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Verkündigung digital?! – 10 Thesen zur digitalen Verkündigung

Published onApr 17, 2020
Verkündigung digital?! – 10 Thesen zur digitalen Verkündigung

Vor der Corona-Krise waren digitale Verkündigungsformate, wie Online-Gottesdienste und Online-Andachten etwas, mit denen sich nur besonders digital affine Christ*innen beschäftigt haben. Seit aus Infektionsschutzgründen keine normalen physischen Gottesdienste mehr gefeiert werden können hat sich das geändert. Viele Gemeinden bieten jetzt Verkündigung auf digitalem Weg an.

Spätestens jetzt ist es an der Zeit darüber nachzudenken, was digitale Verkündigung ist und wie sie gestaltet werden kann. Die folgenden zehn Thesen stellen keinen Anforderungskatalog für die, in der momentanen Situation ziemlich spontan entstehenden Formate digitaler Verkündigung dar, sondern sollen eine Diskussionsgrundlage für die Diskussion über digitale Verkündigung und Anregungen für die Gestaltung neuer digitaler Verkündigungsformate bieten.

  1. Digitale Kommunikation des Evangeliums ist Verkündigung auf digitalen Kommunikationswegen

Verkündigung ist zentral für den christlichen Glauben. Über die Jahrhunderte hat sich die Form von Verkündigung immer wieder verändert und es sind neue Formen der Verkündigung entstanden. Die Reformation stellte einen zentralen Wendepunkt in der Verkündigung dar. Durch sie wurde es Ziel, so zu verkündigen, dass die Menschen das Evangelium verstehen können. Hier kamen mit Flugblättern und Flugschriften auch für die damalige Zeit neue Medien der Verkündigung zum Einsatz. Einen weiteren Umbruch stellte die Entstehung des Rundfunks dar. Es entstanden mit Radioandachten, Fernsehgottesdiensten und anderen Verkündigungssendungen neue Formate zur Kommunikation des Evangeliums. Die Digitalisierung hat eine neue Form der Verkündigung hervorgebracht – die digitale Verkündigung. Wie schon bei der Entstehung des Rundfunks verändert sich hier der Weg der Kommunikation aber nicht, dass den Glauben bezeugende und Glauben erzeugende Element das Verkündigung als solche ausmacht.

  1. Digitale Kommunikation des Evangeliums braucht Theologische Kompetenz

Das Evangelium zu kommunizieren heißt, die Botschaft des Evangeliums selbst erfahren zu haben und in der Lage zu sein, seine Geschichte und seine Relevanz für die Gegenwart zumindest in Ansätzen zu verstehen. Dafür sind insbesondere hermeneutische Kompetenzen notwendig und fortgesetztes Nachdenken.

  1. Verkündigung des Evangeliums braucht Kommunikationskompetenz

Verkündigung, die nicht wahrgenommen oder verstanden wird, kann nur schwer ihre glaubenserzeugende Wirkung entfalten. Deshalb sollten bei der Verkündigung die kommunikative Form und ihre Gestaltung bedacht werden. Für eine angemessene Gestaltung dieser kommunikativen Form ist ein grundlegendes Maß an Kommunikationskompetenz erforderlich. Diese umfasst das Wissen über unterschiedliche Kommunikationsformate mit ihren spezifischen Besonderheiten, Kenntnisse über Zielgruppen und ihre Bedürfnisse, sowie die Fähigkeit die Kommunikation dem Format und der Zielgruppe entsprechend zu gestalten.

  1. Digitale Verkündigung ersetzt nicht analoge Verkündigung

Digitale Verkündigung kann nicht alle Menschen erreichen, da nicht alle Menschen digitale Kommunikationswege nutzen. Es darf bei digitaler Verkündigung also nicht darum gehen, analoge Verkündigung vollständig durch digitale Verkündigung zu ergänzen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass dieses Risiko als gering einzuschätzen ist, da der Rundfunk auch nicht dazugeführt hat, dass die direkte technisch unvermittelte Rede vom Evangelium bedeutungslos geworden ist.

  1. Digitale Verkündigung kann nicht ausschließlich digital sein

Das den Glauben bezeugende Element der Verkündigung enthält immer einen analogen Moment. Denn auch wenn man eine Predigt aufnimmt, so ist der Sprachprozess analog, und wer den Text einer Andacht tippenden eingibt, vollzieht auch eine körperliche Handlung.

Es kann hierbei in der Regel auch nicht ausgeschlossen werden, dass dieser kurze analoge Moment digitaler Verkündigung von anderen Menschen gehört oder gesehen wird.

