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„Mein Leib für Dich gegeben“ auch auf digitalem Wege?

Zur Diskussion um das digitale Abendmahl

Published onFeb 26, 2021
„Mein Leib für Dich gegeben“ auch auf digitalem Wege?
Diskussion um das digitale Abendmahl


(Dieser Beitrag beruht auf Überlegungen, die der Autor im April 2020 in seinem Blog publiziert hat: https://frank-vogelsang.de/category/gott/b-christliche-gemeinschaft/.)

Nicht zuletzt durch die Corona Pandemie ist eine lebhafte Diskussion um die Praxis der Feier des Abendmahls entstanden. Kann man das Abendmahl auch digital gefeiert werden? Die Diskussion findet unter anderem auf der Internetseite für explorative Theologie CURSOR_ statt. Auf diese Thesen werde ich mich im Folgenden immer wieder beziehen.

Kann das folgende Szenario ein Abendmahl genannt werden: Jemand steht oder sitzt vor einem Rechner mit Kamera, spricht die Einsetzungsworte über Brot und Wein, Ton und Bild werden an einen anderen Ort übertragen, zu einem Bildschirm, vor dem jemand, ebenfalls mit Brot und Wein ausgestattet, nach den Einsetzungsworten davon isst und trinkt? Neben dieser Variante gibt es eine Vielzahl weiterer, die durch elektronische Medien möglich werden. Darauf weist auch die 6. These der Thesenreihe hin. So ist es denkbar, ein Video ins Netz zu stellen, in dem zu einem Abendmahl eingeladen und gefeiert wird. Jemand spricht in dem Video die Einsetzungsworte, die Teilnehmenden zu Hause sehen sich das Video an und feiern das Abendmahl, wann es für sie günstig ist. Viele weitere Variationen sind denkbar, etwa auch durch eine zusätzliche Textkommunikation über Twitter. Jedoch soll das erste Szenario hier im Mittelpunkt stehen, weil hier die digitalen Medien in besonderer Weise zur Diskussion stehen.

Die zentrale Frage

Eine zentrale Frage im Folgenden lautet: Hängt die Möglichkeit einer Abendmahlfeier an der räumlichen und zeitlichen Einheit oder können diese durch die digitalen Medien aufgelöst, zumindest gelockert werden? Die Frage nach einer angemessenen Feier des Abendmahls ist nicht nebensächlich, das Sakrament gehört zu den zentralen gottesdienstlichen Vollzügen der christlichen Gemeinde. Ich möchte in dem Folgenden dafür plädieren, dass das Abendmahl nicht auf die oben geschilderte Weise durchgeführt werden sollte. Diese vorsichtige Formulierung zeigt schon, dass meiner Ansicht nach in diesen Fragen keine letztgültigen Urteile möglich sind. Ich frage mich aber, ob wir nicht sehr viel verlieren, wenn wir die Abendmahlfeier auf die skizzierte Weise feiern, bei dem einzelne Menschen durch digitale Medien mit anderen verbunden sind und je gesondert Brot und Wein zu sich nehmen. Mir geht es im Folgenden vor allem um die Frage, ob ein solches Abendmahl ein kräftiges Zeugnis für die Inkarnation Gottes in Jesus Christus sein kann, ob die geschilderten Varianten eines digitalen Abendmahls nicht dazu neigen, die Bedingungen der Inkarnation Gottes und damit auch der menschlichen leiblichen Existenz undeutlich werden. Meiner Ansicht nach weist das christliche Abendmahl elementar auf die Bedingungen der menschlichen leiblichen Existenz. Es ist dort von Essen und Trinken von Brot und Wein als einem unverzichtbaren Vorgang die Rede. Essen und Trinken geschieht immer an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Die Abendmahlgemeinschaft ist weiterhin durch das Brotbrechen und das Austeilen des Brotes bestimmt. Jesus nahm das Brot, dankte, brach es und gab es und sprach, so heißt es in den synoptischen Evangelien.

