Skip to main content
SearchLoginLogin or Signup

Soteriologie in der Klimakrise?! Oder: Zum Status theologischer Rede zwischen Zeug*innenschaft und status confessionis

Dieser Beitrag war nicht Teil der Diskussionen der Arbeitsgruppe, sondern ist im Anschluss als Diskussionsbeitrag entstanden.

Published onMar 14, 2024
Soteriologie in der Klimakrise?! Oder: Zum Status theologischer Rede zwischen Zeug*innenschaft und status confessionis
·

Von Soteriologie in der Klimakrise zu handeln, ist kein einfaches Unterfangen. Berührt ist hier der Kern des christlichen Selbstverständnisses – und ob die Reflexion auf die Klimakrise diesen Kern berührt, führt in Vergangenheit und Gegenwart zu hitzigen Debatten. Ich möchte diese Frage im Folgenden koppeln mit der daran unmittelbar anschließenden Frage geeigneter Sprachmodi theologischer Rede angesichts und im Umgang mit der Klimakrise: Denn ob in dieser Situation christliche Zeug*innenschaft gefordert ist oder ob ein Bekenntnis im Umgang mit der Klimakrise gefordert ist, markiert in der reformierten Tradition, der ich diese Denkmodelle entliehen habe, eben die Frage nach dem Status des je angesprochenen Themas. Markiert ist im Aufgreifen dieser Sprachmodi bereits eine These: Nämlich: dass die Klimakrise überhaupt Themen adressiert, die theologisch den Zeugnis- oder Bekenntnisinhalt tangieren. Insofern ist der Titel meines Beitrags als These zu verstehen, den die anderen Beiträge im Rahmen der Arbeitsgruppe „Theologie in der Klimakrise“ entfalten. Der Untertitel markiert in reformierter Terminologie die Enden der Skala und markieren damit die Leitfrage meiner Überlegungen: Was ist der Sprachmodus, für den wir in Theologie und Kirche fähig oder unfähig sein sollen?1

Dazu drei Gedankengänge: Erstens möchte ich die Begriffe klären: Was heißt Zeug*innenschaft, was heißt confessio, bzw. Bekennen? Zweitens reflektiere ich, wann und warum Bekenntnisse formuliert werden und welche Bedeutung dem status confessionis dabei zukommt. Und zuletzt werde ich die Frage des Untertitels im Blick auf eine Theologie angesichts der Klimakrise beantworten.

1. Zeugen und Bekennen

1.1. Zeugnis geben als Modus christlicher Rede

Zunächst zum Begriff des Zeugnisses vor dem Hintergrund der seit etwa 30 Jahren andauernden Debatten in den testimonial studies2. Für die Frage nach dem Status christlicher Rede angesichts der Klimakrise möchte drei Dimensionen des Zeugnisbegriffs unterscheiden:

Das Zeugnis hat erstens eine epistemische Dimension: Es vermittelt Wissen. Bereits Platon unterscheidet in seinem Dialog Thaitetos zwischen dem Wissen aus eigener Wahrnehmung und dem Wissen Anderer, das nur in Form des Zeugnisses zugänglich ist.3 Wir wüssten nur sehr wenig, wenn wir uns nur auf das Wissen unserer eigenen Anschauung verließen – das ist knapp zusammengefasst die Position der sozialen Epistemologie wie etwa bei Cecil Coady, anknüpfend an Platon. In diesem Sinne transportieren Zeugnisse einen Inhalt: Sie gründen auf einer Erfahrung, die sie deuten und mit einem epistemischen Anspruch intersubjektiv zur Geltung bringen möchten. Beziehen sich verschiedene Zeugnisse auf den gleichen Inhalt oder eine geteilte Erfahrung, so unterscheiden sich die Zeug*innen in dem, was sie davon berichten zumeist doch. Dies macht die Situation des Gerichts der deutlich: Unterschiedliche Zeug*innen werden befragt und aus dem Abgleich der Zeugnisse wird versucht, sich an das Geschehen anzunähern. Viele Zeug*innen zu hören ist dabei ein Gewinn – auch wenn die Pluralität der Zeugnisse eine kritische Debatte um die Zeugnisinhalte herausfordert. Der Widerstreit unterschiedlicher Zeugnisse zu einer Sache ist also – nicht nur vor Gericht – der epistemologische Normalfall.

