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Regulierung I (interner Versuch)

Published onSep 21, 2022
Regulierung I (interner Versuch)
·

Regulierung.

Zwischen Kreativität und Schöpfung II

As the state of the art stands, one can either be decidedly sloppy about such mathematical niceties and even pretend that position states and momentum states are actually states, or else spend the whole time insisting on getting the mathematics right, in which case there is a contrasting danger of getting trapped in a ,rigour mortis’. I am doing my best to steer a middle path, but I am not at all sure what the correct answer is for making progress in the subject!

Roger Penrose, The Road to Reality, zit. Anm. 4, 541f.

Inhaltsverzeichnis

I. Einstieg als Anfang

1. Regulierung und Regel

2. Regulierung als soziale Regelung

3. Gerechte Regulierung?

II. Regulierung bisher

1. Schriftregulierung

2. Regulierung durch sakralisierte Gerechtigkeit

3. Buchregulierung

4. Regulierung durch säkularisierte Verantwortung

III. Regulierung heute

1. Regulierung im Alltag

2. Staatliche Regulierung

3. Institutionelle Regulierung

4. Regulierung durch institutionalisierte Reflexion

IV. Regulierungsbeispiel Nanotechnologie

1. Nano-Regulierung durch Definition

2. Das Nano-Risikoprofil

3. Nano-Regulierungstypen

4. Nano-Regulierungsverfahren

V. Nachhaltige Regulierung

1. Das Nachhaltigkeitsprinzip

2. Das Partizipationsprinzip

3. Das Autonomieprinzip

4. Regulierung als Integrierte Innovation

VI. Zum Ausstieg: ein Abschied

I. Einstieg als Anfang

Als Anfang erinnere ich einen Blick über den unaufgeräumten Schreibtisch: die Steuererklärung war fällig, Garantiescheine, die ich ausfüllen, Kaufverträge im Internet, die ich zur Kenntnis nehmen sollte, wo ich schon den lebenswichtigen Medikamenten-Beipackzettel nicht geschafft hatte. Die Zeitung berichtete, dass unverständliche Auslagen in Buchdicke zum Regulierungsversagen bei Stuttgart 21 und ähnlichen Großprojekten beigetragen hatten und jetzt beitragen zum Politikversagen. Und dann lag da noch immer ein EU-Drittmittelantrag. Von der Wiege bis zur Bahre: Formulare, Formulare. Irgendwann kamen Zahlen hinzu: „Der Deutsche muss sein Leben einrichten zwischen 1660 Bundesgesetzen mit 163 290 Vorschriften und 2661 Rechtsverordnungen mit insgesamt 83 654 Vorschriften. Dazu: 3756 europäische Verordnungen und 901 Richtlinien.“1

Das zeigt: Unser Leben ist reguliert von Anfang an, ohne dass es dadurch notwendig besser geregelt ist oder wir etwas besser geregelt kriegen. Im Ursprung der Tischsitten vermutet Claude Lévi-Strauss den Übergang des nackten Menschen von der Natur zur Kultur.2 Und was wir noch heute als junge Wilde bei Tisch und in der Schule als lästig, mühsam und mitunter schmerzhaft erleiden, um erwachsen zu werden und mitreden zu können, das setzt sich im ‚Übermut der Ämter‘ fort: in jenem institutionellen Druck, mit dem die Gesellschaft durch Regulierung Kooperation oder jedenfalls Compliance erzwingt – eine Akzeptanz von Regeln, die wir wie Shakespeares Hamlet oft als ungerechtfertigte Einschränkung unserer Handlungsfreiheit empfinden, die das Leben vergällt.

Einerseits. Andererseits funktioniert kein Spiel ohne Regeln. Kinder geben sie sich selbst, erklären sie anderen, bestrafen Verstöße. Wir empfinden es als ungehörig oder unfair, wenn andere sich nicht an ungeschriebene Regeln halten, als ungerecht, wenn ungeahndet gegen gesetzte Regeln verstoßen werden kann. Wenn neue Tatbestände das Zusammenleben beeinträchtigen, fordern wir Regulierung ein als Setzung gerechter Rechtsregeln. Wir überwachen deren unkorrumpierte Einhaltung und erwarten eine angemessene Sanktionierung bei Verstößen. Als Bürger versuchen wir, veraltete Regelwerke und unangemessen Geregeltes zu verändern: wir wollen Regulierung mitgestalten, weil wir sie letztlich doch für eine unentbehrliche Voraussetzung guten Lebens halten.

Aber wovon reden wir da eigentlich? Ob wir das Zusammenspiel gestaltbildender natürlicher Kräfte beobachten oder ob wir beobachten, wie Kommunikation funktioniert, wann Zusammenarbeit glückt, wie Neues sich gestaltet und wo es sich bewährt: überall sehen wir Regeln am Werk. Das wirklich Ungeregelte bringt lediglich mehr Chaos hervor, neue Ordnung ersteht nur scheinbar zufällig. Je mehr wir wissen, je besser wir Zusammenhänge verstehen, umso deutlicher offenbaren sich Umwelt wie Mitwelt als etwas irgendwie Geregeltes.

Für mich als Theologe, der sich als Wissenschaftler und Universitätslehrer, Institutsdirektor und Geschäftsführer bewähren musste, der sich als Moderator und Mediator, Coach und Therapeut, Trainer und Ausbilder in der Praxis herumtriebt, ist das, woran ich mich orientiere, geregelte Kreativität. Nach meinem Wissen als Sozialethiker wie nach meiner Überzeugung als sozial engagierter Christ besteht ein Zusammenhang zwischen Innovation und Regulierung. Wiederholte Beobachtungen und gewachsene Erfahrung sagen mir: das eine versteht man nicht und es geht nicht gut ohne das andere.

Ich sitze jetzt schreibend an meinem Computer, weil mich fasziniert, wie Künstler und Erfinder das Neue hervorbringen, das sich uns anderen so schwer entringt. Aber auch, weil mich wie andere dessen unsachgemäße und ungerechte Regulierung regelmäßig nervt. Ich ärgere mich über ‚die Politik‘ und über Politiker, denen dabei die klar vor Augen liegende gute Lösung wieder mal misslingt. Als Wissenschaftler, der sich mit kreativen Prozessen in unterschiedlichen Kontexten beschäftigt, und als Berater, der deren schwierige Umsetzung in Organisationen kennt, weiß ich, dass schon die Gestaltung des Neuen ein Regelungsverfahren ist und Regelsetzung als institutionelle Regulierung erfordert. Manchmal führen uns sogar diese Regeln selbst: ihr subjektiver Entwurf und ihre Sozialgestalt auf einem Umweg ins kreative Zentrum des Neuen. Dann ersetzt die aufmerksame Betrachtung der Regulierung das Anwendungsstudium kreativer Prinzipien. Wir sind Kreative, die sich immer wieder selbst Fesseln anlegen – noch ehe wir so wirksam werden, dass uns andere an die Leine legen sollten.

Wenn jener Zusammenhang zwischen Innovation und Regulierung verstanden ist, gelingt beides besser – oder jedenfalls lässt sich besser beurteilen, was richtige oder gute, was falsche oder schlechte Regulierungen sind: wie geregelt werden soll und wie nicht reguliert werden kann. Regulierung setzt die Organisation von Kreativität fort, wenn das Erfundene sich als Innovation gesellschaftlich bewähren muss, aber sie hilft schon bei dessen Organisation in Unternehmen. Als dunkle Seite der Innovation wird Regulierung zum Hintergrund guter Politik und zur Ausdrucksgestalt einer Ethik, die als Sozialethik praktisch wird. Politik und Sozialethik können sich wechselseitig entlasten, wenn sie Innovationen fördern, in denen eine sich selbst Regeln setzende Kreativität wie von selbst zu sich selbst findet. Ich glaube sogar eine Formel gefunden zu haben, die hier wie dort gilt. Aber gerade weil ich einem machtvollen und tief angelegtem Algorithmus auf der Spur bin, der sich in vielen Zusammenhängen immer wieder neu entfaltet und bewährt, bin ich mir meiner Unzulänglichkeiten und Fehler bei dessen Interpretation und Anwendung wohl bewusst. Und ich weiß, dass es bei Innovationen letztlich um Kunst, Glück und Gnade, nicht um Wissenschaft geht. Und ja: im Gelingen und im Scheitern geht es um Ethik.

Ich bin jenem Formelzusammenhang bereits in meinem Innovationsbuch nachgegangen, das denselben Untertitel trägt wie dieser Band: „Zwischen Kreativität und Schöpfung“.3 Das Regulierungsbuch kann für sich gelesen werden. Es kann aber auch trotz unvermeidlicher Überschneidungen als Fortsetzung des Innovationsbuches gelesen werden oder gerade wegen dieser Überschneidungen als dessen Gegenstück: als Pendant, das ein notwendiges Gleichgewicht herstellt zwischen dem, was ein Prophet und dem, was ein Priester zu tun hat, damit eine Gemeinschaft im Einklang mit sich selbst ihre gegenwärtigen und zukünftigen Aufgaben bewältigt. Wenn man Innovation integrieren will, muss man im lebendigen Kontakt mit der Tradition einer Gemeinschaft bleiben – man muss allerdings auch Genaueres über Regulierungen wissen, denn die haben ihre Eigengesetzlichkeit. Als notwendige Voraussetzung guten Lebens fordern Regulierungen unsere Kreativität erneut und doch anders heraus als Innovationen – wenn sie sich nicht wie von selbst als wirksam erweisen als deren mitgestaltete Innenseite. Darauf wollte das Innovationsbuch hinaus. Und schließlich, das wird sich in diesem Band erneut zeigen, ist die Einsicht in jene gebrochene Symmetrie als formaler Zusammenhang von Innovation und Regulierung innerhalb eines kreativen Prozesses eine Mindestbedingung für jegliche Theoriebildung des Sozialen, die irgendwie auf der „Road to Reality“ bleiben will.4

In gewisser Hinsicht war das immer schon so: Regulierungen, als solche Gegenstand dieses Einleitungsteils I, sind gesellschaftliche Orientierungsmuster, die alle heutigen Traditionsgemeinschaften im Wechsel der Leitmedien geprägt haben. Wir verstehen die Funktionsweise unserer am Anfang einer neuen Epoche vorwiegend elektronisch reproduzierten Traditionsmuster besser, wenn wir verstehen, wie zuvor mit dem Übergang von geschriebenen zu gedruckten Regulierungsmustern sakralisierte Gerechtigkeit als Regulierungsprinzip durch säkularisierte Verantwortung abgelöst wurde (Regulierung bisher, Teil II). Regulierung heute (Teil III) ermöglicht in exemplarischen Einblicken einen Überblick der vielfältigen individuellen, kollektiven und institutionellen Regulierungsformen, die unseren Alltag bestimmen, nach denen unsere gesellschaftlichen Subsysteme, Staaten und Kulturen funktionieren und mit deren Hilfe Konflikte vermieden oder geregelt werden. Wie angesichts neuer gesellschaftlicher Herausforderungen das Zusammenspiel regulierungsbedürftiger und regulierender Aktivitäten funktioniert, betrachte ich genauer am Regulierungsbeispiel Nanotechnologie (Teil IV), ehe ich über Partizipation und Autonomie als Innovation integrierende Prinzipien nachhaltiger Regulierung spreche (Teil V). Ich kann so zusammenfassen, was durchgehend These und Thema ist: Regulierung zeigt ein Kontrastbild der Innovation, das deren Fortsetzung mit anderen Mitteln ermöglicht. Zum Ausstieg nutze ich einen Abschied (Teil VI): meine letzte Marburger Vorlesung.

Diese liegt nun schon einige Zeit zurück. Und ich habe in diesem Zwischenband auf Texte zurückgegriffen, die in damals noch aktuellen Arbeitskontexten entstanden sind. Inzwischen habe ich praktisch wie theoretisch kontinuierlich weitergearbeitet. Der dritte: integrierende und anwendungsbezogene Band ist fast fertig. Und ganz fertig ist das Manuskript eines App-Romans, der wie ein vierter Band gelesen werden kann. Ich werde dieses Manuskript nicht mehr in Ganzen aktualisieren: weder hinsichtlich der dargestellten Sachverhalte noch im Gender-Sprachgebrauch, noch bei der Ergänzung durch aktuelle Literatur zu Spezialthemen, die in den damaligen Projektkontexten berührt wurden. Das vertraue ich der Resonanz auf eine Vorveröffentlichung im Netz und möglichen Neuauflagen an. Denn ich bin davon überzeugt, dass die hier angesprochenden Regulierungsaspekte weiterhin aktuell und einige der hier vorgestellten Modelle unabhängig davon hilfreich bleiben werden.

