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Was machen Sie an Karfreitag?

Published onApr 07, 2020
Was machen Sie an Karfreitag?

Herr Binsch, Frau Schäfer, was machen Sie dieses Jahr am Karfreitag?

Florian Binsch: Gerade entsteht hier in Mannheim mit jungen Erwachsenen die interaktive Online-Besinnung „Ankerzeit“ auf der Plattform Zoom. Nach den ersten Erfahrungen damit werde ich auch an Karfreitag online gehen; zu diesem Anlass bewusst weniger interaktiv als sonst, da technische Schwierigkeiten schnell die angestrebte Besinnung überlagern können. Für diesen Zweck kommen für mich zunächst Plattformen wie Instagram und Facebook in Frage. Das Konzept der „Ankerstelle“ ist so angelegt, dass prinzipiell überall vor Anker gegangen werden kann. Ich biete eine Online-Besinnung mit Gitarreneinlagen, Gebet, Bildbetrachtung einer modernen Darstellung der Kreuzigung, Stille und Segen. Mit dem Ende der Andacht ermuntere ich dazu alle technischen Geräte auszuschalten und eine Kerze anzuzünden. Die viralen Kommunikationswege kappen, zur selben Zeit mit anderen Menschen innehalten, ungewohnt verbunden im flackernden Kerzenlicht.     

Sophia Schäfer: An diesem Tag werde ich nicht arbeiten.  Für mich ist das ein Feiertag, Home-Office hin oder her. Mir ist es zunächst wichtig, mit meiner Familie und meinen Freund*innen zu telefonieren und eine gute Zeit mit meinem Partner zu verbringen, etwas Gutes zu essen zu kochen und viele Ruhezeiten einzuplanen. Ich werde dann wahrscheinlich einerseits viel online sein, geistliche Angebote wie Video-Andachten, Live-Konzerte und vielleicht einen Gottesdienst wahrnehmen, aber auch versuchen, Kolleg*innen in der Umsetzung zu unterstützen. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin ist kirchliches Engagement wieder zur Privatsache geworden. Ich verspüre im Augenblick ein großes Bedürfnis, mich am Diskurs zu beteiligen und etwas Sinnvolles beizutragen. Gleichzeitig habe ich keinen Drang, noch ein weiteres zu den vielen tollen Onlineangeboten hinzuzufügen. Ich bin sicher, dass ich etwas Schönes finden werde auf Facebook, der EKD-Seite, dem Gemeindebrief meiner Kirchengemeinde oder den Fernseh- und Rundfunkandachten.

Karfreitag im Zeichen der Corona-Krise – was bedeutet das theologisch?

Sophia Schäfer: Da gibt es einen ganzen Blumenstrauß an Bedeutungen. Man könnte zum Beispiel analog zur unterschiedlich ausdeutbaren Opfertheologie über die Bedeutung des Todes vieler Opfer dieser Krise nachdenken. So ließe sich zum einen die Frage stellen, wer in dieser Krise die Opfer sind (und warum) und zum anderen wer sich zur Zeit selbst (auf-)opfert. Ich denke zum Beispiel an den italienischen Priester, der sein Beatmungsgerät an andere abgab und starb. Wie ist sein Handeln theologisch in diesem Licht zu deuten? Die englische Unterscheidung von „victim“ und „sacrifice“ ist in der theologischen Debatte bereits an früherer Stelle aufgekommen – heute wird sie neu brisant. Der Priester bringt mich zurück zu Jesus Christus am Kreuz. Dorothee Sölle interpretiert den Kreuzestod Jesu nicht als Geschehen, in dem Gott seinen Sohn opfert, sondern in dem ein Mensch dem Neid, der Ohnmacht und dem Hass anderer zum Opfer fällt. Bei Corona sterben jeden Tag tausende Unschuldige. Viele Länder sind mit überlasteten Systemen unfähig, alle zu retten. Einzelne Menschen sind nicht in der Lage, sich und andere ausreichend zu schützen. Wieder andere wissen nicht wohin mit sich und ihren Gefühlen. Die Verantwortung wird auf uns individuell zurückgeworfen. Wir müssen gemeinsam schauen, dass es nun keine Verteilungskriege um Ressourcen geben wird. Mangel auszuhalten ist für uns nicht nur eine auferlegte Fasten-Diät, eine „Form der Selbstsuggestion“ (Achim Plagentz), sondern kann als Nachfolge und Mitfühlen gedeutet werden: mit Leidenden, mit Sterbenden, mit Jesus am Kreuz. Aber schließlich haben wir mit Jesu Auferstehung Hoffnung darauf, dass der Zustand des Leides, Mangels und Todes nicht von Dauer sein wird: Ostern kommt.