Daran anschließend und zugleich diese Position überbietend, ist zweitens in den testimonial studies der Begriff der „ethischen Zeugenschaft“4 eingeführt worden (ethische Dimension). Vor allem in der oral history-Foschung und im Zuge der Holocaust-Forschung wurde das Zeugnis als einzigartiger Zugang zu Wissen herausgestellt: Die Stärke des Zeugniswissens liegt im Sichtbar-Machen eines Geschehens, das sonst nicht sichtbar würde. Hier stehen einzelne Zeugnisse im Vordergrund, deren besonderer Wert in der Erschließung von Ereignissen und Erfahrungen besteht.

Und ein drittes: In der antiken Philosophie wird das Zeugnis nicht im Rahmen der Logik eingeführt, sondern wird von Aristoteles im Kontext der Rhetorik vorgestellt (rhetorische Dimension): Sich als Zeug*in zu einer Sache anzubieten, bedeutet auch, eine besondere Nähe und ein besondere Wissen zum Bezeugten anbieten zu können mit dem Ziel, von der eigenen Position zu über-zeugen. Scheinbar schlichtes Erfahrungswissen macht das Zeugnis für Aristoteles zu einem „kunstlosen Überzeugungsmittel“. Es ist als rhetorische Strategie jedoch ambivalent, denn das Zeugnis ist zugleich Wissensvermittlung und eigene Überzeugung. Und auch wenn der Verzicht auf Rhetorik besondere Glaubwürdigkeit zu implizieren versucht – wie sich an Testimonials etwa in sozialen Netzwerken ablesen lässt – kennzeichnet sich jedoch zugleich durch den „Pathos der Authentizität“.5

In all diesen Dimensionen ist es in der christlichen Tradition üblich, von Zeugnissen zu sprechen: Zeug*in sein ist schon den neutestamentlichen Texten folgend Kern und Aufgabe christlichen Lebens.

1.2. Bekenntnis ablegen als Modus christlicher Rede

Eng verbunden ist das Zeugnis dabei mit dem Bekenntnis. Die stellenweise austauschbar scheinenden Begriffe etwa in der reformierten Debatte6 legen nahe, das Zeugnis als fluide Form des Bekennens zu verstehen. Auch Bekenntnis changieren zwischen der Vermittlung von Inhalten und dem Ausdruck eigener Überzeugungen, haben also eine inhaltliche und existentielle Dimension, und werden zugleich individuell gesprochen und auf eine Gemeinschaft hin artikuliert.7

Bekenntnisse haben – anders als Zeugnisse – zudem einen pragmatischen Aspekt, d.h. sie sind auf eine Tat bezogen, und sprechen öffentlich und situationsbezogen.8 Auch in ihrer Öffentlichkeit sind Zeugnisse vom Bekenntnis unterschieden – in Worten Hanna Reichels: „Bekennen heißt Bekannt-machen. Insofern ist es konstitutiv öffentliches Zeugnis.“9 Diese konstitutive Öffentlichkeit gilt nicht für alle Formen des Zeugnisses.

Die Geschichte der reformierte Bekenntnisbildung zeigt: Zeugnisse können in Bekenntnissen kondensieren – d.h. zu einem bestimmten Zeitpunkt für eine bestimmte Gruppe können fluide, individuelle Sprachformen sich zu einem verbindlichen öffentlichen Zeugnis verfestigen – also Bekenntnis werden.10 Ich sehe drei Konstellationen:

Erstens scheint eine Zeugnisgemeinschaft in krisenhaften Situationen gefordert, das gemeinsam Bezeugte herauszustellen – Krisen bedeuten Handlungsdruck, der intersubjektiv verhandelt werden muss.11 Das legt das wellenförmige kontextabhängige Ansteigen und Abflachen in der Bekenntnis­produktion weltweit nahe.12 Zweitens zeigt etwa die Konstitution der frühchristlichen Gemeinschaften, dass an den Grenzen der gemeinsamen Identität die Festlegung von geteilten Überzeugungen nötig wird. Drittens ist es der Streit, der angesichts widerstreitender Zeugnisse zu einer Sache entsteht, der ein gemeinsames Bekennen nötig macht.

