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Zugänge zur Europäischen Religionsgeschichte – Conclusio

Published onAug 08, 2022
Zugänge zur Europäischen Religionsgeschichte – Conclusio
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Mit diesem Schlusswort geht ein Projekt zu Ehren von Prof. Dr. Dr. h.c. Irene Dingel, ehemalige Direktorin des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte, zu Ende, das im April 2021 begonnen hat. Seitdem wurden auf der Plattform Cursor_ neun Beiträge zu Methoden und Perspektiven europäischer Religionsgeschichtsschreibung veröffentlicht. Die Autorinnen und Autoren der Texte sowie die Patinnen und Paten, die jeden Beitrag als erste gelesen und kommentiert haben, sind (ehemalige) Mitarbeitende der Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz (IEG), also Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Abteilung, der Irene Dingel bis zu ihrem Ruhestand im April 2022 vorstand.1

Der Begriff der Religionsgeschichte in diesem Projekt ist mithin von der Bezeichnung der Abteilung übernommen, die dieser bei der Gründung des IEG 1950 gegeben wurde.2 Der Auftrag dieser Abteilung besteht in der Forschung zur historischen Verbindung und Verflechtung von Religion(en) und Europa. Dabei ist bisher der Bezug auf die monotheistischen Religionen als zentral für die europäische Geschichte erhalten geblieben.

Die Autor_innen stammen aus unterschiedlichen akademischen Fachdisziplinen und verfolgen verschiedene Forschungsinteressen und methodische Ansätze. Sie repräsentieren die Zusammensetzung der Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte des IEG bis zum März 2022. Einige Autor_innen sind, wie Irene Dingel selbst, evangelische Theolog_innen mit einem Schwerpunkt auf der Kirchen- bzw. Christentumsgeschichte; weitere haben ihre Arbeitsschwerpunkte in der christlichen Orthodoxie, der katholischen Theologie / Kirchengeschichte, der Islamwissenschaft, den Jüdischen Studien und unterschiedlichen Gebieten der Geschichtswissenschaft. Alle Autor_innen leisten mit ihren individuellen Forschungsprojekten, die sie am IEG verfolgen oder verfolgt haben, einen Beitrag zur europäischen Religionsgeschichtsschreibung.

Ziel des Online-Projektes war es, die unterschiedlichen Perspektiven der am IEG zur Religionsgeschichte Forschenden miteinander ins Gespräch zu bringen. Herausgekommen ist ein bunter Strauß von Ansätzen und Zugängen, denen der Fokus auf Europa, historiographische Methodik und auf je unterschiedliche (monotheistische) Religionen / Konfessionen gemeinsam ist und die ein Stück weit die Heterogenität der europäischen Religionsgeschichtsschreibung widerspiegeln. In der Diskussion standen zentrale Begriffe und Konzepte der europäischen Religionsgeschichte im Vordergrund.

Religion

Alle Beiträge in diesem Projekt beschäftigt das Verhältnis zwischen Innen- und Außenperspektiven auf Religion sowie die Frage, welche Selbstverortung diesem Spannungsverhältnis angemessen ist. Dabei sind einige Aufsätze aus der Perspektive von Theolog_innen geschrieben, andere von Historiker_innen und Religionswissenschaftler_innen. Jüdische und islamische Theolog_innen waren aufgrund des Charakters des Projekts als Festschrift gegenwärtiger und ehemaliger Mitarbeitender am IEG nicht vertreten. Wünschenswert wäre für ein Folgeprojekt die Ausweitung der Perspektiven auch auf diese Fächer.

Welche Bedeutung solche Diskussionen zwischen Innen- und Außenperspektive für das fachliche Selbstverständnis haben können, zeigt etwa der Beitrag von Alessandro Grazi, der das Verhältnis zwischen der ursprünglich von jüdischen Forschenden entwickelten ›Wissenschaft des Judentums‹, der eher philologisch und von außen geprägten Tradition der ›Judaistik‹ und dem offeneren Begriff der ›Jüdischen Studien‹ reflektiert.3 Manfred Sing ordnet einseitig fokussierte Wahrnehmungen des Islam in einen Diskurs ein, in dem Islamwissenschaft kaum eine muslimische Selbstverständigung, sondern vor allem eine Außenperspektive darstellte.4

