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Kirche in Transformation

TOBIAS KUENKLER_ Vor nun mehr als 30 Jahren prägte Jürgen Habermas die Chiffre von der ‚neuen Unübersichtlichkeit‘. Aus heutiger Sicht scheint die damalige Situation recht übersichtlich und geordnet, die heutige Situation dafür unübersichtlich in einer neuen Qualität.
Kirche in Transformation
Contributors (5)
Published
Oct 27, 2017
DOI
10.21428/7b79876b

Vor kurzem besuchte ich die „Weltausstellung Reformation“ in Wittenberg. Auf einem Rekordtief von zwölf Interessierten hielt ich einen Vortrag, anschließend ließ ich mich von einem Roboter segnen und „musste“ vor einer Andacht als Teilnehmer die Kirchenglocke selbst läuten. Ich fragte mich halb ironisch, halb ernsthaft: Ist das die Zukunft der Kirche?

Wie ist die Situation von Kirche heute? Unstrittig ist wohl: Kirche steht in gesellschaftlichen Transformationsprozessen und selbst vor großen Transformationsprozessen. Gesellschaft ist selbstverständlich immer im Wandel, aber es gibt genügend Indizien dafür, dass sich sozialer Wandel erstens immer schneller vollzieht, dieser zweitens häufig einen disruptiven Charakter aufweist und drittens Pluralisierungs- und Ausdifferenzierungsprozesse sich noch am ehesten als übergeordnetes Muster dieses Wandels erkennen lassen.1


Noch klammern sich nicht wenige Zeitgenossen an die letzten Residuen der großen modernen Erzählungen, auch wenn sie zunehmend Gewissheit darüber erlangen, dass es ungewiss ist, ob diese noch gültig sind.


Vor nun mehr als 30 Jahren prägte Jürgen Habermas die Chiffre von der ‚neuen Unübersichtlichkeit‘.2 Aus heutiger Sicht scheint die damalige Situation recht übersichtlich und geordnet, die heutige Situation dafür unübersichtlich in einer neuen Qualität. Noch klammern sich nicht wenige Zeitgenossen an die letzten Residuen der großen modernen Erzählungen, auch wenn sie zunehmend Gewissheit darüber erlangen, dass es ungewiss ist, ob diese noch gültig sind. Verblieben sind Reste der Erzählung vom beständigen wirtschaftlichen Wachstum und wachsendem Wohlstand. Doch selbst auf der Wohlfahrtsinsel Deutschland werden diese brüchig, zum einen weil es nur eine Frage der Zeit ist, bis die nächsten Finanzblasen platzen, zum anderen, weil selbst hier die Situation von zunehmend sozial ungleichen Lebensverhältnissen, steigender Armut und der Prekarisierung von Arbeits- und Lebensbedingungen gekennzeichnet ist. Verblieben sind auch Reste der Erzählung vom beständigen, globalen sich Ausbreiten moderner, liberaler Demokratien und postmaterieller, demokratischer Werte. Angesichts des Bedeutungswachstums der neuen Rechten in all ihren Erscheinungsformen, der Bedrohung durch (islamischen) Fundamentalismus und nicht zuletzt eines Donald Trump an der Spitze der (?)ehemaligen Hegemonial- und Ordnungsmacht USA steigt auch hier das Kontingenzbewusstsein, dass bei aller gefühlten Alternativlosigkeit alles auch ganz anders sein bzw. werden könnte. Ein drittes Residuum besteht in der Säkularisierungserzählung, die das Fortschreiten der Modernisierung untrennbar an den Bedeutungsverlust von Religion koppelt. Auch diese hat sich angesichts eines genauen Blicks auf die globale, multireligiöse Situation mit ihren sehr unterschiedlichen Gesichtern empirisch eigentlich längst erledigt3, ist aber so zentraler Bestandteil der modernen europäischen Identität, dass sie angesichts des Traditionsabbruchs und Bedeutungsverlusts des christlichen Glaubens weiter in den Köpfen vieler westeuropäischer Menschen lebendig ist.4 Entscheidend ist: Die Menschen klammern sich wohl deshalb so sehr an diese Auslegware auf der Resterampe moderner Narrationen, weil es kaum allgemeingültige Alternativerzählungen gibt und keine positiven, gesellschaftlichen Visionen.