Es geht nicht um die „eigentliche Wirklichkeit“

Um unnötige Missverständnisse auszuschließen, möchte ich zunächst einmal deutlich sagen, worum es mir im Folgenden nicht geht. Es geht erstens nicht um die Frage, was wirklich „wirklich“ ist. Es gibt in der Diskussion um die digitalen Medien gerade von den Skeptikern die häufig gestellte Frage, was diese Medien denn „eigentlich“ transportieren, was da vermittelt wird. Ist es nicht nur eine Scheinwelt, eine virtuelle Welt, die nichts Reales beinhaltet? Diese Diskussionen führen aber auf einen Holzweg. Es gibt keinen Vorzug einer „materiellen Wirklichkeit“ vor einer „geistigen Wirklichkeit“. Das Virtuelle ist nicht weniger wirklich als das Materielle. Beide sind Teil der menschlichen Realität. Menschen haben als leibliche Wesen immer schon in beiden gelebt, die frühen Menschen, die Bilder an die Höhlen malten, sahen darin nicht nur aufgetragene Kreide auf Felswänden, sondern Repräsentationen, die für sie außerordentlich wirklich war. In mehreren Veröffentlichungen habe ich in dem Konzept einer „offenen Wirklichkeit“ für eine Interpretation der menschlichen Existenz argumentiert, die immer beide Dimensionen gleichermaßen umfasst. Die menschliche Kultur besteht gerade darin, in einem unaufhörlichen Interpretationsprozess beide Seiten miteinander zu vermitteln. Gerade deshalb sind die digitalen Medien eine aufregende Erweiterung des kulturellen und gesellschaftlichen Raums! Sie stärken mit technischen Mitteln eine Dimension menschlicher Existenz, die vorher auch schon da war. Meiner Ansicht nach ist diese technologische Entwicklung irreversibel. Damit erübrigt sich die Frage, ob ein digital vermitteltes Abendmahl „nur“ etwas Virtuelles sei. Auch jedes konventionelle Abendmahl ist immer auch ein virtueller Vorgang, es ist nie ein nur materieller Vorgang, die materielle Wirklichkeit ist nicht die eigentliche Wirklichkeit.

Es geht nicht um die eine orthodoxe Auslegung

Es geht mir hier zweitens auch nicht darum, aus einer theologischen Perspektive zu entscheiden, was „richtiges“ Abendmahl ist oder was nicht. In der Confessio Augustana ist im 7. Artikel in einer Kurzdefinition festgehalten: Die Kirche ist dadurch gekennzeichnet, dass in ihr die Sakramente richtig gefeiert werden, dass in der deutschen Fassung „ die heiligen Sakrament lauts des Evangelii gereicht werden“, dass in der lateinischen Fassung „recte administrantur sacramenta“. Was genau meint das „recte“, das „lauts des Evangelii“ in einer Zeit, in der digitale Medien einen immer größeren Präsenz haben? Wer hier eine eindeutige Antwort erwartet, setzt voraus, dass die Theologie über eine klare Erkenntnis darüber verfügt, was das Abendmahl ist und was da geschieht. Doch gerade eine solche Haltung bedroht das Verständnis des Abendmahls im Kern. Denn es ist im theologischen Sinne ein Geheimnis. Die aus meiner Sicht beste Formel zur Beschreibung des Abendmahls findet sich in der Leuenberger Konkordie, die ja auch die erste These der Thesenreihe aufgreift und in den Mittelpunkt stellt: „Im Abendmahl schenkt sich der auferstandene Jesus Christus in seinem für alle dahingegebenen Leib und Blut durch sein verheißendes Wort durch Brot und Wein.“ Im Kern also ist das Abendmahl eine Handlung des Auferstandenen, Jesus Christus „schenkt sich“. Diese Zusage Gottes ist nicht in der Verfügungsgewalt menschlicher Theologie. Im Gegen teil, wie die Thesen 2 bis 5 vollkommen zu Recht ausweisen, stellt diese christologische Fundierung alle konkreten menschlichen Vollzüge des Abendmahls zugleich in Frage. Keine Realisierung kann an den Anspruch heranreichen, hier Gottes Handeln vollgültig zu bezeugen. Besonders wichtig finde ich in diesem Zusammenhang die dritte These, weil hier die menschliche Abendmahlpraxis unter einen eschatologischen und damit geschichtlichen Vorbehalt gestellt wird. Die Theologie kann die Verheißung Gottes immer nur unvollkommen deutlich machen und das kirchliche Handeln kann das Sakrament als Zeichen göttlichen Handelns nur bezeugen und zu bewahren versuchen.