Entsprechend dieser Anlässe nehmen Bekenntnisse unterschiedliche Funktionen ein, wie sich in der Pluralität der Bekenntnisterminologie erkennbar wird: Zum Festhalten gemeinsamer Überzeugungen wird ein „Credo“ formuliert, das dogmatisch als „Symbolon“ ausgeführt wird und in den „Bekenntnistexten“ festgeschrieben wird; in Abgrenzung zu Anderen bilden sich „Konfessionen“; in krisenhaften Situationen werden „Bekenntnisse“ wie die Belhar-Confession oder schlicht „Erklärungen“ wie die Barmer Theologische Erklärung formuliert.

Ein Bekenntnis ist also ein gemeinschaftsbezogenes, öffentliches und situationsbezogenes Durchsichtigmachen der Glaubensüberzeugungen einer Gruppe. Anlass sind Krisensituationen, Identitätsbildungsprozesse oder Streit, in denen Bekenntnisse katechetisch, motivierend, gemeinschaftsstiftend oder verteidigend wirken können.13 In der Bekenntnistheologie wird dabei zwischen Identitätsbekenntnis und Kampfbekenntnis unterschieden14 – in beiden Ausrichtungen fungiert das Bekenntnis zumindest auch als Identitätsmarker. Bekenntnisse dienen der Selbstdefinition ebenso wie der Gemeinschaftsbildung oder der Abgrenzung/Verteidigung, wobei verkündigende (kerygmatische), lobpreisende (doxologische) und lehrende (katechetische) Funktionen zusammenkommen.15 Bevor ich diese Überlegungen auf die Klimakrise beziehe, erst zum Sonderfall des status confessionis.

2. Der status confessionis als Sonderform des Bekennens

Eine Sonderform der Bekenntnisbildung ist der „status confessionis“. Dieser Begriff aus der reformierten Tradition beschreibt die schärfste Zuspitzung der Bekenntnisfrage, indem er ein Bekenntnis „um eine Frage von Bejahung oder Verleugnung des Evangeliums“ beschreibt, sodass „dessen Unterlassen Götzendienst bzw. die Verleugnung seines Namens bedeuten würde.“16 Der status confessionis kann ausgerufen werden, um solche eklatanten Verstöße sowohl innerhalb einer Zeugnisgemeinschaft als auch zwischen Zeugnisgemeinschaften zu markieren. Das Bekenntnis von Belhar gegen die Apartheid war ein solcher Fall ebenso wie die Barmer Theologische Erklärung – im Blick auf die Positionierung gegen den weltweiten Kapitalismus in der Accra-Erklärung wurde nach langer Debatte diese Zuspitzung unterlassen.

International finden sich seit einiger Zeit Stimmen, die die Klimakrise als Anlass für den status confessionis in Anschlag bringen. So etwa Tim Gorringe, Prof.em für Theology and Religious Studies an der Universität Exeter.17 Gorringe nennt drei Kriterien, um den status confessionis zu legitimieren:18 Erstens muss das Bekenntnis auf eine Notsituation antworten, die das Zentrum des Kircheseins berührt und die zweitens die gesamte Lehre berührt. Drittens muss das Bekenntnis mit einer eigenen Schuld verbunden sein. Nach Gorringe erfüllt die Klimakrise alle Kriterien:19 Erstens ist die Einheit der Kirche durch das Auseinanderbrechen von Tätern und Opfern bedroht, wie er unter Bezug auf die Barmer Theologische Erklärung und das Belhar Bekenntnis ausführt:

“The confessions of the church in the 30s were spurred by the Aryan clause, which prohibited non Aryans from civil service and other jobs. The confessions against apartheid were determined by the exclusion of one sector of the community from most aspects of civil society. The Church felt that confession was inevitable because its unity was broken: some members were allowed in by the State and others were not. But today a similar divide appears in those countries which are the immediate victims of climate change, such as the Pacific islands, and those which are the main drivers.”20

Zweitens versagt der Staat angesichts der Zerstörung der Schöpfung:

“Second, there is Bonhoeffer’s question whether the failure of government to meet the needs of its citizens does not call for confession. In fact it is worse than that. The economy does not simply fail to meet human needs, but it threatens to destroy many aspects of God’s good creation.“21

Drittens habe die Wachstumsökonomie götzenhaften Status.