In diesem Einleitungsteil entwickle ich ein Nachhaltigkeitsmodell, dessen konkrete Besetzung erfolgt im vorletzten Teil des Buches. Es funktioniert wissenschaftlich als Hypothesenmaschine und ist zugleich eminent praktisch, weil es in komplexen Situationen den Blick auf kritische Parameter lenkt: das Entscheidende, wenn nicht das Einzige, was man tun kann, um ‚kreativer‘ zu werden. Dazu muss man mit exemplarischen Besetzungen trainieren. Dass ich selbst dazu als Anwendungsfeld meine Kirche herangezogen habe, hat pragmatische Gründe und sollte daher nicht missverstanden werden: von diesem Praxisfeld verstehe ich am meisten. Glanzvoll hervorgetreten ist meine Traditionsgemeinschaft hier und da in der Neuzeit: in einer Epoche, daran wird wiederholt zu erinnern sein, die hinter uns liegt. Vorbildlich war sie ohnehin auch da eher in ihrer Selbstbeschränkung und in der Verarbeitung von Kränkungen und eigenem Versagen. In der Gegenwart repräsentiere ich in diesem Kontext einen in der Zunft eher erfolglosen Theologen, der allerdings meiner Überzeugung nach einer in Deutschland im Ganzen exemplarisch gescheiterten Theologengeneration angehört. Wir haben gemeinsam darin versagt, eine Volkskirche beim Überschreiten der Epochenschwelle neu zu orientieren. Dass beide Bände auch als Prolegomena jener Fundamentaltheologie gelesen werden können, auf die religiöse Traditionsgemeinschaften in Zukunft angewiesen sein werden, ist allerdings vorerst ebenfalls weniger wichtig. Das zu erwartende regionale Scheitern und die fällige Neuorientierung in globalen Kontexten werden alle überkommene nationale sowie alte und neue europäische Orientierungen in Frage stellen; sie werden nicht nur die Religion, sondern Kultur und Wirtschaft unserer Gesellschaft im Ganzen herausfordern. Der Exportweltmeister, der einst auch Kultur exportieren wollte („am deutschen Wesen…“), wird sich in einem Kontinent, auf einem Globus, in vielen Kulturen mit anderen wiederfinden und neu zu sich selbst finden müssen – wie eine ‚Kirche für andere‘, die zu einer ‚Kirche mit anderen‘ werden muss, um als Traditionsgemeinschaft bestehen zu können. In einem Kontext von Desorientierung und beginnender Umorientierung möchte ich zur Neuorientierung beitragen, indem ich schon auch in diesem zweiten Band immer wieder auf Zusammenhänge zwischen Innovation und Regulierung verweise. Eine Kreativität, die sich so entzündet, wird sich ihres Ursprungs vergewissern wollen.

Das geschieht aber nicht kontextlos und nicht ohne Perspektive. Der dritte Band Tiefe Innovation (Integral Innovation 4.0) wird davon ausgehen können, dass sich jene ‚Zauberformel‘, die ich in Band I im Kontext von Innovationsprozessen hergeleitet und angewandt habe, in vernetzten Zusammenhängen wie eine App bewährt. Indem sie zwischen Soll und Ist, Struktur- und Gestaltvorgaben vermittelt, stabilisiert sie in einem U-Prozess Orientierungsachsen über mehrere Ebenen hinweg. Wo individuelle und gesellschaftliche Selbstregulierung regelnde Regulierung vorwegnimmt, entfaltet sich die ‚Stärke schwacher Bindungen‘ durch alternative An- und Ausschlüsse. So erscheinen konkurrenzfähige Dienstleistungen und Produkte auf dem Markt und bewähren sich dort: selbst wenn es um Non-profit-Bereiche geht und selbst wenn das eine regelnd selbstregulierte Selbstvermarktung nicht ausschließt. Davon handelt auch Eunet, der App-Roman, als einführender Ergänzungsband.

Um nach diesem Einstieg in den ersten Teil dieses zweiten Bandes: des Regulierungsbuches wirklich anfangen zu können bedarf es einer Vorverständigung über die Definition von Regulierung und Regel und über ihr Verhältnis zueinander (1. Kapitel), über einen ersten Zugang zur vorherrschenden Praxis von Regulierung als sozialer Regelung (2. Kapitel) sowie über Kriterien guter als gerechter Regulierung (3. Kapitel). In diesen sich zuspitzenden Vorgriffen geht es nicht nur um theoretische Vorklärungen, sondern bereits um methodische Zugriffsmöglichkeiten auf die zu regulierenden Sachverhalte, um deren vertiefte Heuristik, und schließlich um ein vorausgreifendes Modell der Regulierungsversuche, die später ins Blickfeld geraten.

1. Regulierung und Regel

Regulierung beruht auf Regeln. Was aber sind Regeln? Sucht man nach Definitionen, findet man etwa bei Wikipedia zusammenfassende Darstellungen, aus denen sich vor allem ergibt, dass Regeln in vielen Kontexten begegnen und dass diese sich voneinander unterscheiden (1).5 Wenn wir uns hingegen fragen, was ihnen gemeinsam: was eigentlich eine Regel ist, erfahren wir ungewollt etwas über das notwendige Scheitern jeder Regulierung (2) und gleichzeitig – nur scheinbar paradox – über das vorläufige Gelingen aller Regulierungen, die sich auf Regelung beschränken (3). Die Geburt solcher Regelung aus dem Scheitern der Regulierung hat allerdings ihren Preis. In seltsamen Schleifen denunzieren Dritte Größen bloßes Regeln als Flucht in die Illusion der Kontrolle angesichts der Intuition des Neuen. Aber so sind wir: überall dabei (4). Es lohnt sich also, genauer hinzuschauen und weiter nachzudenken.

1. Regel-Definitionen

Regeln schreiben entweder vor, wie man sich im Straßenverkehr, in einer Gruppe oder Gemeinschaft verhalten soll. Oder sie sagen, was man bei der Arbeit, beim Sprechen und Schreiben tun muss, um bestimmten Standards zu genügen. Diese Standards können dann selbst ‚Regeln‘ heißen. Regeln, an die man sich in der Logik, in der Mathematik oder in den Naturwissenschaften hält, um zu Ergebnissen zu kommen, verweisen aber bereits auf eine wieder andere Bedeutungsnuance. ‚Regel‘ vertritt hier eigentlich eine durchgängige Gesetzmäßigkeit, der man in bestimmten Zusammenhängen nur durch reguliertes Handeln entsprechen kann. Wobei nun ein neues Missverständnis naheliegt. ‚Regel‘ kann auch für jenes (nur) Regelmäßige oder für das periodisch Wiederkehrende stehen, das sich gerade nicht in einer strengen Gesetzesregel fassen lässt.

Es empfiehlt sich also, verschiedene Geltungs- und Anwendungsbereiche zu unterscheiden, um wenigstens einen Überblick zu bekommen. Denn die Definition, eine Regel sei „eine aus bestimmten Regelmäßigkeiten abgeleitete, aus Erfahrungen und Erkenntnissen gewonnene, in Übereinkunft festgelegte, für einen bestimmten Bereich als verbindlich geltende Richtlinie“, verwirrt eher, als dass sie etwas klärt. Sie ist einerseits tautologisch – Regelmäßigkeiten wie Richtlinien können ja selbst ‚Regeln‘ heißen – andererseits überdeckt sie wichtige Unterscheidungen. Bei einer sozialen Konvention, die so oder anders sein könnte und die funktioniert, weil andere mitspielen, sind es Sanktionen, die einen auf den rechten Weg zurückführen. Bei mathematischen, naturwissenschaftlichen oder auch sozialen Gesetzmäßigkeiten übersieht man das Regelhafte im Objektbereich bei Strafe eines früher oder später offensichtlichen Irrtums. Spannend ist hingegen, dass Naturwissenschaftler sicher sind, Regeln zu entdecken. Techniker hingegen erfinden gelegentlich etwas Regelhaftes, das funktioniert. Wer gegen diese Konstruktionsregeln verstößt, irrt sich nicht, er scheitert. Während Mathematiker und auch Logiker wiederum endlos aber fruchtbar darüber streiten können, ob sie etwas, das bei ihnen als Konstruktionsregel funktioniert, entdeckt oder erfunden haben und was daraus für die Gültigkeit jener Zusammenhänge folgen soll, die sich aus solcher Regelanwendung ergeben. In jedem Falle sinnvoll bleibt die Unterscheidung zwischen methodischen Regeln, die man unterwegs befolgen muss, um ein Ziel zu erreichen, das man selbst frei gewählt hat, wie beim Backen und beim Nachvollziehen eines Beweises – und Regeln, die auch von anderen als verpflichtend angesehen werden: etwa im Straßenverkehr. Die in beiden Fällen verwendeten Sprachformen, die etwas befehlen oder verbieten, überdecken hier einen wichtigen Unterschied.

Es verwundert nicht, dass aus diesem Gemisch das Soziale als ein dritter Bereich aufsteigt, in dem Regeln zwischen Regelhaftem und Regelsetzung, Regelung und Geregeltem als ‚Regulierung‘ ein Eigenleben entfalten, ebenso wie deren Reflexion. Wir wissen aus der Philosophie- und Wissenschafts-, ja aus der Technikgeschichte, dass Entdeckungen wie Erfindungen es oft schwer hatten, sich durchzusetzen. Und das gilt auch für die Regulierung sozialer Sachverhalte. „Aus soziologischer Sicht spricht man häufig von der Reproduktion von Regeln oder Normen, die dadurch, dass sie befolgt werden immer weiterleben … Die Frage ist nur, wo Regeln herkommen beziehungsweise wer sie erlässt (und ob sie anerkannt werden).“ Die Wikipedia-Autoren verweisen dabei auf den Zusammenhang von Achtung und Regelbeachtung, den Jean Piaget für die Erziehung und Niklas Luhmann (in der Nachfolge einer alten angelsächsischen Tradition) für das soziale Zusammenleben aufgewiesen haben.

Jener Strukturalist und dieser Systemtheoretiker geben wichtige Hinweise, um zu verstehen, wie Ethik als Moral funktioniert. Aber damit ist eine Frage immer noch nicht beantwortet:

2. Was ist eigentlich eine Regel? oder Vom notwendigen Scheitern jeder Regulierung

Wenn wir die vielfältigen Sprachverwendungen von ‚Regel‘ überblicken und die sehr unterschiedlichen Sachverhalte, auf die sie sich beziehen, dann bleibt wenig Gemeinsames. Eine Regel, so können wir formulieren, ist eine allgemeine Aussage, die für besondere Sachverhalte gelten soll. Vor noch genauerem Nachdenken muss gewarnt werden. Wenn wir etwa feststellen, dass jede Regel komplexe Konstellationen als Bezugsgröße auch definiert und dann fragen, in welcher Hinsicht das geschieht oder in welcher Beziehung dann Regel und Gegebenheit stehen: was beide trennt und verbindet – dann führt uns das Nachdenken über Regeln bis in die weltanschaulichen Grundlagen jenes neuen Zeitalters, an dessen Anfang wir stehen. Wenn wir verstehen, auf welcher Grundlage man sich heute über Regeln verständigt, erschließt sich ein epochaler Zusammenhang, der unser Denken und Handeln bestimmt, ehe er durch weltweite Vernetzung und Kommunikation und durch globalisierte Produktion und Distribution zu neuen Ausdrucksformen findet.

Vielleicht begründen sich letztlich Singularität und Regel wechselseitig. Gültige Regeln jedenfalls sind durch andere Regeln begründet oder sie sind Axiome: Regeln, die begründend aufeinander und auf ihre Ableitungen verweisen können, weil sie für sich selbst sprechen. Am Anfang des neuen Denkens, hinter das wir heute nicht mehr zurückkönnen, stand die Krise jener neuzeitlichen Axiomatisierung der Erfahrung, die den weiter gespannten metaphysischen Rahmen des antiken und mittelalterlichen Weltbildes implodieren ließ. Sie grenzte in der unüberholten Interpretation Immanuel Kants das Metaphysische jedenfalls insofern aus (und damit zugleich ein), als dieses den Bereich möglicher Erfahrung zu transzendieren beanspruchte.6 Aber wie sich herausstellte, standen die Regeln, nach denen das evident wurde, ebenso unter rekonstruierbaren Vorbestimmungen wie das angeblich unbestimmte weil unbestimmbare ‚Ding an sich‘, auf das sie sich im neuen weltbildlichen Rahmen bezogen. Wenn man solche Regeln als ‚kategorischen Imperativ‘ zur Maxime des eigenen Handelns erklärt, entkoppelt man sie zwar von der Naturkausalität, aber damit öffnet sich noch kein ‚Reich der Freiheit‘, sondern Abgründe tun sich auf. Jene Krise neuzeitlichen Denkens bereitete sich dadurch vor, dass sich die naturwissenschaftlich entfaltete Vernunft ihrer eigenen Ursprünge bewusst wurde.

