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Einführung

Zugänge zur europäischen Religionsgeschichtsschreibung diskutieren Wissenschaftler_innen verschiedener Disziplinen und Religionen ab April 2021 ein Jahr lang auf dieser Plattform. Die Einführung gibt einen Überblick über den Forschungsstand und erläutert den Ablauf des Projekts.

Published onApr 27, 2021
Einführung
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1. Zur Idee des Projekts

»Wie schreibt man europäische Religionsgeschichte?« Eine Vielfalt methodischer Ansätze spielt bei der Beantwortung dieser Frage ebenso eine Rolle wie diverse Fachtraditionen oder die religiöse bzw. konfessionelle Prägung von Wissenschaftler_innen. Unter Forschenden, z.B. aus der evangelischen, katholischen und orthodoxen Theologie, der Judaistik, der Islamwissenschaft sowie den Geschichtswissenschaften, wird dieses Thema immer wieder kontrovers verhandelt. Einigkeit besteht indes darüber, dass Geschichtsschreibung stets die Reflexion über angemessene Begrifflichkeiten und deren inhaltliche Füllung erfordert.

Entspricht z.B. aus Sicht der christlichen Theologien die christliche Religionsgeschichte der Kirchengeschichte? Sind die von christlichen Theolog_innen verwendeten Begriffe Kirchen- und Christentumsgeschichte austauschbar, weil sie im Grunde die gleichen Inhalte meinen, oder sind sie voneinander zu unterscheiden? Vor allem in der evangelischen und der katholischen Theologie wurde und wird um diese Fragen gerungen. Islamwissenschaft und Islamische Theologie diskutieren darüber, ob sie ihrem fachlichen Selbstverständnis nach in konvergenter oder in grundsätzlich verschiedener Weise mit (islamischen) religiösen Phänomenen umgehen. Im ostkirchlichen oder jüdischen Kontext sind die Begrifflichkeiten wiederum anders konnotiert.

Auch ›Europa‹ wird in verschiedenen Kontexten unterschiedlich verstanden: Inwiefern ist damit ein geographisch bestimmbarer Raum gemeint und inwiefern ein symbolisch aufgeladener Topos? In welchen Kontexten hat ›Europa‹ integrative Funktion, und wann dient der Begriff zur Ausgrenzung des ›Anderen‹, z.B. von als ›nicht europäisch‹ empfundenen Religionen? Wie verändert sich unser Bild von Europa, wenn verstärkt Verflechtungen zwischen europäischen und außereuropäischen (religiösen) Entwicklungen in den Blick genommen werden?

Alle diese Themen werden am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz (IEG) von Wissenschaftler_innen der beiden Abteilungen des Instituts – der Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte und der Abteilung für Universalgeschichte – seit langem im interdisziplinären Austausch erörtert. Insbesondere die Frage nach Methoden und Perspektiven der Religionsgeschichtsschreibung war und ist immer wieder Gegenstand von Diskussionen der Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte, der die Kirchenhistorikerin Irene Dingel seit 2005 als Institutsdirektorin vorsteht.

Aus Anlass des 65. Geburtstags von Irene Dingel sollen diese Fragen nun auch mit einer über das IEG hinausgehenden Öffentlichkeit diskutiert werden. Ab April 2021 veröffentlichen wir dazu auf der Plattform Cursor_ ein Jahr lang einmal monatlich einen Aufsatz, der sich aus einer spezifischen Perspektive mit den oben skizzierten Fragen auseinandersetzt.

Die Initiatorinnen und Herausgeberinnen des Projekts sind Judith Becker, Corinna Ehlers und Andrea Hofmann, drei deutsche evangelische Theologinnen und Christentumshistorikerinnen. Wie die Herausgeberinnen sind auch die Autor_innen und weitere Mitarbeiter_innen (ehemalige) Forschende des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte. Die meisten sind oder waren Mitglieder der Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte, der evangelische, katholische und orthodoxe Theolog_innen, Judaist_innen, Islamwissenschaftler_innen und Historiker_innen angehören. Der Kreis der Autor_innen und Herausgeberinnen sowie die Perspektiven, die das Projekt zusammenfügt, spiegeln also die Zusammensetzung der Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte. Die am Projekt Beteiligten verfolgen unterschiedliche methodische Ansätze und sind durch ihre jeweilige Fachtradition ebenso geprägt wie durch ihren religiösen bzw. konfessionellen Hintergrund. Diese vielfältigen Perspektiven auf grundsätzliche Fragen – in Aufsätzen exploriert anhand der Forschungsschwerpunkte ihrer Autor_innen – sollen im Laufe des Projektjahres miteinander, aber auch mit einer über das IEG hinausgehenden wissenschaftlichen Öffentlichkeit ins Gespräch gebracht werden.