“The question is, are the claims of the global economy, which I take to be the principal driver of climate change, idolatrous in the same way? How would we know? Well, an invariable mark of an idol is that it devours life. The question that is put to us, is, in Duchrow’s words, ‘Does the church champion the life of all human beings and of the whole earth or does it side with the global economic system which at least tolerates and even automatically causes the death of so many and the destruction of the earth by the mechanisms so structured?”22

Für Gorringe steht dabei vor allem das Benennen der soteriologischen Tiefe der Klimakrise im Vordergrund, die Umkehr und Motivation bewirken soll. Implizit scheint hier vor allem die Funktion der Selbstdefinition durch das Bekenntnis durch – andere Funktionen wie Katechese, Doxologie oder öffentliche Verkündigung stehen nicht im Fokus. Gorringes Argumentation erinnert an Duchrows Argumente im Zusammenhang der Accra-Erklärung. Interessanterweise stand in der Debatte um Accra jedoch die Einigkeit der Kirche im Vordergrund. Wie bei Duchrow steht auch für Gorringe nicht das eigentliche Bekennen im Zentrum, sondern die Selbstverpflichtung der Kirche, ernst zu machen mit den Konsequenzen des eigenen Glaubens.23

In der deutschsprachigen Theologie liegt diese Frage bisher nur als Vorwurf auf dem Tisch: So werfen einige Theologen klimainteressierten Theolog*innen vor, den status confessionis und häretische Urteile im Blick auf die Klimakrise herbeirufen zu wollen.24

Diese Zuspitzung ist nicht nur sachlich falsch, sondern verschärft unnötig die ohnehin aufgeheizte Debatte. Konstruktiv gewendet liegt hier meine Ausgangsfrage auf den Tisch: Was ist der Sprachmodus, für den wir in Theologie und Kirche fähig oder unfähig sein sollen? Dazu vor dem Hintergrund der Differenzierung von Zeugnis und Bekenntnis acht Diskussionsthesen.

3. Sprachfähig angesichts der Klimakrise. Oder: Zeugnisfähig oder Bekenntnisfähig?

Erstens: Gegenwärtige Theologie und Kirche ist im Blick auf die Klimakrise nicht „zeugnisunfähig“.

Zeug*innenschaft ist eine kommunikative Grundform der Gegenwart. Sie reagiert zum einen auf religiösen Pluralismus und bietet hier eine Sprachform, die die eigene Position klar formulieren und zugleich eben als eigene Position auf eigene Erfahrungen beziehen und somit in der Reichweise ihres Deutungsanspruchs begrenzen kann. Zum anderen ist das Zeugnis eine Sprachform, die auf zunehmend entrationalisierte Medienpraktiken, vor allen in vielen digitalen Kommunikationsräumen abgestimmt ist: Die eigene Erfahrung zählt – die Hautcreme hat gewirkt bei mir, vielleicht sogar vor laufender Kamera – und entscheidend ist das Vertrauen in einzelne Personen – Testimonials mit Reichweite und einer authentischen Botschaft. Erfahrungsbasiert, authentisch, lebendig, emotional anrührend – das ist die Sprachform der Testimonials. Die Vielzahl der theologischen Zeugnisse – von aktivistischen Gruppen wie Christians for Future ebenso wie von sehr vielen Kirchen – angesichts der Klimakrise lässt fragen: Lässt sich gesamtgesellschaftlich plausibilisieren, dass das gestiegene Interesse am Zeugnis als epistemischer Form eine Art Krisenphänomen darstellt? Etwa, weil andere Formen des Diskurses, die stärker auf rationale Deliberation abzielen, an Glaubwürdigkeit verloren haben und somit das Zeugnis als erfahrungsbasierte und individualisierte Sprachform attraktiv scheint? Zeugnishafte Rede angesichts der Klimakrise scheint also nicht nur theologisch sinnvoll, wie oben bereits dargelegt, sondern auch den Medienlogiken der Gegenwart zu entsprechen.