Kirche befindet sich im Strudel dieser Wandlungsprozesse.
Sie befindet sich größtenteils in Schrumpfungsprozessen, mit dem Wissen, dass die größten Veränderungsprozesse wahrscheinlich noch bevor stehen. Gleichzeitig sind die Beharrungskräfte, ob unbewusst oder in einem bewusst-trotzigen ‚Weiter so‘, enorm.


Kirche befindet sich im Strudel dieser Wandlungsprozesse. Sie befindet sich größtenteils in Schrumpfungsprozessen, mit dem Wissen, dass die größten Veränderungsprozesse wahrscheinlich noch bevor stehen. Gleichzeitig sind die Beharrungskräfte, ob unbewusst oder in einem bewusst-trotzigen ‚Weiter so‘, enorm. Zugleich verliert der christliche Glaube für viele Menschen zunehmend an Bedeutung, auch wenn sich sowohl in Einstellungen als auch (etwas weniger) in Praktiken bei erstaunlich vielen erstaunlich viele Restbestände des christlichen Glaubens religionssoziologisch nachweisen lassen. Die Menschen werden auch nicht atheistischer, sondern eher diffus spirituell.

Die Situation ist auch hier eher gekennzeichnet von einem Mix aus Multireligiösität, diffuser Hybridität und einer vagen spirituellen Offenheit.5 Kirche als Institution wird aber für immer mehr Menschen irrelevanter, was sich nicht zuletzt in der sinkenden Zahl der Kirchenmitglieder in den evangelischen und der römisch-katholischen Kirche niederschlägt.6 Dies zwingt viele evangelische Kirchen zwar zu teils enormen Sparmaßnahmen, die wesentlichen institutionellen Strukturen der Evangelischen Kirche bleiben jedoch bislang recht stabil. Angesichts von sich abzeichnenden Trends wie weiterer Schrumpfungsprozesse und Herausforderungen wie der prognostizierte Pfarrermangel werden der kirchliche Strukturkonservatismus, die volkskirchlichen Strukturen und deren parochiales System, das aus einem einst innovativen Mix aus staats- und vereinsanalogen Elementen besteht, zunehmend unter Druck geraten.7 Wahrscheinlich werden hier noch viele ‚heilige Kühe‘ geschlachtet werden müssen, jedoch darf man die Beharrungskräfte nicht unterschätzen, die nicht nur durch den Habitus der Beteiligten verursacht ist, sondern vor allem durch den großen institutionellen Überbau und damit ein System, das aufgrund seiner systemischen Eigenlogik, zunächst immer auch an seinem Selbsterhalt arbeiten wird – auch wenn es dabei anteilig immer mehr der vorhandenen Ressourcen verbrauchen sollte.


(D)och scheint den Kirchen insgesamt die Kommunikation des Evangeliums heute schlecht zu gelingen, d.h. den Zeitgenossen verständlich zu machen, worin die konkrete Relevanz des christlichen Glaubens liegt und was eigentlich das Gute an der guten Botschaft ist.


