräch mit jemandem ‚von aussen‘, der allerdings der Verschwiegenheitspflicht unterliegt und keine eigene Agenda zum Thema hat. Staatliche Stellen müssen nach Vorschrift handeln – für die Kirche ist die Schuldfrage nicht von Belang, sie kann helfen ohne zu urteilen: informell, situationsbezogen, pragmatisch. Ein Anruf genügt, und der Wirtschaftsdiakon kommt.

    7. Erstes Portemonnaie/Pannenhilfe: Inspiriert vom Coronabatzen der Ev.-ref. Landeskirche erwarteten wir grossen Bedarf an finanzieller Unterstützung. Doch der Staat hat hier die meiste Hilfe schon geleistet. (einige erwarten allerdings für 2022/23 eine Konkurswelle!) Vielmehr konnte in mehreren Fällen wirksam Pannenhilfe geleistet werden (s. Vergabungen). Die Erfahrung, dass wir nicht nur mit guten Worten sondern bei Schieflagen auch mit einer kleinen Kasse konkrete ‚Wiederaufstehunterstützung‘ geben konnten, motivierte die Empfänger, das Heft trotz aller Bedrängnis wieder selbst in die Hand zu nehmen. Dank transparenter Vergabekriterien und -kontrolle brauchten wir weniger als die Hälfte des ‚Topfs‘.“

Der Kirchkreis Altstadt der evangelisch-reformierten Kirche der Stadt Zürich investierte 2021 CHF 50‘000.- in die Kontaktarbeit des Wirtschaftsdiakons. Von den CHF 50‘000.- Rahmenkredit für Vergabungen wurden 2021 CHF 20‘000.- eingesetzt. Das Bild der zugewachsenen Pfade im Dschungel urbaner Räume wurde zum „Brand“ dieser diakonischen Arbeit im Sozialraum: „Der vom Kirchenkreis als Wirtschaftsdiakon mandatierte Dialogtrainer fand durch 250 Gespräche mit Selbständigen und Kleinunternehmern seit langem zugewachsene Pfade zwischen Kirche und KMU. Was ist zu tun, um sie wieder begehbar und begehrt zu machen? Die Erkundungstour wurde zur Pionierarbeit: Er stiess auf überraschend viel Interesse und Sympathie, auch Ansätze eines neuen diakonischen Netzwerks wurden sichtbar.“ Bei der Bildung solch neuer diakonischen Netzwerke erweist sich der Wirtschaftsdiakon nach Duke Seidmann „als Katalysator der Beziehung Wirtschaft-Kirche UND diakonischer Beziehung zwischen KMU“. Der Leitung des Kirchkreises Altstadt hat für 2022 ein Nachfolgeprojekt „Tiefenbohrung“ bewilligt, in dem der Wirtschaftsdiakon Fragen nach dem Mehrwert der Wirtschaftsdiakonie gegenüber einem Coiffeur oder einer Schreinerin, oder nach einer kirchlichen Angebotspalette klärt, die die Institution Kirchgemeinde exklusiv oder besser als andere Anbieter entwickeln kann.

Der Fokus liegt im Zusammenspiel von institutioneller, kirchlich-diakonischer Wirkung gegenüber Wirtschaftsunternehmen im Sozialraum Innenstadt mit anderen Kräften, Initiativen, Vereinen, Netzwerken und Gruppen. Das Projekt Wirtschaftsdiakonie nimmt die Transformationsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft aus Sicht von Kirchgemeinden in den Blick. Durch Krisen wie die Pandemie noch verstärkt, drängt sich die Frage auf, wie der diakonische Auftrag einer Kirchgemeinde als spezifisch organisierte und interpretierte Form von Gemeinwesenarbeit im Sozialraum in Zukunft zu erfüllen ist. Dabei erweisen sich die generierten Bilder wie „zugewachsene Pfade“ zwischen Kirche und Wirtschaft, oder „Katalysator diakonischer, wirtschaftlicher und kirchlicher Netzwerke“ als inspirierende Quellen innovativer Aufbrüche.

Ausgangspunkt der Wirtschaftsdiakonie war – das monatliche Gespräch über Gott und Welt im Quartierskaffee: Unverfügbar.