Denken wir auf der anderen Seite an die Aufopferung und Hingabe der Ärzt*innen und des Krankenhauspersonals, wird die große ethische Debatte der Triage-Problematik wichtig: wer wird gerettet und wer nicht? Wer hat ein größeres Recht auf Leben? Wer darf und muss das entscheiden? Theologisch-ethisch verantwortlich zu argumentieren könnte hier heißen: Vor Gott gibt es grundsätzlich kein schützenswerteres oder wertvolleres Menschenleben als ein anderes. Damit schließe ich mich der deutschen Ethik-Kommission an, die als Priorität die Aussicht auf Heilung wählt: Gerettet wird im Fall einer Konkurrenzsituation, wer die höheren Chancen zur Genesung hat. Dann fällt die Entscheidung möglicherweise zugunsten der 70jährige Bauer auf dem Hof mit drei Generationen und gegen die 25jährigen Krebskranke, deren Immunsystem es nicht allein schafft zu überleben. Ja, vor dieser grausamen Realität könnten wir bald stehen. Die WHO argumentiert dagegen eher mit der Länge des Lebens und dem Erreichen von Lebenszielen, Alte werden also als „lebenssatt“ angesehen und sind im Zweifelsfall zu benachteiligen. Biblisch-theologisch halte ich das im Nachklang der alttestamentlichen Vätererzählungen (z.B. Gen 25,8) für möglich, aber aktuell schwieriger zu rechtfertigen. Es sollte keinen Druck auf alte oder schwache Menschen geben, sich zu opfern.

Florian Binsch: Mir scheint sich im Zeichen der Corona-Krise von vielen Seiten die Schuldfrage aufzudrängen. Zum Beispiel die Suche nach Patient Null und rassistische Ausgrenzung und Diffamierung aller, die mit ihm bzw. ihr in Verbindung gebracht werden. Da wird mitunter das Corona-Virus selbst kurzerhand als „ausländisch“ definiert. Schuld wird dem Staat, oder womöglich einem selbst zugeschoben, weil zu Viele, oder nicht genug Vorkehrungen getroffen wurden. Verschwörungstheorien bekommen Aufwind, wonach all das von einigen wenigen geplant und gesteuert werde, oder es gar die Strafe Gottes für eine Kollektivschuld der Menschheit sei. All diese Zuweisung von Schuld macht zugleich bewusst, dass alles mit einander zusammenhängt und es doch auch komplexe Eigendynamiken gibt, die eindeutige Feststellung von Schuld unmöglich machen. Wie bekommen wir all das zusammen? Ich begreife Krankheit und Krise nicht als Strafe Gottes, sondern als Umstand des Lebens: Zu erfahren, dass Leben zerbrechlich ist, führt uns immer wieder schmerzlich vor Augen, wie unendlich wertvoll und schutzbedürftig es zugleich ist. Die Corona-Krise stellt die ersehnt kontrollierbare Ordnung des Lebens in Frage. Und wenn das eigene Weltgefüge aus den Fugen gerät, hilft es, jemandem die Schuld dafür zu geben: sich selbst, anderen, oder Gott. Durch die eigenmächtige Zuweisung der ursächlichen Schuld wird subjektiv neue Kontrolle über die Situation erlangt. Die Welt erscheint neu geordnet, wenn auch nicht in Ordnung. Das ist eine zutiefst menschliche Dynamik heute, wie auch zu Zeiten Jesu: Mit der Umkehrung von Himmel und Erde - der anbrechenden Wirklichkeit Gottes auf Erden - stellte Jesus ebenso die allgemeine Ordnung auf den Kopf. Dafür wurde er - gewollt oder ungewollt - zum Sündenbock und musste sterben. Das Kreuz als Zumutung und hässlicher Spiegel, zu was Menschen fähig sind. Jesus erfuhr die volle Härte menschlicher Verunsicherung: Zunächst äußerte sich diese in Anschuldigungen und spitzte sich weiter zu bis zur Verurteilung. Er reagierte jedoch nicht mit Selbstbehauptung, sondern mit Liebe. Eine Liebe, die größer war und ist als er selbst. Eine Liebe, die bis in den Tod und darüber hinaus trägt, vergibt und den ewigen Kreislauf von Schuldzuweisung und Selbstbehauptung durchkreuzt. Jesu selbstlose Hingabe erlöst uns von unserem Kontrollzwang. Aus dieser Liebe in hingebender Haltung zu leben umfängt und vollendet unser fragmentarisches menschliches Wesen. Durch die Corona-Krise bricht menschliche Ordnung in Fragen der Schuld auf – in Jesu Tod scheint göttliche Ordnung in hingebender Lebenshaltung hindurch. 

