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Was ist "Christliche Identität"? // Henning Hupe

by Henning Hupe
Im unterrichtlichen Spiel wird deutlich, dass die Antwort auf die Frage der "christlichen Identität" eher das „Nicht“ als die glatte Lösung ist.
Was ist "Christliche Identität"? // Henning Hupe
Contributors (1)
H
Published
Dec 07, 2018
DOI
10.21428/fb61f6aa.55e135b7

‘Christliche Identität’ ist in meinen – schulischen – Kontexten zuerst eine Zuschreibungsfrage, wie sie in Schulbüchern begegnet: Was ist die (richtige) christliche Position – zur Umweltverschmutzung, zum Kapitalismus, zum Theodizee-Problem, zum Kosmos, zum ‘(Ich-)Sein in der Welt’? Im unterrichtlichen Spiel wird dann aber deutlich, dass die – christliche – Antwort eher das ‘Nicht’ als die glatte Lösung ist: Das Nicht-Wissen, das Nicht-bei-sich selbst-sein(-Können), der Nicht-Besitz von Eindeutigkeit oder Verfügungsmacht.

Im Angesicht sich selbst suchender und sich beständig neu aufstellender Jugendlicher, die biologisch bedingt Verlust und Infragestellung, in der Gruppe Normzwang und Optimierungsdruck und von den Erziehungsfiguren eher Anforderung als Angebot erleben, wirkt der Topos ‘christliche Identität’ zunächst wie eine erzieherische Soll-Botschaft – nicht wie eine öffnende Verheißung.

Zum Ermöglichungsraum kann dieser Begriff Jugendlichen (und vielleicht nicht nur denen) erst dann werden, wenn er seine eigene Brüchigkeit mitliefert, seine Nicht-Verfügbarkeit aussagt – anders gesagt: Erst dann, wenn ‘christliche Identität’ wirklich den Selbst-Verlust, die Hingabe, das Nicht-Kalkül, die Berührung und das Herz bedeutet, erst dann, wenn es darum geht, im Angesicht des Anderen das Eigene zu vergessen und sich verschieben zu lassen, verantwortlich zu werden und sich der Not des Anderen und damit der Welt auszusetzen, erst dann hat dieser Begriff für Jugendliche eine lebensweltliche Relevanz.

Eine ‘allgemeine christliche Identität’ kann es somit nur als die Bejahung dieses Selbst-Verlustes (vgl. hierzu Mk 8,34f.) geben, deren Konkretisierung nur je neu und ohne inhaltliche Vorgabe im jeweiligen Kontext gesucht werden kann. So gibt es keine allgemeine Füllung dieses Begriffes, nur den Moment.

Identität also paradox als Nicht-Besitz auszusagen liefert eine Gleichzeitigkeitsidee, die an jugendliche Erfahrungswelten anschließt: Ich bin – und bin der eigene Verlust, ich weiß – und erlebe das eigene Nicht-Verstehen, ich suche ‘mich’; ein ‘Ich’ (eine ‘Identität’) – und finde Vorläufiges, Prä-Stabiles, das im nächsten Moment zu verschwinden scheint, aber es war ein ‘Ich’, das da sein ‘Ich’ suchte… .

Als christlicher Religionslehrer bedeutet mir meine christliche Identität, die Jugendlichen, mit denen ich zu tun habe, in ihren Explorationen und Verlusten so zu schützen und zu begleiten, dass sich neue Möglichkeits-Räume auftun, die den Jugendlichen bedeutsam werden können – und sei es für nur einen Moment. Voraussetzung ist mein Nicht-Wissen(-Können), meine Zurückhaltung – und in der Schule ganz paradox: meine Nicht-Bewertung.

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