4. Der Glöckner von Zürich

Wer Menschen hilft, lässt sich von ihrer Not berühren. Die Not bringt nicht immer, jedoch in letzter Zeit häufig Glocken zum Schwingen. In den Jahren 2021 und 2022 haben in der Schweiz die Glocken aller Kirchen zweimal den Alltag unterbrochen. Dies ist nicht zuletzt deshalb bemerkenswert, weil vor diesen Jahren die Glocken im vergangenen Jahrhundert nur zu Kriegsende 1945 und bei der Landesausstellung 1964 national geläutet haben. Am 5. März 2021 wie auch am 9. März 2022 hat die Schweizerische Bischofskonferenz, die Evangelisch-reformierte Kirche der Schweiz wie auch die Christkatholische Kirche der Schweiz zum nationalen Glockengeläut aufgerufen. Bei beiden Anlässen stand das Gedenken an Menschen in Not im Zentrum. 2021 war es das Gedenken an die 10‘000 Toten, die wegen der Corona-Epidemie starben5. 2022 war es das Gedenken an die Menschen, die im Krieg in der Ukraine litten, starben oder fliehen mussten.6

Die Glocken begannen nicht aus der Hektik des Alltags zu Schwingen. Explizit wurde von politischen wie kirchlichen Behörden eine Stille eingefordert, aus der heraus die Glocken zu läuten haben. Stille, so lehrt die Resonanztheorie, ist Klangraum für die Musik (Roth, 2022, 139–144). Aus der Stille werden Töne und Klänge geboren, die Grenzen und Mauern überwinden. Menschen werden aus unterschiedlichen Kulturen und Nationen durch solch klingende Stillen zusammengeführt. „Aus dem Leeren kommt neues Leben“ (Guggenbühl, Sigrist, 2021, 19). Lebendigkeit entsteht nach Rosa nur aus der Akzeptanz der Unverfügbaren. Paradox zeigt sich die behördlich verfügte Minute der Stille als nicht verfügten Augenblick nicht endender Solidarität mit Menschen in Not. Überraschend macht das Glockengeläut der Kirchtürme die Wand zwischen dem Gebet drinnen im Kirchenraum und der Hilfe draussen vor der Kirche durchlässig. Die nicht verfügte und durchlässige Lebendigkeit verliert den Menschen in seiner Not nicht aus den Augen. Sie schwingt mit, wenn Glocken, national durch die Behörden befohlen, oder lokal mit dem Seil gezogen, läuten.

Der Glöckner steht seit Jahrhunderten dafür ein, dass Glocken zu läuten haben, wenn Menschen in ihrer Not durch Krieg, Hunger, Pest oder Katastrophen zusammenstehen, sich miteinander im Gebet verbinden und einander helfen. In solchen Augenblicken hat niemand den Boden unter den Füssen. Die zum Gebet gefalteten Hände sind der einzige Halt.

Die responsive Verbindung von Gebet und Klang zeigt sich liturgisch in der lutherischen Tradition beim Vaterunser der Gottesdienstgemeinde. Beim im ZDF wie auch Schweizer Fernsehen SF in Zürich direkt übertragenen Gottesdienst vom 2. Juni 2013 wurde zum ersten Mal das Gebetsglöcklein im Dachreiter des Grossmünsters geläutet. Michael Frauenfelder sah und hörte die Glocke am Fernsehen. Die Glocken faszinierten ihn seit seiner Kindheit. Er meldete sich im Grossmünster. Das war der Start der berührenden Biografie des letzten Glöckners des Grossmünsters „von der Gosse auf den Turm“ (Schumacher, 2019).