In Bezug auf beide Religionen, Judentum wie Islam, findet die theoretische Reflexion über das Fach und so auch über die Religionsgeschichtsschreibung oft in einem Diskurs zwischen der jeweiligen Theologie und der Religionswissenschaft statt. Die Aushandlungen der Zuständigkeiten, Standpunkte und Zuschreibungen zwischen Theologie und Religionswissenschaft prägen die Debatte und erfordern eine eigene Standortbestimmung, die häufig, wenn auch nicht immer, in Abgrenzung zueinander vollzogen wird. Gerade im deutschsprachigen Raum5 erscheinen die Grenzen zwischen der Theologie und der entsprechenden Religionswissenschaft häufig recht streng gezogen, wobei der Theologie vonseiten der Religionswissenschaften eine stärker affirmative, das religiöse Bekenntnis stützende Rolle zugeschrieben wird.

In Bezug auf die europäische Christentumsgeschichte, insbesondere die protestantische und katholische, vollzieht sich der Diskurs häufiger mit den Geschichts- als mit den Religionswissenschaften. Dies mag darin begründet sein, dass die Religionswissenschaften im deutschsprachigen Raum weniger auf das Christentum konzentriert sind und häufig andere Religionen und andere Ausdrucksformen von Religion behandeln.6 Aushandlungen über Methoden und Paradigmen finden in der protestantischen und katholischen Christentumsgeschichtsschreibung eher im Gegenüber zu Ansätzen von anderen theologischen Forscher_innen und von Historiker_innen statt.7 Die Beiträge in dieser virtuellen Festschrift haben gezeigt, dass die orthodoxe Christentumsgeschichte in diese Gespräche unbedingt einzubeziehen wäre. Und sie haben illustriert, wie anders dort (in ihren unterschiedlichen Ausprägungen als russisch- und griechisch-orthodoxe Christentumsgeschichte, um nur diese beiden zu nennen) die Diskurse verlaufen als in der protestantischen und katholischen Christentumsgeschichtsschreibung, wo zwar von ›Europa‹ gesprochen wird, damit oft aber lediglich Lateineuropa gemeint ist.8

In der christlich-theologischen Debatte über die Bezeichnung der eigenen historischen Arbeit plädieren die Autor_innen dieses Projekts mehrheitlich für den Terminus ›Christentumsgeschichte‹. Im Begriff ›Kirchengeschichte‹ sehen sie die Gefahr einer Fokussierung auf die Institution, der die Befassung mit nicht kirchengebundenen Formen des Christentums ebenso erschwert wie interreligiöse Vergleiche. ›Christentumsgeschichte‹ schließt dagegen unterschiedliche Erscheinungsformen christlicher Frömmigkeit ein.9 Der Begriff impliziert aber keine einheitliche Konzeption, sondern die Autor_innen setzen konkret ganz unterschiedliche Schwerpunkte, von theologiegeschichtlichen Fragen über eine zwischen Ost- und Westkirchen vergleichende konfessionelle Heuristik bis zur weltweiten Verflechtung des Christentums.

Auch in methodischer Hinsicht ist ein breites Spektrum an Ansätzen vertreten. So steht etwa neben dem Fokus auf ›Leitideen‹, die als bestimmend für die soziologisch damit jeweils assoziierten Formen und Ordnungen verstanden werden,10 der kulturwissenschaftliche Akzent, dass ›Religion‹ kein starres Gebilde darstellt, dessen Inhalte und Folgewirkungen sich abstrakt bestimmen ließen. So hebt Alexandra Schäfer-Griebel hervor, dass Religion im Denken und Handeln historischer Akteur_innen mit weiteren (z.B. sozialen oder familiären) Formen der Zugehörigkeit in Wechselbeziehung steht und sich daher je nach Situation unterschiedlich auswirkt.11 Postkoloniale Perspektiven auf Religion sind ebenso vertreten wie digitale Methoden, mittels derer Prozesse konfessionsübergreifender – und daher aus traditioneller konfessionsgebundener Perspektive ausgeblendeter – Textrezeption sichtbar werden.12

Diese Pluralität von Perspektiven, die zugleich konfessions- und religionsübergreifend die Vielschichtigkeit und Ambivalenz religiöser Phänomene hervorheben, spiegelt den wissenschaftlichen Diskurs am IEG. Gleichwohl können die hier vertretenen Ansätze nur einen Ausschnitt möglicher historischer Blickwinkel auf ›Religion‹ darstellen. Es ist deutlich, dass im Umgang mit Religion(sgeschichte) eine Herangehensweise wichtig ist, bei der die Komplexität des Phänomens und die Vielfalt möglicher Perspektiven berücksichtigt und reflektiert werden.