Und ganz praktisch? Wie geht parochiale Kirche ohne Kontakt und Versammlung?

Florian Binsch: In der Perspektive digital vernetzter Kirche ist die Parochie ohnehin entgrenzt. Kontakt im Sinne von Kommunikation und Versammlung im virtuellen Raum von zwei, oder drei in Jesu Namen ist weit über die organisatorischen Grenzen parochialer Kirche möglich. Und doch treffen sich auch online erstmal diejenigen, die sich bereits kennen. Die Kirche kann unter den vorgegebenen Sicherheitsmaßnahmen geöffnet werden und Anlaufpunkt sein für ein Gespräch, ein Moment der Stille, die Weite des Raumes wirken lassen. Und besonders lebt parochial die Gemeinde als Solidargemeinschaft neu auf. Indem kurzerhand eine Alltagshilfe zum Einkaufen, Gassi gehen, oder einfach mal Zuhören organisiert wird. Das geht mit verantwortungsvollem Kontakt und es wird deutlich, dass der Mensch nicht allein von Brot lebt. So zum Beispiel die Mannheimer Initiative Brot & Mehr, wie auch viele dezentrale Netzwerke über die Pfarrämter. Für ältere Menschen werden mitunter kleine Andachten auf den AB gesprochen, sodass diese einfach per Anruf abgehört werden können. Andere hängen an Wäscheleinen kleine Andachten auf - zum Beispiel mit Kerzen und Teebeuteln - oder Bilder und Gebete zum Mitnehmen.

Sophia Schäfer: Parochie bedeutet für mich Nähe, Ansprechbarkeit, Verbundenheit und Erreichbarkeit. Im Normalfall schließt dies ein, sich leicht und schnell physisch begegnen zu können. Wichtig ist jetzt aber eher das Zusammengehörigkeitsgefühl vor Ort. Parochiale Angebote können also auch persönliche, medial organisierte Begegnungen sein. Doch auch physisch ist viel möglich: sichtbare und spürbare Angebote können in den Straßen, Bäumen und Gebäuden der jeweiligen Gemeinde zu finden sein. Eine Kollegin von mir zum Beispiel will an verschiedenen Stellen in ihrem Gemeindegebiet Osterlichter aufstellen, also Kerzen zum entdecken, anzünden und mitnehmen. Eine andere Pfarrerin hat über Wochen im öffentlichen Raum verschiedene Stationen zum Entdecken und Selbst-Erleben installiert, genauer an Brücken und Orten des Neckarufers. Manche davon funktionieren wiederum vor Ort über das Smartphone online. Der Mix aus Online- und Offlineangeboten schafft in diesen Tagen neue Zusammengehörigkeit. So können alle Generationen teilhaben und verschiedene Kanäle nutzen, mit allen Sinnen etwas mit Sinn erfahren und sich austauschen.

Haben Sie einen konkreten Vorschlag: Wie können Pfarrerinnen und Pfarrer in ihren Gemeinden den Karfreitag gestalten?