Herausforderungen gibt es aber auch inhaltlicher Art. Man muss Erik Fluegges Polemik nicht komplett folgen, um Angst davor zu haben, dass die Kirche »an ihrer Sprache verreckt«.8 Die letzten Predigten, die ich in kirchlichen Gottesdiensten gehört habe, hätte man als Paradebeispiele nehmen können, um das Vorurteil eines Freikirchlers zu bestätigen, dass „in den Landeskirchen immer substanzloser und nichtssagender gepredigt würde“. Wenn dann auch noch – wie leider selber real erlebt – versucht wird, die verbliebenen Schäfchen bereits vor der Predigt zum Schlafen zu bringen, indem „Seht ihr wieviel Sternlein stehen“ gesungen wird…

Natürlich sind diese Erlebnisse nicht einfach verallgemeinerbar, es gibt großartige Pastorinnen und Pastoren mit großer Lehrkompetenz. Und doch scheint den Kirchen insgesamt die Kommunikation des Evangeliums heute schlecht zu gelingen, d.h. den Zeitgenossen verständlich zu machen, worin die konkrete Relevanz des christlichen Glaubens liegt und was eigentlich das Gute an der guten Botschaft ist. Vor dieser Herausforderung stehen auch freikirchliche Akteure, wobei es hier eher Beharrungskräfte bezüglich einer vermeintlichen Orthodoxie gibt, deren Vermittlung zunehmend scheitert, weil der guten Botschaft („Jesus ist für Dich am Kreuz gestorben und wenn Du Jesus Christus als Deinen persönlichen Retter annimmst, so wirst Du ewiges Leben bekommen.“) eine schlechte Botschaft vorgeschaltet ist („Du bist Sünder und Dich erwartet ewige Verdammnis.“).

In vielen Freikirchen zeichnen sich ohnehin ähnliche Schrumpfungsprozesse ab wie in den Volkskirchen.

Neben wenigen wachsenden Gemeinden stagnieren oder schrumpfen viele, analog zu den traditionellen und bürgerlichen Milieus, in denen die meisten von ihnen im sozialen Raum verortet sind. Manchmal sind es aber erst die großen Herausforderungen, die neue Chancen bergen. Gerade im freikirchlichen Bereich ist meine Wahrnehmung, dass die Wahrscheinlichkeit, dass eine sehr traditionelle Gemeinde, die das eigene Aussterben vor Augen hat, eher zum Ort von Innovation werden kann, als eine Gemeinde, die sich selbst als „modern“ wahrnimmt und übersieht, dass die modernen Milieus schon längst nicht mehr Avantgarde sind und zunehmend von postmodernen Milieus sogar aus der gesellschaftlichen Mitte gedrängt werden.9

In den evangelischen Kirchen wird zunehmend das Auseinanderdriften von Kirche und Diakonie wahrgenommen und es kommt verstärkt zu gemeinwesendiakonischen Versuchen einer doppelten Reintegration, der von Diakonie in die Gemeinde und der von Gemeinde in den Sozialraum. Auch nicht wenige Freikirchen haben in den letzten 15 Jahren das sozial-diakonische Engagement sowie ihren Stadtteil/ ihr Dorf wiederentdeckt und geben sich Mühe für ihren Sozialraum ‚relevant‘ zu sein.


Dieser konkrete Sozialraum vor Ort scheint mir das wichtigste Neuland zu sein, das noch viel stärker entdeckt werden sollte.


Dieser konkrete Sozialraum vor Ort scheint mir das wichtigste Neuland zu sein, das noch viel stärker entdeckt werden sollte.

Dies geschieht, wenn sich Kirche als ein Akteur im Sozialraum versteht, sich aktiv mit anderen Akteuren vernetzt, um gemeinsam mit diesen den Sozialraum für die dort lebenden Menschen, und besonders die Unterprivilegierten, attraktiver und lebenswerter zu machen und auf diese Weise durch Wort und Tat das Evangelium zu kommunizieren.10 Beim Entdecken des Sozialraums wird der ‚Bildungsmodus‘, den viele kirchliche Veranstaltungen jenseits des Sakralen meist aufweisen, oft aufgebrochen und in einen ‚Abenteuermodus‘ überführt, bei dem viele Lern- und Umlernprozesse wahrscheinlich gemacht werden. Eine solche Sozialraumorientierung ermöglicht einen dritten Weg sowohl bezüglich der Sozialformen – jenseits von Parochie (Volkskirche) und Sammlung der ‚Frommen‘ (Freikirche) als auch bezüglich der konzeptionell-inhaltlichen Ausrichtung – jenseits von Traditionalismus und einer bloßen Politisierung.