Das Abendmahl wurde immer schon lebhaft diskutiert

Dennoch ist dann in der Konsequenz nicht einfach alles möglich, getreu dem Motto „Der Herr wird es schon richten.“ Die Verantwortlichen in Kirchen und Gemeinden müssen darauf achten, dass das die konkrete Abendmahlfeier als Zeugnis dafür, dass Christus „sich schenkt“ deutlich bleibt. Das lässt Raum für Interpretation. Nicht von ungefähr hat man in der Vergangenheit immer wieder um das angemessene Verständnis des Abendmahls gerungen. Eine lebendige Abendmahlskultur setzt diese Auseinandersetzungen voraus. Auch vor der Frage nach einer digitalen Form des Abendmahls gab es eine Vielzahl von Debatten, etwa um das Abendmahl mit Kindern, um die Frage einer ökumenischen Feier des Abendmahls, um neue Formen wie das Feierabendmahl auf dem Kirchentag usw. Diese Debatten haben den großen Vorteil, dass sie immer wieder neu bewusst machen, worum es im Abendmahl geht. Sie verhindern im günstigen Fall gleich zweierlei, einerseits eine starre Orthodoxie und zum anderen ein liturgisches Laissez Faire.

Die Inkarnation wertet die materielle Dimension menschlicher Existenz auf

Ich habe Zweifel, ob das eingangs geschilderte, über digitale Medien vermittelte Abendmahl die wünschenswerte Zeugniskraft hat. Im Zentrum des christlichen Glaubens steht die Aussage, dass Gott Mensch wurde. Gott ist in einem Menschen mit „Haut und Haar“ inkarniert. Das hat eine große Bedeutung für die Interpretation von „Haut und Haar“, also für das Verständnis der menschlichen leiblichen Existenz, sie wird auf unschätzbare Weise aufgewertet. Auf diesen Aspekt weist insbesondere die These 7.3. hin. Es ist deshalb aus theologischer Perspektive in keiner Weise nebensächlich, dass wir auf die materiellen Bedingungen des Lebens angewiesen sind. Ohne Sauerstoff wäre das Leben schnell vorbei, ebenso ohne physikalische Wärme, ohne Flüssigkeit oder ohne Nahrung. Auch wenn wir in einer modernen Welt leben, in der die Versorgung damit scheinbar selbstverständlich ist und wir nach „Höherem“ streben können, dürfen wir diese körperliche Abhängigkeit auch aus theologischen Gründen nicht gering schätzen. Die Besonderheit dieser endlichen, materiell bedingten leiblichen Existenz ist aber: Sie ist gebunden an bestimmte Orte und bestimmte Zeiten. Immer nur an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten haben wir Zugang zu Luft, Nahrung, Wasser, Wärme.

Gerade die materielle Dimension menschlicher Existenz zeigt unsere Verletzlichkeit

Auch zwei große Widerfahrnisse unserer Zeit weisen uns unbarmherzig darauf hin, dass wir endliche, materielle bedingte Wesen sind, auch wenn wir vielleicht der Meinung sind, dass wir als moderne Menschen ein bisschen auch leibunabhängig leben könnten. Das eine Widerfahrnis ist der Klimawandel. Wir können ihm nicht entkommen und er wird unseren weiteren Lebensbedingungen mitbestimmen. Als leibliche Wesen bleiben wir abhängig und eingebunden in das Ökosystem Erde. Das andere Widerfahrnis ist die Corona Pandemie selbst. Das Virus verteilt sich nicht auf beliebigen Wegen. Es verteilt sich über menschliche Kontakte, über die Nähe von Körpern, über Körperflüssigkeit. Was also machen wir, wenn wir in dieser durch Klimawandel und Corona Krise gezeichneten Situation als feiernde christliche Gemeinde danach streben, im liturgischen Vollzug von der körperlichen Präsenz möglichst unabhängig zu werden? Müssten wir nicht vielmehr sagen, dass wir mitleiden, dass der Leib Christi auch im Abendmahl von den materiellen Bedingungen betroffen ist?

