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Tagungsbericht “Digitales Abendmahl im liturgischen Vollzug”

Published onOct 28, 2021
Tagungsbericht “Digitales Abendmahl im liturgischen Vollzug”

Eines der geflügelten Worte des letzten Jahres lautet „Corona ist ein Brennglas“. Das ist auch auf die Abendmahlsdebatte anzuwenden. Der Lockdown zur Passions- und Osterzeit 2020 rückte erneut eine Frage in den Fokus, die in der evangelischen Theologie schon lange gestellt, aber noch immer nicht beantwortet ist: Ist ein Abendmahl im Digitalen möglich? In den Wochen vor dem Osterfest wurde die - vor allem dogmatische orientierte – Debatte darüber zu Teilen heftig geführt.

Der zweite Workshop dieser Reihe „Digital-parochial-global?!“ behandelte im Januar 2021 unterschiedliche Formen des Abendmahls im Digitalen aus dogmatischer Perspektive.[1] Die Diskussionen im Verlauf dieses Workshops nahmen sehr differenziert nicht nur die unterschiedlichen Aspekte des Abendmahls in den Blick, sondern reflektierten von dort aus auch auf die Möglichkeiten der liturgischen Gestaltung des Mahls in digitalen und digital-analogen Hybridformen.[2] Auf diese praktisch-theologische Perspektive konnte jedoch im Rahmen des Workshops jedoch nicht mehr eingegangen werden. Der hier dokumentierte vierte, ergänzende Workshop bot nun Raum zum Austausch darüber und gleichzeitig Gelegenheit, Erfahrungen und die liturgische, digital-hybride Abendmahlspraxis aus einem Kirchenjahr in der Pandemie mit in den Blick zu nehmen. Er folgte im Wesentlichen drei Fragestellungen:

Welche Dimensionen stehen in der liturgischen Gestaltung derzeit im Vordergrund – und welche Potentiale liegen in digitalen Formen?

Hier waren insbesondere die Praxis-Erfahrungen hilfreich, die von Andrea Kuhla und Meinrad Furrer vom ökumenischen Team „Brot& Liebe“ und Dr. Frederike Erichsen-Wendt eingebracht wurden. „Brot& Liebe“ ist ein eigenständiges digitales Gottesdienstformat mit inzwischen fester Liturgie. Für das Team ist das Internet Teil ihrer Lebensrealität. Aus ihrer digitalen Alltags-Praxis heraus haben sie diese digitale Gottesdienstpraxis entwickelt, ein Angebot, das aus der Pandemie heraus entstanden ist und guten Zuspruch hat: Mitte 2021 nahmen an den 14tägigen Zoom-Gottesdiensten zwischen 100 und 150 Personen teil. Viele, die mitfeiern, haben Abendmahlserfahrung, sind aber kirchendistanziert und haben lange nicht mehr Abendmahl gefeiert. Die Angebote der Ortsgemeinden erreichen sie oft nicht mehr.

Nach der dreigliedrigen Unterscheidung der US-Kommunikationswissenschaftlerin und Theologin Heidi Campbell ist „Brot&Liebe“ eine Gottesdienstform, die analoge Praxis nicht nur in das Digitale überträgt (transferring) oder übersetzt (translating), sondern in die Bedingungen des Digitalen einpasst (transforming)[3]. Das wird insbesondere deutlich bei der Frage: Was würde fehlen, wenn der Gottesdienst analog gefeiert würde? Nach Einschätzung von Andreas Kuhla und Meinrad Furrer wären dies vor allem die digitalen Partizipationsmomente wie z.B. die Chatfunktion. Im Zoom-Gottesdienst entsteht mit ihrer Hilfe während der Gottesdienste ein neuer Kirchenraum, ermöglicht durch die Potentiale des Digitalen. Die Gemeinschaft, die erlebt wird, sichtbar im gemeinsamen Brotbrechen, in der Mahlgemeinschaft, ist nach ihrer Beobachtung das stärkste Moment ihres Formates. Diese Erfahrung machen die Mitfeiernden sowohl, wenn das evangelische Team die Mahlfeier mit den Einsetzungsworten einleitet, als auch wenn das katholische Team die Mahlfeier mit Mahlszenen aus dem Neuen Testament verknüpft.

Die Relevanz der Gemeinschaftserfahrung betonen auch Frederike Erichsen-Wendt und Helmut Schwier im Blick auf digitale und hybride Gottesdienstformate. Das Distanzen überwindende Miteinanderfeiern, ob ökumenisch-weltweit oder von Hausgemeinde zu Hausgemeinde, sei die größte Stärke digitaler Gottesdienstformen. Der Gottesdienst wird so zu einer Feier der gesamten Gemeinde, die Rolle der Pfarrperson tritt zurück, um so stärker, wenn der Gottesdienst nicht auf Abruf, sondern live gefeiert wird.