Zweitens: Theologische Zeugnisse angesichts der Klimakrise sind bleibend plural und widersprüchlich.

In diesem Kontext bleibt die Pluralität der Deutungen erhalten. Dieser Streit ist jedoch kein Manko, sondern eine Stärke der Zeugnisgemeinschaft: Es kann eine Pluralität von Zeugnissen geben, die das Bezeugte nicht strittig werden lässt. Wohlgemerkt: Das kann es geben: Unter Handlungsdruck (wie vor Gericht) oder in einer Gemeinschaft (wie etwa in einer Kirche) werden aus Deutungskonflikten Deutungsmachtkonflikte. Diese liefen und laufen zumeist auf die Ausgrenzung von Positionen hinaus. Es ist hingegen eine bleibende und bleibend bedeutsame theologische Vision – ja vielleicht Frechheit – einer theologischen sozialen Epistemologie nach Pfingsten, dass es die Vielzahl der sich ergänzenden, korrigierenden und miteinander streitenden Zeugnisse ist, in denen das Bezeugte gerade am Besten zur Geltung kommt. 25 Weil das Bezeugte nur mittelbar bekannt ist, braucht es konstitutiv die Pluralität – ja Diversität – der Zeugnisse. Weil das Bezeugte nur mittelbar bekannt ist, braucht es konstitutiv den Streit um das Zeugnis und um seine Grenzen.

Drittens: Im Feld der kirchlichen Theologie verdichten sich Zeugnisse angesichts des Klimawandels zunehmend zu gemeinsamen Bekenntnissen mit dem Ziel der Vereindeutigung, Motivation und (politischen) Positionierung.

Die Lambeth Conference von 2008, die Climate Kairos Confession der United Church of Christ von 2019 und viele andere Texte zeigen26, dass der Kondensationspunkt für ein gemeinsames Zeugnis an vielen Orten erreicht ist und in die verbindlichere, stabilere und stärker normative Sprachform des Bekenntnisses überführt wurde. Dies spiegelt sich auch in den vielfältigen Liturgien, die zum Thema entwickelt wurden.27 Hier spielt insbesondere das Schuldbekenntnis eine zentrale Rolle. Deutlich wird hier: Die Klimakrise wird als spirituelle Krise wahrgenommen und theologisch bearbeitet28, etwa im Talanoa-Statement29 oder in der Eco-School30 des World Council of Churches. Ziel des Sprachwechsels scheint mir dabei die Darstellung einer klaren, einheitlichen Position zu sein mit dem Ziel nach innen zu motivieren und nach außen Position zu beziehen.

Viertens: Auslöser für den Wechsel in den Bekenntnismodus ist die Wahrnehmung der Klimakrise auch als spirituelle Krise, für die das Bekenntnis der entsprechende Sprachmodus der Antwort darstellt.

Was bedeutet das aber genau, die Klimakrise als spirituelle Krise zu beschreiben? Hier sind wir nun am Kern der Frage nach den Sprachmodi angesichts der Klimakrise angekommen. Ich lese hier die Abwehr einer rein moralisierenden oder ethisierenden Wahrnehmung des Klimawandels als ethischer Frage unter anderen Fragen. Gerade in ökumenischen Kontexten wird die lebensbedrohende Grundsätzlichkeit des Klimawandels als Bedrohung des Lebens insgesamt beschrieben, die im Sinne der Einheit der Kirche alle Menschen betrifft. Der Klimawandel ist dann nicht eine, sondern die Bedrohung des Lebens. Damit ist der Klimawandel nicht nur eine ethische Frage, sondern auch eine dogmatische Frage.