Vernetzung, gemeinsames Experimentieren und der Austausch von Ideen, Erfahrungen und Wissen sind auch die wesentlichen Kennzeichen von zahlreichen neuen Allianzen und Netzwerken, wie ‚Emergent Deutschland‘11, Kirche hochzwei‘12, Fresh X‘-Bewegung13, u.v.m. Diese Innovationen und Experimentalfelder an den Rändern werden m.E. von der Mitte oder den Zentren aus noch zu wenig wahrgenommen und gefördert. Hier gibt es jede Menge verstecktes Neuland.


So wie die freikirchliche Praxis oft eng mit einer kleinbürgerlichen Kultur verwoben ist, so ist die kirchliche Praxis oft ebenso mit einer großbürgerlichen Kultur verwoben, nicht erst dort wo sie sich explizit an Hochkultur labt.


Welche Häresien braucht es angesichts dieser Situation? Zunächst vor allem Häresien der Orthopraxie.

Notwendig sind vor allem Übersetzer_innen und Brückenbauer_innen, die nicht nur zu der in der Öffentlichen Theologie geforderten Zweisprachigkeit in der Lage sind, sondern kulturell mehrsprachig sind, d.h. dazu in der Lage sind, Menschen zu begegnen, die aus einer ganz anderen Lebenswelt stammen als sie selbst, bzw. zwischen unterschiedlichen Lebenswelten zu vermitteln und zu übersetzen. Das ist in erster Linie eine Frage der Haltung bzw. setzt eine ernsthafte Dialogbereitschaft voraus, Feindbilder, Vorurteile und wirkmächtige Images zu überwinden. Dies ist jedoch auch eine Frage danach, wie sehr man sich seiner eigenen Situiertheit im sozialen und kulturellen Raum bewusst ist und sich von dieser auch ein Stück weit distanzieren kann. So wie die freikirchliche Praxis oft eng mit einer kleinbürgerlichen Kultur verwoben ist, so ist die kirchliche Praxis oft ebenso mit einer großbürgerlichen Kultur verwoben, nicht erst dort wo sie sich explizit an Hochkultur labt.14

Damit die Kommunikation des Evangeliums in die heute sehr ausdifferenzierten Lebenswelten und Kulturen gelingt, braucht es, wie oben schon angedeutet, radikale Kontextualisierungen der christlichen Botschaft in diese vielfältigen Kulturen und Lebenswelten. Inhaltlich wird hier ebenso stark experimentiert werden müssen wie auf kirchenpraktischer Ebene. Wie Kirche und Gemeinde in einer neuen Kultur funktionieren kann, weiß im Vorhinein niemand. Innovation entsteht vor allem dort, wo man erstens ein historisches und kulturelles Bewusstsein hat, denn ohne dieses wiederholt sich Geschichte meist bloß. Zudem ist Innovation soziologisch betrachtet ohnehin das Produkt einer erfolgreichen „Kreuzung bestehender Nachahmungsströme“.15


(Es) braucht dazu eine Lernhaltung, die vor allem zum Verlernen bereit ist. Erst wo Muster und Gewohnheiten des kirchlichen Denkens, Wahrnehmens, Urteilens und Handelns zur Disposition gestellt und ggf. überwunden werden, kann Neues entstehen.


Zweitens braucht es dazu eine Lernhaltung, die vor allem zum Verlernen bereit ist. Erst wo Muster und Gewohnheiten des kirchlichen Denkens, Wahrnehmens, Urteilens und Handelns zur Disposition gestellt und ggf. überwunden werden, kann Neues entstehen. Solche Lernprozesse werden oft existentiell als Krise erlebt oder erst durch eine Krise ausgelöst, denn sie verändern immer auch die Identität und sind damit immer schmerzhaft.16 Allein deshalb sind die Beharrungskräfte meist stärker und es ist eine spannende und noch viel zu wenig beachtete Frage, wie solche Verlernprozesse institutionell gefördert werden können.

