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Einführung

Published onDec 03, 2020
Einführung
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Vor etwa einem Jahr saß ich mit Vertretern der Evangelischen Akademie in der Pfalz zusammen und wir diskutierten, was und wo Kirche heute eigentlich ist. Ergebnis ist der Titel dieser Workshopreihe: Digital – Parochial – Global.

Das war noch vor Corona – auch wenn das heute kaum vorstellbar scheint. Inzwischen hat sich das Thema mit Macht in den Vordergrund gerückt: Digitale Kirche erlebt einen Boom und so stellt sich die Frage, wie mit diesen Formen kirchlichen Lebens umgegangen werden kann und wie diese sich zu den anderen Formen verhalten. Verbunden damit gewinnt die Diskussion um die Zukunft der Kirche an Fahrt – die elf Leitsätze der EKD sind nur ein Beispiel, wo und wie derzeit mit der Frage nach einer zukunftsfähigen Kirche gerungen wird.

„Digital – Parochial – Global“. Wir beginnen mit dem Themenfeld „Gottesdienst, Liturgie und Verkündigung“ und setzen im Januar und April mit den Themen „Abendmahl“ und „Amt und Gemeinschaft“ fort. Wir können – und müssen – heute also nicht alles diskutieren, was dieses Feld umreißt. Und um in dem breiten Feld von Erfahrungen, Fragen und Perspektiven eine erste Schneise zu schlagen, haben Hella Blum, Selina Fucker und ich als Leitfaden für unseren ersten Workshop eine Thesenreihe formuliert. Denn einiges wollen wir heute diskutieren.

Wir sind überzeugt: Digitale Formen fordern zu einem neuen Verständnis von Gottesdienst heraus: Liturgie und Verkündigung finden vielfach als partikulare Formen in und neben agendarisch orientierten Gottesdiensten statt. So entsteht ein breites Spektrum sehr unterschiedlicher Verkündigungsformate und (Kurz-)Gottesdienste. Der Boom digitaler Gottesdienste führt aktuell zu einer neuen und sehr grundlegenden Diskussion um die Frage, was Gottesdienste eigentlich sind, sein sollen und was sie ausmacht. Ich freue mich auf eine Praxisbericht von Wolfgang Loest zu dieser Frage und bin gespannt auf die ersten Ergebnisse der internationalen Studie CONTOC, in die uns Prof. Nord und Prof. Schlag – vor der Publikation! – einen Einblick geben.

Vielfach machen wir in digitalen Formaten die Erfahrung: Liturgische Beteiligung braucht mediale Formen – online und offline. Bestehende liturgische Formen können nicht ungebrochen übertragen werden, sondern müssen in neue mediale Formen transformiert werden (T. Berger). Dieser Wechsel formt und prägt zugleich den Inhalt. Wie beten wir im Digitalen? Wie predigen wir? Feiern wir Abendmahl – und wenn ja, wie? Deutlich wird: Die andere Form der medialen Vermittlung fordert zu neuen Formen heraus. Aber wie sehen diese aus? Was ist medientheoretisch naheliegend und was ist theologisch angemessen? Helmut Schwier wird als Professor für Homiletik seine Perspektive auf diese – und andere – Fragen entfalten.

In der Diskussion soll dabei nicht nur der Abgleich des Alten am Neuen in den Blick kommen, der oft von einer gewissen Wehmut geprägt ist, und dem Blick auf das, was alles nicht geht. Denn: Digitale Gottesdienst und andere Verkündigungsformate sind in der Regel jedem zugänglich und können eine potentielle größere Zielgruppe erreichen. Die notwendigen Transformationen geben nicht nur weiten Gestaltungsraum, sondern können auch Kreativität und Potentiale für Gottesdienste vor Ort freisetzen. Wir möchten mit dem Workshop dazu einladen, nicht Neu und Alt, Digital und Analog gegeneinander auszuspielen, sondern zu einer theologisch differenzierten Reflexion auf „Gottesdienst, Liturgie und Verkündigung“ in ihren unterschiedlichen Formen und Vermittlungswegen zu kommen. Wie sich dieses Miteinander aus der Perspektive einer Kirchenleitung darstellt und welche theologischen Fragen damit verbunden sind, führt Oberkirchenrat Matthias Kreplin vor Augen.

 

Welche Fragen stehen für diese Reflexion im Zentrum?

