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„Gemeinschaft herzustellen ist die Königsdisziplin“

Erfahrungen mit Online-Gottesdiensten und hybriden Gottesdiensten im Erprobungsraum kirche.plus der lippischen Landeskirche

Published onOct 12, 2020
„Gemeinschaft herzustellen ist die Königsdisziplin“

Pfarrer Wolfgang Loest: Online-Gottesdienste - ein Praxisbericht


Das Internet gehört zu unserem täglichen Leben dazu. Laut der ARD/ZDF-Onlinestudie 2020 nutzen über 94% der Bevölkerung das Internet, über 70% nutzen es täglich.1 Trotz dieser gewaltigen Zahlen scheinen Gottesdienst, Liturgie und Verkündigung von diesen gesellschaftlichen Veränderungen nicht tangiert zu werden. Oder genauer: Es schien so – dann kam die COVID-19-Pandemie. Auf einmal waren plötzlich die gefragt, die schon lange vor dem Verbot von gottesdienstlichen Zusammenkünften aus Infektionsschutzgründen mit Onlineformaten Erfahrungen gesammelt haben. Einerseits hat sich die Verkündigung oder viel eher die Kommunikation des Evangeliums (Christian Grethlein) in den letzten Jahren deutlich über die bisher schon bestehenden Formate und die Einbindung in den Gottesdienst hinaus entwickelt. Andererseits haben viele Projekte klassische Gottesdienstformen weiterentwickelt, die explizit auf die Gewohnheiten digital erfahrener Menschen eingehen und sie berücksichtigen.Gestartet als zwei unterschiedliche Ansätze ist der Übergang zwischen beiden mittlerweile fließend, vor allem, wenn davon ausgegangen wird, dass ein Gottesdienst nicht unbedingt auch Gottesdienst genannt werden muss - zumal das bei bestimmten Zielgruppen eher kontraproduktiv ist - und nicht in einer Kirche mit klassischer Liturgie durchgeführt werden muss.

Digitale kirchliche Angebote müssen kanal- und zielgruppengerecht sein

Zur Chance werden digitale Angebote im kirchlichen Handeln erst dann, wenn sie kanal- und zielgruppengerecht sind. Ein reines Abfilmen von dem, was seit Jahrzehnten nahezu unverändert in der Kirche passiert, bringt uns weder weiter, noch den Menschen von heute näher. Vor allem bei der Liturgie stellen sich diverse Fragen bei einer digitalisierten Form vom Gottesdienst. Ein Wechselgesang zwischen Liturg*in auf einem Bildschirm und einem Menschen davor wird sich seltsam anfühlen, allein schon, weil die Antwort der Gemeinde auf Liturgin oder Liturg ungehört verhallt, da ein Wechselgesang auf digitalen Plattformen technisch noch nicht umgesetzt werden kann. Die Intention des liturgischen Wechselgesangs, sich in die Gemeinschaft mit anderen zu stellen, wird so kaum erlebbar. Etwas besser sieht es da schon beim im Wechsel gesprochenen Psalmen aus, weil das auch online technisch umgesetzt werden kann. Aber zumindest bei rein digital stattfindenden Gottesdiensten dürfte auch das dem Kommunikationskanal alles andere als angemessen sein, denn bei Gottesdiensten über ein Videokonferenztool machen Latenzen aus einem gemeinsam gesprochenen Psalmteil ein wüstes Durcheinander. Hier müssen andere Formen gefunden werden, bis Videokonferenzsysteme so weit entwickelt sind, dass eine Echtzeitkommunikation und damit etwa der Gemeindegesang ohne Verzögerungen möglich ist.

Aber schon heute gibt es diverse digitale Möglichkeiten, die wechselseitige Kommunikation zwischen den im Gottesdienst agierenden Personen und der Gottesdienstgemeinde zu ermöglichen und Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. Wo keine Beteiligung der Gemeinde durch Gesang oder gemeinsames Sprechen möglich ist, können andere Beteiligungs- und Vergemeinschaftungsformen zum Tragen kommen. Etwa ein „Amen“ im Chat nach einem Gebet oder gar das gleichzeitige Tippen und Abschicken der Zeilen des „Vater Unser“ im Chat haben sich in vielen verschiedenen Onlineformaten als hilfreich erwiesen. Aber wie bei allem in unserer heutigen Zeit müssen wir im Umgang mit einer sich immer weiter ausdifferenzierenden Gesellschaft neben dem Kanal auch auf die Zielgruppe, das Milieu, den digitalen Kenntnisstand usw. achten und unsere Gottesdienstangebote entsprechend anpassen.

