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Coena domini digitalis

Published onOct 28, 2021
Coena domini digitalis
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Prof. Ralph Kunz: Das digitale Abendmahl im liturgischen Vollzug

Einleitung

 

Mir wurden spannende Fragen gestellt:  Welche Potentiale liegen in digitalen Formen? Welche Dimensionen stehen in der liturgischen Gestaltung im Vordergrund? Welche theologischen Aspekte des Abendmahls lassen sich liturgisch wie gestalten?  Welche neuen liturgischen Vollzüge lassen sich für die Gestaltung digitaler und hybrider Formen entdecken?  An welche Logiken und Kommunikationsweisen im Digitalen kann hier angeschlossen werden und welche Verbindungen ins Analoge sind möglich?

Ich lege den Fokus auf die liturgie-praktischen Fragen. Wenn ich Gelesenes und schon Besprochenes miteinbeziehe, ergeben sich bei der Beantwortung folgende Leitplanken der Orientierung:

 

-        Digitale und analoge Kommunikationsmodi sind graduell, aber nicht oppositionell zu unterscheiden. Will heißen: Man soll die Differenzen nicht ausblenden, aber die Verbindungen sehen.

-        Genau das meint Potential. Es gibt sowohl im digitalen wie im analogen Format unterschiedliche Formen, die bestimmte Erlebnisweisen ermöglichen oder vice versa erschweren oder gar behindern. Um nicht vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen, ist es hilfreich, die Formen möglichst präzise zu bestimmen.

-        Den Gestaltungsspielraum nutzt man dann optimal, wenn man das Potential der Formate beachtet und Erfahrungen mit differenten Formen einbezieht.

 

Von welchem Grad der Digitalisierung reden wir?

Reden wir zuerst über den Grad der Digitalisierung. Ich finde die Abstufung von Heidi A. Campbell sinnvoll. Sie spricht von «transferring» als erster Stufe und meint die Übertragung im eigentlichen fernsehtechnischen Sinn. Es ist das altbekannte Format des am Fernsehapparat übertragenen analogen Gottesdienstes. Also nichts Neues unter der Sonne, wenn jetzt Abendmahlgottesdienste mit einer kleinen Gemeinde aufgenommen/gestreamt werden und eine grössere Gemeinde von Ferne zuschaut. Allerdings hatten die wenigsten Übertragungen des Abendmahls, die ich mir in den letzten Monaten angeschaut habe, die Qualität der Fernsehgottesdienste. Wer eine Kamera in den Kirchenraum stellt, hat noch keinen Film gemacht. Es stellen sich schon bei dieser ersten, scheinbar bekannten Übertragung etliche Fragen: Schaue ich durch ein Fenster zu, wie andere feiern oder sehe ich durch das Auge einer Reporterin? Steht hinter der Kamera eine Person, die dokumentiert, was geschieht? Ist sie das Auge, das sieht? Wohin schaut sie? Sieht man z.B. nur diejenigen, die leiten?

Campbell nennt «translating» die zweite Stufe. Der Zuschauer einer Übertragung wird durch Übersetzung ein Beteiligter, ein im Gottesdienst involviertes Gemeindeglied. Es geht auf dieser Stufe nicht nur darum, die analoge Gemeinschaft zu zeigen, die sich an einem anderen Ort versammelt, vielmehr erzeugt das, was gezeigt wird, eine virtuelle Ausdehnung des Raums in die eigene Stube hinein. Die Kamera hat sich gedreht. Dass unsere Bildschirme Augen haben, die uns anschauen, macht im eigentlichen Sinne des Wortes augenfällig, dass diese Ausweitung eine Einwohnung ist, die uns involviert. Wir übertragen uns. Aus Zuschauern werden Angeschaute. Digitalisierung verhilft dazu, dass die Übertragung zu mir nach Hause kommt, und ich mache mir meine Übersetzungsarbeit bewusst. In hybriden Formen gehört das Hin-Über-Setzen zum Setting der Inszenierung: man wechselt zwischen den Welten, ich bin hier und dort, drinnen und draussen, kann aber auch switchen, mich zuschalten oder bei Bedarf ausschalten.

 

 

Die dritte Stufe heisst «transforming». Es ist das digitale Format, das kompromisslos den Logiken und Kommunikationsweisen im Digitalen gerecht werden will, weil eine Umformung des analogen Formats angestrebt wird, die mit den Möglichkeiten des Mediums spielt: Chatrooms, Breakoutsessions samt Storytelling, Padlets für ein Sharing, mit Likes und Pins und Mentimeter. And so on and so on.  In der Übertragung bin ich Zuschauer, in der Übersetzung kommt die Übertragung zu mir. Jetzt gehe ich in den anderen Raum und versetze mich hinein. Die Verbindungen zum körperlichen Raum sind weniger wichtig. Es ist mehr das Spiel, das eine eigene Welt aufbaut, mich hineinnimmt und eine eigene Community bildet.