Dabei strebt das Projekt keine enzyklopädische Vollständigkeit in Bezug auf die eingangs formulierte Fragestellung an, sondern bietet vielmehr – im Hinblick auf die Gesamtheit der Aufsätze wie auf jeden einzelnen Beitrag – eine bewusste Reflexion der fachlichen und persönlichen Perspektive und der damit verbundenen Interessen, ›biases‹ und Kenntnisschwerpunkte der jeweiligen Autor_innen. Der am IEG seit langem gepflegte interdisziplinäre Diskurs soll damit in guter Tradition und in einem neuen explorativen Format weitergeführt werden.

2. Anliegen und Diskurse in den beteiligten Fächern

Im Hintergrund der Beiträge, die im Laufe des Jahres auf dieser Plattform veröffentlicht werden, stehen jeweils fachspezifische Überlegungen über das Selbstverständnis einer jeden Disziplin. Manche Diskurse und Fragestellungen ähneln sich in den Disziplinen; andere gestalten sich je nach Fach sehr unterschiedlich. Die spezifische Geschichte einer Fachdisziplin und daraus resultierende einflussreiche Debatten spielen ebenso eine Rolle wie aktuelle Forschungstendenzen oder die von Religionsgemeinschaften und anderen gesellschaftlichen Gruppen an das Fach herangetragenen Erwartungen. Aus der Sicht der am Projekt beteiligten Wissenschaftler_innen zentrale Perspektiven und Überlegungen zum Selbstverständnis ihrer Disziplinen sollen im Folgenden – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – skizziert werden.1

2.1 Evangelische Theologie

Deutschsprachige evangelische Kirchen- bzw. Christentumshistoriker_innen beginnen ihre Fachreflexionen2 zumeist mit Gerhard Ebelings Definition der »Kirchengeschichte als Geschichte der Auslegung der Heiligen Schrift« (1946). Ebeling konstatierte für die Kirchengeschichte ein »Spannungsverhältnis [...] ihrer Beziehungen zur Theologie einerseits und zu den Geschichtswissenschaften anderseits [!]«3. Dass diese grundlegende Spannung kirchenhistorischer Selbstverortung weder aufgelöst werden kann noch sollte, ist weithin Konsens unter den Wissenschaftler_innen. Gegenwärtige Herausforderungen sind die Globalisierung nicht nur ›der Welt‹, sondern auch der Geschichtsschreibung und die zunehmende Pluralisierung der Disziplinen, mit denen Kirchen- / Christentumsgeschichtsschreibung im Gespräch ist und bleiben muss.4

Über die Fragen, ob die Theologie oder die Geschichtswissenschaft die primäre Orientierungsdisziplin der Kirchen- / Christentumsgeschichte sein sollte, ob die Kirchengeschichtsschreibung selbst Theologie ist oder der historischen Reflexion auf theologische Themen und Phänomene dient und ob sich diese Aspekte wechselseitig ausschließen, herrscht seit Jahrzehnten ein reger Diskurs.5 Einig ist man sich darin, dass geschichtswissenschaftliche Methoden auch in der Kirchen- / Christentumsgeschichtsschreibung anzuwenden sind.

Was aber ist der Inhalt der Kirchen- / Christentumsgeschichte? Kirchengeschichte wird heute kaum mehr als reine Geschichte der Institution Kirche oder ausschließlich als Theologie- und Dogmengeschichte verstanden.6 Vielmehr ist der Horizont deutlich erweitert worden. Ob sich die Disziplin aber mit »der Inanspruchnahme des Christlichen« beschäftigt,7 ob sie sich dadurch als theologische Disziplin konstituiert, dass sie »ihre leitenden Fragen aus dem theologischen Diskurs generiert«8 oder ob bestimmte »Leitkategorien« für die Christentumsgeschichte prägend sind,9 ist im Fach umstritten.

Die Auseinandersetzung um die Benennung der Disziplin als ›Kirchengeschichte‹ oder ›Christentumsgeschichte‹, wie sie in den 1980er Jahren geführt wurde, kann heute als überholt gelten.10 Der Begriff ›Christentumsgeschichte‹ bildet die inhaltliche Ausweitung der in der Disziplin erforschten Themen ebenso ab wie die Pluralität christlicher Phänomene in einer globalen Welt. Auch wenn die Sinnhaftigkeit der Einbeziehung globaler Perspektiven zuletzt wieder infrage gestellt wurde,11 wird doch ein einfacher – und vor allem ausschließlicher – Rückgang zu lokaler, regionaler oder auch nationaler Kirchengeschichtsschreibung nicht möglich sein.