Der ‚unfreie Wille‘, von dem Martin Luther, die ‚Gründe des Herzens‘, von denen Blaise Pascal sprach, das ‚radikal Böse‘, von dem auch Kant wusste: das Ungeregelte und Unregulierbare der menschlichen Psyche konnte noch zusammen mit dem Zufälligen und allem bloß metaphysisch Begründeten aus dem Bereich der auf Gesetzmäßigkeit hin zu untersuchenden Gegenstände vernünftiger Erkenntnis weggeregelt werden. Es waren psychologisch, historisch oder ästhetisch interessante, allenfalls praktisch zu beachtende Größen. Aber schon das war nicht folgenlos und gibt uns eine Vorahnung davon, dass es eine notwendige Verbindung zwischen dem Funktionieren von Regulierungen und der Eigengesetzlichkeit von Regeln gibt, beziehungsweise dass das normale Funktionieren von Regeln etwas mit dem regelmäßigen Scheitern von Regulierung zu tun haben könnte – wenn solche Erkenntnis möglicherweise auch nur im Rückblick möglich ist, sobald man wieder glaubt, auf dem Grund neuer fester Regeln zu stehen. Michel Foucault hat gewissermaßen schon von außen: ‚postmodern‘ rekonstruiert, wie die geänderte „Ordnung der Dinge“ am Beginn der Neuzeit zu jener umfassenden Neuregulierung des Lebens führte, die in den neu organisierten Kliniken, Irren- und Zuchthäusern anschaulich wurde: wo sie neue Formen von Grausamkeiten erzeugte.7 Die Frankfurter Schule diagnostizierte eine „Dialektik der Aufklärung“, in der die neuzeitliche Vernunft die von Goya gezeichneten Ungeheuer wachend wie träumend produzierte. Sie brachte schließlich jene Logik der Lager hervor, die im streng geregelten Grauen von Auschwitz kulminierte. Schon Arthur Schopenhauer hatte festgestellt, dass die erkennbare „Welt als Wille und Vorstellung“ evolutionär in jenem universalen ‚Willen zum Leben‘ verankert war, der eigentlich der Regulierung bedarf, weil er sich sonst als jener ‚Wille zur Macht‘ Bahn bricht, den Friedrich Nietzsche proklamierte. Er versorgte eine bloß noch ‚instrumentelle Vernunft‘ wahlweise mit darwinistischen wie mit nationalistischen Begründungen, stellte sie in den Dienst kommunistischer wie faschistischer Ideologien. Und jedes Mal induzierten ausgrenzende Regeln massenhaft Schrecken, wo vorneuzeitlich Regulierung vor allem anlässlich von Regelverstößen durchgesetzt wurde: durch zwar exzessive, aber immer auch exemplarische und symbolische Bestrafung. Ihre metaphysische Begründung hatte offensichtlich einen potentiell totalitären Vernichtungswillen im Zaum gehalten.

Dennoch: die wirkliche Neuzeitkrise kam von innen. Bertrand Russell hatte in den zusammen mit Alfred Whitehead verfassten „Principia Mathematica“ versucht, die Mathematik vor den Widersprüchen klassischer Logik zu bewahren – ähnlich wie gleichzeitig die klassische Physik versuchte, ihre letzten Detailprobleme zu lösen.8 Das ambitionierteste Werk des vorigen Jahrhunderts, das den Abschluss der Neuzeit markierte und in seinem Scheitern den Übergang zu etwas Neuem ermöglichte, war ein Regelwerk. Nicht als Axiome einer Naturphilosophie, wie beim Vorgängerwerk Isaac Newtons, sondern als Axiome einer Sprachphilosophie entfalteten jene mathematischen Prinzipien eine ‚verzweigte Typentheorie‘, die vor allem paradoxe Konstruktionen ausschließen sollte, wie die Menge aller Mengen, von der unentscheidbar bleibt, ob sie sich selbst als Menge enthält oder nicht. So sollte eine Lehre möglicher gültiger Beweise entstehen, als Gegenstück zu Kants ‚empirischer Synthesis‘. Die letzte Bedingung aller möglichen Erkenntnis sollte sich ebenso einfach und klar zeigen wie die Gegebenheit des Faktischen.

Nun aber zeigt sich: Regeln, die sich in Axiomensystemen entfalten und dabei auf etwas beziehen: Regulierungen jeder Art erzeugen neuen Regulierungsbedarf. Der damals erst 25-jährige Kurt Gödel zeigte, dass die „Principia Mathematica“ schon im Ansatz scheiterten, indem er in einer Selbstanwendung des dort vorgestellten Verfahrens jedem Konstruktionssymbol eine Zahl zuordnete und die durch Konstruktionsregeln möglichen Konstellationen (zu denen nun auch die Regeln selbst gehörten) als Folge dieser Zahlen charakterisierte. Beim quasi zählenden Vergleich der so entstandenen Ordnungen stellte sich heraus, dass nun überall Zuordnungslücken im System entstanden waren, die durch einschränkende Konstruktionsregeln nicht geschlossen werden konnten, ohne dieses selbst zu zerstören.9 Das Axiomensystem der „Principia Mathematica“ war entweder unvollständig oder nicht widerspruchsfrei – oder beides: aber dann hatte man den Köder bereits geschluckt.

Was aussieht wie ein Spezialistenstreit am Rande des Absurden beweist immerhin, dass es zu jeder Regel eine Ausnahme gibt. Oder doch nicht? Immerhin soll diese eine charakterisierende Regel ja für alle Regeln gelten. Umgekehrt gilt allerdings: Wenn es diese eine Ausnahme gibt, dann gilt die Regel ja gar nicht. Wir hätten also mindestens eine Regel vor uns, die nur funktioniert, wenn man sie suspendiert, oder mindestens einen Fall, den man ungeregelt lassen muss, damit alles geregelt ist. Wenn wir allerdings, um dem Chaos zu wehren, jene Illusion der Übersichtlichkeit und Regulierbarkeit im Hintergrund als notwendig akzeptieren, dann sind wir immerhin doch auf Grundgegebenheiten gestoßen:

- Singularität und

- Regel,

die alles erzeugen und damit axiomatisch begründen könnten, was unsere gegebene Welt tatsächlich ausmacht:

- komplexe Mannigfaltigkeit und

- partielle Undurchschaubarkeit.

Damit ist allerdings auch klar, dass die Orientierung an und durch Regeln notwendig Unschärfen hat. Jede Regulierung hat Ränder und Lücken und erzeugt selbst neue, bisher unbekannte Ränder und Lücken sowie prinzipiell unüberschaubare Rückwirkungen. Unabhängig von Kompetenz und Intention: auch ohne dass Inkompetenz und Unmoral im Spiel sind, wird es in komplexen Systemen nicht erfasste Gegebenheiten und nicht intendierte Nebenfolgen orientierenden Handelns geben. Differenzen an den Nahtstellen zwischen beiden werden neue Unschärfen entstehen lassen, von denen sich einige nicht verlieren, sondern durch Überlagerung aufschaukeln werden, bis es zu systemischen Katastrophen und zu einem Regulierungsbedarf höherer Ordnung kommt. Das führt, wenn es gut geht, zu anderen Regelwerken, zu neuen Formen der Regulierung und zu neuen Regulierungsinstanzen. Allerdings auch zu neuen Formen ihres Scheiterns und zu einer vertieften Einsicht in die allgegenwärtige Porosität des jeweils Regulierten.

Denn das Verhältnis von Regeln und Regulierung gilt für das zu Regelnde selbst und für alles, was sich darauf bezieht. Nicht nur den Regulierenden entgehen als Regelsetzenden notwendig Sachverhalte, auf die sich ihre Intentionen richteten. Nicht nur den geregelt wie ungeregelt Tätigen zerbröselt das, was sie konstruieren, unter den Händen, wenn sie ihren Tätigkeitsbereich ins Große oder ins Kleine ausweiten und wenn sie selbst ihn selbst dabei immer noch lückenlos regeln oder fehlerlos abbilden wollen. Dasselbe gilt für alle, die den Bereich des Geregelten oder den der Regulierung im Ganzen kontrollieren oder die ihn nur beobachten wollen, wie wir es gerade tun. Blinde Flecken und unerreichbare Bereiche entstehen überall notwendig – allerdings nur zusammen mit jener regelorientierten oder Regeln setzenden Tätigkeit, die uns bisher überleben ließ. Es gibt also gute Gründe, auch das Gelingen in jenem Scheitern noch einmal genauer zu betrachten.

3. Die Geburt der Regelung aus dem Scheitern der Regulierung

Am Anfang der Philosophie stand und steht das Staunen darüber, dass es überhaupt etwas gibt und nicht vielmehr nichts. Aber es gibt ja mehr und vieles, was uns staunen, freilich auch erschrecken lässt. Wir orientieren uns innerhalb einer diffusen Komplexität, innerhalb derer wir erst einmal etwas als etwas Bestimmtes identifizieren müssen, um es von allem und dann von etwas anderen unterscheiden zu können. Das lässt auf eine Gleich­­­­ur­sprüng­lich­keit von Singularität und Regel schließen, an der wir uns im Alltag orientieren, noch ehe wir recht ans Nachdenken kommen. Unser gegenwärtiges Zeitalter ist jedoch auf Praxen und Evidenzen gegründet, die hier anders anknüpfen als das in der Neuzeit der Fall war, die diese Grundoperation als verstehende Unterscheidung von Figur und Hintergrund im hermeneutischen Zirkel interpretierte. Es ist Gödels verkettendes Verfahren, mit dem das Weltenschiff für unabsehbare Zeit an einem neuen Ufer vor Anker gegangen ist. Und er begleitet uns auch, wenn wir wieder einmal Neuland betreten: was gegenwärtig der Fall ist.

- Regulieren ist generativ

Die „Principia Mathematica“ sind eine Partitur, die Gödel spielbar machte. Allerdings um welchen Preis! Die einfachste Konstruktionsregel lautet in der Interpretation von Luhmanns Gewährsmann George Spencer-Brown: „Triff eine Unterscheidung!“10 Sie eröffnet zwar durch die Möglichkeit, entweder einfach wiederholt oder jedes Mal neu auf ihr Ergebnis angewendet zu werden, Kaskaden möglicher Welten mit immer neuen Konstellationen und Mannigfaltigkeiten. Die sind zwar prinzipiell abzählbar, aber wohinein geraten wir da? Wenn Gott wirklich die ganzen Zahlen gemacht hat: als letzten Hintergrund aller abzählenden Verfahren, dann hat er auch in Kauf genommen, dass wir uns mit ihnen nun hinkend und schielend durch einen Dschungel bewegen, in dem wir uns als denkend Handelnde immer wieder neu orientieren müssen.

Immerhin, es funktioniert. Es gab ja – wie jetzt die Null – hinter uns einen nichtbeliebigen Anfang, den Whitehead wie später Spencer-Brown als Urverzweigung interpretierte, die Gott in sich selbst vollzieht, indem er sich zur Schöpfung entschließt und mit der er sich ‚als Schöpfer offenbart‘. Gleichgültig, ob er das damit nun auch ganz und ein für alle Mal ist (und was ‚offenbaren‘ heißt) oder wie wir selbst den ‚Urknall‘ interpretieren: um uns herum gibt es neben der trivialen Alternative zwischen orientiertem Gehen und orientierendem Nachdenken noch die Aussicht, dass wir bei diesem Nachdenken nicht nur erneut (dann zwischen Nachdenken und Weitergehen) wählen können, sondern dass wir dabei Regelungsebenen erreichen, nach denen ringsumher alles läuft und auf denen auch alle anderen nachdenken. Vor uns ist dann alles möglich: auch dass sich uns am Ende die große Aussicht auf den Ursprung allen Unterscheidens wieder öffnet, als vor dem ersten „Bis hierhin und nicht weiter!“ gesagt wurde: „Es werde Licht!“

Denn unter diesem großen Bogen geht es nicht einfach nur Hin und Her, wandert der Blick nicht nur orientierend auf und ab, sondern wir kommen orientiert voran, weil es ein geregeltes Vor und Zurück gibt. Jene unterscheidende Grundoperation kann als Hin- und Herspringen zwischen dem verkettenden Neubenennen, das ein Syntagma bildet, und dem Paradigmen bildenden Abgleichen der Ergebnisse, die so entstehen, auch Syntagmen paradigmatisch identifizieren. Und das ist keine bloße Rechnerei, nur in sich plausible Spekulation geblieben. Die ‚Turingmaschine‘: Alan Turings Interpretation der Gödelisierung als Programmschritte einer denkbaren Universalmaschine, erinnert bis heute daran, dass jene durchgängige, aber asymmetrische Digitalisierung und die darauf gegründete Schleifenbildung zur Signatur unseres Zeitalters geworden sind.11

Diese rekursiven Operationen filtern nicht nur aus dem Anprall des chaotisch Vielfältigen das Geregelte als das potentiell Wahre heraus – sie bilden es gleichsam am Nullpunkt des Werdens immer wieder anders ab: als das wirklich Neue, das frisch wie am ersten Tag aus dem Chaos emporsteigt und sich dem Erkennen entgegenwirft. Wie Noam Chomsky gezeigt hat, lässt sich Sprachkompetenz nur so erklären: Wir erzeugen mit einer begrenzten Zahl von Regeln einer Grammatik aus dem jeweils als bekannt vorausgesetzten und damit ebenfalls begrenzten Wortschatz einer Sprachgemeinschaft eine selbst für kompetente Beobachter unvorhersagbar mannigfaltige Vielfalt ‚wohlgeformter‘ und prinzipiell verständlicher Äußerungen.12 Sie sind zwar nicht unbedingt wahr, aber als korrekt geregelt immerhin in gewisser Hinsicht richtig.