 

Von welchem Grad der Berührung reden wir?

 

Auf den drei Stufen zeigen sich m.E. unterschiedliche Chancen und Herausforderungen für eine liturgische geformte mediatisierte Begegnung. Und vorweg: Es macht keinen Sinn zu werten. Aber es wäre auch falsch zu leugnen, dass wir unsere Gründe haben, ein Format mehr oder weniger oder gar nicht zu mögen. Ich gebe zu: Eine digitale Community, die Abendmahl feiert, ist nicht mein Ding – zu nahe an dem, was ich im Alltag tue, zu wenig Unterbrechung, ich kann nicht abschalten, wenn ich mich im virtuellen Raum bewege, zu wenig konkret, zu wenig Berührung, kein Gesang. Und so weiter und so weiter. Sie merken: ich bin durch und durch analog. Aber das tut nichts zur Sache. Andere Menschen ticken anders. Geschmackliche Präferenzen, wie man tickt, entscheiden darüber, was man sich aus einem vielfältigen Angebot herauspickt. Das gilt selbstverständlich auch für analoge Formate. Some like it more corporal. Und das hat mit Übertragung, Übersetzung und Transformationserfahrungen zu tun. Schlicht und einfach darum, weil unser Körper das erste Medium ist: Unsere ureigene Kamera samt Introspektionsfunktion. Christian Morgenstern sagt es schöner:

 

Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare
(Christian Morgenstern)

 

Was mich zur Frage bringt: Von welchem Grad der gegenseitigen Berührung und Annäherung reden wir, wenn wir über Präsenzveranstaltungen im selben Raum sprechen?  Ich rede bewusst nicht von Materialisierung oder Realisierung contra Virtualisierung. Das alles führt zu falschen Oppositionen.

Wir müssen freilich die irreduzible Differenz unserer Körperlichkeit beachten. Mein PC ist auch personalisierter Fernsehapparat. Er erlaubt mir die audiovisuelle Selbstübertragung. Aber mein Body ist im Lockdown – samt ungewaschenen Socken. Ein grosser Teil meines Mediums ist stillgelegt. Vieles bleibt unübertragen und unübersetzt. Zum Beispiel meine Haut samt Schweiss und Geruch oder mein Schlund samt Geschmack und Spucke. Das bleibt alles schön zu Hause und kommt nicht in den anderen Raum. Dem Heimspiel entgeht die Ko-Präsenz der Körper im selben Raum. Das ist die wichtigste Differenz. Der Ausfall der mehr oder weniger angenehmen Nähe der anderen.  

Nun könnten wir in Analogie zur Abstufung der Digitalisierung eine Abstufung der körperlichen Nähe entwerfen – ein von der non-verbalen Kommunikation im Raum inspiriertes haptisch-proxemisch-kinetisches Schema, das die intime, persönliche, soziale und öffentliche Distanz unterscheidet, Unterscheidungen, die im Digitalen fehlen. Es gibt dort keine Kommunikation durch Berührung, durch Bewegung und durch Ausnutzung des persönlichen und sozialen Raums.

 

Ich will hier nicht weiter ausholen und hoffe die These ist nachvollziehbar: Bei der Gestaltung des Abendmahls im Raum lassen wir uns immer auch von der Frage leiten, wie die Köper, die sich im Raum befinden oder sogar bewegen, miteinander interagieren und kommunizieren, miteinander einen Leib bilden und auf dem höchsten Grad der Einwohnung – der Inkorporation – eine gemeinsame Transformationserfahrung machen. Daraus folgen viele Fragen, die sich bei einem digitalen Abendmahl nie stellen: Wollen wir eine Berührung beim Friedensgruss?  Gibt uns der gemeinsame Atem des Chors einen Kick? Scheuen wir die Annäherung des Körpers beim wandelnden Abendmahl? 

 

 

Wo das Potential digitaler Formate liegen könnte

Sind das nun müßige Fragen bei der Gestaltung digitaler Mahlfeiern? Ich denke nicht. Weil es darum geht, ein körperliches Ritual zu übertragen. Das ist doch das Thema. Irgendwo findet statt, was nur im Raum stattfinden kann. Mindestens eine/r sitzt allein da und isst. Ich sitze als vor dem Schirm und höre: «Hoc est corpus meus.» Das Zitat von einem Menschen, der bei Lichte betrachtet in diesem Moment allein war, aß, dankte und dessen Worte «für Euch gegeben» dann doch in die ganze Welt hinaus übertragen wurde.

Das Ritual zeigt und deutet also etwas, das den Rahmen der körperlich-anwesenden Ritualgemeinschaft sprengt, das Bedeutung hat, über den Raum hinaus und auf die Gemeinschaft verweist, die bezeugt, dass das, was sie empfängt, der Herr ist, der die Welt segnet und den Vielen vergibt. Der Empfang seines Körpers in der Übertragung von Brot und Wein und in der Übersetzung eines Rituals sendet weit hinaus.