Reicht diese Beschreibung dogmatisch aus, um den Klimawandel zum Auslöser eines Bekenntnisses zu machen? Zugespitzt: Ist mit dem Klimawandel ein soteriologisches (und folgerichtig als hamartiologisches und eschatologisches) Thema adressiert? Ein starker Indikator für diese Wahrnehmung ist die umfangreiche Verwendung des Sündenbegriffs in den Debatten – der ja seinerseits Kernelement der Soteriologie ist. So arbeitet Michael Pfenninger31 jüngst zum einen die hohe Bedeutung des Sündenbekenntnisses im Kontext der theologischen Bearbeitung der Klimakrise etwa bei Ernest Conradie, Stefan Skrimshire oder Dianne Rayson heraus. Zum anderen betont er im Anschluss an Hilda Koster die Potentiale einer Theologie der Rechtfertigung angesichts von Klima-Angst und Klima-Apathie. Im Anschluss an die Analysen Pfenningers lässt sich sagen: „Wo Rauch ist, ist auch Feuer.“ – also: wo von Sünde gesprochen wird, ist ein Thema der Soteriologie adressiert. Denn die Sünde wird aus Evangelium erkannt, nicht anders herum. Also: Wenn wir in Klimakrise Sünde sehen, sehen wir das nur aus der Perspektive des Evangeliums. Der Sündenbegriff in der Klimadebatte ist zumeist interpersonal oder im Verhältnis Mensch-Mitwelt verfasst. Im Umkehrschluss folgt für das zu Grunde liegende Verständnis des Evangeliums: Dieses betrifft nicht nur das Gottesverhältnis, sondern die Beziehung des Menschen zu sich selbst und seiner Mitwelt.

Also, ja: Die Klimakrise ist ein Thema der Soteriologie. Wir hatten zu dieser Frage eine sehr interessante Gesprächsrunde im Rahmen des letzten Treffens der Arbeitsgruppe „Theologie in der Klimakrise“: Unvorbereitet im Rahmen einer Diskussion habe ich die Frage in den Raum gestellt, warum konkret für die Mitglieder der AG die Klimakrise Gegenstand der Soteriologie und nicht „nur“ ein Thema der Moral oder Ethik ist. Es waren intensive 20 Minuten, in denen wir Folgendes zusammengetragen haben: Die relationale Anlage der Schöpfung inklusive des Menschen lässt mich den Menschen nicht allein denken, sondern in Beziehungen. Mein In-der-Welt-Sein umfasst Solidarität mit der Schöpfung und meinen Mitgeschöpfen und Mitwirkung am Reich Gottes – auch Nachfolge genannt. Dabei realisiert sich der Glaube im Lebenswandel, genauer in der Nächstenliebe. Und auch die Schöpfung ist mir die Nächste.

Schon am Duktus meiner Formulierung hören Sie, dass eine solche Aussage nur als Zeugnis gesprochen werden kann. Und sich – wird sie geteilt – mit guten theologischen Gründen als Bekenntnis verdichten lässt.

Fünftens: Die Ziele der Vereindeutigung, Motivation und Positionierung reichen für den status confessionis nicht aus.

Die Zuspitzung des Bekenntnisses im Sinne des status confessionis halte ich hingegen nicht für sinnvoll: Zum einen weil der mit dem status confessionis postulierte Ausschluss aus der Glaubensgemeinschaft, folgt man dem Bekenntnis nicht, die Problemkonstellation angesichts der Klimakrise nicht trifft: Einheitliches Bekennen ist nicht unabdingbar, da die Klimakatastrophe nicht monokausal ist und gegen ein „System“ einhellig bekannt werden kann oder muss. Sinnvoll wäre das ausrufen des status confessionis nur in dem von Ulrich Duchrow definierten schwachen Sinn: Nach Duchrow ist der status confessionis nicht nur bei Häresien in Glauben und Verfassung der Kirche, sondern auch im Blick auf die „Mitwirkung von Christen an oder die Legitimierung von gesellschaftlichem und politischem systematischem Unrecht“ gegeben.32 Meines Erachtens ist dies jedoch genau Aufgabe eines Bekenntnisses und weicht das Verständnis des status confessionis zu weit auf. Zum anderen überwiegend hier die von Hofheinz herausgearbeiteten Gefahren beim Proklamieren des status confessionis:33 Es steht in der Gefahr, „das Politische theologisch überzulegitimieren“ oder der Selbstrechtfertigung zu dienen, wobei es die eigene „Pluralismusunfähigkeit“ aufdeckt und als „Selbststimulation eines guten Gewissens qua Bekenntnis“ dienen kann.