In Analogie zur Bildung von Lauten, Wörtern, Sätzen und Diskursen, oder besser: als Fortsetzen der sozialen Aktivität des Sprechens, nicht mit anderen, sondern mit denselben Mitteln, können wir auch das Regulieren generativ verstehen. Und wie dort, so können wir nun hier regelnde als geregelte Äußerungen voneinander unterscheiden und miteinander vergleichen, ganze Regelwerke als selbst durch Regeln bestimmte Strukturen beschreiben, einerseits nach Universalien, andererseits aber nach Regulierungstypen fragen. In einem Regelwerk kann sich wie hinter der Oberfläche jeder sprachlichen Äußerung eine komplexe Tiefenstruktur verbergen. Bei ihr kann ein wissenschaftliches Verständnis ansetzen, auch und gerade dann, wenn uns ein praktisches Interesse leitet, sei es nun technisch oder ökonomisch, didaktisch, ethisch oder politisch. Diese Tiefenstruktur ist eigentlich ein Algorithmus, der funktioniert wie ein Computerprogramm: Eine generative Transformationsgrammatik regelt über mehrere Stufen hinweg Produktion und Rezeption, die als Ergebnis einer bestimmten Anzahl von verknüpften Transformationsschritten verstanden werden kann. Dabei aktualisiert sich eine Raumstruktur in der Zeit, wobei geschichtet konzipiert und verstanden, aber gerichtet gesprochen und gelesen wird. Versuchen wir uns an einem Beispiel:

- Verzweigungen und Komplexität

Wenn wir den Zusammenhang einer Äußerung als Schichtung von oben nach unten und deren Folge als Reihung ihrer Elemente von links nach rechts abbilden, dann können wir bei den Aussagekernen, die sich vom Kopf einer Äußerung her entfalten, Rechts- und Linksverzweigungen sowie Kombinationen aus beiden unterscheiden. Aus dem Ausdruck ‚Regel‘ kann dann (durch Rechtsverzweigung) über mehrere Stufen hinweg ‚Regulierungsbedarf‘ werden:

Abbildung 1: Rechtsverzweigung

Wer so formuliert oder rezipiert, setzt eine syntaktische Struktur als vorgegeben voraus. Er verkettet Daten, bis ihn ein Stoppsignal wieder auf die Strukturebene aufmerksam macht. Bei gesprochener Sprache ist das regelmäßig ein Betonungsmuster. Gegen den Augenschein, der sich mit dem Ergebnis einstellt, wird bei Rechtsverzweigungen jeder Knoten von unten nach oben gebildet und reiht sich in der Reihenfolge der Verzweigungen in Leserichtung aneinander. Während das Programm von den abzuarbeitenden Einzeldaten her vorangetrieben wird, verkürzt sich lediglich der Weg bis zur Rückmeldung, dass immer noch dieselbe syntaktische Regel passt.

Das ist bei Linksverzweigung anders. Bilden wir zum Beispiel aus ‚Regel‘ einen zusammengesetzten Begriff wie ‚Spekulationsgewinnumverteilungsregel‘, so werden jetzt die zu verarbeitenden Daten zunächst einmal lediglich mit dem einen Ziel durchgemustert, ob sie in eine vorgegebene Vergleichsbedingung passen. Erst wenn ein paradigmatischer Rahmen gefunden ist, der für alle Daten passt, stellt ein Stoppsignal diesen Rahmen als strukturierendes Syntagma zur Verfügung, in dem nun die Daten theoriegetrieben – und wiederum gegen den Augenschein – von oben nach unten verarbeitet werden. Denn nun erst werden ihnen in gegen die Leserichtung vom Kopf her nach vorn laufende Abwärtsschleifen Knoten zugeordnet, von denen her die Kerne eigentlich ineinander verschachtelter Aussagen interpretierbar sind.

Abbildung 2: Linksverzweigung

Wir übergehen die internen Rechts- und Linksverzweigungen, die sich dabei auf der morphologischen und grammatischen Ebene abzeichnen und die hier durch Klammern angedeutet sind13, und konzentrieren uns auf die unterschiedlichen Regelfunktionen, die bei einem Vergleich zu Tage treten. Im ersten Fall wird der links stehende Kopf der Gesamtaussage durch die hinzutretenden Aussagekerne fortlaufend präzisiert, so dass der Schluss eine bloße Stoppfunktion hat, der einen anderen Verarbeitungsschritt ermöglicht. Regulierte könnten schon am Werk sein, während der Regulierer noch „die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ praktiziert.14 Das ist im zweiten Fall ausgeschlossen. Erst der rechts stehende Kopf erschließt den Sinnbezug der links stehenden Aussagekerne, so dass der Gesamtausdruck erst nach dem Erklimmen der letzten Stufe verstanden werden kann, ein impliziter Appell erst anschließend befolgt werden könnte.

Da bei jedem Schritt im Gedächtnis behalten werden muss, was anschließend verstanden werden soll, kann man jedem Bestandteil einer Äußerung auf dem Weg nach oben schon dann einen bestimmten Tiefenwert zuteilen, wenn man jeder Linksverzweigung, das heißt: jeder Schleife den Wert Eins, jeder Rechtsverzweigung den Wert Null zuordnet. Wir können daher unterschiedliche Strukturen in erster Annäherung dadurch charakterisieren, dass wir das Maß ihrer Komplexität als ein durch die Verarbeitungsrichtung jeweils unterschiedlich bestimmtes Verhältnis syntagmatischer und paradigmatischer Strukturelemente bestimmen. Bilden wir durch Kombination das von uns fast schon als irregulär empfundene folgende Wortungetüm:

Abbildung 3: Rechts-Linksverzweigung I

– so erhalten wir durch Addition einen Tiefenwert (in unserem Beispiel 10), den man durch die Elementzahl (hier 7) dividiert, um eine Maßzahl für die ‚Lesbarkeit‘ zu erhalten: in unserem Fall ≅ 1,429.

Das hier in äußerster Simplifizierung dargestellte Verfahren funktioniert stets so, dass ein syntagmatisch, wir können auch sagen: axiomatisch festgestellter Kopf aus dem von dort aus paradigmatisch sich erschließenden Potenzbereich heraus durch Aussagekerne fortlaufend näher bestimmt wird. Was formale Logik, Informatik und Linguistik hier an Forschungsmöglichkeiten eröffnen, von der nicht nur Rechtstechnik und -philosophie profitieren könnten, sei wenigstens noch durch unterschiedliche Formulierungs- und Strukturierungsmöglichkeiten eines Ausdrucks erläutert. So ist unsere Kombinationsmöglichkeit im Strukturmodell ja nur gleichsam von außen, also inkonsequent auf Rechts-Linksverzweigungen hin interpretiert, die sich beim Nachvollzug ergeben. Eigentlich müssten wir notieren:

Abbildung 4: Rechts-Linksverzweigung II

Wir würden nun eine andere Maßzahl für die Ausdrucksstruktur dieser Äußerung erhalten, nämlich 12 : 7 ≅ 1,714. Und wenn wir versuchen, den Gehalt dieses komplexen und komplizierten Ausdrucks in Satzform auszudrücken, machen wir abermals neue Beobachtungen über die Art und Weise, wie Regeln Strukturen generieren und in welchem komplexen Verhältnis von Freiheit und Abhängigkeit Regeln und Geregeltes zueinander stehen.

Wir geraten dabei zwar in Schwierigkeiten, doch die sind erhellend. Zwar können wir einfach sagen: „Es gibt“ oder genauer: „Es besteht (A).“ Aber daraus ergibt sich ja nicht einfach (12+2) : (7+2) ≅ 1,556. Sondern stattdessen zeigt sich auf der syntaktischen Ebene, dass weder Ross und Reiter genannt, noch deren Funktionen semantisch oder relational bestimmt sind. Die scheinbar einfachen Aussagen, die gerade deshalb möglich werden, zum Beispiel:

Spekulationsgewinn umverteilen! Jetzt!

sagen allerdings eher etwas über die Art und Weise aus, wie Propaganda und Werbung funktionieren – und wie der Mythos einst traditionale Gesellschaften reguliert hat. Wie Roland Barthes aufgedeckt hat, wollen sie unser Verhalten regeln, indem sie uns zwingen, während des Rezeptionsprozesses Leerstellen des Verstehens zu ergänzen, deren Abhängigkeiten wir nicht durchschauen.15 Das paradigmatisch Assoziierte wird durch das verdeckt funktionierende Syntagma zur Kontrollgröße. In unserem Beispiel wird dieser Mechanismus erst durchsichtig, wenn wir zwei unterschiedlich determinierte Aussagen ausformulieren und in ihrem Verhältnis zueinander darstellen, etwa:

Spekulationsgewinne sollten schnell umverteilt werden.

und:

Das muss (durch die Bundesregierung) (reguliert werden).

als:

Abbildung 5: Rechts-Linksverzweigung III

Hieraus würde sich in Analogie ein Komplexitätswert von 9 : 8 = 1,125 ergeben. Viel interessanter aber ist, dass sich nun zeigt, wie sich in den ursprünglich substantivierten Ausdrücken eine ganze Geschichte verbergen kann, die verdeckte Regulierungsansprüche transportiert – umso wirksamer, je verführerischer sich die Oberfläche dem Verstehen (und Befolgen) darbietet.

Transportiert werden diese Ansprüche durch Regelungssollwerte, die bei Regelwerken aller Art innere wie äußere Form bestimmen. Alltäglich begegnen uns diese Werte als Größen, die bei einem Computerprogramm in endlichen Schritten zu einer Lösung führen. Wir sehen aber schon dabei, wie sich durch die Kombination einfacher Basisoperationen komplexe Muster bilden, die in unterschiedlichen Medien gespeichert und in unterschiedlichen Kontexten als Folge verschränkter Anweisungen reproduziert werden können. Sie eignen sich daher nicht nur dazu, sich über Gegenwärtiges auszutauschen und das aktuelle Handeln zu koordinieren, sondern sie können auch als Traditionsmuster individuelle und Gemeinschaftserfahrungen transportieren: als Warnungen und Verbote ebenso wie als Empfehlungen und Anweisungen – die allerdings immer erst jetzt und hier als Inhalte Gestalt annehmen. Und die Ergebnisse allgemeiner Sprachvergleiche warnen angesichts der komplexen internen Überlagerungsphänomene davor, eine Tendenz zur Rechts- oder Linksverzweigung, die sich über alle Ebenen hinweg durchsetzt, mit bestimmten Inhalten zu assoziieren. Die Strukturdominanz bei unterschiedlichen Sprachtypen weist wohl eher auf die Konstellation hin, in der dann universale interne Vereinheitlichungs- und Vereinfachungstendenzen wirksam werden. Es scheint wichtiger zu sein, in komplexen Aussagen alle Köpfe möglichst dicht links oder rechts zusammenzuhalten, die Arbeitsspeicher durchgängig rechts oder durchgängig links einzusetzen, als überhaupt links oder rechts zu verzweigen. Die jeweilige Sprache eines Regelwerkes setzt also nur auf einer von mehreren Verarbeitungsebenen der Orientierungsmuster Anreizimpulse.

- Befehls- und Auftragstypologie

Umso interessanter sind die Formeigenschaften, die bei Übersetzungen erhalten bleiben. Wir haben schon gesehen, wie sich komprimierte Regelungsansprüche diskursiv oder narrativ entfalten können; wir haben gelernt, dass sich dabei implizite und explizite Forderungen unterscheiden lassen. Bei diskursiv normalen oder – nach einer Übersetzung höherer Ordnung – normalisierten Regelwerken lässt die Dominanz rechts- oder linksverzweigter Regelungen aber durchaus unterschiedliche Regelungs- oder Kontrolltypen erkennen, mit denen der Regulierer die Regulierten unterschiedlich in die Pflicht nehmen will. Durch rechtsverzweigte Anweisungen führt ein Stratege mit Befehl. Er versucht mit Hilfe einer Kette von Einzelanweisungen seine Absicht durchzusetzen und den von ihm gewünschten Zustand herzustellen oder wenigstens ein definiertes Teilziel zu erreichen. Dabei setzt er den jeweiligen Kontext als gegeben voraus, bis ihn aufsteigende Rückmeldungen mit immer kürzer werdenden Rückmeldewegen schließlich veranlassen, erst sich und dann andere an einem neuen Sollwert auszurichten. Geführt wird hier auf Sicht. Indem Erkenntnisse induktiv gewonnen und analytisch verarbeitet werden, tastet sich der Führende zusammen mit den von ihm Geführten in der Zeit voran.