2.2 Katholische Theologie

Auch die Diskussion in der katholischen Theologie wird häufig von der Frage bestimmt, inwiefern und unter welchen Voraussetzungen es sich bei der Kirchen- / Christentumsgeschichte um eine genuin theologische Wissenschaft handelt. Sah die ältere Forschung die Aufgabe theologischer Kirchengeschichtsschreibung darin, historisch erschlossene Ereignisse zugleich auf ihren heilsgeschichtlichen Sinn hin zu interpretieren,12 wird in neuerer Zeit etwa auch vorgeschlagen, die – strikt nach historischen Kriterien untersuchte – Geschichte als eine für die Beantwortung theologischer Fragen relevante Instanz neben anderen (Schrift, Tradition, Vernunft u.a.) aufzufassen13 oder Kirchengeschichtsschreibung – unter Absehung von theologisch-heilsgeschichtlichen Vorannahmen – als Erschließung vergangener Glaubenserfahrungen zu begreifen, die kirchliche Identität nicht nur bestätigt, sondern auch produktiv infrage stellt.14 Zudem wird statt nationalen und auf katholische Phänomene konzentrierten Zugriffen verstärkt eine »weltkirchliche und ökumenische Weite« der Kirchengeschichtsschreibung eingefordert.15

2.3 Orthodoxe Theologien

Die Christentumsgeschichtsschreibung in verschiedenen orthodoxen Theologien, insbesondere in der griechischen und der russischen Orthodoxie, hat sich seit dem 19. Jahrhundert zumeist bewusst von der westlichen Kirchengeschichtsschreibung abgegrenzt, so wie auch in den Jahrhunderten zuvor der Blick immer wieder – wenn natürlich auch nicht ausschließlich – auf die Abgrenzung vom lateinischen Westen gerichtet war. In vielen Fällen wurde die westliche lateinische Theologie allmählich nach dem 13. Jahrhundert als vom wahren Glauben abgefallen gesehen, während die orthodoxe Theologie als einzig wahre und authentische Kirche Gottes galt. Gleichzeitig ist zu betonen, dass es in der Orthodoxie zu Beginn des 20. Jahrhunderts deutliche Bestrebungen zur Mitarbeit in der aufkommenden ökumenischen Bewegung gab.

Die Abgrenzungen vom Westen zeigen sich sowohl in einer Debatte um die Bedeutung der Moderne für die orthodoxe Theologie als auch in der Betonung der griechischen Väter als Gewährsmänner und Grundlage für die eigene heutige orthodoxe Theologie.16 Daneben betonen andere Theolog_innen den Einheitsgedanken im Christentum und plädieren für ein konstruktives Gespräch mit der westlichen Theologie.17 Zudem ist die Bedeutung von in der Diaspora lebenden orthodoxen Theolog_innen für die Diskurse – nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der Vergangenheit – zentral.18

Im Hintergrund der kritischen Auseinandersetzung mit westlicher Theologie steht neben der historischen Tradition für einen Teil der orthodoxen Kirchen eine lange Erfahrung von Unterdrückung – die in einer weitgehenden Ignoranz westlicher Theolog_innen gegenüber orthodoxer Theologie gespiegelt wird.19 Das ›Othering‹ fand von beiden Seiten statt. Unsere Veröffentlichung mit Beiträgen von zwei orthodoxen Christentumshistorikern versucht, diese von beiden Seiten gezogenen konfessionellen Grenzen aufzubrechen, wie sie das auch im Blick auf die verschiedenen Religionen und ihre Geschichtsschreibung anstrebt.