Eine wesentliche erste Frage ist für uns: Wie lässt sich gottesdienstliche Gemeinschaft im Digitalen denken? Fest steht: Die gottesdienstliche Gemeinschaft in leiblicher Kopräsenz vollzieht sich in den Begrenzungen von Raum und Zeit. Dabei bleibt die eschatologisch verheißene Gemeinschaft mit Gott immer ein „defizitäres“ Moment. Digitale Praktiken sind demgegenüber nicht unkörperlich, sondern auf eine andere Art körperlich und material basiert als ein Gottesdienst im Kirchenraum. So gilt auf der einen Seite: Analoge und digitale Gottesdienstgemeinschaft sind auf ihre Weise defizitär – kein Gottesdienst bildet die Gemeinschaft der Glaubenden ab, die biblisch als Leib Christi beschrieben ist. Auf der anderen Seite bedeutet die fehlende körperliche Gemeinschaft einen wesentlichen Verzicht in unseren raum-zeitlichen Bedingungen menschlichen Zusammenseins. Die gottesdienstliche Gemeinschaft im Digitalen ist daher anders zu begründen: Die Gemeinschaft der online feiernden Gemeinde kann pneumatologisch begründet werden: Der Geist Gottes stiftet die Gemeinschaft der Kinder Gottes, über die Zeit und den Raum hinaus und stellt sie in die Gemeinschaft des Leibes Christi. Diese Gemeinschaft im Geist ist durch die digitale mediale Vermittlung nicht in Frage gestellt.

Eine zweite Frage zur theologischen Reflexion digitaler Gottesdienste bezieht sich auf die Verkündigung: Digitale Medien begünstigen partizipative Gemeinschaften und netzwerkartige Strukturen. Verkündigung kann und muss nicht linear und frontal, sondern responsiv und partizipativ gedacht werden. Dadurch kann das Priestertum aller Gläubigen auf eine neue Art realisiert werden. Wo und wie Verkündigung responsiv und partizipativ gedacht werden kann, ist eine Frage, die sich nicht nur im Digitalen stellt: Hier führt die Spannbreite zwischen frontalen Streaming-Gottesdiensten bis hin zu Twitter-Gebetsgemeinschaften jedoch ganz neu vor die Frage, was medial möglich und sinnvoll und was theologisch angemessen ist.

Eine dritte Frage zur theologischen Reflexion ist damit eng verbunden. Sie betrifft die zur Verkündigung Beauftragten: Amt und Verkündigung verändern ihre Zuordnung. Performance, Authentizität – nicht kirchliche Beauftragung macht die Attraktivität gottesdienstlicher Angebote online aus. Zudem kann potentiell jeder User auch in Verkündigung und Liturgie zum „produser“ (Bruns) werden. Wie können wir diese medialen Strukturen und ihre Eigenlogiken mit unserem Verständnis von Beauftragung und Amt zusammendenken? Was wollen wir bedienen – und was nicht?

 

Dass in diesen drei von uns formulierten Fragen sehr grundlegende Themen des Kirchen- und Weltverständnisses angesprochen sind, machen die letzten beiden Thesen deutlich.

Zum einen stehen die Überlegungen im Kontext einer kulturwissenschaftlichen und philosophischen Debatte, die nichts weniger als die Frage danach verhandelt, was „Realität“ eigentlich ist. Wir schlagen vor: Digitale und analoge Medialitäten bilden ein Realitätsgeflecht, das weder voneinander getrennt noch gegeneinander ausgespielt werden kann. Das gilt auch für digitale Kirche: Hybride Formen sind nicht nur in Blick auf Gottesdienst und Liturgie, sondern in Bezug auf die Beschreibung der Kirche als Ganze zu reflektieren.

Zum anderen liegen digitale Angebote an vielen Stellen quer zum bisherigen Verständnis von Kirche – was das im Einzelnen an Stolpersteinen mit sich bringt, haben Sie vielleicht an der einen oder anderen Stelle schon erlebt. Hier schließt sich der Bogen zu den einführenden Überlegungen zur Zukunft der Kirche. So formulieren wir abschließend als Frage: Offen ist, wie sich digitale Gottesdienstformen zu parochialen Strukturen und Angeboten verhalten. Inwieweit setzen digitale Gottesdienste parochiale Strukturen auf und wo sind neue Strukturen nötig?

 

Mit dieser offenen Frage möchte ich uns in die heutigen Impulse und Diskussionen einladen – und freue mich auf einen angeregten Austausch.

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