Rechtsverzweigende Regelwerke sind nach und nach entstanden – was nicht unbedingt heißt, dass man sie von vorn nach hinten lesen muss. Vielmehr setzt sich das Gesamtbild des Zusammenhangs wie in einem Puzzle zusammen. Denn was da als geronnene Erfahrung mit exemplarisch gelungener oder misslungener Regulierung gespeichert und überliefert ist, wurde auf Vorstufen oft assoziativ gereiht, zusammengestellt wie der Koran nach der Länge der Suren oder abgeschlossen als Zehnersammlung wie der Dekalog. Sie muten traditional an. Genau deshalb können sich aktuelle Beispiele leicht an überlieferten Vorbildern orientieren.

„Ich verpflichte mich, folgende 10 Gebote einzuhalten“, heißt es in der auf der Verpflichtungskarte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung:

1. Jeden Tag über die Lehren und das Leben Jesu nachzudenken.

2. Nie zu vergessen, dass die gewaltfreie Bewegung Gerechtigkeit und Versöhnung sucht, nicht den Sieg.

3. Im Geiste der Liebe zu gehen und zu sprechen, denn Gott ist die Liebe.

4. Täglich zu Gott zu beten, dass er mich dazu benutzen möge, allen Menschen zur Freiheit zu verhelfen.

5. Persönliche Wünsche zu opfern, um allen Menschen zur Freiheit zu verhelfen.

6. Im Umgang mit Freund und Feind die Regeln der Höflichkeit zu beachten.

7. Danach zu trachten, ständig anderen und der Welt zu dienen.

8. Mich der Gewalttätigkeit der Faust, der Zunge und des Herzens zu enthalten.

9. Mich zu bemühen, in geistiger und körperlicher Gesundheit zu leben.

10. Den Anweisungen der Bewegung und des Leiters einer Demonstration zu folgen.

Typischerweise wird ein Zusammenhang von Einzelforderungen, deren Evidenz sich ursprünglich je für sich erschlossen hat, erst nachträglich benannt: „Ich verpflichte mich – meine Person und meinen Körper – der gewaltfreien Bewegung ... Ich unterzeichne diese Verpflichtung, nachdem ich ernsthaft überlegt habe, was ich tue, und bin entschlossen und gewillt auszuhalten.“16 Zusammenfassende Obersätze können fehlen, stattdessen werden Begründungskontexte und Einzelbegründungen rekonstruiert, wie wir das aus dem Dekalog kennen: „Ich bin der Herr dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“17 Konflikte in der Anwendung würden im Geist solcher Regelwerke ähnlich wie im angloamerikanischen Fallrecht gelöst, bei dem man sich an den Entscheidungen ähnlicher Einzelfälle orientiert. So lassen sich die fälligen Anpassungen immer noch nach und nach vollziehen und von unten nach oben abgleichen.

Ganz anders ist das Bild bei rechtsverzweigten Regelwerken. Wer sie präferiert, führt mit Aufträgen. Rechtsverzweigte Anweisungen können erst befolgt werden, wenn sich der jeweilige Sinnzusammenhang erschlossen hat. Der Stratege vermittelt zunächst ein Bild der Gesamtlage als Hintergrund, von dem aus er seinen Entschluss erläutert, einen erwünschten Zustand herzustellen, oder er lokalisiert wenigstens den erteilten Auftrag im Kontext eines übergeordneten Auftrags, damit einerseits auch korrigierende Einzelbefehle sinnvoll erschien und damit andererseits sich immer mehrere Wege eröffnen, die zum Ziel führen. Es soll auch dann erreicht werden können, wenn ein Einzelfall nicht bedacht wurde oder wenn sich die Lage unvorhergesehen ändert. Dabei werden neue Erkenntnisse synthetisch verarbeitet und deduktiv: vom intendierten Gesamtziel her bewertet. Das System orientiert alle so lange im Raum, bis überall immer kürzer werdende Rückmeldungen anzeigen, dass jetzt eine bestimmte Routineoperation durchgeführt werden kann. Es ist anstrengend und umständlich, auf allen Ebenen hypothetisch Sinnzusammenhänge zu rekonstruieren, immer erst von der Theorie in die Praxis zu springen. Aber, wie sich gezeigt hat: es spart im Krieg Blut. Und im Krieg wie im Frieden vermag eine so codierte Regelsetzung zu motivieren und zu emanzipieren.

In unserer modernen Welt wird überwiegend so geregelt. In den Gesetzes- und Rechtstexten unserer Tradition wird meist einleitend der für die Anwendung entscheidende Satz genannt. Die einzelnen Paragraphen beziehen sich auf die für den Gesamtzusammenhang wesentlichen Gesichtspunkte. Einzelsätze sind eigentlich keine Einzelregeln: sie spezifizieren Regelungsaspekte. Notfalls fasst eine Durchführungsverordnung das Ganze noch einmal anders ins Auge. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, Artikel 1 Satz 1 unseres Grundgesetzes, ist als Verfassungsgrundsatz nicht nur Maßstab allen staatlichen Handelns. Er integriert auch die im Folgenden genannten Grundrechte und bindet Legislative, Exekutive und Judikative als unmittelbar geltendes Recht. In ähnlicher Weise versuchte der erste Paragraph unserer Straßenverkehrsordnung als Grundregel Verkehrsteilnehmer und Verkehrsrichter zu orientieren, bis ihm sogar noch ein Verstehenshintergrund als Satz 1 vorangestellt wurde, der mit einem „Daher“ zum Folgenden überleiten könnte.

(1) Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.

(2) Wer am Verkehr teilnimmt hat sich so zu verhalten, daß kein anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.

Im Zivilrecht beruhen Verträge nicht nur auf allgemeinen Geschäftsbedingungen. Oft wird einleitend ähnlich wie in den Präambeln von Verfassungstexten ein gemeinsames Verständnis fixiert, werden übereinstimmende Absichten festgehalten. Auf diese Vertragsgrundlagen wird zurückgegriffen, damit später, unter möglicherweise gewandelten Umständen oder in unvorhergesehenen Konstellationen, der Sinn des Vertrages auch über seinen Wortlaut hinaus geltend gemacht werden kann. Der Richter entscheidet also auch in Konfliktfällen von oben nach unten beziehungsweise von innen nach außen. Statt von eingefühlten Situationen her analog zu schließen und sich dabei mit dem common sense einer Gemeinschaft zu identifizieren, die immer neu ihren Rechtsfrieden sucht, distanziert er sich – idealtypisch! – von seinen eigenen aktualistischen Reaktionen, von populistischen Impulsen und politisch dominanten Meinungsbildern und unterstellt sich stattdessen zunächst einer als rekonstruierbar vorausgesetzten vorgegebenen Hierarchie bereits interpretierter Normen. Er orientiert sich am kodifizierten Recht und am geschriebenen Vertrag und an deren geregelter Interpretation als ‚herrschende Meinung‘, weil er die gegenwärtige Situation in der aufgeklärten Interpretationsgemeinschaft derer beurteilt, die sich der notwendigen Komplexität gesellschaftlichen Vermittlungsinstanzen stellen und diese aushalten.

- Regulierungsschichten und -geschichten

In komplexeren Kontrollverfahren lassen rechtsverzweigte Regelwerke bei Gesetzgebung und -anwendung, im Frieden wie im Krieg eher eine Strategie als eine Taktik des Befehlens erkennen. Wenn die Lagebeurteilung bei den ersten Rückmeldungen nicht zufriedenstellend ist, werden auch die integrierten Durchführungsaufträge in immer engeren Schleifen auf das Erreichen befohlener Zwischenergebnisse reduziert. Umgekehrt interpretieren die typischen Anwender linksverzweigter Regelwerke im Kontext mehrstufiger Anwendungsverfahren auch erteilte Befehle zunehmend als Aufträge. Als prinzipiell Beauftragte sollen sie vor Ort selbst Mittel und Wege finden, um auch schlecht definierte Zwischenziele zu erreichen oder gar selbst neue festzulegen. Der Regulierer vertraut darauf, dass diejenigen, die überzeugt sind, seine Intentionen verstanden haben. Seine Umsetzungsstrategie macht einen Unterschied vor allem für diejenigen, die ihm anvertraut sind.

Gerade um solche Unterschiede herauszuarbeiten, lohnt es sich, den gemeinsamen Sitz im Leben aller Regelwerke noch einmal ins Auge zu fassen, ehe wir auf dieser Ebene gesellschaftlicher Kommunikation jene typologischen Eigenschaften vorschnell verabsolutieren. Alle Regulierer geben in komplexen Verfahren rechts- wie linksverzweigte Anweisungen. Sie befehlen und beauftragen, um ihre Ziele zu erreichen, sie beurteilen Einzelsituationen im Lichte einer Gesamteinschätzung und nach Prinzipien, die – wie wir seit Gödel wissen – auch Prinzipienlosigkeit heißen können und die, wie wir auch jetzt wieder sehen, stets interne Widersprüche überspielen müssen. Kohärenz ist stets wichtig, wenn man wirksam kommunizieren will. Nur geht es jetzt nicht mehr bloß darum, sich anderen verständlich zu machen. Sie sollen so lange und immer wieder so beeinflusst werden, bis ein gewünschter Zustand mit Sicherheit erreicht, wieder hergestellt oder erhalten wird. Die Generierung von Regeln verarbeitet also Daten des Prozesses, um diesen auch unterwegs vom intendierten Ende her zu gestalten. Dabei erweisen sich aber, wie wir gesehen haben, für beide Regulierer Rechts- oder Linksverzweigung als die einzigen Gestaltungsmittel – wenn wir von jenen Sollwerten absehen, mit denen sich unterwegs hier wie da das intendierte Ergebnis bemerkbar macht.

Nehmen wir einmal an, zwei Regulierer mit unterschiedlichen Strategien würden in derselben Ausgangssituation dieselbe Endsituation anstreben. Wir sehen dann beim Versuch des Vergleichs – mit Gödel – unterschiedliche Nicht-Lösungen vor uns. Entweder wir interpretieren ‚dieselbe Ausgangssituation‘ streng. Dann sehen wir aber keine strategischen Differenzen mehr, aus denen die Regulierer nach der Verarbeitung derselben Informationen Entscheidungskriterien für die Wahl des ersten Schrittes ableiten könnten. Oder wir setzen die strategischen Optionen als gleichgewichtige Alternativen voraus. Dann geraten wir unterwegs in Vergleichsdilemmata. Wir haben zwei unterschiedliche, aber strukturidentische Entscheidungsbäume, die sich nun verzweigend entfalten, von denen wir aber entweder nicht absehen können, was nun noch ‚dieselbe Endsituation‘ sein könnte, die auf so unterschiedlichen Wegen erreicht werden könnte. Oder wir sehen, wie die sich abzeichnenden radikalen Alternativen in zugleich heftiger und komplexer werdenden Gegenbewegungen korrigiert werden müssen, bis es zu fraktalen Auflösungen und nur katastrophentheoretisch rekonstruierbaren Entgleisungen kommt. Deutlich treten lediglich jedes Mal die Instrumente hervor, die mit diesen unterschiedlichen Perspektiven ins Auge gefasst werden und an deren Gebrauch in realen lebensweltlichen Situationen jene typologischen Differenzen durchaus wahrnehmbar würden und werden.

Beide Regulierer führen unabhängig von ihren Präferenzen Routineoperationen solange durch, bis Schwellenwerte erreicht sind. Ihre Aufmerksamkeit ist konzentriert auf die dadurch ausgelösten Rückmeldeprozesse; erst danach entscheidet sich, ob die Verlaufsrichtung der Verarbeitung umspringt oder nicht, ob Syntax oder Semantik zum Thema werden, ob weiter gezählt oder ob neu Maß genommen wird, ob die mögliche Neuorientierung als mechanische Bau- oder als wesentliche Gestaltungsaufgabe interpretiert wird – ob weiterhin befohlen oder ob ein neuer Auftrag erteilt wird. Die Schwellenwerte des Programms werden so zu kritischen Größen, an denen die Regulierer sich und andere im Prozess orientieren. Ob diese nun eher als definierte Kennzahl oder als bewerteter Eindruck zum Entscheidungsparameter werden, mag nun tatsächlich mehr als eine Stil- und Geschmacksfrage sein: Jeder Regulierer wird jene Größen aber als Steuerungsgrößen im Kontext komplexer Muster betrachten, mit denen sich nach seiner Erfahrung Zustände beeinflussen und gestalten lassen, bis sie sich in der Zeit der eher räumlich inszenierten Vorstellung angleichen, der ihm vor Augen steht. Ob man nun aber bei alltäglichem Verhalten mehr oder weniger lang weitermachen oder innehalten soll, ob man mehr oder weniger weit aufschaut, was sich dann gerade zeigt, wohin es gerade gehen oder wo man gerade stehen bleiben soll: solche Impulse und Signale etablieren auf dem Weg dahin Kontrollgrößen, korrigierende Rückmeldungen überlagern sich zu Schleifen, die sich verselbständigen und Verhaltensgrenzen, ja Rollen und Routinen ausprägen. Und das ist ganz unabhängig davon, ob dieser Zustand erreicht wird oder nicht, ob er als richtig oder falsch geregelt, als Reich des Friedens, bleierne Zeit oder Herrschaft des Schreckens empfunden wird – oder ob man das so oder so reagierende Agieren des Regulierers routiniert in Leere laufen lässt.