2.4 Judaistik, Jüdische Studien und Jüdische Theologie

Die seit dem 19. Jahrhundert zunächst im deutschen Sprachraum etablierte ›Wissenschaft des Judentums‹ legte ihre Schwerpunkte auf Literatur, Geschichte und Philosophie des Judentums unter Berücksichtigung der sozialen, politischen, kulturellen und religiösen Kontexte. Bis heute befinden sich auch die Nachfolgedisziplinen der ›Wissenschaft des Judentums‹ – die Judaistik, die Jüdischen Studien und die Jüdische Theologie – in einem Spannungsfeld zwischen universitärer und außeruniversitärer akademischer Verortung. An Universitäten etablierte sich zuerst die so genannte ›Judaistik‹ einerseits im Curriculum von protestantischen theologischen Fakultäten, andererseits als weitgehend eigenständiges säkulares Fach an geschichts- und kulturwissenschaftlichen Fakultäten.20 An liberalen, reformorientierten oder konservativen jüdischen Rabbinerseminaren wurde jüdische Geschichte auch zur Voranbringung einer Reform des Judentums gelehrt. Wie kaum eine andere Wissenschaft waren und blieben die ›Wissenschaft des Judentums‹ und ihre Nachfolgedisziplinen von den Umbrüchen des 20. Jahrhunderts, aber auch der Vielfalt der jüdischen Standorte, der damit verbundenen diversen kulturellen Einbettungen und den unterschiedlichen Strömungen und Gruppierungen auf der ganzen Welt geprägt. Aufgrund der unzähligen Forschungsfragen und -perspektiven, die sich von Beginn an durch die – teilweise erzwungene – weltweite Migration von Jüd_innen und die vielfältigen religiösen und kulturellen Prägungen ergaben,21 tendieren Historiker_innen der Jüdischen Studien heute dazu, selbst bei der ›Wissenschaft des Judentums‹, wie sie bis zur Shoah existierte, eher von ›Wissenschaften des Judentums‹ im Plural zu sprechen.22 Damit werden bereits in den frühen Jüdischen Studien die weltweit unterschiedlichen Kontexte und vielförmigen Fragehorizonte, Herangehensweisen und Methodiken betont.23 Heute knüpft die jüdische Geschichtsschreibung an Theorien und Forschungsperspektiven der allgemeinen Geschichtswissenschaften an (Kulturgeschichte, Sozialgeschichte, Gender Studies usw.)24

2.5 Islamwissenschaft und Islamische Theologie

Islamwissenschaftliche Perspektiven auf europäische Religionsgeschichte sind vielfach von einem Spannungsverhältnis zwischen der orientalistischen Tradition des Faches auf der einen und heutigen gesellschaftlich-politischen Erwartungen auf der anderen Seite geprägt. Die Neigung traditioneller Orientalistik, den Islam als das gegenüber Europa schlechthin ›Andere‹ zu begreifen, wird zwar seit längerem als Ausweis kolonialer Denkmuster und europäischen ›Otherings‹ zurückgewiesen; zugleich wird aber weiterhin die Erwartung an die Islamwissenschaft herangetragen, Entwicklungen in muslimisch geprägten Ländern und Bevölkerungsgruppen aus einer Art Wesenskern des (als kulturell fremd empfundenen) Islams zu erklären.25 Dies wiederum steht in Spannung zur – ebenfalls im Gefolge der Orientalistik – stark philologisch-historisch geprägten islamwissenschaftlichen Methodik, die eher zu textbezogenen und konkret sozial kontextualisierenden Interpretationen tendiert.26 Auf beiden Ebenen stellt sich die Frage nach dem Verhältnis zur Islamischen Theologie, die es ihrem Selbstverständnis wie ihrer institutionellen Verankerung nach stärker mit Prozessen islamischer Selbstverständigung – zwischen Identitätsbildung und Integrationserwartungen – zu tun hat, mit der es zugleich aber methodische wie inhaltliche Konvergenzen gibt.27

Die Vielfalt und die oft durch historische Gegebenheiten bestimmte Selbstreflexion in einzelnen Fächern wird anhand dieses kurzen Überblicks schon deutlich. Im Verlauf des kommenden Jahres werden gegenwärtige und ehemalige Mitarbeiter_innen des IEG Aufsätze zur europäischen Religionsgeschichtsschreibung aus ihrer Perspektive beitragen. Die Bündelung dieser Ansätze in einem gemeinsamen Projekt soll auch dazu führen, disziplinäre Grenzen im wissenschaftlichen Diskurs zu überschreiten.

3. Zum Projekt als Prozess

Das Projekt macht die Vielfalt der Methoden, Zugänge und Fragestellungen europäischer Religionsgeschichtsschreibung in einem explorativen, ergebnisoffenen Format sichtbar. Wissenschaftler_innen aller Disziplinen sind online zum Gespräch über die Beiträge eingeladen, um im Dialog weiterführende Perspektiven auf europäische Religionsgeschichte zu entwickeln.

Die Diskussion ist auch insofern explorativ und offen, als die einzelnen Beiträge zum Start dieses Projekts (April 2021) noch nicht ausformuliert vorliegen, sondern sich im Entstehungsprozess befinden. Die Herausgeberinnen haben ihre Kolleg_innen um Titel und Exposés für Aufsätze gebeten, die in den kommenden zwölf Monaten sukzessive auf dieser Plattform erscheinen.