Der fehlende Gabecharakter, das fehlende Empfangen von Brot und Wein, wird häufig in Diskussionen zum digitalen Abendmahl als Defizit benannt. Aufgrund ihrer Beobachtungen und Interviews kommt Erichsen-Wendt demgegenüber zu dem Schluss, dass dies in der digitalmedialen Praxis wenig als Defizit wahrgenommen werde; es haben sich Übertragungsformen entwickelt: Sei der Liturg:in und den Mitfeiernden eher die Materialität der Gabe wichtig, so würden Brot und Wein in Vorbereitung der Abendmahlsfeier den Mitfeiernden vorab zugestellt. Stehe demgegenüber die Weitergabe, also die Interaktion, im Vordergrund, so ließe sich dies mit Gesten an den Bildschirmen vermitteln, auch dies eine Form der Transformation oder Inkulturation bestehender Praxis in neue digitale Formen.

Ergänzend und weitergehend ist Beobachtung, dass die digitale Gabenpraxis zudem von einem neuen (digitalen) Raum-Zeit-Erleben beeinflusst ist, bei dem beide Größen nicht mehr kongruent sein müssen – eine Differenz, die die dem Abendmahlsgeschehen selbst auch bereits inhärent ist: „Im Abendmahl spricht die Präfation alle Engel und Gewalten, alle, die vor uns waren und nach uns sind, in die Gegenwart“ (Erichsen-Wendt). Diese gleichzeitige Ungleichzeitigkeit könnte auch als Gesprächsanstoß für den Aspekt der Leiblichkeit als einem weiteren wesentliche Element des Abendmahls dienen.

Die Praxis-Schilderungen ließen sichtbar werden, dass sich Erfahrung nicht durch dogmatische Vorgaben einholen oder eingrenzen lässt. Liturgisch zentral und dogmatisch erheblich ist also die Fragen, zu denen diese Praxis-Berichte führen: Wirkt da was? Und: Wie wirkt denn das? Wäre es also Aufgabe der Dogmatik, auf diese Erfahrungen Bezug zu nehmen und sie nach-zu-denken?

Welche theologischen Aspekte des Abendmahls lassen sich liturgisch wie gestalten? Welche neuen liturgischen Vollzüge lassen sich für die Gestaltung digitaler und hybrider Formen entdecken?

Während für den Gottesdienst „Brot&Liebe“ bereits eine feste Liturgie entwickelt wurde, zeigte der Workshop insgesamt, dass die liturgische Gestaltung digitaler und hybrider Abendmahlsformen weithin noch fluide ist. Digitalität prägt die Formen in unterschiedlicher Weise – vom translating bis hin zum transforming. Insbesondere die Abendmahlskonkretionen Gabecharakter und Leiblichkeit bedürfen beim „transforming“ der Abendmahlsfeier in das Digitale weiterhin der Reflektion.

Helmut Schwier verweist darauf, dass die jahrhundertealten liturgischen Traditionen eine Fülle von Aspekten bereithalten und es wichtig sei, in den neuen Formen für den digitalen Raum nicht vorschnell einlinig zu werden. Ungeachtet dessen hält er verlässlich wiederkehrende Worte, das Vaterunser und die Einsetzungsworte, ebenso wie Zeichen und Gesten für konstitutiv.

Wie gelingt es, dass zumindest einige abendmahlstheologischen Aspekte in der communio zum Ausdruck kommen? Für Helmut Schwier ist die zentrale liturgische Konsequenz, die Epiklese, die nicht nur Herabrufung, sondern auch Einwohnung des Heiligen Geistes ist, als Teil digitaler (und analoger) Abendmahlsfeiern zu stärken oder neu zu entdecken: „Dass wir das Mahl des Herrn feiern und nicht unser eigenes Mahl, liegt nicht an medialen oder materiellen unterschieden, sondern am Wirken des Geistes.“[4]  Diese Wertschätzung der Epiklese als wesentliches liturgisches Element digitaler Abendmahlsfeier teilt auch Ralph Kunz: „Ob Gottesdienst wird, steht immer unter dem Vorbehalt und der Verheißung des Gebets.“ Aus liturgiewissenschaftlicher Sicht könnte also die Epiklese zu einem wichtigen Element bei der Gestaltung der theologischen Aspekte des Abendmahles im digitalen und hybriden Raum werden. Zu betrachten wäre dabei auch die Beziehung von Epiklese und Pneumatologie.

Verbindlich und verbindend bleibt für alle Abendmahlspraxen, auch für die neuen Abendmahlspraxen im digitalen Raum, die „story“, die in den Einsetzungsworten Raum bekommen muss. Ungeachtet dessen, dass sich auch die Rolle der Liturgin und des Liturgen mit den digitalen Räumen verändert, liegt dort deren Gestaltungsverantwortung, um die Erkennbarkeit der story sicherzustellen.

Gleichzeitig machten die Diskussionen im Workshop deutlich, dass der Begriff der „story“ von einer dogmatische Begriffsklärung zu trennen ist, die auf einer anderen Ebene liegt. Der Begriff der story ist ebenso offen wie unbestimmt: Was macht sie aus? Ist die story im Sinne eines Zeugnisses von Gotteserfahrung zu denken? Wer definiert die story? Gibt es nur eine story oder mehrere? Wie konturiert muss diese story sein oder ist sie eher ein multiperspektivisches Zeugnis? Und aus diesen Fragen abgeleitet: Wozu laden wir ein, wenn wir zum Abendmahl einladen? 

