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Gottesdienst – Liturgie – Verkündigung

Thesenpapier zur Diskussion

Published onAug 18, 2020
Gottesdienst – Liturgie – Verkündigung

Bildnachweis: Mrak – adobe.com

Kirche heute hat Teil an einer zunehmend von Digitalisierung geprägten Gesellschaft. Damit verändern sich auch religiöse Lebenswelten, sie werden erweitert durch den digitalen Raum. Digitale Ekklesiologie möchte diese Veränderungen wahrnehmen und theologisch reflektieren, auch vor dem Hintergrund kirchlichen Wandels. Die Notwendigkeit für diese Reflexion bringt aktuell das EKD-Papier „Kirche auf gutem Grund – Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche“ zum Ausdruck.

  1. Digitale Formen fordern zu einem neuen Verständnis von Gottesdienst heraus: Liturgie und Verkündigung finden vielfach als partikulare Formen in und neben agendarisch orientierten Gottesdiensten statt. So entsteht ein breites Spektrum sehr unterschiedlicher Verkündigungsformate und (Kurz-)Gottesdienste.


  2. Liturgische Beteiligung braucht mediale Formen – online und offline. Bestehende liturgische Formen können nicht ungebrochen übertragen werden, sondern müssen in neue mediale Formen transformiert werden (T. Berger). Dieser Wechsel formt und prägt zugleich den Inhalt.


  3. Digitale Gottesdienst und andere Verkündigungsformate sind in der Regel jedem zugänglich und können eine potentielle größere Zielgruppe erreichen. Die notwendigen Transformationen geben nicht nur weiten Gestaltungsraum, sondern können auch Kreativität und Potentiale für Gottesdienste vor Ort freisetzen.


  4. Die gottesdienstliche Gemeinschaft in leiblicher Kopräsenz vollzieht sich in den Begrenzungen von Raum und Zeit. Dabei bleibt die eschatologisch verheißene Gemeinschaft mit Gott immer ein „defizitäres“ Moment. Digitale Praktiken sind demgegenüber nicht unkörperlich, sondern auf eine andere Art körperlich und material basiert sind als ein Gottesdienst im Kirchenraum.


  5. Die Gemeinschaft der online feiernden Gemeinde kann pneumatologisch begründet werden: Der Geist Gottes stiftet die Gemeinschaft der Kinder Gottes, über die Zeit und den Raum hinaus und stellt sie in die Gemeinschaft des Leibes Christi. Diese Gemeinschaft im Geist ist durch die digitale mediale Vermittlung nicht in Frage gestellt.


  6. Digitale Medien begünstigen partizipative Gemeinschaften und netzwerkartige Strukturen. Verkündigung kann und muss nicht linear und frontal, sondern responsiv und partizipativ gedacht werden. Dadurch kann das Priestertum aller Gläubigen auf eine neue Art realisiert werden.


  7. Amt und Verkündigung verändern ihre Zuordnung. Performance, Authentizität – nicht kirchliche Beauftragung macht die Attraktivität gottesdienstlicher Angebote online aus. Zudem kann potentiell jeder User auch in Verkündigung und Liturgie zum „produser“ (Bruns) werden.


  8. Digitale und analoge Medialitäten bilden ein Realitätsgeflecht, das weder voneinander getrennt noch gegeneinander ausgespielt werden kann. Das gilt auch für digitale Kirche: Hybride Formen sind nicht nur in Blick auf Gottesdienst und Liturgie, sondern in Bezug auf die Beschreibung der Kirche als Ganze zu reflektieren.


  9. Offen ist, wie sich digitale Gottesdienstformen sich zu parochialen Strukturen und Angeboten verhalten. Inwieweit setzen digitale Gottesdienste auf parochiale Strukturen auf und wo sind neue Strukturen nötig?

Comments
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ME
Michael Erlenwein: Zu These 6. Wir haben eben in der Abschlussrunde die Frage nach dem Priestertum aller Gläubigen und der Ordination gestellt. Das wäre sicherlich auch etwas für den 3.Workshop. Ordination als Abschluss der Ausbildung ist, finde ich verbunden nicht nur mit der Bereitschaft sondern auch der Verpflichtung zur Fortbildung während seines Berufslebens. Die Ausbildund der Pfarrer:innen ist ein QUalitätsmerkmal von Landeskirchen. Dadurch unterscheiden wir uns - hoffentlich - wenigstens inhaltich von anderern “freien” Beiträgen, die oftmals aber technisch-medial sehr viel besser gemacht sind.
HG
Horst Gorski: Man muss genau hinschauen, um die produktive Sprengkraft der Thesen zu erkennen: These 2: Der Wechsel der Form prägt den Inhalt. D.h. die Theologie wird sich verändern durch Partizipation. These 4: Die einfache Entgegensetzung von digital und analog als körperlich und nicht körperlich funktioniert nicht. Alle liturgischen Handlungen sind medial vermittelt und die Gemeinschaft der Heiligen schließt schon immer Teilnehmende ein, die nicht körperlich anwesend sind. These 5: Digitale Kirche ist Kirche des Heiligen Geistes. D.h. dass CA V weitergedacht werden muss: Die Bindung des Heiligen Geistes an Wort und Sakrament im bisherigen Sinne reicht dann nicht mehr aus. These 6: Kirchenleitung wird die Theologie nur noch in einem begrenzten organisationalen Bereich (z.B. ordinierte Pfarrerinnen Pfarrer) lenken können. These 7: Hier stellt sich eine entscheidende Aufgabe: Wie ist das Verhältnis von Ordinierten und zur Verkündigung Beauftragten zu freier Verkündigung zu beschreiben? Ganz neu ist diese Fragestellung nicht: Als im Pietismus Hauskreise entstanden, standen die verfassten Kirchen vor einer vergleichbaren Frage. Nun sind Antworten für die Zeit einer digitalen Kirche zu formulieren. These 9: Das finde ich spannend: Funktioniert die scheinbar so freie und fluide Netzwerkkirche nur deshalb und nur solange so gut, weil und solange es die analoge Kirche gibt? Welche Bindungen vermag digitale Kirche zu schaffen, welche Finanzierungen kann sie leisten? Oder lebt sie “am Tropf” der kirchensteuerfinanzierten analogen Kirche?
FV
Frank Vogelsang: Vielen Dank für diese Thesenreihe! Sie hebt sich wohltuend von den 11 EKD Thesen ab, weil sie deutlich werden lässt, wie viel Neues da auf die Kirche zukommt. Die 11 Thesen sind die Fortschreibung des status quo unter etwas veränderten gesellschaftlichen Bedingungen. Diese Thesenreihe zeigt, dass durch die Kommunikation in den digitalen Medien auch die Theologie in ihrem Selbstverständnis herausgefordert ist. Ein entscheidender Satz steht etwas abseits: “Dieser Wechsel (scil. zu neuen medialen Formen) formt und prägt zugleich den Inhalt.” Was ist genau eine christliche Gemeinschaft? Wie wirkt der Geist in den digitalen Medien? (aber auch: Was steht seinem Wirken entgegen?) Eine kritische Anmerkung: Die Aussage “Digitale Praktiken sind nicht unkörperlich, sondern auf eine andere Art körperlich….” erscheint mir eher diffus inklusiv. ich würde immer dafür plädieren, die Grenzen der digitalen Medien auch genau zu benennen. Das schmälert ja nicht den Impact der Medien, sondern hilft, ihn deutlicher zu bezeichnen!