Beispiele aus dem Erprobungsraum Kirche.plus
Im Folgenden gebe ich dazu einige Beispiele aus meiner Arbeit beim Erprobungsraum „Kirche.plus“ in der Lippischen Landeskirche. Kirche.plus ist ein Zusammenschluss von fünf evangelischen Gemeinden der Lippischen Landeskirche. Gemeinsam möchten wir die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen, um Menschen aus unseren Gemeinden neu anzusprechen, um Teilhabe an unseren Gottesdiensten zu ermöglichen, Fernstehende durch neue Formate für den christlichen Glauben zu begeistern und neue überregionale Gemeindeformen zu entwickeln.

Bei einem mehr oder weniger klassischen Gottesdienst im Livestream setzt sich die Gottesdienstgemeinde bei Kirche.plus häufig aus der Kerngemeinde und einigen weiteren Teilnehmer*innen zusammen , die meisten von ihnen sind zwischen zwischen 50 und 80 Jahren alt. Hier hat es sich etwa etabliert, dass das Ankommen der Gottesdienstbesucher*innen oft durch ein „Hallo aus DorfX“ - „Gesegneten Sonntag aus DorfY“ im Chat signalisiert wird. Im Gegenzug und zum Zeichen, dass das Team im Gottesdienstraum die Menschen wahrgenommen hat, wird je nach Teamgröße und Hektik entweder im Chat persönlich mit „Guten Morgen Z“ geantwortet oder die Nachrichten der Besucher*innen direkt im Livestream eingeblendet. Gleichzeitig nutzen wir den Chat, um Fürbitten aus der Gottesdienstgemeinde zu sammeln und dann im Gottesdienst vorzutragen. Das reicht von perfekt ausformulierten Fürbitten im Kirchendeutsch bis hin zu Initialen von Menschen, für die jemand bitten möchte.

Bei einer anderen Zielgruppe und ohne die Erwartung eines klassischen Gottesdienstes sind natürlich noch weit mehr Dinge möglich. Am Karfreitag haben wir bei „Kirche.plus“ neben einem klassischen Online-Gottesdienst auch einen „Karfreitags-Stream“ angeboten. Hier gab es zwar Elemente eines klassischen Gottesdienstes - Gebet, Verkündigung, Segen - , und doch war vieles anders. Die Sprache war bewusst im Alltagsdeutsch gehalten (auch wenn das nicht immer ganz geklappt hat), es gab nur zu Beginn und am Schluss Musik und es gab keine Predigt – wohl aber Kommunikation des Evangeliums. Hierauf lag der Fokus. Am Ende waren etwa zehn Minuten des Streams vorbereitet – eine Begrüßung, ein Psalm in der Übertragung von Hüsch, ein paar Stichworte auf dem Zettel und ein Schlusssegen. Der Rest der Stunde, die dieser Stream gedauert hat, war tatsächlich nur Kommunikation mit dem Chat, also mit den online Anwesenden, die sich eingebracht haben, die auf die gestellten Fragen geantwortet haben, die persönliche Erlebnisse geteilt haben und ihrerseits Fragen gestellt haben. Es entspann sich so ein Gespräch, das tatsächlich Kommunikation des Evangeliums war und auch ein bisschen Seelsorge an der einen oder anderen Stelle. Karfreitag lädt ja geradezu zu einem solchen Mix ein. Nach dem Stream waren Rückmeldungen gerade wegen der Zweiwegekommunikation sehr emotional und positiv. Sie reichten von „Das war so dicht und so gut zum Nachdenken und so persönlich von so vielen.“ bis hin zu „Ich habe die ganze Zeit geheult, das war so stimmig, so zu Karfreitag gemeinsam nachzudenken.“ In diesem Fall haben Format, Kanal, Zielgruppe, Inhalt und Liturgie einfach sehr gut zusammengepasst.

Wieder andere Zielgruppen und andere Kanäle ermöglichen nochmals andere Dinge und machen anderes notwendig. Immer wieder muss genau auf die Menschen geschaut werden, die man erreichen möchte – und im besten Fall sind sie selbst auskunftsfähig und können selbst das passende Format (mit)entwickeln.

