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Thesen zur Rolle des Digitalen in der Ausbildung zum Pfarrberuf

Die Ausbildung zum Pfarrberuf regt an, religiöse Kommunikation und Ereignishaftigkeit auf das hin zu entwickeln, was sich derzeit gesellschaftlich gerade erst anbahnt. Digitalität als Leitmedienwechsel, der eine kulturell Transformation auslöst, spielt dabei eine zentrale Rolle.

Published onNov 19, 2020
Thesen zur Rolle des Digitalen in der Ausbildung zum Pfarrberuf


1. Es gibt gegenwärtig kein Jenseits digitaler Kultur. Das gilt auch für all jene Theologien, die situationssensibel sind. Deshalb ist es keine Frage von Entscheidung, ob man „digital ist“.

2. Der Pfarrberuf hat es – öffentlich und auf Dauer gestellt – mit Ermöglichung, Deutung, Reenactment, Sinnanbahnung, Verweis auf das Evangelium von Jesus Christus zu tun.

3. In der Ausbildung zum Pfarrberuf gibt es ein „Reden und Tun in“ dieser Praxis sowie ein „Reden über“ das, was sein Auftrag ist. Es gibt keinen Raum, der sich dieser öffentlichen Situation und der auf Dauer gestellten Herausforderung entziehen könnte. Deshalb ist Ausbildung zum Pfarrberuf unter Digitalisierungsbedingungen digital.

4. Im „Reden und Tun in“ stellen Pfarrer*innen beispielsweise fest, dass

4.1 sie es mit Menschen zu tun haben, die selbstverständlich vernetzt kommunizieren, kooperieren und konsumieren: Digitale Räume sind Lebensräume.

4.2 sie mit neuen ethischen und zugespitzten anthropologischen Fragestellungen konfrontiert sind, die sich erst durch digital-technologische Entwicklungen stellen.

5. Im „Reden über“ finden Pfarrer*innen beispielsweise heraus, dass

5.1 religiöse Kommunikation vor digitalen Räumen nicht Halt macht,

5.2 sie sich im Spannungsfeld zwischen der Leistungsfähigkeit der Institution (Dauer, Wissensbestand, Vertrauen) und den Anforderungen der individualisierten Gesellschaft mit ihren Singularitätserwartungen (individuelle Passung, Sinn- und Theologieproduktivität, Qualität) bewegen

5.3 der mit 5.2 verbundene Kontrollverlust zu einer in diesem Maße bisher unbekannten Herausforderungs- und Belastungssituation der eigenen Berufsperson führt.

6. Die curriculare Entwicklung hinkt dieser Wirklichkeit notwendigerweise hinterher. Schon jetzt zeigt sich,

6.1 dass Vikar*innen selbstverständlich kollegiale Netzwerke quer zu formalen Zuständigkeiten in Messengerdiensten etc. aufbauen (Aspekt der Gemeinschaftlichkeit),

6.2 dass beispielsweise Predigten intendiert kollaborativ entstehen (Aspekt der Referentialität),

6.3 dass die Interaktion mit technischen Akteuren wie Kameras, Schnitttechnik etc. als Teil der beruflichen Fertigkeiten angesehen werden kann (Aspekt der Algorithmizität).

6.4 Mit 6.1-3 sind eben jene Aspekte benannt, die Felix Stalder zufolge eine „Kultur der Digitalität“ (22017) kennzeichnen. Damit ist die vorgesetzte These einer digitalen Kultur bereits zu einer pastoralen Praxis transformiert.

7. Digitale Perspektiven in der Ausbildung kommen dem bereits Genannten entgegen:

7.1 Es geht um die Förderung religiöser Kommunikation an neuen Orten (Videokanälen, Neigungsgruppen in Sozialen Medien, Chats, Podcasts, Blogs, Kommentare etc.)

7.2 Es geht um Fertigkeiten, die unsere Gesellschaft überhaupt nahelegt (Erwartungen an Erreichbarkeit, Sichtbarkeit, Reichweite, „Anknüpfungspunkte“ i.S.v.: Gelegenheiten, eine Ankerperson der Kirche zu treffen).

7.3 Es geht um die Vereinfachung von Zusammenarbeit.

7.4 Es geht um eine Antwortmöglichkeit auf das vielfältige „Raumproblem“ der Kirche (Parochie, Entfernungen, Gebäude…).

8. Theologisch greifen Kirchen auf einen langen Erfahrungsschatz im Blick auf die Kombination von kohlenstofflichen und virtuellen Logiken zurück. Aufgabe von Aus- (und Fort-)Bildung ist, dies erkundend für das Kirche-Sein der Gegenwart weiter zu entwickeln.

9. In der pandemischen Situation unserer Zeit sind v.a. diejenigen berufsprofessionell handlungsfähig, die über Formatierungsfertigkeiten verfügen. Ein Blick auf die vergangenen Monate zeigt: Bewegliches Denken (experimentell, fehlerfreundlich) schuf Formen und öffnete Orte religiösen Ereignisses, die Menschen halfen, Lebensgewissheit und Vertrauen nicht zu verlieren bzw. neu zu gewinnen. In der Ausbildung gilt es, Formatierungsfertigkeiten und bewegliches Denken zu fördern sowie die eigene Situation im Blick auf Lebensgewissheit und Vertrauen zu bedenken und einzuschätzen.

10. Hilfreich könnte sein, sich Hinderungsgründe bewusst zu machen. Diese sind etwa:

10.1 Die Ahnung einer „echten“ Expert*innenumkehr,

10.2 Die Ahnung, es könnte nicht ohne Theologieproduktivität gehen,

10.3 Das Wissen, dass es schwerer ist, intendiert loszulassen, bevor man loslassen muss.

10.4 Das Wissen oder die Ahnung, dass unter den Bedingungen von Vertrauen und Fehlerfreundlichkeit andere Dinge passieren, als ich vorher geplant habe.


[November 2020]

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