Für Ralph Kunz ist zudem der Bezug zur Körperlichkeit wesentlich: Die Story „stellt Gott hinein in den bedürftigen, zerbrechlichen und verletzlichen Körper, der Nahrung, Schutz, Nähe braucht. Auf die Rückübertragung dieser Story in unsere Körperlichkeit können wir nicht verzichten, wenn wir Leib Christi werden wollen.“ Daher sieht Kunz, der digitale und analoge Formen nicht gegeneinandersetzen will, die Stärken digitaler Abendmahlsformen in der Verkündigung und der Offenheit zum Mitfeiern, auch über Kontinente hinweg. Das körperliche Ritual der analogen Abendmahlsfeier bleibt aus seiner Sicht aber zu größeren Teilen nicht transformierbar.

An welche Logiken und Kommunikationsweisen im Digitalen kann angeschlossen werden und welche Verbindungen ins Analoge sind möglich?

Wie oben ausgeführt, hat in der digitalen Abendmahlspraxis die Gemeinschaftserfahrung besonderes Gewicht. Diese Gemeinschaft ist nicht durch einen Kirchenraum, auch nicht zwingend durch die Zugehörigkeit zu einer Parochie vorgegeben, die Gemeinschaft konstituiert sich im Rahmen des digital gefeierten Gottesdienstes, in der community of practice[5]  und schafft selbst einen neuen (Kirchen-)Raum im Netz.

Dieser digitale Raum hat weniger konfessionelle Vorprägung als ein Kirchengebäude, die Zugehörigkeit zur feiernden Gemeinde wird zumeist aufgrund eigener Einstellungen getroffen. Das verstärkt die auch im analogen Bereich zu beobachtende Abkehr von einer umfassenden Gemeinde („one fits all“) hin zu einer Gemeinde derselben „community of practice“: „Wie sich daraus neue Zugehörigkeiten und Postkonfessionalitäten entwickeln, ist derzeit noch völlig offen.“(Erichsen-Wendt) Dabei kann die digitale Gemeinschaft unterschiedlich erfahren werden, abhängig davon, ob das Abendmahl zeitlich mit anderen gefeiert wird oder zeitlich versetzt, asynchron. Überwiegt im ersten Fall das gemeinschaftliche Erleben, steht bei der asynchronen Feier die Verbundenheit mit der weltweiten Glaubensgemeinschaft im Vordergrund.

In ihrer Auswertung lenkt Erichsen-Wendt den Blick nicht nur auf Veränderungsprozesse der Vergemeinschaftung durch die Digitalität, sondern weist auch auf die dabei entstehende Gefahr einer Abschottung hin. „Das Abendmahl unter digitalen Bedingungen als Ingroup-Ritual offenzuhalten für die „anderen Gäste“, für die ungebeten, die Zaungäste und vielfältig Randständigen, bleibt eine Herausforderung.“ Eine „Umfriedung“ würde gerade das große Potential der digitalen Formate aufgeben, denn hier kann, so Ralph Kunz, „Christus, der sich der Welt schenken will, verkündet werden“. In diesem Sinne wäre zu diskutieren, wie öffentlich Räume im Netz sein sollen.

Interaktivität und Partizipation gehören zum Potential des Netzes. Die Praxis-Berichte zeigen, dass sich so neue Kommunikationsformen beim Gottesdienst und der Feier des Abendmahls entwickeln. Sie können als Anregung für mehr Teilhabe bei Gottesdienst- und Abendmahlpraxis im analogen Raum dienen. Die Verbindung von Abendmahlsfeier in der Kirche vor Ort, in Hausgemeinschaften und im Netz könnten neue, hybride und lebendige Abendmahlsformen entstehen. Dazu sollten (digitale) Praxis und Dogmatik ins Gespräch kommen.

Im Blick auf die Liturgie kann die Epiklese nicht nur im digitalen Raum, sondern auch beim analogen Mahl neue Zugänge eröffnen.

Fazit

Abendmahlskonkretionen müssen gestern, heute und zukünftig daraufhin befragt werden, ob sie ein angemessenes Zeugnis des Heilshandels geben[6] – dieser Workshop hat im Blick auf digitale Abendmahlsformen einen Beitrag dazu geleistet und gibt die dabei entstandenen Anregungen und Fragen in den weiteren theologischen Diskurs.



[1] Vgl. Beiträge veröffentlicht in: epd-Dokumentation 11/2021

[2] Vgl. hierzu in diesem Heft: Frederike van Oorschot, Einführung, S. 4ff.

[3] u.a.Campbell, Heidi (2020). The Distanced Church: Reflections on Doing Church Online.

[4] Vgl. dazu auch die beiden Eingangsthesen zum Abendmahl-Workshop im Januar 2021, hier S. 4

[5] Vgl. Felix Stalder, Kultur der Digitalität, 1. Auflage, Frankfurt 2016, S. 134

[6] These 4 der Thesenreihe zum Abendmahl, vgl. S. 4 dieses Heftes

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