Florian Binsch: Wir erleben gerade einen ungeahnten Schub kirchlicher Digitalisierung. Die Herausforderung besteht darin, von bestehenden Angeboten zu wissen und diese zugänglich zu machen. Wie erfahren Menschen also davon, welche technischen Voraussetzungen stellen eine Hürde dar? Da muss nun nicht jeder und jede zum digitalen Pionier werden und einen YouTube-Kanal eröffnen. Und doch rückt die Dimension des Digitalen als mediale Öffentlichkeit in den Blick. Wem selbst das Know-how fehlt, holt sich engagierte Menschen ins Boot. Anhand der Hürden digitaler Kommunikation erfahren analoge Wege eine neue Wertigkeit. Die Gemeinde kann zu Ostern mit einer schön gestalteten Karte per Post erreicht werden; eventuell je zugeschnitten auf die verschiedenen Altersspannen. Vielleicht steht darin eine Ermutigung an Karfreitag selbst die Bibel bei Lukas 23,32-49 aufzuschlagen. Wenn wir das Priestertum aller Gläubigen ernst nehmen, dann müssen Pfarrerinnen und Pfarrer auch nicht immer alles ausgestalten. Ein kleiner Impuls, eine verlässliche Telefonnummer für Nachfragen und Redebedürfnis - das ist schon viel.  

Sophia Schäfer: Wäre es nicht mal eine tolle Chance, Karfreitag für die eigene Spiritualität zu nutzen? Sich nicht wie jedes Jahr den Kopf über die Liturgie, die Frage der Stimmigkeit des Abendmahls an diesem Tag, der besten Darstellung der Kreuzigung oder dem berührendsten Lied aus dem Gesangbuch zu machen – sondern in sich zu gehen und diesem Tag selbst nachzuspüren? Vielleicht ist dieser Karfreitag in diesem Sinne ein Geschenk an alle Pfarrer*innen, die sich nach Ruhe und Besinnlichkeit sehnen. Man könnte an dem Tag für die Gemeinde etwas verlinken und/oder zugänglich machen, was man selbst vorher aufgezeichnet hat und dann den Tag für die eigene Spiritualität nutzen. Alternativ kann ich mir auch einen Tag der besonderen Erreichbarkeit gut vorstellen – ein Tag für Gespräche über Jesus, Tod, Gerechtigkeit, Sünde oder was Menschen eben noch so besprechen und erzählen möchten. Dabei halte ich alle Formen und Aufrufe zur physischen Begegnung für gefährlich und schwierig. Wichtig ist, dass Menschen miteinander verbunden sind und von ihrer Kirchengemeinde angesprochen und gehört werden. Dazu gehören zunächst die Telefonseelsorge, Bereitstellung und Bewerbung von Plattformen, Verabredungen im Chat, ausführlichere Gemeindebriefe, sowie Anrufe an Alte, Kranke, Einsame und Überforderte.

Wie können Christinnen und Christen den Karfreitag zuhause / in Isolation / ohne physische Gemeinde gestalten?

Sophia Schäfer: Da sehe ich drei wichtige Punkte: Etwas tun, nachdenken und sich austauschen. Ich würde vorschlagen, einen anderen Tagesrhythmus auszuprobieren, um die Besonderheit dieses Tages hervorzuheben. Dazu gehört zum Beispiel, die Todesstunde Jesu – weitläufig als 15 Uhr bekannt, wenn auch historisch nicht gesichert – hervorzuheben und zu gestalten. Wie wäre es, an diesem Tag schwarz zu tragen, um die Trauer über den Tod eines Unschuldigen zum Ausdruck zu bringen? Eine Kerze anzünden, eine besondere Musik anmachen, ein geistliches Angebot zu dieser Zeit wahrnehmen oder einen Brief schreiben sind nur einige Möglichkeiten der Gestaltung. Auch wäre es denkbar, einen Chat für die Zeit unmittelbar danach zu besuchen, in der sich die Menschen über ihr Verständnis des Kreuzestodes Jesu Christi austauschen können. Das kann man auch in der eigenen Gemeinde anregen. Die Isolation löst in vielen von uns ein gesteigertes Gesprächsbedürfnis, aber auch Interesse an bedeutenden Fragen aus. Treten Sie mit Menschen in Kontakt. Es sollte an diesem Tag keine*r allein bleiben müssen, der/die es nicht sein will.