Europa

In Bezug auf ›Europa‹ heben die Beiträge disziplinübergreifend hervor, dass die geographische Bestimmung dieses Konzepts nicht unabhängig von der Konstruktion eines imaginierten, symbolisch aufgeladenen Raums erfolgt, sondern beide Aspekte in Wechselbeziehung stehen. Das gilt für den Europabegriff der jeweiligen historischen Akteure, aber auch in historiographischer Hinsicht:13 So zeigt etwa Joachim Berger, dass mit unterschiedlichen Prämissen über die Deutung des Konzepts ›Europa‹ – ob nun als christlich, säkular oder in sich plural, als wesenhaft bestimmbar oder als nur in den Konzepten der jeweiligen Zeitgenossen historisch fassbar – in allgemeinhistorischen Darstellungen stets auch unterschiedliche Abgrenzungen des damit bezeichneten geographischen Raums einhergehen.14

Inhaltlich kann der Begriff ›Europa‹ mit integrierenden, aber auch mit ausgrenzenden Momenten verbunden sein. Für die Forschung zu europäischer Geschichte am IEG ist die Intention grundlegend, unterschiedliche nationale, konfessionelle und religiöse Deutungen und Geschichtsschreibungen miteinander ins Gespräch zu bringen und so zu einem besseren wechselseitigen Verständnis beizutragen. Manfred Sing und Stanislau Paulau machen jedoch in ihren Beiträgen darauf aufmerksam, dass der Europabegriff in religiöser wie in geographischer Hinsicht auch ausgrenzend gebraucht wurde und wird: Eine lange Tradition, den Islam als das kulturell, religiös oder politisch ›Andere‹ gegenüber dem christlich geprägten ›Europa‹ zu deuten, kann dazu führen, dass die Rolle von Muslimen im Kontext europäischer Entwicklungen historiographisch a priori nicht wahrgenommen wird.15 Ein Europabegriff, der implizit von westeuropäischen Entwicklungen und Begrifflichkeiten geprägt ist, kann wiederum eine Ausblendung osteuropäischer oder ostkirchlicher Perspektiven und Ereignisse mit sich bringen.16

Schließlich wird wiederholt die Frage thematisiert, welche Implikationen die Verflechtung zwischen europäischen und außereuropäischen Phänomenen für eine europäische Religionsgeschichte hat. So betont Judith Becker, dass (christliche) theologische Ansätze des Globalen Südens auch zu einer ›Provinzialisierung Europas‹ beitragen können: Werden theologische Überzeugungen nicht als überzeitlich, sondern als kontextuell bedingt wahrgenommen, wirft dies auch ein neues Licht auf die Entwicklung europäischer Theologie und Religiosität sowie auf die Beziehungen zwischen Christentum und anderen Religionen in Europa.17 Weitere Facetten kommen hinzu, wenn osteuropäische gleichberechtigt mit westeuropäischen Konfessionen und Theologien – auch in ihrer wechselseitigen Verknüpfung mit außereuropäischen Ansätzen – einbezogen werden.18 Zur Vervollständigung des Bildes der europäischen Religionsgeschichte (bzw. Religionsgeschichten) ist die Integration aller dieser Perspektiven unabdingbar.

Form des Projekts

Zum explorativen Charakter des Projekts gehörte ein mehrstufiger Prozess, in dem alle Beiträge ergebnisoffen diskutiert wurden. Die Autor_innen hatten jederzeit die Möglichkeit, ihre Texte in Reaktion darauf weiter zu überarbeiten und Anregungen aufzunehmen. Bewährt hat sich hier besonders das Modell der Patenschaften: Die Rückfragen aus anderen fachlichen, methodischen oder historiographischen Perspektiven haben sehr zur interdisziplinären Anschlussfähigkeit und Nachvollziehbarkeit der Texte beigetragen. Der Austausch mit den Pat_innen wurde auch von vielen Autor_innen als besonders hilfreiches und für ihre künftigen Forschungen anregendes Element hervorgehoben.

