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Der Kraft des Abendmahls Raum geben

5 Thesen zur (digitalen) Feier des Abendmahls in Zeiten von Corona

Published onFeb 22, 2021
Der Kraft des Abendmahls Raum geben
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Prof. Dr. Cornelius-Bundschuh: Zum Abendmahl im Digitalen

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Heinrich Heine hat einmal leicht spöttisch über die liturgische Situation in Hamburg geäußert: „Die Hamburger sind gute Leute und essen gut. Über Religion, Politik und Wissenschaft sind ihre respektiven Meinungen sehr verschieden, aber in betreff des Essens herrscht das schönste Einverständnis. Mögen die christlichen Theologen dort noch so sehr streiten über die Bedeutung des Abendmahls; über die Bedeutung des Mittagsmahls sind sie ganz einig.“1

Er fängt mit diesem Bild eine grundlegende Spannung ein, die sich mit dem Abendmahl verbindet:

Es nährt und stärkt unseren Glauben. Es befreit persönlich, sozial und religiös in Schuldzusammenhängen, gerade in denen, die wir nicht auflösen können. Es führt in eine Gemeinschaft, die kulturelle, soziale, religiöse und biologische Grenzen, ja Feindschaft überwindet. Es eröffnet eine Zukunft, in der der Tod seine Macht verloren hat. Es nimmt uns mit auf eine Himmelsreise. In der 5. Strophe von „Nun lasst uns Gott dem Herren Dank sagen und ihn ehren“ hat Ludwig Helmbold die besondere Kraft und Verheißung des Abendmahls pointiert festgehalten: „Sein Wort, sein Tauf, sein Nachtmahl dient wieder alles Unheil, der Heilig Geist im Glauben lehrt uns darauf vertrauen.“ (EG 320, 5)

Zugleich erleben wir, dass viele (und nicht nur die jeweils Anderen!) die Verheißung und die Kraft, die in dieser Himmelsspeise stecken, nicht schmecken und sich nicht ergriffen fühlen vom Geheimnis des Glaubens.

Was im Abendmahl (mit uns) geschieht, ist vielfältig und durchbricht die Ordnungen und Räume, in der eine kohärente Theorie es zu fassen sucht. Wir vertrauen darauf, dass es zur Unsterblichkeitsmedizin werden kann; doch das liegt nicht in unserer Gestaltungsmacht. Die Kraft des Abendmahls bleibt ein Geheimnis des Glaubens.

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Die derzeitige Pandemie deckt auch in diesem Feld Probleme auf und spitzt Konflikte zu. Protestantisch reagieren wir auf die Frage nach dem Abendmahl in diesen Corona-Zeiten heute so wie damals in Heines Hamburg: mit dogmatischen Klärungen – oder so wie verstärkt in den letzten 50 Jahren: mit der Konzentration auf den Gemeinschaftsaspekt. Wie Paulus an die Korinther schreibt der Bischof Briefe oder Mails, ob Hausabendmahle ohne Einsetzung durch eine Ordinierte gefeiert werden „dürfen“, ob ein Mensch allein zuhause vor dem Bildschirm mitfeiern kann, was die Digitalisierung für die „Elemente“ bedeutet, wie der Gabecharakter des Abendmahls auch digital gewahrt werden kann, ....

Die Fragen nach der Doktrin und nach dem guten Miteinander fokussieren uns auf Themen, die scheinbar in unserer theoretischen oder gestalterischen Verfügungsmacht stehen. Die Kraft des Abendmahls zeigt sich aber gerade darin, dass wir uns als vom Geist Christi ergriffen erleben: Uns geschieht, was gesagt und getan wird. Wir erfahren im Loslassen und Genießen eine Wandlung, eine Transformation in einem ganzheitlichen Sinne, das Geistliches und Sinnliches, Vergebung und Erneuerung umfasst.

Es sind die Geschichten und „Szenen“, die sinnlichen Erfahrungen, die sich mit Gefühlen verbinden und das Verhältnis der Menschen zum Abendmahl so prägen, dass es ihnen fremd bleibt, gleichgültig ist oder lieb wird.

Was können wir als Kirche unter den Bedingungen einer Pandemie durch unsere Gestaltung dazu beitragen, dass sich diese Kraft (besser) entfalten kann? Drei Aspekte hebe ich hervor: die Präparation, die Transformation und den Segen.

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Im protestantischen Abendmahl spielt die Präparation fast keine Rolle mehr. Weder die Beichte noch Nüchternheit oder ein bestimmter Kleidercode gelten als Voraussetzung für die Teilnahme. Das entspricht der gesellschaftlichen Tendenz und ist theologisch vielfach begründet; gleichzeitig wissen wir, dass der Verzicht auf solche Gestaltungsformen die besondere Bedeutung des Geschehens reduziert.