Michael Frauenfelder war obdachlos geworden, fand bei den SWS-Werken von Pfarrer Ernst Sieber Unterschlupf. Vom sogenannten „Pfuusbus“ und anderen Notunterkünften aus hörte er den Glockenklang. Nach dem Gottesdienst meldete er sich bald im Grossmünster. Er nahm kurz danach am Sonntagmorgen das Glockenseil in die Hände und begann, während dem Unservater im Chor des Grossmünster, sichtbar für die Gottesdienstgemeinde, die Gebetsglocke zu ziehen. Zug um Zug wurde er aus Obdachlosigkeit und Verschuldung herausgezogen. Dem unbezahlten, freiwilligen Einsatz folgten bezahlte Stunden. Die Entlöhnung auf Stundenlohnbasis wurde durch eine kleine Festanstellung schon ein paar Monate später abgelöst. Nach der Schuldensanierung vermittelte die Kirchgemeinde zusammen mit dem Sozialwerk Pfarrer Sieber ihm die erste Wohnung. Die Anstellung als Hilfs-Sigrist (Mesmer) im Grossmünster war die Folge. Weiterbildungen förderten seine grosse Kompetenz im Bereich von Glockenklang und Glockenstuhl-Bau. Seit April 2022 arbeitet er zu 100% bei einer Glockenfirma und repariert die Glocken der Kirchtürme im Kanton Zürich.

Schumacher schreibt: „Zwischen den Grossmünster-Glocken wirkt Frauenfelder wie erlöst von all dem Schweren, das ihm widerfahren ist. ‚Glänkt ond gleitet vo obe‘ sei das alles gewesen, sagt er. Als er noch in der Gosse lag, fragte er sich manchmal, wieso das ausgerechnet ihm passiere. Wenn er jetzt zurückschaue, dann sei ihm alles klar. Die Strasse, der Pfuusbus, die Einsätze als Freiwilliger beim Dachreiterglockenläuten: ‚Wäre ich nie obdachlos gewesen, dann stünde ich heute nicht hier.‘“ (Schumacher, 2019).

In der Biografie vom letzten Glöckner des Grossmünsters werden Klang und Gebet in Resonanz zueinander versetzt, Liturgie und Diakonie, Kirchenraum und Sozialraum, Sorgende Gemeinschaft als Kirche und soziale Sorge als Stadt. In den Glocken schwingt nicht nur das öffentliche, politische Potential von Kirchen ausserhalb von Kasualien und Gottesdiensten mit. Kirchen sind als Gedächtnis und Gewissen Hoffnungsorte inmitten von Stadt, Quartier und Dorf (Grünberg, 2004, 139–160). In und an den Kirchenräumen mit ihren Türmen verorten sich Biografen voller Hoffnungsgeschichten helfenden Handelns. Hoffnungsgeschichten helfenden Handelns spannen Resonanzräume wie Käseglocken über das Stadtleben. Menschen erleben sich darin – so die Erfahrung von Michael Frauenfelder – gelenkt und geleitet von oben, getragen und gehalten von unten, verankert und geweitet dank Lebensmitteln wie Geld und Geist. Resozialisierung, Integration, Inklusion oder Teilhabe sind in solchen bergenden Räumen eingelagerte Schwingungen, sich zwischen Menschen, Räume und Plätze spannende, vibrierende Drähte. Diese Drähte setzen Menschen unter Hochspannung, achtsam und solidarisch zu leben und zu beten. Aus dem Leeren kommt neues Leben. Aus der Stille entsteht klingende Solidarität. Die individuelle Biografie voller Brüche schreibt neue Kapitel kollektiver Aufbrüche. Kirchtürme mit ihren Glocken können Fingerzeig für die grundlegende Responsivität sozialer Integration im gesellschaftlichen Zusammenleben sein.

Ausgangspunkt der sozialen Integration war der am Bildschirm wahrgenommene Glockenklang: Unverfügbar.