Die Möglichkeit zur öffentlichen Diskussion der online zur Verfügung stehenden Beiträge wurde demgegenüber nur vereinzelt genutzt. Ob dafür die fehlende Geläufigkeit dieser Form in den beteiligten Wissenschaften, Zurückhaltung bei – potentiell lange abrufbaren – digitalen Äußerungen, praktische Aspekte (zum Kommentieren notwendige Anmeldung, wenig intuitive Benachrichtigungsfunktion u.ä.)19 oder ganz andere Faktoren entscheidend waren, muss zum jetzigen Zeitpunkt offen bleiben. Eine empirisch auch nur einigermaßen belastbare Untersuchung zur Akzeptanz solcher digitalen Arbeitsformate müsste eine weit größere Anzahl von Befragten und Beiträgen einbeziehen, als es bei einem überschaubaren Projekt wie diesem möglich ist.

Die Beiträge – eine Zusammenfassung

In einem groß angelegten Überblick analysiert Joachim Berger als Historiker und Forschungskoordinator am IEG deutsche, englische und französische allgemeinhistorische Gesamtdarstellungen zur Geschichte Europas, die seit 1990 erschienen sind. Er untersucht, wie in diesen Darstellungen Religion und das Religiöse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts behandelt werden. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass Religion und das Religiöse in den von ihm herangezogenen Werken nicht ins Zentrum gerückt werden, aber auch keine Nebensache darstellen. Im Anschluss formuliert er einige Thesen, wie eine integrative, multiperspektivische Religionsgeschichte Europas zu schreiben sein könnte, die nach einer Eigenlogik des Religiösen fragt. Er plädiert dafür, diese kollaborativ und transdisziplinär anzulegen. In methodischer Hinsicht schlägt er eine Kombination aus Beziehungs- und Verflechtungsgeschichte vor.20

Dass eine Geschichte Europas nicht nur das Christentum berücksichtigen darf, macht der Islamwissenschaftler Manfred Sing deutlich. Er betont in seinem Beitrag die interreligiösen und transkulturellen Verflechtungen des Islam mit der europäischen Religionsgeschichte. Den Islam versteht er nicht nur als Religion, sondern auch als Identitätsmarker. ›Europa‹ und ›Islam‹ dürfen aus seiner Sicht nicht als Gegensätze verstanden werden. Vielmehr ist der Islam untrennbar mit Europa und europäischer Identität verbunden. Das ›Islam-Label‹ muss seiner Ansicht nach in doppelter Weise dekonstruiert werden: zum einen im Blick auf die heutige Zeit, um die Vielfalt muslimischen Lebens sichtbar zu machen, zum anderen im Blick auf die Vergangenheit, um überhaupt eine Geschichte des Islam schreiben zu können.21

Mehrere Beiträge befassen sich mit der Frage, unter welchen Perspektiven europäische Christentumsgeschichte geschrieben werden kann. Der evangelische Theologe Christian Witt ordnet seinen Entwurf in den Kontext deutscher akademischer Universitätstheologie ein. Er schlägt vor, Christentumsgeschichte als eine Geschichte in Ideen zu schreiben: Die Christentumsgeschichte wird aus seiner Sicht durch religiöse Leitideen bestimmt, die Ausdruck unterschiedlicher Ordnungsarrangements sind. Leitideen dienen als Identifikations- und Zielbestimmungsformeln von Ordnung. Ein umkämpfter Komplex von Leitideen kann als System von Leitdifferenzen verstanden werden. Diese Leitideen und Leitdifferenzen sollen in der Christentumsgeschichte über längere historische Zeiträume hinweg untersucht werden. Witt verbindet die Analyse der Leitideen mit einem institutionengeschichtlichen Ansatz aus der Soziologie (K.-S. Rehberg). Am Ende stellt er die Frage, in welchem Sinne Christentumsgeschichte als ›Transformationsgeschichte‹ geschrieben werden kann.22

Die evangelische Theologin Judith Becker fragt demgegenüber, wie deutschsprachige Christentumsgeschichtsschreibung mit Zugängen aus dem Globalen Süden in ein wechselseitiges Gespräch treten und europäische Christentumsgeschichte im Bewusstsein der Globalität des Christentums geschrieben werden kann. Dabei fokussiert sie vor allem auf die Themenkomplexe Akkulturation und Kontextualität sowie auf ethische Fragen. Forschung, so lautet der Schluss, kann in zwei Hinsichten im Bewusstsein der Globalität des Christentums konzeptualisiert werden, nämlich erstens durch Methoden und Paradigmen und zweitens durch Forschungsthemen. Im Blick auf die Methoden und Paradigmen sind Kontextualität, Übersetzung und Verflechtung sowie sozialgeschichtliche Perspektiven besonders zu berücksichtigen. Im Blick auf Forschungsthemen bieten sich z.B. Themen an, die nach Machtverhältnissen und sozialer Gerechtigkeit fragen.23