Welche Unterschiede machen also einen Unterschied? Geht es vielleicht gar nicht um das Wie, sondern um das Was: gar um das Wer auf beiden Seiten? Ist der typische Regulierer jemand, der regelnd – so oder so – Gleichgewichtszustände anstrebt, der Störungen beseitigt oder das was er dafür hält und dafür sorgt, dass dann wieder Ruhe und Ordnung herrschen? Dafür spricht viel. Im Innovationsbuch haben wir einen ganz anderen Strategen als Gegenspieler des Innovators kenngelernt. Dessen vergifteter Auftrag ist es, im Unternehmen für diejenige Unordnung zu sorgen, die auf dem Markt die Überlebensfähigkeit sichert. Aber am Ende steht er dann dem Unternehmensstrategen in einer ödipalen Konfliktkonstellation gegenüber. Denn der konsequente Innovator erkennt sich im Auge seines Gegenübers als verhinderter Unternehmer – der sich selbst im selben Augenblick als impotenter Innovator erkennt und zu entscheiden hat, ob er bleibt oder abtritt, um einem Jüngeren Platz zu machen. An seiner Stelle hätten wir nun den Regulierer als den institutionellen Strategen vor uns, der hier die Regeln setzt und fürs Gleichgewicht sorgt – gleichgültig, wie jener Kampf, wie alle diese Kämpfe ausgehen.

Das sind Gödel-Gegensätze, aus denen wir Nicht-Triviales lernen können. Im Großen und Ganzen, unten und oben wird sehr verschieden geregelt. Die Bürgerrechtsbewegungen ordneten Unruhen, die sie selbst anzettelten. Und mit ihren Regelwerken schrieben sich die Biographien von Mahatma Gandhi und Martin Luther King in das große Buch der Geschichte ein. Der große Stratege Napoleon Bonaparte war anfangs erfolgreich, weil er die Revolutionstruppen stolz machte auf das Bild selbst verantworteter Ordnung, das sie boten, und sie vom Ziel überzeugte, die territoriale Integrität des Vaterlandes zu bewahren. Er konnte nur erfolgreich bleiben, weil er sein mustergültig geregeltes Heer immer neu motivierte – bis er seinen Soldaten die Vision Moskau vor Augen stellte. Aber dieser große Regulierer gestaltete auch mustergültig: weniger durch seinen pseudodynastischen Imperialismus als durch den Code Napoléon, der über Europa hinaus die Grundlagen des modernen Zivilrechts legte. Seine Biographie trug mythologische Züge. Für viele Zeitgenossen war er das schöpferische Genie schlechthin: Prometheus, der Genius der Aufklärung, der aus dem blutigen Chaos der Revolution als der große Neugestalter heraustrat. Ein Menschenbildner, der die lodernde Flamme der Freiheit bändigte zum Licht der Vernunft, in dem sich nun die Verhältnisse neu ordnen sollten. Johann Wolfgang Goethe wollte schon hinter dem Pulverdampf der Kanonade von Valmy den Aufstieg eines neuen Zeitalters geahnt haben.18 Bei Georg Friedrich Wilhelm Hegel war das zweifellos der Fall; er sah in Jena Napoleon („diese Weltseele“) „durch die Stadt zum Rekognizieren hinausreiten“ und nannte es „eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht."19 Da wollte ihn ein unzweifelhaft schöpferisches Genie schon durch bloße Umwidmung entmythologisieren. Ludwig van Beethoven hatte ausgehend von seinem Prometheus-Ballett eine Napoleon-Symphonie komponiert – und nahm nach dessen Kaiserkrönung die Widmung zurück. Aus der „Sinfonia grande, intitolata Bonaparte“ wurde die „Sinfonie, komponiert um das Andenken eines großen Mannes zu feiern“, die Eroica.20 Vergebens! Napoleon konnte Goethe, den Verfasser des Werther, für die Umstehenden durch die bloße Bemerkung adeln: „Voilà, un homme!“ Aber als ihn dann die großen europäischen Regulierer Kotusov, Wellington und Blücher und im Hintergrund Metternich endgültig auf Sankt Helena an den Felsen geschmiedet hatten, da verwandelte ihn das Ecce homo seiner Biographen vollends in eine mythologische Figur. Hatten diejenigen, die die alte Ordnung wiederherstellen wollten, einen großen Unruhestifter besiegt – oder hat vielleicht erst ihr regulierendes Handeln sein schöpferisches Werk beendet und auf Dauer gestellt?

In jedem Fall werden hier bestimmte Geschichten erzählt, von denen wir einerseits die Vorbilder, Muster und Strukturen, andererseits bestimmte Namen, Zahlen und Orte kennen, die sie unverwechselbar machen. Dadurch werden sie Teil dessen, was wir Geschichte nennen, und sind damit nicht irgendwie, sondern in bestimmter Weise gekoppelt an die ganz eigene Geschichte unseres Lebens. Regulieren wir sie oder regulieren sie uns? Oder „lässt sich mit ihnen etwas regeln“ – zum Beispiel unser Nachdenken über Regulierung?

4. Zwischen Illusion der Kontrolle und Intuition des Neuen: Wir Regulierer

Ich muss den Sack zubinden, ehe ich mich in seinen Inhalt verwickle und hineinfalle. Mir ist, als ob ich mit der Frage nach dem Verhältnis von Regulierung und Regel jene Büchse der Pandora geöffnet habe, mit der Zeus nach der Tat des Prometheus die Menschen strafte. Während ich schreibend rekonstruiere, wie sich Regelungsschichten überlagern, schreibt sich im Arabischen Frühling Geschichte fort, werden Heldengeschichten erzählt. Ich überlege, wie wohl die Napoleonische Phase einer geregelten Twitterrevolution aussehen könnte und fühle mich beim Lesen der Spiegel-Berichte darüber wie die Bürger auf Goethes Osterspaziergang, „(w)enn hinten, weit, in der Türkei, die Völker auf einander schlagen“. Ich blättere im Magazin weiter und bin fasziniert, weil dort nach der Niederlage amerikanischer Quizspezialisten gegen den IBM-Computer Watson genau die Interpretationsalternative diskutiert wird, an der ich mich jetzt abarbeiten muss, um über Hofstadter endlich dorthin zu gelangen, von wo aus es dann weitergeht: als ich durch eine politisch-wissenschaftliche Schurkengeschichte gute Gründe geliefert bekomme, die letzte Recherchekurve im Netz durch eine Quellenangabe zu dokumentieren. Ich sollte mir den Text eines jungen Kollegen, der gut erzählt, nicht einfach aneignen. Und dann erreicht der Tsunami Fukushima. Jetzt erst recht:

- Deutungsgeschichten

Linus Boman verwendet die schöne Dialoggeschichte zwischen Pierre Simon Laplace und Joseph-Louis Lagrange, für die Napoleon der Auslöser war, um in Deutungsprobleme der Quantentheorie einzuführen, von der Niels Bohr gesagt haben soll, wer vor ihr nicht erschrecke, habe sie nicht verstanden. Was sind die Alternativen? Napoleon wollte seinen einstigen Mathematikprüfer Laplace, der ihm seine „Himmelsmechanik“ überreichte, mit der Frage in Verlegenheit bringen, warum in seinem großen Werk der Schöpfergott nicht auftauche. Als die klassisch gewordene Antwort kam, er habe diese Hypothese nicht gebraucht, protestierte Lagrange auch nach dem Erdbeben von Lissabon noch: „Ah! Das ist eine schöne Hypothese, sie erklärt vieles.“ Worauf Laplace entgegnet haben soll, sie erkläre sogar alles, ermögliche aber keine einzige Vorhersage.21 Boman knickt allerdings auch diese Pointe mit der Frage, ob eine solche Haltung nicht eher den Ingenieur als den Wissenschaftler kennzeichne – gerade weil die Kopenhagener Deutung der Quantentheorie genau diese Resignation nahezulegen scheint. „Halt die Klappe und rechne“, berichtet Boman, sei ihre zynische Zusammenfassung für junge Physikstudierende, die lästige Fragen stellen.22 Mein theologischer Lehrer Eberhard Wölfel formulierte das nicht zufällig anders: Man habe solche Theorien nicht verstanden, wenn man sie nicht gerechnet habe. Auch Boman endet so: sinnvolle Fragen nach der Natur der Dinge sind notwendig gekoppelt an mögliche Rechenoperationen.

Gilt das vielleicht gerade dann, wenn ‚der Alte‘ entgegen Einsteins Annahme nicht nur würfelt, sondern wenn er23 dabei auch noch betrügt, wie man nach Gödel meinen könnte? Darüber grüble ich nach, als ich auf das Interview mit David Gelernter stoße, in dem dieser die These ablehnt, Computersiege über menschliche Intelligenz unterstützten die Kurz­weil-These, Bewusstsein könne ingenieurtechnisch nachgebaut, gespeichert und übertragen werden: Nicht noch so große Rechenleistung, sondern die ganze Skala zwischen halbbewusst Dösen, taghell Träumen und formaler Logik kennzeichne menschliches Bewusstsein. Sein eigentliches Gegenargument aber ist ein Verweis auf das interne wie externe Gebundensein des Bewusstseins an die Körperlichkeit des Gehirns und seiner Sinneseindrücke. Das Computermodell eines Gewitters mache nicht nass. Gemeint ist eigentlich die Körperkonstellation des Bewusstseins als Singularität: als (selbst nicht bewusste!) Voraussetzung aller Operationen, die es vollzieht.24 Douglas Hofstadter und Daniel Dennett sind den Implikationen und Konsequenzen dieser Beziehung in einer kommentierten Sammlung von phantasievollen Geschichten nachgegangen, die eines deutlich zeigen: Es geht dabei nicht um die Wiederbelebung der phänomenologischen Reaktion auf die messenden und zählenden Naturwissenschaften. „Am Ende müssen wir, um in unseren Spekulationen redlich zu bleiben, uns wieder an die Methoden der exakten Wissenschaft – die Experimente, Deduktionen und mathematischen Analysen – halten.“ Aber:

Zweck der Wissenschaft ist es, uns beim Verständnis dessen zu helfen, was wir sind und wie wir auf die Welt gekommen sind, und dafür brauchen wir die großen Erzählungen: die Geschichte davon, wie es einmal vor langer Zeit einen großen Knall tat; das Darwinsche Epos von der Entwicklung des Lebens auf der Erde; und nun die Geschichte, die wir gerade erst zu erzählen lernen; das erstaunliche Abenteuer der Autobiographen aus der Gruppe der Primaten, die sich schließlich selbst beibrachten, das erstaunliche Abenteuer der Autobiographen aus der Gruppe der Primaten zu erzählen.25

Auch die Regulierungsgeschichten, die ich erzähle, sind Teil dieser Geschichte. Regeln entfalten in ihnen notwendige Beziehungen zu Befehlen und Aufträgen, Rollen und Routinen, Personen und Entscheidungen. Sie gehen nicht mehr auf in der neuzeitlichen Konstellation von Natur- und Geisteswissenschaft, Fakten- und Orientierungswissen. Aber das Episodische funktioniert auch hier nur vor Hintergrundgrößen, die nicht im selben Atemzug genannt oder unter demselben Aspekt thematisiert werden dürfen wie das, von dem gerade die Rede ist. Sie heißen schon gar nicht mehr Gott oder Schöpfer, aber eben auch nicht mehr das Universum oder das Unendliche, Sinn oder Geschichte, sondern Prozess oder Feld, Singularität oder Ereignis.

Weil Regulierungen Regeln voraussetzen, bezieht sich jeder Beobachter bei allen Interpretationen immer auf Zählbares. Wer dies nicht wahrhaben will, sollte nicht vergessen, dass auch Gott nicht mehr brauchte, nachdem er den Anfang gesetzt hatte.26 Wer dies weiß und nutzt, muss daran erinnert werden, dass das immer gleiche Zählen, wenn es Regeln folgt, immer neue Geschichte erzählt. Die Gödelisierung lokalisiert noch ihr Scheitern in der Anwendung, und dort wo sie gelingt, hinterlässt sie in der internen wie externen Konstellation der Gödelzahlen eine eindeutige Prozessspur. Betrachtet man daher diese Konstellationen als Raumaspekt der Zeit und den Algorithmus, der jene Nummern generiert, als Zeitaspekt des Raumes, verwundern die entschiedenen Hinweise auf den mathematischen Zugang zum Verstehen der Quantentheorie vielleicht weniger. Sie sollten uns aber die in beiden Zugängen hervortretenden Unschärfen nicht vergessen lassen und die Offenheit für mögliche Überraschungen nicht verstellen, wenn dieses Nachkonstruieren dem Verstehen dienen soll.