Drittens braucht es viele praktische und konkrete Experimente, die einerseits zwar analytisch und wissensbasiert vorgehen (z.B. indem eine Kirchengemeinde Potential- und Kontextanalysen vornimmt, um gezielt zu schauen, was sinnvolle Schritte einer Sozialraumorientierung sein können), andererseits aber zu wirklichem ‚trial and error‘ bereit sind. Viele Experimente der letzten fünfzehn Jahre sind bereits gescheitert und viele werden noch scheitern.

Die Frage wird hier sein, wie sehr eine schrumpfende und zum Sparen gezwungene Kirche bereit ist, Ressourcen für solche Projektarbeit und Versuchsräume bereit zu stellen.17

Footnotes
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Comments
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Dennis Dietz: …oder gerade das klare, womöglich im ersten (und vielleicht noch zweiten) Blick inkompatible, befremdliche Profil. Denn ebenso wenig, wie eine “radikale Kontextualisierung” stattfindet, traut sich Kirche in der Kommunikation des Evangeliums eine klar bekennende, bewusst ungeschliffene, vielleicht sogar (problematisch) dogmatische Deutlichkeit - ohne großbürgerlichen Gestus. Ich kann mir Situationen / Systeme denken, in denen die “authentische” Irritation konstruktivere Dialoge auslöst, als - zugegeben subtiler - “Nachahmungsströme” kreuzen zu lassen.[s. dazu: Benedigt Friedrichs Kommentar zum Artikel über “Selbst-Verherrlichung der Kirche” in dieser Ausgabe:”Wie cool wäre eine in den Leitmedien geführte Diskussion um einen gnädigen Gott? - ernst gemeinte, offene Frage! Dafür braucht es eine gewisse Standfestigkeit, Eloquenz und ordentlichen Mut, um mehr als ein etwas peinlich berührtes Lächern bei den LeserInnen hervorzurufen, oder? Und gleichzeitig würde es eine offene Flanke bieten: Das ist ein Teil unseres “Produkts” (Hannas Kommentar), lasst uns uns daran abarbeiten oder lasst es sein. In jedem Fall wäre es kein auf Verdacht gebautes Kirchendach unter dem sich am Ende schon irgendwie alle einfinden werden…” (Benedigt Friedrich)]
Thomas Renkert: Aus der diakoniewissenschaftlichen Debatte kennt man das natürlich, und da gibt es auch eine Reihe von möglichst basisdemokratisch-emergenten Ansätzen wie Community Organizing, Action Research, oder aktivierenden Befragungen, um das “was vor Ort gebraucht wird” zu eruieren und zu organisieren. Nach Jahren und Jahrzehnten von gescheiterter Sozialraumorientierung “top-down”Meine Frage ist aber, wie das abgesehen vom sozialen und diakonischen Engagement auf das “Kerngeschäft” von Kirche übertragbar sein soll? Die anderen Aktuere vor Ort sind ja oft eben Gruppen, die nicht die Kerninteressen der Gemeinde(n) vor Ort teilen (oder sie wären selber Gemeinden), so dass sich die Schnittmenge an gemeinsamen Zielen auf so etwas Kulturelles wie Nachbarschaftsfeste, oder dann doch eben wieder soziales Engagement beschränkt. Oder kann man gemeinsam mit der freiwilligen Feuerwehr, der Greenpeace-Gruppe und den Freimaurern “Jesus Christus predigen”? Wäre dann der Job der Pfarrer_in vor Ort vor allem der der Quartiersmanagerin? Und wäre die Gemeinde selber dann vor allem eine Art soziale Nachbarschaftsplattform? (Das sind keine rhetorischen Fragen, und ich kenne auch Gemeinden, die sich zu 95% genauso verstehen. Aber die müssen sich auch anhören lassen, dass es bei ihnen eben nicht mehr um das Evangelium geht - was es ja auch gar nicht kann, wenn man den bottom-up Ansatz für Kooperation im Sozialraum ernst nimmt.)