Es ist von zentraler Bedeutung, dass das Abendmahl diese materielle Dimension menschlicher Existenz zum Ausdruck bringt. Beide Sakramente, Abendmahl wie auch die Taufe, sind auf materielle Elemente angewiesen. Aber sind in dem Szenario des digitalen Abendmahls zu Anfang nicht auch Brot und Wein konstitutiv? Es gibt Brot und Wein an beiden Enden der digital vermittelten Kommunikation. Ist das Brot am anderen Ende der digitalen Vermittlung nicht eingesegnet, weil es zu weit weg ist? Sind die Einsetzungsworte nicht wirksam, wenn sie über eine weite Strecke erfolgen? In welchem Raum sind sie wirksam, kann man den in Metern messen? Schon landet man in einer absurden Diskussion, die ich ja eben auszuschließen versucht habe. Man kann also vernünftigerweise nichts darüber aussagen, ob das Brot an dem zweiten Rechner von den Einsetzungsworten erfasst wird oder nicht.

Die Gemeinschaft beim Abendmahl ist immer auch materiell konstituiert

Mein Argument ist ein anderes: Bei allen drei synoptischen Evangelien gibt es in den Einsetzungsworten die Sequenz: Jesus nahm das Brot, „dankte und brach’s und gab’s“. Alle drei Vollzüge, danken, brechen und geben, gehören zusammen. Das Abendmahl ist im Kern ein Gemeinschaftsmahl. Gabe und Gemeinschaft werden explizit in den Thesen 7.1. und 7.2. thematisiert. Die EKD hat 2003 eine Orientierungshilfe zum Abendmahl herausgegeben und den Gemeinschaftsgedanken hervorgehoben, sowohl die sündenvergebende Gemeinschaft mit Gott wie auch zugleich die Gemeinschaft mit den Menschen in der feiernden Gemeinde. Für das Brotbrechen ist wichtig, dass das gebrochene Brot gegeben wird, dass es empfangen werden kann. Der Gabe-Charakter weist wiederum auf die Leuenberger Konkordie: Jesus Christus ist es, der einlädt und der sich gibt. Im Abendmahl wird das dadurch erfahrbar, dass ein Mensch mir von dem Brot gibt, ich es mir nicht selbst gebe. Das Geben der materiellen Substanz, derer ich bedürftig bin, unterstreicht beide Dimensionen der Gemeinschaft, der Gemeinschaft mit Gott wie der Gemeinschaft mit der feiernden Gemeinde. Genau das aber wird undeutlich, wenn jede und jeder in einer digital vermittelten Gemeinschaft ein eigenes Stück Brot mitbringt.

Aus dieser Argumentation folgert, dass beim Abendmahl mindestens zwei Menschen an einem Ort zu einer Zeit anwesend sein sollten, die sich unter dem Wort Gottes versammeln. Das Brechen des Brotes und das Austeilen als materieller Vorgang machen eine Gemeinschaft an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit notwendig. Eine mediale Vermittlung zwischen einzelnen Menschen über Fernsehen, Video, digitale Medien kann diese Gemeinschaft nicht in gleicher Weise bezeugen. Auch sie vermittelt Gemeinschaft, wie das These 7.1. fordert, aber eben auf reduzierte Weise. Das Spezifische des Abendmahls, die Bedeutung der materiellen Grundlage der Existenz und der Gemeinschaft, aber auch der Inkarnation Gottes kommt nicht ausreichend zur Geltung. Sollte aber nicht in der Not ein digital vermitteltes Abendmahl möglich sein? Vielleicht ist das in der Not eine Option, aber es wäre und bliebe eine Notmaßnahme, wie das auch These 7.4. andeutet. Sie ist aber keine ebenbürtige Variante des in körperlicher Präsenz gefeierten Abendmahles, in dem jemand das Brot bricht und gibt und uns daran erinnert, dass wir körperliche, endliche und bedürftige Wesen sind, auf Gaben durch Gott und durch die anderen Menschen angewiesen.

Der Hinweis in These 7.5. ist aus meiner Sicht besonders wichtig. Diese These referiert noch einmal auf den eschatologischen Vorbehalt von These 3 und stellt das Abendmahl in eine nach vorne offene Geschichte. Hier haben die digitalen Medien eine besondere Stärke, weil durch sie Menschen überall in der Welt zu dergleichen Feier eingeladen werden können! Dies ist ohne Zweifel ein eigenständiger Beitrag der digitalen Medien, der nicht nur kompensiert, was auf anderem Wege besser möglich ist. Dann sollten an den Endgeräten stets mehrere Menschen versammelt sein, die sich gegenseitig Brot und Wein reichen und die über die digitalen Medien eine weltweite Ökumene und Verbundenheit erfahren. Das wäre meiner Ansicht nach ein digital vermitteltes Abendmahl mit großem Zukunftspotential!

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