- Seltsame Schleifen …

Wenn jener Algorithmus nicht als Bauanleitung gelesen wird, verwandelt sich die topologische Einordnung eines jeden Ereignisses in ein Erkennen der Form, das die Geschichte ihrer Entstehung vergessen lässt. Die Regulierung des Neuen lässt diese Geschichte nicht wieder aufleben, setzt sie aber auf seltsame Weise fort. Ebenso wie generierende verwandeln regulierende Regeln die Gödelzahl der Konstellation, auf die sie sich beziehen, sobald sie vom Programmalgorithmus erfasst und damit mindestens in dieser Hinsicht unterschieden werden. Das Verfahren ist gleichsam zu genau, um sich nicht unter dem einen wie unter dem anderen Aspekt auf Komplexes zu beziehen, das allerdings ohne jenen Algorithmus weder entstanden noch erkennbar wäre. Vielmehr kann das Regelsystem selbst als operative Konstellation betrachtet werden, das sich nach der Anfangsentscheidung nur über Ist- und Sollwerte in Ende-Anfang-Schleifen realisiert. Diese Feedbackschleifen verbinden in Progression und Regression digitale Operationen über mehrere Ebenen hinweg. Sie erscheinen dem Beobachter ‚seltsam‘, weil sie das Programm nicht einfach Schicht für Schicht abarbeiten, sondern weil sie selbst quer zu allen Verzweigungen Typen bilden und in Serie kopieren, bis vor einem als chaotisch empfundenen Hintergrund aus Komplexität und Singularität zunächst Strukturen, dann Formen und schließlich Gestalten hervortreten – wenn der Prozess nämlich nach Erreichen des Sollwerts abbricht oder in sich selbst kreist, während das erzeugende Programm auf eine andere Ebene springt und den Vorgang dadurch so oder so operativ abschließt.27

Regulierung setzt deshalb Regeln voraus, weil sie die Möglichkeit voraussetzt, im irgendwie Verschiedenen Unterschiede als Formen zu erkennen, im Wiederkehrenden Ähnliches als Dasselbe zu identifizieren – und sei es, um es endlich zum Verschwinden zu bringen und Ordnung wiederzuerkennen, wo vorher eine Störung lokalisiert wurde. Schöpfung wie Regulierung ereignen sich – in dieser metasprachlichen Betrachtung – immer als Regelung. Sie gelingen nur durch die Überlagerung von Programmschleifen, die aufeinander nichtbeliebig reagieren, wo Abfolge wie Ergebnis Muster erkennen lassen, weil bei jedem Neueinsatz die Ausgangskonstellation als Gedächtnis des Vorangegangenen funktioniert und auch für den kritischen Beobachter noch Sinn macht. Der aber hat auf der Subjektposition der Stories, die er rekonstruiert, zunächst eine typologische Differenz zu notieren. Folgt er dem Innovator irgendwann, weil er wie dieser von einer kommunizierbaren Intuition des Neuen geleitet wird, irritiert ihn der Regulierer lediglich. Er sieht ihn wie planlos von Störfall zu Störfall eilen, mal hier, mal dort Flammen austreten, als ob der makellose Hintergrund, die intakte alte Ordnung ein eigenes Produkt sein könnte, das es zu bewahren gelte.

Das aber funktioniert nur in bleierner Zeit. Und es gibt Momente rasenden Stillstands, in dem Handelnde wie Beobachter auf Störung und Ordnung fixiert sind. Wir werden sehen, dass Regulierung sogar regelmäßig zunächst als intendiertes Gleichgewicht kommuniziert wird. Aber wenn es ernst wird, neigt sich die Waage stets zu dem, worüber gestritten und was nachher erzählt werden kann. Auch beim Regulierer erweist sich dann eine Ahnung des Neuen als leitend: das es freilich zu verhindern und wo es sich schon zeigt zu vernichten gilt, ehe es sich als Gestalt schließen und hervortreten kann. Das jedenfalls sagen uns die Geschichten, aus denen wir immer schon gelernt haben. In ihnen ist die Beziehung zwischen Regulierer und Innovator nicht beliebig; sie treten als Antipoden auf. Während dieser freilich als Prometheus im grellen Licht mythischer Zuschreibung steht, müssen wir die Gestalt des Nachdenklichen, des Zaudernden: Epimetheus mühsam im Halbdunkel der Geschichte suchen, um ihn wiederzuerkennen. Ist er mehr als der neidische, weil impotente Gestalter? Wird er zum Bremser und Zerstörer, weil er wirklich nur Bewährtes erhalten will? Sicher gibt es den Gegner des Neuen zwar auch in Gestalt desjenigen, der zur ‚guten alten Ordnung‘ zurückwill. Aber hier wird regelmäßig mit Trugbildern gehandelt, und es gibt bei den Propagandisten mehr Lügner und Zyniker als Irrende. Eindeutiger äußern sich die Revolutionäre wider Willen, die erst im Nachhinein als die großen Veränderer kenntlich werden. Und vom unzweifelhaft großen Gestalter wussten schon unsere Klassiker:

Von der Parteyen Gunst und Haß verwirrt

Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.

Zumal da ja angeblich noch derjenige wirkt, der von sich selbst resignierend feststellt, er sei

… ein Teil von jener Kraft

Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.28

Ist der Regulierer gar ein perverser Innovator, der am Ende nur Zerstörung will wie ein todessüchtiger Terrorist: nur, dass er planvoller vorgeht?

Um den Regulierer und sein Tun müssen wir uns bemühen, wenn diese Rollenzuschreibung nicht willkürlich sein soll. Die Geschichten, die wir dazu rekonstruieren müssen, kennzeichnen Regulierung vorab als Inversion generativer Regelung. Aber auch die Umkehrung der Schöpfungsrichtung begrenzt und bestimmt die Form dessen, was entsteht. Und unfreiwillige Kooperation ist hier wie dort nicht ausgeschlossen. Gleichgewicht kann sich also auch einfach einstellen, und gelegentlich erklärt es sich wohl nur so. In dem ewigen Hin und Her zwischen Störung und Ordnung, Innovation und Regulierung gibt es nur einen Ansatzpunkt guter Geschichten, an dem wir uns orientieren können. Unabhängig von dem, was wir geschehen sehen, ist beim ‚Kreator‘ als Entdecker oder Erfinder, Künstler oder Innovator die Intuition des Neuen handlungsleitend, beim ‚Regulator‘, der als Regulierer handelt, stattdessen wenigstens die Illusion der Kontrolle. Doch genau diese Differenz muss zunächst als Intention bewusst werden, ehe sie erkannt und verstanden werden kann.

- …in verwickelten Hierarchien

Dies geschieht, nach Hofstadter, wenn sich jene ‚seltsamen Schleifen‘, in denen wir unsere Umwelteindrücke verarbeiten, in den ‚verwickelten Hierarchien‘ verfangen, die unser Denken produziert.29 Einige Rückkopplungsschleifen transportieren Kopien, deren Differenzen nicht als Formgrenzen identifiziert werden, sondern in Differenz zu etwas, das sich daraufhin wie in einem Echo wiedererkennt und sich künftig als Selbst von dem unterscheidet, was einfach der Fall ist. Dass es sich schließlich in dem spiegelt, in dem offensichtlich dieselbe Unterscheidung vollzogen wird: in anderen, ist Vor­aussetzung dafür, dass es sich gelegentlich als Ich thematisiert: als Subjekt jener privilegierten Story, die selbst nur als Pointe wirklich Großer Erzählungen verstanden werden kann.

So springt an, was uns faktisch ausmacht und von regelnden Computern unterscheidet: Bewusstsein und Gefühl. Aber wir sollten als Beobachter unserer selbst nicht vergessen, dass für jede Geschichte, die einen für uns erkennbaren Sinn hat, gleichgültig ob sie Physik oder Regulierung deutet, beides konstitutiv ist: einerseits die Nichthintergehbarkeit der Ausgangskonstellation in der physikalischen, chemischen und biologischen Unbeliebigkeit dessen, was jetzt und hier in unserem Gehirn der Fall ist – andererseits die gödelscharf definierbare Unschärfe, die in dieser unendlichen Komplexität Strukturen hervortreten lässt. Unser Bewusstsein ist als Epiphänomen der Kopie bestimmter Zustände in rekursiven Schleifen abhängig von der Fähigkeit, Analogien zu erkennen. Anders kann die Konstellation, in der wir zusammen mit anderen hier und jetzt leben, nicht in die Story des Beobachters eingehen, der wir selbst sind.

Ob wir uns darin nun kooperieren oder koordinieren sehen, Befehle geben oder Aufträge erteilen und uns dabei als Innovatoren oder Regulierer verstehen: Wir beziehen uns stets auf kopierbare Muster, die zwischen Körper- und Umweltkonstellation vermitteln. Wir müssen uns wiederholt auf generierte Kopien beziehen, die niemals dieselbe Gödelzahl haben werden. Erst die Analogisierung von Singularitäten ermöglicht deren Identifizierung als Kopien und schafft damit sowohl den Ausgangspunkt für den Brückenschlag über die Ebenengrenzen hinweg als auch die Differenzierung von Figur und Hintergrund. Das Wiedererkennen von Etwas als etwas Bestimmten, auf das dessen Förderer wie dessen Verhinderer gleichermaßen angewiesen sind, setzt eine gewisse Nachlässigkeit voraus, die darauf verweist, wie tief unser Erleben im Leben verwurzelt ist. Sex, Verschwendung und Schlamperei, nach einem Diktum von Manfred Eigen das Erfolgsgeheimnis der biologischen Evolution, spiegeln sich im schwer prognostizierbaren, aber immer sprunghaften Übergang vom stets überfordernden Ansturm der Sinneseindrücke zum Bild der Außenwelt, auf das wir uns handelnd beziehen. Dieser sich selbst regulierende Übergang ereignet sich als erfolgreiche Verdichtung in Bereichen, die später als Grenzzonen erkennbar werden, wenn die Differenzen zu komplexer konstruierten Eigenschaften hinreichend klein erscheinen. Denn erst wenn der Erkenntnisprozess in dieser Weise operational geschlossen, die Form als Figur gebannt ist und als Gestalt erkennbar wird, belohnt uns unser Gehirn mit dem Geschmack von Bedeutung. Wir folgen also schon einem Trieb, wenn wir uns dem Risiko des Erinnerns aussetzen, und vergessen gern, dass die Speicherspuren des Gedächtnisses von positiven wie negativen Gefühlen gleich gut gebahnt werden. Das entkoppelt uns als Betrachter dieser Gefühle eine logische Sekunde lang und lässt uns die kurze Chance, unter dem Handeln klug zu werden. Denn in metasprachlichen Operationen werden Kopien adressierbar als gefühlte Bilder, die nicht nur bewusst und erinnert, sondern zugleich benannt und bewertet werden: also anders konstelliert werden können. Während Bilder die Unterscheidung ähnlicher Konstellationen sichern, machen sie Eindrücke zugänglich für Selbst- wie für Fremdkontrolle. Darauf beziehen sich alle Regeln, die wir als Menschen anwenden, gleichgültig ob wir kreieren oder regulieren.

Es gibt Regeln, die schaffen, wie die anfängliche Setzung des Lichts aus dem Nichts und das Formen von Gestalten aus dem Ungestalteten. Und es gibt Regeln, die begrenzen, wie die Bannung des Meeres und das Verbot des Paradiesbaumes. Man weiß nicht, was folgenreicher ist, und wenn wir von der Konstitutionsgeschichte unseres Bewusstseins ausgehen, ist auch unentscheidbar, was ursprünglicher ist. Wenn wir dem Sündenfall die Schöpfung als Tat einer Person vorausgehen lassen, sind wir offenkundig in der Welt des Mythos. Aber es ist ein Mythos, der Geschichte machte und der begründen könnte, warum beide Regelungsformen nach wie vor konstitutiv sind für alle Geschichten, die sich von Personen erzählen lassen und die wir uns auch selbst immer wieder ins Ohr sprechen.

Wir kehren um: im Rücken den Engel mit dem Flammenschwert, der bald nach dem Aufleuchten des göttlichen Funkens in uns auch uns selbst überdeutlich ein „Bis hierher und nicht weiter“ signalisiert. Draußen erweist sich der Übergang von der Kopie als gödeladressierter Konstellation zum Bild als kommunizierter Kopie als Voraussetzung unterschiedlicher Rollenverständnisse. Benannte oder doch benennbare Bilder ermöglichen den Storybezug auf eine operativ geschlossene Gestalt, die konstantes Objekt unterschiedlicher Versionen verschiedener Geschichten oder unterscheidbarer Episoden einer Geschichte werden kann. Nun ermöglichen sie dem Kreator die intuitiv gesteuerte Selbstverwirklichung als Innovator, dem Regulator sichern sie jene Illusion der Kontrolle, auf die er als Regulierer angewiesen ist. Wir sehen vor uns zwei Gestalten, die nach jenen großen Unterscheidungen hinter ihrem Rücken wohl immer schon mit unterschiedlichen Rollenmerkmalen auf die Lichtung traten. Denn unterschiedliche Intentionen, die einmal den Vordergrund, einmal den Hintergrund stabil halten wollen, lassen auf eine Rollendifferenz schließen, die wir als bewusst unterstellen können. Doch die eigene Gödelperspektive erlaubt Innovator wie Regulierer heutzutage unterwegs statt der Bilder des Gewollten intendierte Schwellenwerte als kritische Größen zu betrachten, die Orientierungsmuster und Leitbilder, Struktur und Form, Rezeption und Konzeption der Traditionsmuster einer bestimmten Gemeinschaft in nichtbeliebiger Weise verbinden, auch wenn sie unterschiedlich interpretiert werden und wenn jene Werte verschieden sind. So sehen wir zunächst die prädestinierten Antagonisten gemeinsam staunend aus der Neuzeit hinausziehen, als ob beide demselben Rattenfänger oder gar einem noch mächtigerem Verführer folgten. Die magischen Schleifen seines regelnden Zauberstabes scheinen hervorzubringen oder zu verhindern, was immer sie wünschen.