Arne-Florian Bachmann: Das mit Verlaub scheint mir außerhalb der pietistischen Welt nun wirklich nicht der Grund zu sein, warum es einem schwierig fällt das Evangelium zu kommunizieren. Vielleicht muss man hier ungute Verbindungen, die der Pietismus geknüpft hat mal lösen: z.B. zwischen Sünde und Moralismus, zwischen Gericht und Verdammnis. Und auch die Idee, dass die Rede von der Sünde der guten Nachricht vorgeschaltet ist, ist nur in manchen Theologien so. Jüngel zB würde betonen, dass die Vergebung Bedingung für die Sündenerkenntnis ist, nicht anders herum. Ich glaube man sollte nicht zu früh sein, Vokabeln fallen zu lassen. Stattdessen kann man die Gebrauchsweise von manchen Vokabeln verändern.
Tobias Kuenkler: Das war ja auch eine Aussage über freikirchliche Akteure, wobei es sicher auch auf den pietistisch geprägten Teil des kirchlichen Feldes zutrifft. Und beides zusammen ist kein ganz kleiner Teil…
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Hanna Reichel: Was heißt “Scheitern”? In dem Zusammenhang eigentlich? Hängt vermutlich sehr stark davon ab, was für ein Kirchenverständnis u.a. Paradigmen man anlegt. Also zB: Wäre ein Experiment gelungen, wenn es mehr Einnahmen generiert als es gekostet hat? Wenn es neue Kirchenmitglieder gewinnt? (und wie viele müssten es sein?) Wenn es “Kirche” in “der” öffentlichen Wahrnehmung positiv oder innovativ erscheinen lässt? Wenn es adäquate “Übersetzungen” “des” Evangeliums bereitstellt? usw. Die Frage der Kriterien darf man an der Stelle m.E. keinesfalls unterschätzen - und auch nicht zu einfach marktförmige Kriterien übernehmen.!
Arne-Florian Bachmann: Ich glaub Tobias hat “Radikaleres” vor Augen: wenn Kirche sich insofern “missional” bildet, indem sie sich neu auf den Sozialraum bezieht, dann entstehen eben auch neue kirchliche Gemeinschaften. Scheitern kann dann heißen: das Gemeinschaften sich “missional” um ein Projekt bilden und nach 2, 3 Jahren nicht mehr bestehen. Das IST scheitern. Und das ist auch nicht zu trivialisieren; denn es kann sein, dass danach die betreffenden keine neue Gemeinschaft suchen. Aber dennoch braucht man auch den Mut für solche Experimente: für “aus dem Fenster geworfenes Geld", für Projekte "ohne direkte Auswirkungen” und für möglicherweise auch gewagte Neuanfänge.
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Hanna Reichel: Über Identität wollen wir ja übrigens in Ausgabe 2 von CZeTh nachdenken… Klasse, dass sich hier schon erste rote Anknüpfungspunkte abzeichnen. Könnte spannend werden!
Hanna Reichel: I love that…Und nun: Was könnte das sein?
Thomas Renkert: Und nun: Was könnte das sein?Ach, ich finde, das “landeskirchliche Milieu” lebt doch von all den ungeschriebenen Regeln seiner eigenen Orthopraxie. Stell Dich nur mal im Gottesdienst vor die Gemeinde und schlage vor, dass jetzt ein freies Gruppengebet stattfinden soll. Noch bevor Du Dich zu Hause am Mittagstisch des Sonntagsbratens erfreuen kannst, ruft Dein Dekan an, warum er so viele Beschwerdemails über Dich bekommt.