Oder, wie es einer der Großmeister der rhetorischen Zuspitzung in der Dogmatik – Karl Barth – formuliert: „Machen Sie nicht zu heftigen Gebrauch von diesem Begriff! […] Aber das wird etwas relativ Seltenes sein, verstehen Sie, dass sich (etwas) so schlechterdings gegenübersteht, dass ich sagen (muss): hundertprozentig so oder gar nichts.' [...] Das ist sozusagen eine geistliche Atombombe, und man kann fürchterliche Verheerungen damit anrichten […].“34 Wobei zu bedenken ist, wie groß die Verheerungen werden können, wenn kirchlich nicht alle Register gezogen werden.

Stellenweise scheint die möglichst aufgeladene Bekenntnissprache der schieren Verzweiflung angesichts fehlenden politischen und kirchlichen Willens im Blick auf die Klimakrise zu entspringen. Ich teile diese Verzweiflung. Die Zuspitzung im status confessionis ist nur – weder dogmatisch noch strategisch – der sinnvolle Weg. Denn:

Sechstens: Auch ein Bekenntnis ist immer nur ein umstrittener Zwischenstand.

Dogmatisch gesprochen steht das Bekenntnis in einer doppelten Kontextualität, da es Anliegen der Zeit und Christus verbindet.35 Dadurch entsteht eine kontextuelle Relativität und damit eine relative Autorität des Bekenntnisses.36 Auch das Bekenntnis bleibt vorläufig: Das Bekenntnis zeugt selbst neue Zeugen, wie Reichel formuliert.37 Dass auch das Bekennen partikular und prinzipiell überbietbar ist, haben die Forschungen zur reformierten Bekenntnishermeneutik deutlich herausgestellt – es bleibt „vorläufig verbindlich und verbindlich vorläufig“ als „kreative Aktualisierung der Tradition durch Re-Zitation“38 oder auch als „Kontra-Text“39 zum eigenen Kontext. Insofern kann auch das Bekenntnis als Bekenntnis aktualisiert werden oder durch Individualisierung selbst wieder zum Zeugnis werden. Zeugnisse und Bekenntnisse im Wechselspiel – und im Bezug auf die biblischen Zeugnisse – als Teil des processus confessionis zu verstehen, liegt damit zumindest aus reformierter Perspektive nahe. Das ist es, was Hofheinz die „viatorische Pointe“, die „mit der Wegmetapher den Zeugnischarakter zur Sprache bringt“.40

Siebtens: Aus der Strittigkeit erwächst eine Aufgabe der akademischen Theologie als Zeugnisforum.

Mit diesen Thesen verbindet sich eine spezifische Orts- und Aufgabenzuschreibung der Theologie. Die Klimakrise ist „Kontext“ des eigenen Theologisierens. Deswegen heißt eine Arbeitsgruppe an der FEST unter meiner Leitung „Theologie in der Klimakrise“. Die Klimakrise ist der Ort, in dem wir derzeit Theologie treiben – und damit Ort unserer Erfahrung und unseres theologischen Denkens.