Auch der Christentumshistoriker Stanislau Paulau strebt eine Christentumsgeschichte aus postkolonialer Perspektive an, durch die eurozentrische Sichtweisen vermieden werden. Aufgabe einer postkolonialen Christentumsgeschichte ist für ihn die Erarbeitung von erkenntniskritischen Alternativ-Lesarten zu bisher dominierenden hegemonialen Diskursen. Deren souveräne Interpretationshoheit soll durch inklusive Praktiken der Erinnerung, die bisher ausgeblendete Kontexte und Zusammenhänge hervorheben, unterbrochen werden. Europäische Christentumsgeschichtsschreibung muss sich gerade im globalen Kontext ihrer Provinzialität und Machtförmigkeit bewusst werden. Dabei betont Paulau die Problematik, dass europäische Christentumsgeschichte meist stillschweigend mit lateineuropäischer Christentumsgeschichte gleichgesetzt wird. Vor allem die Ostkirchen werden dabei oft ausgeblendet. Eine europäische Christentumsgeschichte muss in dieser Hinsicht sensibilisiert sein.24

Eine weitere Möglichkeit, auch die östliche Orthodoxie in die europäische Christentumsgeschichte, speziell die Konfessionalisierungsforschung, einzuschreiben, bietet der Religionshistoriker Mihai Grigore. Er fragt nämlich, ob die östliche Orthodoxie eine Konfession ist und ob sich die im westlichen Christentum vor allem für die Frühe Neuzeit entwickelten Konzepte von Konfessionalisierung bzw. Konfessionskultur auch auf die östliche Orthodoxie anwenden lassen. Konfession versteht Grigore dabei nicht, wie anderenorts diskutiert, als kulturhistorische Konstruktion. Konfessionen müssen, so lautet seine These, immer in ihrer staatsbildenden und staatsstabilisierenden Relevanz gedacht werden. Auf diese Weise kann er die Orthodoxie als Konfession identifizieren; das bietet für ihn Anhaltspunkte, um die Orthodoxie in das weite Feld der Konfessionalisierungsforschung einzuschreiben.25

Zwei Beiträge entwickeln ihre konzeptionellen Überlegungen aus konkreten Fallbeispielen der Frühen Neuzeit heraus. Alexandra Schäfer-Griebel fragt anhand der Sicherung der Religionsartikel im Ehe-Rezess zwischen dem Haus Thurn und Taxis und dem Haus Brandenburg-Kulmbach-Bayreuth aus den Jahren 1731/32, wie sich Religion und Religiosität in der Frühen Neuzeit über Zugehörigkeiten erschließen lassen. Religiöse Setzungen versteht sie dabei als situationsabhängig wandelbar und als Größe, die immer im Zusammenspiel von mehrfachen Zugehörigkeiten zu betrachten ist. Das Konzept der Mehrfachzugehörigkeit ermöglicht transkulturelle Perspektiven auf Religion und Religiosität. Gerade wenn dieses soziologische Konzept auf die Frühe Neuzeit angewendet wird, kann soziale Positionierung als permanenter Aushandlungsprozess in einer dynamischen und relationalen Gesellschaft verstanden werden. Das Konzept der (Mehrfach-)Zugehörigkeit rückt zudem die Bedeutung von materieller Kultur und Emotionen für gelebte historische Religion in den Blick.26

Im Zentrum des Beitrags des katholischen Theologen Markus Müller steht ein Forschungsprojekt, das sich mit katholischer Buchzensur im 16. Jahrhundert befasst. Anhand dieses Beispiels kann der Autor zeigen, wie durch die Kombination von traditionellen und digitalen Forschungsansätzen unerforschte Tiefenschichten der europäischen Christentumsgeschichte erschlossen werden können. Mithilfe digitaler Methoden können große Quellenkorpora unter spezifischen Fragestellungen (wie z.B. Zensuren aus verschiedenen Ländern Europas in den Werken eines einzelnen Autors) untersucht werden. Pluralität und Komplexität der Vergangenheit geraten durch die Anwendung digitaler Methoden nochmals auf neue Weise in den Fokus. Differenzen können so in ihrer Konflikthaftigkeit weiter erforscht werden.27