  1. Die potentiell größere Diversität der Zuhörenden stellt hohe Anforderungen an digitale Verkündigung

Im analogen Raum erfolgt Verkündigung häufig in einem vorher schon klar feststehenden Kontext. Die rein analog predigende Person weiß, wann und wo ihre Predigt gehört werden wird und kann in vielen Fällen auch im Vorfeld ungefähr abschätzen, wie viele Menschen ihr zuhören werden. Bei klassischen Sonntagsgottesdiensten ist es häufig auch möglich abzuschätzen, wie sich die Zuhörerschaft altersmäßig zusammensetzt.

Dies ist bei digitaler Verkündigung in den meisten Fällen nicht gegeben1. Sobald die Videoandacht auf Youtube veröffentlicht oder der Gottesdienst-Livestream auf Facebook gestartet ist, können Menschen weltweit darauf zugreifen. Vor allem, wenn solche Formate geteilt werden, kann es sein, dass diese Verkündigungsformate Menschen erreichen, die an ganz unterschiedlichen Orten leben oder unterschiedlichen Religionen angehören.

  1. Bei digitaler Verkündigung muss die Reziprozität gleich (verstärkt) mitgedacht werden

Schon das 1999 veröffentlichte Cluetrain Manifesto betont, dass der digitale Raum vor allem durch Dialog geprägt ist2. Nachfragen, widersprechen oder einen einzelnen Gedanken aus einer Predigt aufgreifen und weiterentwickeln, das alles ist bei digitaler Kommunikation leicht möglich. Daraus erwächst auch eine Erwartung, derer an die sich die Verkündigung richtet. Sie erwarten, dass ihre Stimme gehört und ernst genommen wird. Diese Erwartung muss bei digitaler Verkündigung berücksichtigt werden

  1. Die verstärkte Reziprozität digitaler Verkündigung spiegelt sich in einem größeren Spektrum positiver und negativer Reaktionen

Predigende Personen können leichter Rückmeldungen einholen und bei interaktiven digitalen Gottesdienstformaten, wie zum Beispiel sublan.tv, gleich auf Nachfragen und Anregungen reagieren. Bei digitaler Verkündigung kann aber auch leichter widersprochen werden; hierauf müssen sich die Predigenden einstellen und sie müssen lernen, darauf angemessen zu reagieren. Durch die Anonymität im digitalen Raum kann die verstärkte Reziprozität auch zu Häme oder sogar Hass gegenüber den Predigenden führen.

  1. Digitale Verkündigung sollte dialogisch sein

Nur dialogische Verkündigung, also Verkündigung, die auf einem beidseitigen kommunikativen Austausch basiert, kann den verstärkten Reziprozitätserwartungen digitaler Verkündigung angemessen begegnen. Durch dialogische Verkündigung können Nachfragen und unterschiedliche Perspektiven ernst genommen werden. Dadurch ist es auch leichter der potentiell größeren Diversität der digital Zuhörenden zu begegnen.

  1. Die digitale Verkündigung wird auch die analoge Verkündigung verändern

Die besonderen Anforderungen an die digitale Verkündigung erfordern neue Ideen für die Gestaltung von Verkündigung. Dadurch werden auch neue und kreative Formen von analoger Verkündigung entstehen zur Stärkung des physischen Austausches.


1 Digitale Verkündigung per Videokonferenz in einer geschlossenen Gruppe bildet hier eine Ausnahme

2 https://www.cluetrain.com/auf-deutsch.htmln

Comments
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Hella Blum: Ist es vielleicht nicht so: Die Zielgruppe “sucht” sich das Video, den Livestream als das für sie geeignete Angebot - nicht der Anbieter, die Anbieterin bestimmt (im Vorfeld) allein die Zielgruppe, obwohl durchaus bei der Entwicklung Zielgruppen “mitgedacht” werden können. Community wächst dem Angebot auf diese Weise zu und gibt im Dialog wiederum Impulse zur Weiterentwicklung. Durch diese Interaktion entsteht dann Gemeinschaft. Die Frage wäre dann: Welche Merkmale müsste ein solches Angebot zu Beginn haben?
Thomas Renkert: Ich würde sagen, dass nicht nur “Erwartungen berücksichtigt” werden müssen, sondern die Chancen digitalen Austauschs müssen aktiv ergriffen und befördert werden. Reziprozität und Partizipation stellen sich leider nicht von selbst und automatisch ein, sondern müssen bewusst verwirklicht werden. Dann aber könnte es sein, dass das Konzept von Verkündigung noch einmal theologisch neu zu denken ist.