Jeder Beitrag wird vor seiner Veröffentlichung von einem_r Pat_in aus der Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte des IEG sowie einer der Herausgeberinnen gelesen und in diesem Rahmen bereits diskutiert. So sind alle gegenwärtigen und einige ehemalige Mitarbeiter_innen der Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte an dem Projekt beteiligt – entweder als Autor_innen, die einen Aufsatz beisteuern, oder als Pat_innen, die selbst keinen Beitrag schreiben, aber durch kritisches Erstlesen eines Aufsatzes eine Diskussion anstoßen und ihre eigenen Perspektiven ins Gespräch einbringen.

Die Beiträge werden anschließend auf Cursor_ publiziert und dort jeweils einen Monat lang öffentlich diskutiert. Im Anschluss haben die Autor_innen Gelegenheit, ihren Beitrag zu überarbeiten und Anregungen aus diesem Austausch aufzunehmen. Die Autor_innen zeichnen für ihren Beitrag verantwortlich und stellen jeweils aus ihrer Sicht Überlegungen an, die sich während der Projektlaufzeit noch verändern können. Insofern haben alle Texte – im Sinne des Konzepts von Cursor_ – explorativen, unabgeschlossenen Charakter. Nach Erscheinen des letzten Beitrags im Frühjahr 2022 verfassen die Herausgeberinnen ein Schlusswort, das inhaltliche Erkenntnisse und Erfahrungen mit dem Diskussionsformat zusammenfasst.

4. Zum digitalen Format

Die digitale Publikations- und Diskussionsform erlaubt einen nicht ortsgebundenen, auch unter Corona-Bedingungen realisierbaren Austausch, der über die Community des IEG Mainz hinausgeht: Wissenschaftler_innen, die sich Irene Dingel und dem IEG verbunden wissen, können sich ebenso am Gespräch beteiligen wie weitere Interessierte. Zugleich hoffen wir, dass das Format dem explorativen Charakter der Fragestellung entspricht und einen Diskurs fördert, der nicht von abgeschlossenen Positionen ausgeht, sondern einen ergebnisoffenen Austausch, tentative Überlegungen und neue Anregungen durch Konzepte anderer Disziplinen einschließt.

Welche Erfahrungen wir mit diesem Format machen werden, ist selbst eine offene Frage: Erfüllt sich die – typischerweise mit Modellen digitaler Zusammenarbeit verbundene – Hoffnung, dass die offene, Modifikationen zulassende Form auch zu größerer inhaltlicher Offenheit führt?28 Bildet die digitale Debatte eigene Hierarchien heraus?29 Oder führen wir Diskussionen, die auch bei einem analogen Kolloquium stattfinden könnten? Vermutlich werden sich die Erfahrungen mit dem digitalen Diskussionsformat als wesentlich komplexer erweisen: Wie verändert sich z.B. der Austausch, wenn nicht alle Beteiligten zur gleichen Zeit im gleichen Raum sind, sondern Diskussionen asynchron und ortsunabhängig in schriftlicher Form geführt werden? Dass dies vom Druck zur sofortigen Reaktion entlastet und einen reflektierten Diskurs befördert, ist ebenso denkbar wie ein ›Versanden‹ des Gesprächs mangels direkter Rückmeldung. Wo baut der digital-öffentliche Charakter Barrieren ab, und wo erzeugt er neue, beispielsweise bei Personen, denen diese Form der Diskussion fremd ist, oder die befürchten, sich zu sehr in der digitalen Öffentlichkeit zu exponieren? Alle diese Fragen lassen sich nicht a priori beantworten. Insofern möchten wir mit diesem Experiment auch einen Beitrag zu der Frage leisten, ob und inwiefern Digitalität nicht nur die Forschungspraxis, sondern auch die Epistemologie historisch arbeitender Fächer verändert30 – und damit auch die Weise, wie wir europäische Religionsgeschichte schreiben.

Als Herausgeberinnen danken wir allen Kolleg_innen, die sich mit uns auf das explorative Konzept einlassen. Wir freuen uns auf Beiträge mit neuen Forschungsperspektiven, lebhafte und bereichernde Diskussionen und die zahlreichen Überraschungen, die das digitale Format noch für uns bereithält – kurz: auf einen bunten und interdisziplinären Blumenstrauß, mit dem wir Irene Dingel ganz herzlich zum Geburtstag gratulieren.

Judith Becker, Corinna Ehlers und Andrea Hofmann im April 2021

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