Auch in den Forschungen von Alessandro Grazi, Kulturhistoriker mit Schwerpunkt Jüdische Geschichte des 19. Jahrhunderts, spielen digitale Methoden eine wichtige Rolle. Davon ausgehend fragt er nach dem Einfluss der Digital Humanities (DH) auf die Religionsgeschichtsschreibung, insbesondere die Jüdischen Studien. Er beschreibt, dass die ›Wissenschaft des Judentums‹ seit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert vielfache Transformationen erfahren hat, und geht davon aus, dass diese sich durch die Einbeziehung der DH fortsetzen. Die aktuelle Transformation macht er anhand von vier Aspekten deutlich: der Verfügbarkeit von Quellen, der Schnelligkeit der Quellenprüfung, einer verstärkten Zusammenarbeit unterschiedlicher Forschungsrichtungen innerhalb der Jüdischen Studien sowie einer verstärkten Interdisziplinarität.28

Die Heterogenität der Ansätze, Methoden und Forschungsperspektiven unter den gegenwärtigen und ehemaligen Mitarbeitenden eines Forschungsinstituts ist in diesem Projekt deutlich geworden. Sie illustriert, dass die Geschichte der Religionen und Konfessionen in Europa nur in einer Vielfalt an Perspektiven untersucht werden kann – war sie doch selbst voller Vielfalt. Immer wieder neu zu untersuchen ist, inwieweit Forschungskonzepte oder -ergebnisse von einer Religion/Konfession auf eine andere übertragen oder zumindest für diese fruchtbar gemacht werden können. Die Antwort wird je nach Gegenstand sehr unterschiedlich ausfallen. Das Projekt hat gezeigt, wie wichtig Austausch und Gespräch zwischen den Forschenden mit ihren unterschiedlichen Hintergründen und Perspektiven sind – und es hat damit implizit die Bedeutung eines Forschungsinstituts wie des IEG demonstriert, das solche Perspektiven zusammenbringt.

Literatur

Auffarth C. / Grieser A. / Koch A. (Hrsg.) (2021). Religion in Culture - Culture in Religion. Burkhard Gladigow's Contribution to Shifting Paradigms in the Study of Religion = Religion in der Kultur – Kultur in der Religion, Tübingen: Tübingen University Press.

Auffarth, C. (2009), Europäische Religionsgeschichte - ein kulturwissenschaftliches Projekt. In R. Faber / S. Lanwerd (Hrsg.), Aspekte der Religionswissenschaft, 29–48, Würzburg: Königshausen & Neumann.

Burkard, D. (2020). ›Entweder wird Europa wieder christlich werden, oder es wird überhaupt nicht mehr sein‹. Joseph Lortz und das christliche Abendland. In I. Dingel / J. Paulmann (Hrsg.), Europäische Köpfe in Mainz. Die Direktoren des Instituts für Europäische Geschichte, 48–89. Petersberg: Michael Imhof.

Gladigow, B. (2005). Religionswissenschaft als Kulturwissenschaft. Hrsg. von Auffarth, C. / Rüpke, J. Religionswissenschaft heute 1. Stuttgart: Kohlhammer [u. a.].

Jammerthal, T. / Janssen, D. B. / Reinert, J. / Schuster, S. (2022). Methodik der Kirchengeschichte. Ein Lehrbuch. Tübingen: Mohr Siebeck.

Markschies, C. (1995). Arbeitsbuch Kirchengeschichte. Tübingen: Mohr Siebeck.

Schulze, W. (1992). "Das Mainzer Paradoxon". Die Deutsche Geschichtswissenschaft der Nachkriegszeit und die Gründung des Instituts für Europäische Geschichte. In W. Schulze / Corinne Defrance (Hrsg.), Die Gründung des Instituts für Europäische Geschichte (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte. Beihefte 36), 7–39. Mainz: Philipp von Zabern.

Patel, K. K. / von Hirschhausen, U. (2010). Europäisierung, Version: 1.0. Docupedia-Zeitgeschichte. 29.11.2010. DOI: http://dx.doi.org/10.14765.

Zander, H. (2016): »Europäische« Religionsgeschichte. Religiöse Zughörigkeit durch Entscheidung – Konsequenzen im interkulturellen Vergleich. Berlin: de Gruyter.

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