Es ist wichtig, Möglichkeiten zur Partizipation zu entwickeln
Generell ist es wichtig, Teilhabe, Partizipation zu ermöglichen. Erstens, weil online-Formate- heute quasi immer Partizipation einschließen: Kaum ein Artikel ohne Kommentarspalte, Social-Media ohne die Möglichkeit zu liken und zu kommentieren sind undenkbar, kein Blogbeitrag ohne die Möglichkeit, irgendetwas darauf zu antworten. Zweitens ist nach Luther Partizipation ein konstitutives Element des Gottesdienstes. Es muss irgendeine Form von Interaktionen stattfinden. Das sollte man bei der Planung eines Onlineangebots im Blick halten. Wie man das machen kann - ob durch ein „Amen“ im Chat, Beteiligung im Gebet oder durch ein liturgisches Element der Begrüßung - ist erst einmal zweitrangig und hängt sehr vom gewählten Kanal ab. Auf TikTok wird das etwas anderes sein als auf YouTube und auf Twitch wieder etwas anderes. Wichtig ist aber, dass das Team vor und hinter der Kamera Gelegenheiten zur Partizipation einplant.

Reine Online-Gottesdienste und hybride Gottesdienste stellen unterschiedliche Anforderungen

Besonders schwierig ist es, wenn mit einem Gottesdienst oder Format nicht eine, sondern gleich mehrere Zielgruppen angesprochen werden sollen. Besonders in der Zeit nach dem ersten Lockdown sind viele Gemeinden, die im Lockdown ihre Gottesdienste im Livestream gefeiert haben, auf eine hybride Variante umgestiegen. Die Kameras blieben in den Kirchräumen, der Gottesdienst wurde übertragen, zumindest ein Teil der gewohnten Gottesdienstgemeinde kam vor Ort hinzu. Das brachte neue Herausforderungen mit sich, weil die mühsam gelernte Konzentration auf die Kameras nun mit der Aufmerksamkeit für die physisch anwesende Gottesdienstgemeinde geteilt werden musste. Formulierungen, die für einen reinen Onlinegottesdienst passten, wurden unbrauchbar, genauso wie solche, die in reinen Präsenzgottesdiensten sinnvoll genutzt werden. Es ist immer wichtig, alle Mitfeiernden im Blick zu haben. Im hybriden Format heißt das: Ich gucke direkt in die Kamera, spreche die Menschen dort an, genauso wie ich die Leute in der Kirche ansprechen muss. Das ist eine Herausforderung, die nicht ganz so leicht zu stemmen ist. Auch Passagen wie die angesprochen liturgischen Wechselgesänge bleiben weiterhin schwierig. Immerhin kann die mitfeiernde Onlinegemeinde den Gesang der Gemeinde vor Ort hören und so an der Gemeinschaft teilnehmen – zumindest, wenn der Gemeindegesang nach dem Lockdown erlaubt war.

Bei Kirche.plus durfte die Gemeinde in der Zeit nach dem Lockdown nicht singen, und dieser Gemeindegesang wurde schmerzlich vermisst, im Gegensatz zum Wechselgesang.Durch die reformierte Prägung gab es keinen Anlass unbedingt im Wechsel zwischen Liturgin bzw. Liturg und Gemeinde zu singen. Allerdings wurde mit dem im Wechsel gesprochenen Psalm bei Kirche.plus sowohl in reinen Onlinegottesdiensten als auch in hybriden Gottesdiensten experimentiert. In einem Gottesdienst im Lockdown wurde der Psalm in Gänze eingeblendet. Die Onlinegemeinde hat dann die eingerückten Verse „in die Stille“ gesprochen. Das hat sich letztlich nicht als sinnvoll erwiesen. In Hybridgottesdiensten gelingt die Beteiligung besser, vor allem seit ein Mikrofon für die Geräusche im Raum offen gehalten wird und somit die Onlinegemeinde in den Psalm der Präsenzgemeinde einstimmen kann. Die besten Rückmeldungen bekamen wir zu einer Form aus gelesenem Psalm und wiederkehrendem gesungenen Kehrvers, der so eingängig war, dass man ihn auch vor dem Bildschirm mitsingen oder -summen konnte. Das hat sowohl der Gemeinde vor Ort als auch der Onlinegemeinde gutgetan.