 

Abendmahlseinladung
Hier ist ein Anschluss möglich an das Potential der übertragenen Form. Television und Telekommunikation erreichen viele durch die Sendung.  Hat nicht die Inszenierung der Urszene eine ähnliche Funktion? In der Nacht, in der Jesus verraten wurde, versammelten sich er und seine Freunde in einem gemieteten Zimmer, um gemeinsam zu essen. Was ein persönliches Treffen im geschlossenen Raum werden sollte, wurde durch die Übertragung Jesu zum öffentlichen Dienst Gottes – zur Liturgie. Unser Gottesdienst wird über den Ort hinaus in den offenen Raum gesendet. Näher kommen wir Gott nicht. Und das wollen wir mit allen in der Ferne teilen, nicht für uns behalten und laden alle ein mitzufeiern.

Sie merken ich bin daran, eine Einladung auszuformulieren. Das ist typisch reformiert. Wir lieben Abendmahlseinladungen. Früher sagten wir Abendmahlsermahnung. Aber das waren andere Zeiten. Sagen wir doch lieber, dass wir in der Telekommunikation die Übertragung übersetzen müssen.

 

Epiklese

Die liturgische Gestaltung digitaler Abendmahlsformate verwischt die haptisch-kinetisch-proxemische Differenz nicht komplett, sondern zeigt sie. Aber bitte nicht als Verlust. Denn was im konkreten Raum geschieht – ob ich Wandlung erlebe, Stärkung erfahre und Freude empfinde – hängt nicht von der körperlichen Anwesenheit ab. Man kann auch in einem Gottesdienst rumhängen oder die Nähe des Nächsten vielleicht sogar als störend erleben.  Ob Gottesdienst wird, steht immer unter dem Vorbehalt und der Verheißung des Gebets.

Ich meine darum, es lohne sich, die Epiklese ganz besonders sorgfältig zu formulieren. Der Heilige Geist, der weht, wo er will, der Auferstandene, der sich von Türen und Firewalls nicht abschrecken lässt, schafft eine Verbindung in Raum und Zeit. Jesu Körper verwandelte sich in Zeichen für die Welt. Elektronische Medien übertragen das Bildzeichen seines Körpers und die Lautzeichen einer Stimme, die Gott darum bittet, dass dieses Zeichen sich wieder ins Körperliche überträgt, dass die in der Sendung versammelte Gemeinde eine Leiberfahrung macht.

 

Einsetzungsworte & Kommunion

Einen Vorschlag, den ich in einem sehr hilfreichen Impulspapier gefunden habe: «Bei einer Abendmahlsfeier im digitalen Raum kann mit den Einsetzungsworten anders als sonst üblich verfahren werden: Nach dem Brotwort erfolgt

unmittelbar die Kommunion des Brotes. Darauf folgen Kelchwort und Kommunion des Kelches. Dies entspricht übrigens Martin Luthers ursprünglicher Absicht, auf das jeweilige Einsetzungswort die Kommunion des jeweiligen Elementes folgen zu lassen und wäre auch biblisch. Aus praktischen Gründen wurde diese Form der Kommunion wieder verworfen, weil die Gemeinde dann zwei Mal zum Altar hätte kommen müssen. Bei einer Feier des

Abendmahls, bei der alle Brot und Kelch bereits vor sich oder neben sich stehen haben, kann diese Form sehr stimmig und würdevoll sein.» (aus: https://www.ekiba.de/media/download/integration/342914/abendmahl_im_digitalen_raum.pdf)

 

Verletzlichkeit

Ich schliesse mit einer grundsätzlichen Bemerkung. Die dreistufige Mediatisierung eines Rituals von Körpern in einem Raum hat Spielräume der Gestaltung, die wir nutzen können. Frei nach Watzlawick. Wir können nicht nicht inszenieren. Wir feiern aber nicht ein x-beliebiges Mahl. Wir erinnern eine einzigartige Story.  Sie stellt einen bestimmten Menschen in die Mitte, macht auf seinen Körper aufmerksam und stellt Gott hinein in den bedürftigen, zerbrechlichen und verletzlichen Körper, der Nahrung, Nähe und Schutz braucht. Auf die Rückübertragung dieser Story in unsere Körperlichkeit können wir nicht verzichten, wenn wir Leib Christi werden wollen. Das ist kein Argument gegen das digitale Abendmahl. Es macht nur klar, dass von diesem Format nicht mehr, aber auch nicht weniger als von einer guten Predigt zu erwarten ist. Was daraus folgt würde ich frei nach Paulus (Röm 12,1 f.) so sagen:

 

«Gebt Euren Leib als lebendige Übertragung – das sei Euer vernünftiger Gottesdienst. Lasst Euch durch die Erneuerung eures Sinnes transformieren, damit ihr den Willen Gottes, das Gute, Schöne und Gerechte übersetzen und verkörpern könnt.»  

 

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