5. Bet-Räume für den Frieden in der Ukraine

Der vierten Konkretion soll eine persönliche Note vorangestellt werden. Als ich am Donnerstag, 24 Februar 2022, morgens früh um 6.00 Uhr am Radio hörte, dass die russischen Truppen mit ihren Panzern und Soldatenstiefeln die Grenze zur Ukraine überschritten hatten, wurde mir klar, das Grossmünster muss jetzt für den Frieden einstehen genauso wie damals. Damals, im März 2003, als die USA im Irak einmarschierte, organisierte meine damalige Kollegin zusammen mit dem reformierten Dekan, dem Organisten und mir einen reformierten Abendgottesdienst für den Frieden. Jetzt, zwanzig Jahre später, war ich überzeugt, dass nicht ein konfessioneller Gottesdienst, sondern ein interreligiöses Friedensgebet, das über die abrahamitischen Religionen hinausgeht, Fluchtort der plural gewordenen Stadtbevölkerung in ihrer Ohnmacht und Hilfslosigkeit ist. Dieses Gebet der Religionen wurde von zehn Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Religionen und aller Konfessionen getragen. Viele von ihnen sind Mitglieder des Zürcher Forums der Religionen, das ich schon lange leite. Freundschaften entstanden. In Krisenzeiten sind solche Freundschaften entscheidend, um mit kurzen Kommunikationswegen und grossem Vertrauen innert weniger Stunden und Tage zusammenzukommen, um zu beten.

„‘Wir alle sind Botschafterinnen des Friedens, wir tragen die Gewaltlosigkeit hinaus in die Welt‘, sagt Sigrist. An diesem Votum knüpften alle Redner und Rednerinnen an. ‚Wir dürfen nicht akzeptieren, dass unsere Werte angegriffen werden. Wir stehen zusammen für Gott und in Solidarität mit allen Ukrainern‘, sagt der Rabbiner. Der Imam betete für die Beendigung des sinnlosen Konflikts (…) Besonders eindrücklich war der Auftritt von Branimir Petkovic, serbisch-orthodoxer Pfarrer und Vorstandsmitglied des Forums der Religionen, eines Zusammenschlusses religiöser Gemeinschaften und staatlicher Stellen im Kanton Zürich. Als Vertreter des Verbands orthodoxer Kirchen im Kanton Zürich sei er die Stimme aller orthodoxen Brüder und Schwestern. ‚Gott, entferne alle Knechtschaft, allen Hass. Befreie das Volk vom Bruderkrieg, beende das Blutvergiessen, erweiche die Herzen, und mach uns zum Werkzeug des Friedens‘, sprach und sang er.“ (Vögeli, 2022, 13).

Das Grossmünster, der Betraum der Stadt, wurde an diesem Abend vom 28. Februar mit dem Demonstrationsraum der Stadt in Resonanz gesetzt. Tausende von Menschen lauschten nach dem Gebet der Stadtpräsidentin auf dem Münsterhof beim Fraumünster zu. 1946 stand der britische Kriegspremierminister, Winston Churchill, von Tausenden von Menschen am selben Platz. Wieder stand das konfliktreiche Verhältnis von West-Ost im Zentrum. Alle erahnten das Historische des Augenblicks. Stadtkirche und Stadthaus leuchteten in den Farben der Ukraine gelb und blau in der Dunkelheit finstrer Nacht. Die horizontale Achse zwischen Stadtraum und Kirchenraum voller Menschen, die vertikale Achse des beleuchteten Kirchenturms mit dem interreligiösen Gebet, sowie die diagonale Achse voller Augenblicke von Angst vor dem Krieg und Hoffnung auf Frieden trafen sich in einem Punkt. Raum, Zeit und Geschichte flossen ineinander. Menschen umarmten sich, bekamen Gänsehaut, zündeten Kerzen an, standen still da, nicht allein, zusammen mit vielen anderen.

Dieser Abend war mitunter in den nächsten Wochen Ausgangspunkt unzähliger Hilfeaktionen von Staat und Kirchen, von persönlich, freiwilligem Engagement und politischer Arbeit in der erwarteten und dann auch eintreffenden Welle von Flüchtlingen aus der Ukraine. Die Solidarkultur gesellschaftlichen Zusammenhalts fand in den Räumen von Stadtkirche und Stadthaus ihre beiden Brennpunkte. Innerhalb dieser Ellipse organisierten orthodoxe Gemeinden Friedenspilgerfahrten zum Kloster Einsiedeln genauso wie koordinierte Aufnahme von russischen und ukrainischen Flüchtlingen bei sich zu Hause. In Zusammenarbeit mit der Stadt stellten die Kirchgemeinden der Stadt aller Konfession leerstehende Pfarrhäuser und Kirchgemeindehäuser als Wohnraum für Geflohene zur Verfügung. In unzähligen Friedensgebeten in den einzelnen Kirchen, Synagogen, Moscheen und Tempeln versammelten sich jeden Tag Menschen zum Friedensgebet. In den Citykirchen der Innenstadt füllten sich Gebetsbücher, der Strom von Besuchenden während der Woche schwoll merklich an. Die innovative, interkulturelle und interreligiöse Solidarkultur hinterliess ihre Spuren im analogen, öffentlichen Raum, wie auch im digitalen Netz und den Printmedien. Immer wieder erinnerte man sich daran: Damals, wenige Tage nach Kriegsausbruch, war doch das Grossmünster überfüllt, und alle Religionen beteten miteinander für Frieden und Solidarität.