Generell gilt: Beiden Auditorien gerecht zu werden ist schwierig, zumal die Onlinegemeinde nur in seltenen Fällen deckungsgleich mit denjenigen ist, die Präsenzgemeinde fehlen. Am Anfang des Lockdowns waren bei Kirche.plus viele Leute, die von sehr weit herkamen und die einfach nur „irgendetwas Spirituelles“ gesucht haben und so eher zufällig auf die Gottesdienste gestoßen sind. Mittlerweile kommt das Gros der Online-Gottesdienstbesucher aus den fünf Projektgemeinden und dann immer noch mit einem Schwerpunkt auf derjenigen Gemeinde, dessen Pfarrerinnen oder Pfarrer gerade predigt. Aber es gibt auch immer noch Menschen von weiter weg oder aus diversen lippischen Gemeinden, die weiterhin gezielt die Gottesdienste des Erprobungsraums sehen. Ein Besucher der Online-Gottesdienste wohnt sogar ein paar hundert Kilometer weit entfernt und hat sich in dieser entstehenden Gemeinschaft so wohl gefühlt, dass er dann sogar bei einem Gottesdienst, den wir im Autokino gefeiert und live gestreamt haben, tatsächlich vor uns stand, weil er uns eben auch mal physisch sehen wollte.

Es gibt unterschiedliche Wege, ein Gefühl von Gemeinschaft herzustellen

Ein Gemeinschaftsgefühl herzustellen, dürfte die Königsdisziplin bei digitalen, vor allem aber hybriden Formaten sein. Zum Glück gibt es verschiedene Möglichkeiten., etwa durch die bewusste Wahl von einem Videokonferenztool wie Zoom, BigBlueButton oder Teams, bei dem sich die Gemeinde untereinander sehen kann.

In einer lippischen Gemeinde haben wir zusätzlich eine Gemeinde vor Ort sozusagen imitiert: Während des Onlinegottesdienstes waren große DIN-A4 Fotos in den Bankreihen aufgestellt und die Kamera glitt dann zwischendurch über diese Bankreihen mit den vielen Fotos von Menschen, die ihre Fotos an diese Gemeinde geschickt hatten. Darauf waren dann natürlich nicht genau die Leute zu sehen, die gleichzeitig auch im Onlinegottesdienst waren, aber es war zumindest eine sichtbare Gemeinde da. Und natürlich sind auch alle möglichen Elemente gemeinschaftsstiftend, die interaktiv gestaltet sind, und bei denen die Gemeinde und die Einzelnen wahrnehmen können, dass sie vorkommen und dass da noch viele andere Menschen mit dabei sind. Das beginnt beim basalen Einblenden von gegenseitigen Begrüßungen und trifft natürlich im Besonderen auf die gesammelten und gemeinsam gebeteten Fürbitten zu. Gemeinschaft entsteht, wenn dann plötzlich Initialen oder Namen im Chat auftauchen, für die man beten soll, oder wenn man Familienbeziehungen, Schicksalsschläge und Alltagsprobleme der anderen wahrnehmen kann. So wird Gemeinschaft spürbar und kann sich tatsächlich eine Community gründen.

Kirche.plus hat fast durchgängig jeden Sonntag seit März Gottesdienste gefeiert, teils hybrid, teils nur online, und das Team hat erlebt, wie sich eine Gemeinschaft von Leuten gebildet hat, die diese Gottesdienste sehr regelmäßig gucken und die sich selbst irgendwann eine Netiquette im Chat gegeben haben, also ungeschriebene Regeln, wie man miteinander umgeht. Damit wirken sie auf die neu dazugekommenen und weisen manchmal andere darauf hin, wenn sie sich im Ton vergreifen. Da ist eine Gemeinschaft gewachsen, die sich selbst auch als Gemeinschaft sieht. Dieses Gemeinschaftsgefühl wurde dann irgendwann weiter unterstützt durch digitale Kirchcafés, die erst testweise und nun regelmäßig nach dem Livestream via Videokonferenz angeboten werden – auch wenn hier deutlich die digitale Binsenweisheit zum Tragen kommt, dass ein Kanalwechsel immer schwierig ist und nie alle mitgenommen werden.