Lassen Sie die Konfirmandinnen und Konfirmanden bei einer Freizeit mit dem Schwerpunkt Abendmahl ab dem Frühstück bis zum Abendmahl um 21 Uhr fasten und ab 12 Uhr auch noch schweigen; auf einmal kehrt sich die Perspektive von Heine um: Das Mittagsmahl ist nur noch eines von vielen; aber dieses Abendmahl ist etwas ganz Besonderes.

Das Online-Abendmahl spitzt die Fragen der Präparation zu: Wir ziehen uns nicht um; wir gehen nicht an einen fremden Ort (Kirche); wir richten uns (jedenfalls beim asynchronen Feiern) nicht nach einer fremden Zeit; wir begegnen keinen fremden Menschen; selbst die Elemente sind unser Brot und unser Wein oder Saft, entsprechen unseren Geschmacksvorstellungen. Keine Überraschung, nichts Fremdes!

Aber die Feier des Abendmahls ist eine Himmelsreise; deshalb sind die Fragen der Vorbereitung sorgfältig zu gestalten. Das gilt liturgisch: Im Präfationsgebet erheben wir uns über unseren Alltag; im Sanctus stimmen wir ein in einen Chor, der Grenzen von Raum und Zeit überwindet; in den Einsetzungsworten und im Vaterunser verbinden wir uns über Zeiten und Räume hinweg mit allen, die in Christus sind; im Agnus Dei zieht Friede in unsere Herzen und in unsere Welt ein. Die digitalen Formen bieten Möglichkeiten, diese geprägten Grenzüberschreitungen in klassischen, aber auch in neuen, innovativen ästhetischen Formen erlebbar zu machen.

Als evangelische Kirche können wir gegenwärtig mit dem Abendmahl in der Hausgemeinschaft an eine Form anknüpfen, die sich in sozial relevanten Netzen und Lebenswelten ereignet; ähnliches galt für das Ständeabendmahl oder auch für die Konfirmations- oder Jubelkonfirmationsabendmahle. Im Hausabendmahl geht es nicht um die öffentliche Verwaltung des Sakramentes, sondern um einen Weg, dass Menschen den Zugang zur Kraftquelle „Abendmahl“ selbstbewusst gestalten und Kirche sie dabei gut begleitet.

Hier liegt in den heute zu debattierenden Feiern eine Chance, gewachsene Formen persönlicher Abendmahlsfrömmigkeit zu stärken und neue zu entwickeln. Regelmäßig Abendmahl feiern in Zeiten einer Pandemie könnte heißen: In den Haushalten in Gemeinden finden sich eine oder mehrere Personen, die hierfür Verantwortung übernehmen. Sie tauschen sich aus; dabei übernehmen Ordinierte die Verantwortung, die theologischen Grundfragen präsent zu halten.

Schnell wird es um Ästhetiken und Gestaltungsfragen gehen. Ich fände es spannend zu sehen, wie unsere kirchlichen Hinweise zur Vorbereitung: „Decken Sie Ihren Tisch schön und zünden Sie eine Kerze an!“ von Menschen aufgenommen werden, die Bilder und Töne großer Blockbuster oder auch von Spielen im Kopf haben, die sie mit großer (emotionaler) Macht in andere Welten führen.

Glaube ist in seiner emotionalen und sozialen Bedeutung stark mit Gestaltungsfragen verbunden. Die kleine Form, das Anknüpfen an vorhandene soziale Netze, an lebensweltliche Anlässe eröffnet eine Perspektive für das Abendmahl in Pandemiezeiten. Ein Beispiel noch, um die Herausforderung zu verdeutlichen: Corona heißt zurzeit in Baden- Württemberg, dass eine fremde Person in einen anderen Haushalt kommen kann. Diese Beschränkung ist für viele, vor allem junge und alte Menschen, eine große Last. Wer Hausabendmahl feiert, lädt sich eine Person ein. Wenn die fehlt, wenn wir nur unter uns sind, können wir nicht feiern: Christus fehlt!

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In der Feier des Abendmahls ereignet sich eine Transformation. Theologisch diskutieren wir häufig zunächst die Wandlung der Elemente; ebenso zentral aber ist die Wandlung der Feiernden. Für beides ist die präzise und realistische Wahrnehmung der „Wirklichkeiten“ wichtig.

Abendmahl wird gefeiert im Gedächtnis an die Nacht, in der Jesus verraten ward. Da sind Konflikte und Feindschaften gegenwärtig, überhöhte wechselseitige Erwartungen, Scheitern. All das wird aufgehoben in einer Tischgemeinschaft, in der Schwache und ein Verräter mit am Tisch sitzen und der Geldbeutel des Judas zumindest auf vielen alten Gemälden die gesellschaftlichen Konflikte präsent hält. Jede Person ist willkommen, aber keine auf ihr Selbstbild oder die Erwartungen der anderen festgelegt, sondern frei für Gottes Zukunft.