Florian Binsch: An sich gibt es inzwischen ja viele Möglichkeiten sich per Fernseher oder Computer an Karfreitag als Gemeinde zu verbinden. Wer das nicht möchte, kann sich eine Kerze anzünden, in der Bibel lesen und die Worte in der Stille nachklingen lassen. Die Stille kann vielleicht sogar so lange ausgehalten werden, bis sich die Gedanken sortiert haben, um diese dann in einem stillen Gebet an Gott zu richten. Manchen hilft es drängende Gedanken aufzuschreiben und dann wieder in die Stille zu gehen. Wem die konkrete Gemeinde schmerzlich fehlt, mag im Bild der weltweiten Gemeinde Trost finden – zum Beispiel mit dem Bildwort von Paulus: ein Leib und viele Glieder (1.Korinther 12). Ich meine, es ist für Christinnen und Christen nicht nur eine Frage des eigenen Gestaltens, sondern vielmehr ein Bewusst-Werden über die eigene menschliche Gestalt: Teil einer weltweiten Gemeinschaft zu sein, die sich gerade in der Besinnung auf Jesu Tod als ein fragmentarisches Ganzes erfährt. An Jesu Tod bricht die Zerbrechlichkeit des Lebens auf – in ihm bündelt sich die Angst aus allem herauszufallen, wie auch der Mut im großen Ganzen aufgehoben zu sein.  

Was lehrt uns die Corona-Situation hinsichtlich der Infragestellung des Sonntags-/Festgottesdienstes als des selbstverständlichen Zentrums der Gemeinde?

Florian Binsch: Bis vor kurzem wäre das Aussetzen der sonntäglichen Gottesdienste, wie auch viele andere Einschränkungen des alltäglichen Lebens, nicht denkbar gewesen. Doch war der Sonntagsgottesdienst schon vor der Corona-Krise als selbstverständliches Zentrum in Frage gestellt. So hatten jedenfalls die Differenzierungen der Sinus-Milieustudien längst den blinden Fleck binnenkirchlichen Selbstverständnisses offengelegt. Der Sonntagsgottesdienst ist für manche nach wie vor – oder gerade jetzt online – das Zentrum der Gemeinde. Für andere zentriert sich die Gemeinde in solidarischen, wie auch spirituellen Erfahrungen im Alltag und seinen Brüchen. Die Corona-Situation ist eine Unterbrechung des Alltags, wie sie volkskirchlich kaum flächendeckender und umfassender sein könnte. Also eigentlich höchst fruchtbarer Boden, um Gottesdienst als Lebensform viel weiter zu fassen: Eine hingebende Lebenshaltung, die im Gegenüber zu Gott und Mitmenschen den Alltag transformiert. Ein höchst produktiver Prozess, worin sich das Verständnis von Gemeinde neu zentriert. Bei aller Verunsicherung und Herausforderung erlebe ich in dieser Situation einen sehr lebendigen Geist von Solidarität und Spiritualität, der eben nicht nur im Sonntagsgottesdienst weht.

Sophia Schäfer: Hierauf eine Antwort zu wagen, ist für mich wohl noch zu früh. Die Krise hat gerade erst richtig angefangen, da kann man sie nicht schon auswerten. Wir beobachten gerade verschiedene Trends: die einen haben aufgrund der Unsicherheiten ein gesteigertes Bedürfnis nach Struktur, Regelmäßigkeiten und Verlässlichkeit, z.B. nach dem Sonntagsgottesdienst. Andere werden im Aussetzen der Systeme („Institutionen“) kreativ und überprüfen ihren Sinn, ihre Angemessenheit und suchen nach neuen, zeitgenössischeren Formen. Sichtbar wird dies in den verschiedenen Formen der Online-Angebote, die wir gerade an vielen Stellen abrufen können. Warten wir noch eine Weile mit der Auswertung und beobachten erst einmal gründlich. Als empirische Religionsforscherin halte ich es übrigens aktuell für sinnvoll und spannend, Fotos, Aufnahmen und Notizen zu machen, Tagebuch zu führen und in einer anderen Zeit wieder drauf schauen.


Florian Binsch ist Pfarrer für Studierende (ESG) und Young Urbans in der Citygemeinde Hafen-Konkordien Mannheim und hat einen TEDx-Talk über religiöse Begegnungen im digitalen Zeitalter veröffentlicht.

Sophia Schäfer ist evangelische Theologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Tübingen und promoviert an der HU Berlin über religiöse Rede und religiöse Autorität als soziale Ressourcen.

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