Beispiel Gottesdienst im Autokino: Auch analoge Gottesdienste in ungewohnter Umgebung brauchen neue Formen
Auch physische Veranstaltungen in ungewohnten Umgebungen funktionieren anders als Veranstaltungen in gewohnter Umgebung und nicht jede und jeder aus der Kerngemeinde wird an diesen anderen Ort kommen. In unserem Autokino-Gottesdienst waren deutlich andere Menschen als in der Kirche und dem anderen Setting entsprechend waren auch die liturgischen Vorüberlegungen andere als zu einem Gottesdienst in einer Kirche. Das Areal, auf dem die Menschen den Gottesdienst mitfeiern konnten, war riesig. Der Ton wurde zum größten Teil über die Autoradios übertragen und doch ist es geglückt, Livemusik zu machen. Eine große Herausforderung war die große Leinwand, die von den Kameras bespielt werden musste. Damit wurde die Blickrichtung für die Beteiligten ein Problem: Entweder sie guckten in die Kamera oder zu den Autos. Gleichzeitig waren große Gesten gefragt, um die Leinwand zu füllen und um auch aus der letzten Reihe noch erkennbar zu sein. Natürlich konnte auch niemand gemeinschaftlich mitsingen oder klatschen, aber es gab es dann für die Menschen vor Ort die (Licht)Hupe als Rückkanal. Dadurch waren eben einige Dinge möglich und andere Dinge genauso unmöglich wie im Livestream. Das Ganze haben die Leute, die auf der Bühne standen, zusammengebunden, indem sie eben konsequent beide Zielgruppen angesprochen haben, also sowohl in die Kamera als auch in die Automenge gesprochen haben. Zusätzlich haben wir noch einen dramaturgischen Kniff genutzt: Es gab einen Posaunenchor vor Ort im Autokino, obwohl die Posaunenchöre in dieser Zeit eigentlich nicht spielen durften. Die Stadt hatte jedoch für diesen Anlass unter freiem Himmel die Genehmigung erteilt. Die Posaunisten standen mit jeweils sechs oder sieben Meter Abstand entfernt voneinander zwischen den Autos. Aber Posaunen sind laut, laut genug für die Menschen vor Ort. Und damit die Menschen im Stream die Posaunen ebenfalls gut hören konnten, waren auf breiter Fläche Mikrofone verteilt. Am Ende war es eine Gemeinschaft mit Autotüren dazwischen. Insgesamt wurde es ein sehr musikalischer Gottesdienst, so dass der Übergang zum nachfolgenden Konzert von 2Flügel fast nahtlos gelingen konnte. In diesem Setting wurde der Gottesdienst im wahrsten Sinne des Wortes gefeiert – obwohl das Team teilweise mit den Verhältnissen vor Ort ganz schön ringen musste.

Die Digitalisierung lässt manche Grenzen verschwinden, aber manche Barrieren bleiben bestehen
Die Digitalisierung macht alte Strukturen durchlässiger und lässt manche Grenze verschwinden. Gleichzeitig gibt es aber auch neue oder bereits länger bestehende Barrieren und Schwierigkeiten, die gesehen und umschifft werden müssen. In der Lippischen Landeskirche ist die größte Begrenzung das Internet. Auf dem platten Land ist bei weitem nicht jedes Dorf ans Breitbandnetz angeschlossen, und es gibt tatsächlich einige Dörfer, deren Internetanschluss weder stabil noch schnell genug für einen halbstündigen Livestreamgottesdienst ist. Selbst wenn die Übertragungsqualität noch so niedrig eingestellt ist, geht es einfach nicht.

Die nächste Hürde ist dann, dass man überhaupt erst einmal über einen entsprechenden Internetanschluss verfügen muss. Gerade in der älteren Generation gibt es zahlreiche Haushalte ohne Internetanschluss – oder mit eben nur mit einem Anschluss, mit dem gerade mal ein Messenger für den Kontakt mit den Enkeln und Kindern funktioniert. Dann muss des Weiteren ein entsprechendes Endgerät und das Know-how da sein, um an Angeboten wie einem Onlinegottesdienst teilzunehmen. Schön wäre es, wenn die Onlinegottesdienste, zumindest im Moment, in Zweiergruppen oder eben in Familien-Haushaltsgruppen geschaut würden, so dass vor dem Bildschirm auch noch mal kleine Gemeinschaft entsteht, also der digitalen Gemeinschaft auch noch eine physische Gemeinschaft hinzugefügt wird, in der man gemeinsam feiern, sich aber auch bei technischen Fragen unterstützen kann. Es gibt natürlich auch andere Wege aufgezeichnete Gottesdienste zu verteilen, etwa den klassischen Weg, den Gottesdienst auf CD oder DVD zu brennen und dann an die Altenheime zu verteilen. Gerade dort ist das Internet zumindest in ländlichen Gegenden ein schwieriges Thema.