Die Transformation beinhaltet eine Selbstbegrenzung oder Selbstzurücknahme, wie sie etwa in der Anamnese und der Epiklese zum Ausdruck kommen. Die Kommunion befreit von der Macht der Sünde, die die Person in sich und von Gott und anderen abschließt. Sie stärkt den Glauben und die Freiheit der Person. Sie ermöglicht Umkehr, etwa im Blick auf einen demütigen, würdigen, ehrfurchtsvollen Umgang mit den Elementen; da können wir ökumenisch viel lernen; da ergeben sich viele Gesprächspunkte für den Alltag.

Das Abendmahl richtet neu aus und gibt Speise für den Weg. Es beinhaltet die grundlegende Veränderung der sozialen Bezüge: Trotz aller Differenzen – wir sind eins in Christus! und verbindet so den offenen, einladenden, ja entgrenzenden Charakter des Abendmahls mit einer prägnanten sozialen Gestaltung, die nicht zu Gleichgültigkeit führt, sondern in eine klar bestimmte Ausrichtung auf Christi Wirken im Geist.

Eine seelsorgliche Atmosphäre prägt das Geschehen, in der die Teilnehmenden einander und sich selbst wahrnehmen, auf einander hören und einander in Freiheit den Frieden Christi zusagen. So gewinnt im Angesicht des Verrats und im Wissen um die Schwäche der Freundinnen und Freunde, die nicht mit Jesus wachen konnten, in der Abendmahlsgemeinschaft eine besonders ausgeprägte und verbindliche Gestalt von Konvivenz Gestalt. Sie strahlt auf andere aus, auch auf diejenigen, die nicht mitgefeiert haben, auch auf Bereiche jenseits der eigenen Kultur und Religion. Damit werden Grundformen diakonischen Handelns im Abendmahl eingeübt.

Das digitale Abendmahl könnte diese Perspektive aufnehmen, indem es sich verstärkt um hybride Formen der Feier bemüht. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden feiern zusammen und verteilen die Gaben im Ort; sie üben das Weitergeben; sie erzählen einander von den Begegnungen und Geschichten, von Krafterfahrungen und Scheitern.

Der Konflikt in Korinth führt vor Augen, welche Auswirkung die Gestaltung auf das geistliche Leben hat. Die Frage des unwürdigen Empfangs und, dass man etwas falsch machen kann bei diesem Mahl, hat der Protestantismus in den letzten 50 Jahren auf die Probleme der bewussten sozialen Exklusion konzentriert. Wenn wir persönlichen Konfliktlagen, Verstrickungen in psychische, ökologische und soziale Konstellation und (religiösen) Selbstbildern, aber auch Erfahrungen aus ökumenischen Kontexten etwa in der Diaspora mehr Raum in der Feier des Abendmahls einräumen, werden sich an dieser Stelle neue Horizonte öffnen.

Jede Debatte um den konkreten Empfang der Elemente: um Einzelkelch, um Mund- und Handkommunion, um die Spendeformel oder das Weitergeben durch die Reihen zeigt, dass Menschen mit diesem Mahl grundlegende Perspektiven für sich und ihren Ort in der Gemeinschaft, auf dieser Erde und vor Gott verbinden. Gerade die Irritation in der Leiblichkeit stört die gegenwärtig beklagte Routine und rüttelt an der Gleichgültigkeit.

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Am Ende des Abendmahls sind die Menschen gestärkt und getröstet und gehen aufrecht und mutig im Segen des dreieinigen Gottes in ihren Alltag. Ähnlich wie bei der Präparation stellt sich auch hier im digitalen Gottesdienst die Frage, wie dieses Ende konkret Gestalt gewinnt. Das Digitale erleichtert flache Aufmerksamkeiten, Multitasking, mal raus, mal rein; das kann der Abendmahlsfeier eine gewisse Leichtigkeit geben, aber es kann auch die Himmelsreise behindern.

Mir scheint es wichtig, dass wir am Ende bewusst aufhören, abschalten, innehalten, nicht einfach in die Mails oder einen Chat wechseln. Wie sind unsere Erfahrungen mit Stille, mit Rührung, mit emotionalen Momenten in Online-Formaten. Vielleicht brauchen einige zum Nachklingen lange Nachspiele, andere einen (digitalen oder telefonischen) Austausch über das, was geschehen ist. Wir haben jetzt die Gelegenheit, vieles auszuprobieren, ohne schon zu wissen, was am Ende herauskommen muss.

Am Ende der Zeiten werden die Menschen von Osten und von Westen, von Süden und von Norden kommen und zu Tisch sitzen im Hause des Herrn. Diese eucharistische Vision ist Ziel und will schon vorweggenommen werden, auch in Zeiten des social distancing. Menschen feiern, was verheißen ist: Gemeinschaft, Versöhnung, Gerechtigkeit, eine neue Wirklichkeit, an der auch Natur und Kultur Anteil haben. Menschen danken Gott für die Gaben der Schöpfung, die er ihnen anvertraut, die Leben ermöglichen inmitten einer gefährdeten Schöpfung und die in diesem Mahl beispielhaft ‚in Würde’ genossen werden. So verwandelt das heilige Essen die Feiernden und strahlt auf das alltägliche Leben aus.

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