Luthers entscheidende reformatorische Einsicht war: Unsere Identität gründet nicht in dem, was wir selbst tun oder nicht tun. Sie gründet auch nicht in unserem Urteil über uns selbst. Sie gründet vielmehr in dem, was Gott in uns sieht. ‚Rechtfertigung allein aus Glauben‘, das heißt dann: das Vertrauen nicht auf die eigenen Kräfte setzen, sondern allein auf Gottes Urteil über uns. Und im Glauben vertrauen wir darauf, dass Gott sein gnädiges, befreiendes, freisprechendes Urteil bereits gesprochen hat. Denn Christus hat das Unheil auf sich genommen, das wir verschuldet haben. Er hat das Unheil damit von uns weggenommen. Wir sind daher vor Gott keine Sünder mehr, sondern gerecht.

Aber nur wenn wir uns sozusagen mit Gottes Augen anschauen, erkennen wir uns als gerecht. Das gelingt aber nicht immer. Im Gegenteil: Solange wir leben, richten wir unseren Blick doch immer wieder von Gott weg direkt auf uns selbst. Und da müssen wir realistisch erkennen, dass wir unser Leben nicht durchgängig so führen, wie Gott es ursprünglich gewollt hat. Wir sind Sünder. Auch und gerade als Christinnen und Christen müssen wir eingestehen: Es ist nicht unser Verdienst, dass Gott uns als gerecht ansieht. Wir können im Glauben darauf vertrauen, dass er es trotzdem tut. Dieses Vertrauen können wir aber nicht selbst erzeugen. Wir sind darauf angewiesen, dass es sich immer wieder neu einstellt. Es ist unverfügbares Geschenk. Ohne dieses Geschenk bleiben wir allein mit uns selber. Wir bleiben ohne Gott, gottlos. Wir bleiben Sünder.

Das ist der Sinn von Luthers berühmter Formel: „gerecht und Sünder zugleich“ (simul iustus et peccator). Sie ist häufig so verstanden worden, als würde die Rechtfertigung an unserem Sündersein nichts ändern. So ist sie aber nicht gemeint. Sie besagt vielmehr: Wenn wir uns selbst mit den Augen Gottes betrachten (können), dann sind wir wirklich und ganz gerecht. Wenn wir hingegen nur auf uns selber schauen, dann sind wir wirklich und ganz Sünder. Die Formel soll also noch einmal einschärfen, dass unser Heil sich ganz und gar Gott verdankt. Auch die Rechtfertigung gibt uns nichts, was wir ‚besitzen‘ und Gott gegenüber vorweisen könnten. Das Heil ist und bleibt unverdient und unverfügbar. Und es ist doch von Gott her wirklich wahr und bleibt es auch.