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Wunden verbinden

Das Doppeldeutige erschließt sich auf den zweiten Blick: Wunden verbinden. Die Corona-Pandemie zeigt einerseits die Notwendigkeit, Wunden zu verbinden. Andererseits offenbart sie, dass Wunden dazu herausfordern, sich miteinander zu verbinden.

Published onApr 11, 2020
Wunden verbinden

Wunden verbinden

Prof. Dr. Hildegund Keul, 4.4.2020

Das Doppeldeutige erschließt sich auf den zweiten Blick: Wunden verbinden. Die Corona-Pandemie zeigt einerseits die Notwendigkeit, Wunden zu verbinden. Andererseits offenbart sie, dass Wunden dazu herausfordern, sich miteinander zu verbinden. Aktionen wie Offenes Ohr und die Einkaufsdienste zeugen davon. Europa droht sich zu spalten. Aber die Europa-Hymne, über Ländergrenzen hinweg online musiziert und präsentiert, schafft Kommunikation.[1]

From us, for you.

Dörfer und Stadtbevölkerungen rücken enger zusammen. Man telefoniert mit Menschen, mit denen man schon lange nichts mehr zu tun hatte. Italien macht uns vor, wie sich zutiefst verletzte Menschen nicht voneinander abschotten, sondern über Balkone hinweg und durch Fenster hindurch ihre humane Verbundenheit aktivieren. Gemeinsam erlittene und verschmerzte Wunden können Menschen zutiefst verbinden, sogar ein Leben lang.

Wunden sind ein Ort der Kommunikation. Weil sie eine Öffnung erzeugen, ermöglichen sie intensiven Austausch, ja Intimität. Selbst dann, wenn man körperlich auf Distanz gehen muss. Zuvor getrennte Wesen verbünden sich und gewinnen überraschendes Leben. Aus der Notfallseelsorge ist das bekannt, aber auch aus dem Familienleben, wenn plötzlich jemand aus dem eigenen Kreis schwer erkrankt. Verwundete sprechen anders miteinander, weil sie Abgrenzungen überwinden und in ihrer humanen Verbundenheit miteinander kommunizieren. Nicht oberflächlich, sondern tiefgehend – mitten in die Öffnung, mitten in den Schmerz hinein.

So merkwürdig das klingen mag: Mit dieser Form intimer Kommunikation wird die Wunde zu einem Ort mystischer Erfahrung. „The wound is the place where the light enters you.” Die Wunde ist der Ort, wo das Licht in dich eintritt. Dieses Diktum wird dem Sufi-Mystiker Jalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī (1207-1273) zugeschrieben. Er empfiehlt, den Blick nicht von der Wunde abzuwenden, weil man sonst das Licht verpasst. Und wir sollten keinen Moment denken, dass wir uns selbst heilen könnten. Die Wunde ist der schmerzende Ort, wo das Licht hineinströmt, wenn man auf Öffnung und intime Kommunikation setzt.

Auch der Mystiker Thomas Merton (1915-1968) beschreibt eine Erfahrung der Einheit, inniger Verbundenheit mit allen Menschen. „Plötzlich ergriff mich ein Schwindelgefühl, als mir bewusst wurde, dass ich all diese Menschen liebte; dass sie alle mir angehörten und ich ihnen; dass wir einander nicht fremd sein könnten, auch wenn wir uns überhaupt nicht kennen. Es war, als ob ich aus einem Traum der Trennung, der falschen Isolation erwachte.“[2] Diese Erfahrung brachte den Mönch und Eremit dazu, die Grenzen seines Trappistenklosters zu überschreiten und öffentlich gegen den Vietnamkrieg aktiv zu werden. Er knüpfte enge Beziehungen zum Dalai Lama und engagierte sich leidenschaftlich im interreligiösen Dialog. Mystische Erfahrungen ereignen sich mitten in der Krise, mitten in der Bedrohung, aus der Wunde heraus.

Das Christentum hat eine besondere Verbindung zu Wunden, das zeigen seine Feste von Weihnachten über Ostern bis Pfingsten. Es glaubt daran, dass Gott sich in Jesus Christus selbst der menschlichen Verwundbarkeit aussetzt. Gott schafft nicht nur eine verwundbare Welt, sondern geht mitten in sie hinein und kommt als neugeborenes, vulnerables Kind zur Welt. Tatsächlich ereignet sich der worst case der Inkarnation: die Kreuzigung, derer wir in der Karwoche erinnern. Das Kreuz wiederum, schmerzliche Wunde, bewegt die Jünger:innen dazu, sich neu miteinander zu verbinden. An Pfingsten treten sie aus ihrer ängstlichen Verkapselung heraus. Sie gründen eine Kirche, die nicht auf Abschottung, sondern auf einen souveränen Umgang mit der eigenen Verletzlichkeit setzt. Die Jünger:innen riskieren viel, Einige bezahlen mit ihrem Leben. Aber gerade in diesem Risiko wird ihr Leben intensiv und lebenswert. Heute noch denken wir an sie.

In Zeiten der Pandemie sind Menschen herausgefordert, neue Formen inniger Kommunikation zu finden, zu erfinden. Schöpfung mitten in einer Situation des Verlusts. Wie kann man ohne innige Umarmung am Grab jene Verbundenheit ausdrücken, die in der Trauer um einen geliebten Menschen entsteht? Wie kann man mit Blick auf die eigene verwundete Gemeinschaft den Blick schärfen für diejenigen, die ihre Verwundbarkeit ungleich schärfer trifft, wie Menschen auf der Flucht, in Lagern und in den Elendsvierteln der Großstädte und Megacities? „Die Kreuzigung ist die Wunde, durch die der Gläubige mit Gott kommuniziert.“[3] Die Zeit auf Ostern hin lädt ein, diese Kommunikation mit Gott, die Menschen global verbindet, zu bedenken und zu intensivieren. Ostern wird dieses Jahr ganz anders sein. Alle Gläubigen sind herausgefordert, Ostern anders, ganz neu zu feiern. Mitten in der Krise, mitten aus der Verwundung heraus. Wunden verbinden.

 Prof. Dr. Hildegund Keul, Theologische Vulnerabilitätsforschung. Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) – Projektnummer 389249041.

 



[1] https://www.youtube.com/watch?v=3eXT60rbBVk; https://www.youtube.com/watch?v=p09hpKAv9Jc und viele andere.

[2] Merton, Thomas: Gewaltlosigkeit – Eine Alternative. Hg. von Gordon C. Zahn. Zürich/Köln: Benziger 1986, 89.

[3] Bataille, Georges: Die Freundschaft. München: Matthes & Seitz 2002, 44

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