Wie man die Theologie in diesem Kontext verortet und welche Aufgabe man ihr zuschreibt, hängt wesentlich am Theologiebegriff – eine ähnliche Debatte begleitet die öffentliche Theologie seit ihren Anfängen, v.a. in der Auseinandersetzung mit politischen Theologien. Theologie kann einerseits als politischer Akteur bestimmt werden oder andererseits als öffentliches Forum. Meinem Verständnis nach muss Theologie im weiten Sinn beides sein. Als Reflexion von Glaubenspraktiken und ihren Deutungen ist Theologie positionell. Dies findet seinen Ort v.a. im Kontext kirchlicher Theologien. Als akademisches Unterfangen ist die Theologie v.a. Ort einer solchen Reflexion und Versuch der ständigen Selbstrelativierung, Selbstkritik und Distanzierung vom Gegenstand. Diese Doppelheit klingt im Untertitel der Tagung – vielleicht unbewusst – schon an, wenn von „Theologie und Kirche“ die Rede ist. Ich würde präzisieren: wir müssen über die Sprachfähigkeit und die Sprachmodi der „Theologie in Wissenschaft und Kirche nachdenken. Diese sind verbunden, aber nicht eins.

Als akademisches Unterfangen – und das ist primär mein Feld – ist die Theologie keine Technik der Zeugnissicherung oder der Bekenntnisgenerierung, sondern ein methodengeleitetes, hermeneutisch aufgeklärtes und diskursives Zeugnisforum: Also ein Ort, an dem auf Zeugnisse reflektiert, diese miteinander ins Gespräch gebracht und diskutiert werden. In der Verwandtschaft von Zeugnis, Bekenntnis und Katechismus als Format für Bildung und Lehre in der reformierten Tradition klingt diese Dimension bereits an. Das bedeutet ganz konkret etwa, die Vielfalt von Stimmen in den Fakultäten, sowohl in der Bewahrung von Zeugnissen der Tradition (M. Käser: „Speichergedächtnis“ 41) als auch im immer neuen Einbringen dieser Traditionen in die Gegenwart (M. Käser: „Funktionsgedächtnis“42).

Also: Meiner Wahrnehmung nach haben wir angesichts der Klimakrise keine Sprachlosigkeit, sondern Kirche und Theologie sind zeugnis- und bekenntnisfähig. Hier zeigt sich, dass die dogmatische Tiefe der mit der Klimakrise gestellten Herausforderungen im Selbst, Welt- und Gottesverhältnis theologisch gearbeitet und in den entsprechenden Sprachformen adressiert werden. Dort, wo echter Dissens herrscht, sollte die akademische Theologie ihre Funktion als Zeugnis- und Bekenntnisforum ernster nehmen. Dogmatisch begründet schlage ich auf der Skala zwischen individuellen Zeugnissen und dem im status confessionis geäußerten Häresieverdacht einen Mittelweg vor: Die Klimakrise kann mit guten Gründen gemeinsamer verbindlicher Bekenntnisinhalt werden – und zugleich sind die Bedingungen für die Zuspitzung im Sinne des status confessionis nicht gegeben.

Comments
3
Michael Pfenninger:

Hier scheint mir auch eine produktive Möglichkeit des Umgang mit der kontextuellen Prägung der eigenen Theologie zu liegen: verschiedene Perspektiven werden zeugnishaft in einen Dialog gebracht und können sich so gegenseitig ergänzen und kritisieren.

Im Zeugnis wäre damit schon die Selbstbegrenzung mitgemeint, dass die Wahrheit erst im Zusammenklang mit Zeugnissen aus anderen Kontexten zum Ausdruck kommt.

Michael Pfenninger:

Wie verhält sich diese Formulierung zur Aussage, die Klimakrise sei Gegenstand des Glaubens, tangiere Kerngehalte des Glaubens o.ä.?

Das Argument, dass Bekenntnisse nur da angebracht sind, wo ein Thema soteriologisch (und nicht bloss ethisch) relevant sei, leuchtet mir ein. Aber müsste vielleicht zugleich deutlicher gemacht werden, dass unsere Zeugnisse und Bekenntnisse angesichts der Klimakrise selbst keinen soteriologischen Charakter haben, sondern nur auf das göttliche Heilshandeln reagieren, antworten?

Oder muss der Begriff der Soteriologie hier breiter gefasst werden, als ich es intuitiv tun würde?

Michael Pfenninger:

Wie verhält er sich dann zu anderen Lebensbedrohungen?