Ausgangspunkt der Solidarkultur gegenüber Ukraine war die Nachricht am Radio am frühen Morgen: Unverfügbar.

6. Resonanzen der Diakonie

An vier Konkretionen wurde versucht aufzuzeigen, warum helfendes Handeln innovative Räume im Gemeinwesen schafft. Wer Menschen hilft, lässt sich von ihrer Not berühren. Gewiss. Wahr ist auch, dass in solchen Augenblicken, wo in der Not geholfen wird, niemand Boden unter den Füssen hat, weder die, die helfen, noch die, denen die Hilfe zugutekommt. Die Glocken des Glöckners lassen etwas von diesem Gefühl mitschwingen, ins Bodenlose zu fallen.

Das Bild, dass niemand Boden unter den Füssen hat, stammt vom jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig. Er schreibt davon am 11. März 1920 im Brief an seine Schwester Ilse Hahn. Für Ulrich Bach, dem Urgestein diakonischer Theologie und Praxis, wurde das Bild zum „Plädoyer für eine solidarische Diakonie“: Er fügt den Briefauszug Rosenzweigs am Schluss seiner Überlegungen hinzu:

„Boden unter den Füssen hat keiner, jeder wird nur gehalten von andern, ‚nächsten‘ Händen, die ihn beim Schopf packen, und so hält einer den andern und oft, ja meist ganz natürlich (denn sie sind ja gegenseitig sich ‚Nächste‘) beide sich gegenseitig. Diese ganz mechanisch unmögliche gegenseitige Halterei ist dann erst freilich möglich dadurch, dass die grosse Hand von oben alle diese haltenden Menschenhände selber bei den Handgelenken hält. Von ihr her und nicht von irgendeinem gar nicht vorhandenen ‚Boden unter den Füssen‘ kommt allen diesen Menschen die Kraft, zu halten und zu helfen. Es gibt kein Stehen, nur ein Getragenwerden. ‚Wie der Adler seine Brut.‘ Lass Dir von Edith sagen, wo das steht.“ (Bach, 1968, 219).

Wer sich von der Not des Andern berühren lässt, muss nicht, jedoch kann diese unmögliche gegenseitige Halterei aus der jüdischen wie auch christlichen Tradition interpretieren und deuten. So wird er motiviert und befähigt, (1) alleinerziehenden Frauen den Corona-Batzen zu geben, (2) den vereinsamten Coiffeur in seinem Salon zu besuchen, (3) den Obdachlosen vom Rand der Strasse in die Mitte auf den Turm zu ziehen, (4) sowie den vom Krieg geflohenen Frauen und Kindern Herberge und Heimat einzurichten. Auch er hat keinen Boden unter den Füssen. Doch darin spürt er eine Kraft, zu halten und zu helfen, weil er sich getragen fühlt. Dieses sich Getragen fühlen nennt der jüdisch-christliche Glaube Urvertrauen in Gottes grosse Hand von oben. Dieses Urvertrauen schwingt beim Helfen mit. Resonanzen der Diakonie werden dabei freigesetzt, die in ihren vertikalen, horizontalen und diagonalen Achsen vibrierende Drähte festzurren, die halten und die helfen.