Hanna Reichel: Das finde ich einen interessanten Hinweis, war mir so bisher nicht bekannt. In der Landeskirche wird meinem Eindruck nach immergern darauf hingewiesen, dass zwar die Landeskirhcenmitgleider weniger werden, aber ja weltweit das Christentum wächst und auch hierzulande Freikirchen wachsen usw. und mein Eindruck ist dabei irgendwie immer, dass das so ein etwas apologetisches Moment hat. So nach dem Motto, hey, insgesamt ist Religion/christlicher Glaube voll hipp, auch wenn man das bei uns jetzt grade nicht merkt… Aber ich habe auch das Gefühl, dass das irgendwie immer etwas unehrlich vorgetragen wird. Und mein Eindruck auch international ist übrigens eher der einger zunehmenden Säkularisierung (ohne jetzt auf den Begriff abzielen zu wollen, den nehmen mir die Soziologen sicher und zu Recht sofort auseinander). Aber auch in Ländern Lateinamerikas und Afrikas, wo Christentümer wachsen, scheint mir die persönliche Identifikation eher abzunehmen und die offizielle Religion mit dem, was im realen Leben der MEnschen wirklich stattfindet, weit auseinanderzudriften (alles rein subjektive EIndrücke aus persönlichen Kontakten, keine belastbaren statistischen Untersuchungen - freue mich aber über Hinweise). Andererseits: War das jemals wirklich anders? Auch wenn wir in den Kirchengeschichtsvorlesungen behaupten, dass in der Antike auch die Fischhändler über aktuelle christologische Streitigkeiten diskutiert haben, kann ich mir das immer nicht so recht vorstellen…
Tobias Kuenkler: Für die Freikirchen gibt es leider kaum belastbare Zahlen. Aber meiner Beobachtung nach lebt der Großteil der deutlich wachsenden freien Gemeinden von einem “Transfer der Heiligen”, d.h. der großte Teil des Wachstums speist sich aus Christinnen und Christen anderer Gemeinden. Was das Internationale betrifft: keine Ahnung.
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Hanna Reichel: Ist das die heutige Gewissheit? Die Gewissheit der Ungewissheit? Ist das das Postmoderne “alles ist relativ”?
Arne-Florian Bachmann: Gibt es - vielleicht mit der Ausnahme von Rorty - wirklich einen Postmodernen, der tatsächlich Relativist wäre? Ich höre hier Lyotard raus: die Skepsis über die Geltung der großen Narrativen wie Emanzipation, Nationalstaat, wissenschaftlicher Fortschritt, ökonomisches Wachstum. Oder aber: mir gefällt die Rede von der ausgebrannten Moderne am besten: diese Erzählungen als solche sind weiterhin wirksam, aber sie können keine Leidenschaft mehr wecken; man verschreibt sich Ihnen nicht mehr. Der Witz wäre dann ja: Solche Erzählungen bleiben auch dann noch wirksam, wenn NIEMAND mehr dran glaubt; nämlich genau so lange, wie die Institutionen, die Marktmechanismen etc. so funktionieren.
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Arne-Florian Bachmann: Ich gebe gerade eine Übung zur Säkularisierung/Postsäkularität etc. Ich bin da mehr auf der Seite von Pollack: Säkularisierung ist nicht notwendig (strukturell zB) aber wahrscheinlich und zumindest im Blick aufs Christentum durchaus zu beobachten. Er kritisiert auch die Individualisierungsthese und sagt: eigentlich ist tatsächlich der Gottesdienstbesuch (und: christliches Familienleben) der beste Indikator für einen starken Glauben. Das gilt natürlich nicht einfach theologisch, aber von den Faktoren her, die man soziologisch beschreiben kann, ist das sicher erstmal richtig: zwar kann man "von der Substanz einer früheren organisatorischen Einbindung” leben; aber nur die wenigsten werden “messbar religiös” (was auch immer das heißt) sein, wenn sie keinen Kontakt zu organisierter Religion hatten.
Tobias Kuenkler: Ich halte beide Theorien für einseitig und würde sagen: ‘Sowohl als auch’ & ‘Weder noch’.
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