Eine weitere Hürde kann die Anmeldung bei dem verwendeten Kanal sein. Kirche.plus bekam nach den ersten Gottesdiensten eine Rückmeldung, die in etwa so lautete: „Es ist total schön, dass Ihr Fürbitten einsammelt, aber ich möchte mich nicht bei YouTube anmelden. Ich möchte euch aber gerne Fürbitten schicken.“ Hürde waren hier Bedenken im Blick auf den Datenschutz, ein sensibler Punkt. Nachdem diese Hürde erkannt war, wurde als Brücke ein Smartphone angeschafft, an dem jemand ehrenamtlich zu den Gottesdienstzeiten sitzt und die Fürbitten und sonstigen Chatbeiträge, die über SMS, Signal und Whatsapp eingehen, eins zu eins in den Chat transportiert. So haben auch Menschen ohne Googlekonto die Möglichkeit, sich im Chat zu beteiligen.

Barrieren, die sich durch Onlinegottesdienste von selbst abbauen, sind Zeit und Ort des Gottesdienstes. Analysen zeigen, dass bei weitem nicht alle Zuschauer*innen an Livestreams bzw. Premieren teilnehmen, sondern die Gottesdienste in großem Umfang auch noch später angeschaut werden. Im Projekt Kirche.plus entfallen etwa die Hälfte der Klicks auf die Zeit nach Beendigung des Gottesdienstes; viele am selben Tag, aber bis Mittwoch oder Donnerstag in der gleichen Woche erhöht sich die Zahl noch einmal. Wenn die Gottesdienste besondere Themen behandeln, kommen auch noch später diverse Klicks dazu.

Online-Gottesdienste haben sich als eigenständiges Format auch nach dem Lockdown etabliert
Seitdem die Hybridgottesdienste wieder angeboten werden, gibt es viele Menschen, die weiterhin den Onlinegottesdiensten treu geblieben sind. Nach eigenen Aussagen geschieht dies jedoch nicht aus Infektionsschutzgründen, sondern weil die Feier des Gottesdienstes so besser in ihr Leben passe; nämlich etwa zu Hause bei einer Tasse Kaffee und in der Jogginghose. Das mag die konservativen Kirchgänger abschrecken, wirft aber auch einige Fragen auf: Wie alltagstauglich sind wir als Kirche eigentlich? Wie besonders ist Gottesdienst, oder wie besonders müsste Gottesdienst für bestimmte Personen und Zielgruppen sein, damit sie sich tatsächlich auf den Weg machen? Muss Gottesdienst oder Glaubenspraxis immer eine Alltagsunterbrechung sein, wie man öfter von Kritiker*innen hört, oder zeichnet sich mit solchen Aussagen wie den eben genannten viel eher eine Reintegration von gottesdienstlichem Erleben mitten in den Alltag ab, so wie es etwa im 19. Jahrhundert gang und gäbe war? Nach einem halben Tag Feldarbeit hielt damals der Hausvater mitten im Dreck die Andacht. Wie damals müssen auch heute Ort, Form, Liturgie, Inhalt, Zielgruppe und vieles mehr aufeinander abgestimmt sein. Im Moment scheinen es an vielen Stellen gerade Musik und Ästhetik zu sein, die ein besonderes Augenmerk verdienen. Im Zweifelsfall lohnt es sich immer, genau auf die Zielgruppe zu schauen und am besten mit ihr direkt zu reden und zu planen.

Praxiserfahrungen aus dem Projekt Kirche.plus und die Thesen des Workshops – ein Abgleich
In allem Vorhergehenden wird relativ klar, dass dieser Aufsatz der These 2 aus der „Thesenreihe 1: Gottesdienst – Liturgie – Verkündigung“ sehr nahesteht. Gottesdienst, der in ein anderes Medium übertragen wird, braucht eine Transformation.2