Solche Vibrationen lassen niemanden kalt. Was nicht auf der Hand liegt, geht unter die Haut: Die Not des andern trifft mich unmittelbar. Dieses Unmittelbare ist unverfügbar und ist so unvermittelt erfahrbar. Solche Erfahrungen übermannen. Man hat nichts mehr im Griff. Wer loslässt, bekommt die Hände frei, frei für andere Hände. Solche Erfahrungen übermannen. Der Boden wird unter den Füssen weggezogen. Wer fällt, lässt sich gefallen, dass andere Boden haben: Es gibt kein Stehen, nur ein Getragenwerden. Wer sich tragen lässt, vertraut. Wer vertraut, glaubt. Wer glaubt, findet Bilder, die nach oben, nach unten und in die Tiefe ausmalen, wie er hilft.

„Wie der Adler seine Brut“ ist nach Rosenzweig so ein Bild, das gefunden wird, wenn der Boden unter den Füssen wegbricht. Das Bild des Adlers und seiner Brut, im Lied des Moses festgehalten, löst jedoch auch seit Jahrtausenden grosse Resonanz in jüdischen und christlichen Gemeinden aus, wenn die Diakonie neue Räume zwischen Tradition und Innovation eröffnet: „Wie ein Adler, der seine Brut aufstört zum Flug und über seinen Jungen schwebt, so breitete er seine Flügel aus, nahm es und trug es auf seinen Schwingen.“ (5. Mose 32,11).

Wer Menschen hilft, lässt sich in Gott’s Name von seiner Kraft tragen.

Literaturliste

Rosa, Hartmut (2019), Unverfügbarkeit, Wien, Salzburg.

Sigrist, Christoph (2020), Diakoniewissenschaft, Stuttgart.

Lévinas, Emanuel (1983), Die Spur des Anderen. Untersuchungen zur Phänomenologie und Sozialphilosophie, hg. V. Wolfgang Nikolaus Krewani, Freiburg/München.

Eurich, Johannes (2013), Diakonie als hybride Organisation zwischen Markt, Staat und Zivilgesellschaft, in: Eurich, Johannes; Maaser, Wolfgang, Diakonie in der Sozialökonomie. Studien zu Folgen der neuen Wohlfahrtspolitik, Leipzig, 239–257.

Hofstetter, Simon (Hg.) (2021), Gemeinsam Sorge tragen. Das Potential der Diakonie für Sorgende Gemeinschaften, Zürich.

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Sigrist, Christoph (2021), „Der letzte Herbst ist da!“, in: Hofstetter, Simon (Hg.), Gemeinsam Sorge tragen. Das Potential der Diakonie für Sorgende Gemeinschaften, Zürich, 133–145.

Sigrist, Christoph (2018), Diakonie und 500 Jahre Reformation in Zürich, in: Jahrbuch Diakonie Schweiz (2), 169–194.

Reformierte Kirche Zürich, Begleitbrief „Corona-Batzen“, Mai 2021, Manuskript, einsehbar bei: christoph.sigrist@reformiert-zuerich.ch.

Sigrist, Christoph, Die Kirche und das Wohl der Schwachen, in: NZZ, 25. November 2021, 18.

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Seidmann, Duke, Bericht des Wirtschaftsdiakons zum Pilotprojekt „Wirtschaftsdiakonie 2021“ zuhanden der Kirchenkreiskommission I, Januar 2022, Manuskript, zu beziehen bei: christoph.sigrist@reformiert-zuerich.ch.

Schumacher, Samuel, Von der Goss auf den Turm: Michael Frauenfelder hat lange auf der Strasse gelebt – jetzt ist er Glöckner, in: Aargauer-Zeitung, 24. April 2019, Schicksal - Von der Gosse auf den Turm: Michael Frauenfelder hat lange auf der Strasse gelebt – jetzt ist er Glöckner (aargauerzeitung.ch), Zugriff: 23.3.2022.

Roth, Peter, Resonanz und Verbunden-Sein, in: Dietz, Alexander, Sigrist, Christoph (Hg.) (2022), Gemeinwesendiakonie und Resonanz. Eine deutsch-schweizerische Begegnung, Hannover, 139–144.

Grünberg, Wolfgang, Die Idee der Stadtkirche, in: Grünberg, Wolfgang (2004), Die Sprache der Stadt. Skizzen zur Grossstadtkirche, Leipzig, 139–160.

Kirchenrat der evangelisch-reformierten Landeskirche Zürich (Hg.) (2007), Zürcher Bibel, Zürich.

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