Auch die These 6 spiegelt die Erfahrung der letzten Monate wider: „Partizipative Gemeinschaften“ ist ein gutes Stichwort. Gottesdienst wird, das haben die Beteiligten von Kirche.plus erlebt, bunter und breiter. Es gibt nur noch selten Gottesdienste im Projekt, bei denen wirklich nur eine Person im Talar vorne steht – mal ganz davon abgesehen, dass der Talar bei den Onlinegottesdiensten immer seltener getragen wird. Da haben sich einfach Veränderungen ergeben und der Einfluss neuer Zielgruppen macht sich bemerkbar. Gleichzeitig setzt der Erprobungsraum auf eine bunte Mischung aus Ehrenamtlichen, Gemeindepädagog*innen, Musiker*innen und Pfarrpersonen und erreicht damit tatsächlich eine breitere Aufstellung, was Musik und Formen angeht, als es in den normalen Sonntagsgottesdiensten der Fall ist. Das geht bei Kirche.plus aber vor allem deshalb so gut, weil sich fünf Gemeinden zusammengeschlossen haben, die nicht einmal nebeneinander liegen, sich aber als Netzwerk verstehen. Fehlt bei einem Gottesdienst etwas, wird in den anderen Gemeinden gefragt, und so werden Personen, Gaben und Orte problemlos geteilt.

Eine weitere These möchte ich wenigstens auch ansprechen, weil ich sie sehr wichtig finde. These 5 ist für mich sehr befreiend: „Die Gemeinschaft im Geist ist durch die digitale mediale Vermittlung nicht in Frage gestellt.“ Ich versuche das immer wieder zu vermitteln. Oft scheitere ich daran, weil meine Gesprächspartner sagen: „Aber es ist doch Gottesdienst, da muss man doch in der Bankreihe sitzen.“ Als Praktiker jetzt diese These aus der Wissenschaft zu hören, finde ich sehr gut und wichtig. Danke!

Zum Abschluss: Eine Vision der digital-parochialen Kirche
Zum Abschluss nehme ich mir heraus von meiner Vision oder vielmehr meinem Traum von einer digital-parochial-globalen Kirche zu erzählen:

Ich träume von einer Kirche, die für tatsächlich jede Zielgruppe zielgerichtet etwas anbietet. Eine einzelne Gemeinde kann das natürlich nicht leisten kann, aber viele Gemeinden zusammen, die sich zusammenschließen und die sich absprechen, um dann vernünftig und professionell mit einer Zielgruppe arbeiten zu können. Und am Ende bleibt das ganze vielfältige Gebilde trotzdem eine Kirche und eine große Gemeinschaft, in der es keinen Neid auf eine bestimmte Zielgruppe oder eine bestimmte Arbeitsweise gibt. Und genau so wenig gibt es dann drei, vier, fünf Gemeinden an einem Ort, die alle in derselben Weise agieren und dieselben Menschen ansprechen, so dass zwangsläufig viele an diesem Ort mit ihren Bedürfnissen nicht ernst genommen werden, weil sie sich z.B. nicht. für klassische Kirchenmusik interessieren.

Ich wünsche ich mir einfach wahnsinnige Vielfalt und eine Digitalisierung, die ermöglicht, dass Menschen, selbst wenn sie nicht vor Ort wohnen können, teilnehmen können. Und dass es im besten Fall auch Veranstaltungen vor Ort gibt, die so groß sind, die so viel Spaß machen, die so „knallen“, dass die Menschen ein- oder zweimal im Jahr auch einen längeren Weg auf sich nehmen, um dann wirklich persönlich dabei zu sein.


Zur Person

Wolfgang Loest ist Pfarrer der Lippischen Landeskirche. Er hat lange Zeit hybrid gearbeitet, 50 Prozent in einer Social-Media-Stelle und 50 Prozent als Gemeindepfarrer. Jetzt arbeitet er im Erprobungsraum Kirche.plus, einem Erprobungsraum der Lippischen Landeskirche, der sich damit auseinandersetzt, eine hyperlokale Onlinegemeinde zu gründen oder weiterzuentwickeln. Es wird nicht nur um Onlinegottesdienste gehen, sondern darüber hinaus auch um neue Formen von Verkündigung, Lehre und Seelsorge im Netz.

Wolfgang Loest ist engagiert im Bereich Open Source und hat zusammen mit Ralf Peter Reimann von der Evangelischen Kirche im Rheinland und Yvonne Kälbli von der Evangelischen Kirche zu Westfalen 2014 das „Barcamp Kirche Online“ ins Leben gerufen, das seitdem einmal pro Jahr stattfindet. 2017 hat er den ersten Social-Media-Gottesdienst in seiner Landeskirche in Lippe in Bad Meinberg gehalten. Auf Twitter findet man ihn unter dem Link https://twitter.com/wltx und auf Instagram unter https://instagram.com/erloest.

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