- und ein doppelter Ausgang

Die Selbstthematisierung des Zeichens, der linguistic turn am Beginn der neuen Epoche befreit das Bild vom Abbilddogma und lässt nicht nur die künstlerische Kreativität explodieren. Was etwa bei Richard Wagners Leitmotivik sichtbar wird, lässt sich auch beim Freud der ersten Topik beobachten. Beim Übergang in die Moderne wird überall spürbar, dass die Auflösung des Bildzusammenhangs von Regel und Objekt neue Wege weist. In den avanciertesten Interpretationen hellsichtiger Künstler wie Schönberg und Picasso zeigt sich dann ebenso wie in den neuen Zusammenhängen, die Einstein erschließt, wie die Loslösung der Formen- wie der Formelsprache vom Zwang abbildender Reproduktion das altgewordene Weltbild der Neuzeit langsam hinterm Horizont verschwinden lässt, auch wenn sich das Neue nur in Umrissen zeigt und Orientierungssignale nur hier und da zu vernehmen sind.

Die hier wie da kreative Elite lebt unterdessen von anderen Gewissheiten. Wenn man sich widerstandslos den unendlichen Regulierungsmöglichkeiten bloß binärer Zuordnung des Verschiedenen als Orientierungsprinzip überlässt, eröffnen sich wie von selbst neue, unendlich mannigfaltige Welten kosmischer, biologischer, sozialer, psychischer, schließlich künstlerischer und formaler Evolution. Es bricht eben nicht das Chaos aus, wenn man auf Außenregulierung verzichtet. Dem altersradikalen Chomsky gelingt mit dem Hinweis auf die unendlich produktive Regel-Generativik der natürlichen Sprachen eine originelle Begründung von Anarchie. Das menschliche Leben hat seine eigenen Regeln, von denen regulierende Politik die Finger lassen sollte. Aber auch die kosmische und biologische Evolution können Hinweise geben, die bis zu Gaia-Spekulationen verlängert wurden: wenige Regeln genügen, um an Rändern und in Nischen Interessantes entstehen zu lassen, das sich gegen das Entropiegefälle wie von selbst verdichtet, in dem Prozesse Fließgleichgewichte anzustreben scheinen und sich schließlich operational schließen, um sich als homöostatische Gebilde in ihrer jeweiligen Umwelt zu behaupten. Versteht man aber einmal die Form als Kombination innerer und äußerer Grenzen, relativiert sich nicht nur die alte Bedeutung von ‚Gestalt‘. Die Grenzen selbst erweisen sich bei Annäherung als schwammförmig porös, werden überall zur Nano-Oberfläche und zum Ausgangspunkt unabsehbarer neuer Verzweigungen. Zur äußeren kommt die innere Unendlichkeit. Wir stehen – wie einst Luther am Beginn der Neuzeit – in der Morgenröte einer neuen Zeit. Hinter uns liegt ein Tor, an das Russel und Whitehead gepocht, das Gödel und andere aufgestoßen haben. Vor uns erschließt die befreite Syntax Neuland, das die alte Semantik der Entdecker und Eroberer provoziert. „Da unten ist jede Menge Platz“, rief Richard Feynman aus, als er erkannte, dass sich mit der Nanotechnologie ein ganzer neuer Kosmos erschloss oder doch der alte wieder mal ganz neu.30

Doch einfacher wurde dadurch nichts. Das zeigt das Dilemma derjenigen, die von der mitlaufenden Verheißung totaler Prozesskontrolle verführt wurden. Seit Axiomatisierung und Digitalisierung im paradigmatischen Kern des neuen Zeitalters die ganz andere Mathematisierung der Erfahrung in der Neuzeit ablösten, sichert die immer mögliche Charakterisierung durch Gödelzahlen scheinbar die Operationalisierbarkeit von allem. Mit der letzten Unterscheidung und Zuschreibung des kalkulierenden Beobachters hat sich zwar jede Gestalt wieder in Singularitäten aufgelöst. Aber die vollständige Topologie ist gleichzeitig eine topologische Zuordnung, in der die Gödelzahlen die Raum-Zeitspur ihrer Genese bewahren. Damit legitimiert sich aber nicht nur die Rekonstruierung der Gestalt bildenden Schichten als Äquivalent ihrer formalen und funktionalen Analyse. Die beide verbindende Regel wird zum Algorithmus generativer wie degenerativer Regelverfahren.

Technische Regelung wird unter der Hand zum Vorbild für den Entwurf des Neuen wie für die entworfene Wiederherstellung des Alten. Weil beide modern sind, ähneln sich Kommunismus und Faschismus in ihren Zukunftsentwürfen, verbindet Nischenfeindlichkeit linke wie rechte Bauhausschüler. Und nicht nur das. Wie die intuitive Einsicht in die paradigmatische Verankerung der Regel überall die Aussicht auf durchgängige Planbarkeit eröffnet, erhöht sie links und rechts die Wahrscheinlichkeit totalitärer Umsetzung. Die Illusion totaler Prozesskontrolle erzeugt wie von selbst neue glatte Bilder des sauber regulierten Neuen. Ihnen verfallen nicht wenige Künstler und kreative Planer, während die realen Regulierer sich aufs Tun konzentrieren. Unterwegs verdrängen sie dann gemeinsam die störenden Bilder schmutziger Zustände, die sich stets einstellen, wenn die Pläne umgesetzt werden.

Nach welcher Regel? Die Stärke und die Schwäche regelnder Regulierung verweisen auf denselben Ort ihres Ursprungs. Das verdrängte Bild ermöglicht sie – und lässt zugleich die Notwendigkeit alternativer Orientierung unterwegs erkennen. Dem bewussten Regulierer erscheint das stets komplexere Leben im Hintergrund und als Ausgangspunkt all seines Tuns als Ensemble schmutziger Kompromisse, dem er zunächst noch gutwillig selbst Bilder guten Lebens entgegenstellt. Aber es gibt kein richtiges Leben, wenn er einmal regelnd unterwegs ist. Keine Gestalt, aufs Bleiben eingestellt, darf sich ihm entgegenstellen. Wie dünnhäutig und hilfsbedürftig solche Gebilde auch seien: operationale Geschlossenheit erscheint ihm opak und solidarische Vernetzung als Verschwörung zur Verhinderung seiner Absichten. Das nicht verortete Andere stört ihn wie der unberechenbare Eigenbrötler – wer erkennbar Neues setzt, ist als Feind identifiziert, auch wenn er kein Dissident ist. Der Kontakt zum Bild geht vollends verloren, wenn sich Regulierung als Homöostase inszeniert. Was lebt, ist nur für den hastigen und oberflächlichen Betrachter in Gleichgewicht. Im Hintergrund laufen sich überlagernde Prozesse von Adaption und adaptation, die System wie Umwelt verändern und in denen der selbst Kreative schnell, der geduldige Beobachter langsam Neues wachsen sieht. Wenn allerdings unter diesen Eindrücken das heimliche Idealbild einer radikal regelnden Regulierung zerbricht, die sich selbst als abgeschafft missversteht, rufen Kurzschlüsse panische und sehr konservative Regulierer auf den Plan, die sich rechts wie links zum Verwechseln ähnlich sehen. Sind die Regulierer nach Fukushima in dieser Weise bild- wie planlos? Oder haben wir es tatsächlich mit einem neuen Typus charismatischer oder strategischer Regulierer zu tun, die sich selbst an einer Homöostase des Machterhalts orientieren und die lediglich Medienbilder geregelter Zustände produzieren, weil sie diese bei ihrem Publikum als gegeben voraussetzen?

Der Regulierer will regulieren, indem er kontrolliert. Dabei reagiert er am Anfang auf das Leben, beschädigt es unterwegs im Werden und scheitert schließlich an dessen Komplexität. Anders scheitern die Kreativen. Sie rufen nicht nur die Regulierer auf den Plan, sondern schaffen ihnen auch noch Verbündete, weil sie nur wenige mitreißen, viele verstören. Wer sich der Intuition des wirklich Neuen überlässt, während es sich nach seinen eigenen Regeln produktiv entfaltet, unterbricht kommunikative Routinen, irritiert dauerhaft und vernimmt allenfalls noch die Rufe Gleichgesinnter, die „Nah wohnen, ermattend auf Getrenntesten Bergen“.31 Leicht lässt sich diese Elite als massenfeindlich denunzieren, obwohl sich dem Beobachter andere Vermutungen aufdrängen. Zwar löst sich die Avantgarde aus Konventionen, nicht selten verdrängt und verschmäht sie das Überkommene tatsächlich – aber zugleich kennt sie dessen Grundlagen intimer und beherrscht die klassischen Techniken besser als diejenigen, die als dessen Anwälte auftreten und deren Mitläufer. Aber eben die profitieren jetzt von den Innovationen alter Inventionen und rationalisieren die Intuitionen der Vorgängergeneration, denen andere das Leben schwer gemacht haben. Dem distanzierten Beobachter drängt sich eher das Bild eines übergeordneten Innovationsprozesses auf, in denen die Beteiligten ihre Rollen spielen, ohne das Drehbuch zu kennen.

Aber für die einen wie für die anderen, die an der Front des Fortschritts ineinander verheddert sind, gibt es kein Zurück. Man kann zwar fragen, ob Kreative und Innovatoren, die sich heute den axiomatisieren Regeln des Entstehenden anvertrauen, mehr über das Entstehen wissen, das sie fördern, als ihre früheren Kollegen, die von Eingebung sprachen. Oder ob diejenigen, die ein operational geschlossenes System regulieren wollen, in einer besseren Position sind diejenigen, die sich erkennend oder handelnd eigentlich mit dem Ding an sich konfrontiert wussten. Aber man kann eben nicht bezweifeln, dass diese Konzeption faktisch ersetzt ist, wenn aus dem Gegenüber von Regulierung und System am Ende nur eine Blackbox als Objekt regelnden Handelns erscheint. Auch wenn bei zielsicherer Förderung oder erfolgreicher Regulierung diese Regelung zum rasenden Stillstand kommt und das Ziel des Handelns seltsam flimmernd feststeht, ist aus der zu Grunde liegenden Konstellation kein Phänomen mehr zu rekonstruieren. Die Betrachtung von „Sein und Zeit“ führt heute nicht weg vom Seienden, wie Heidegger meinte, sondern über die Unbeliebigkeit der Beziehung zwischen dem Phänomen und seinem Strukturaspekt hinein in ein Sein, das Ursprung und Geheimnis nur im kontingenten Werden offenbart. Was in den Voraussetzungen unseres Bewusstseins der Fall ist, stellt uns nicht vor das Nichts als Grund oder Abgrund. Was da ist, verweist uns hier und heute aber weder nach oben, wie im antiken und mittelalterlichen Weltbild, noch nach unten, in die ‚Tiefe des Seins‘, wie der Theologe Paul Tillich vorschlug, sondern es lockt uns gleichzeitig zwischen die Dinge und immer tiefer hinein in die Verwicklungen unseres Selbstbewusstseins.

Auch innen bleibt viel Platz. Dort aber hat das Orientierungsproblem des Handelns überwintert und räkelt sich hoch zu neuer Frische. Das alle Akteure verbindende praktische Wissen orientiert sich an kritischen Parametern komplexer genetischer Prozesse der Gestaltwerdung als Ausgangs- und Endpunkte ihres Handelns. Auch wenn ihnen eine Konstellation kopierter Eindrücke als so oder so gefühltes Bild bewusst ist, orientieren sie sich an Soll- und Istwerten, und ziehen sie ebenso wie ein Beobachter zur Begründung ihrer Interventionen heran. Was dabei anderen kommuniziert wird, weist links- wie rechtsverzweigt schmale Pfade über sumpfigen Boden, die sich auch im Dickicht der Städte als kurze Wege im heimischen Schrebergarten, Sackgassen in unwirtlichen Städten oder Holzwege im dichten Wald erweisen können. Unabhängig vom Erfolg ihres Tuns müssen wir aber neben der ursprünglichen Intention betrachten, wie Innovator und Regulierer regeln. Hier scheiden sich die Geister noch einmal – und sie scheiden sich nicht nur um uns herum, sondern auch in uns selbst.

Um sie zu unterscheiden, können wir nun allerdings von einem Vorverständnis von Regulierung ausgehen, das das Verweilen bei ‚Regel‘ und ‚Regelung‘ nachträglich vielleicht doch rechtfertigt. Mit ‚Regel‘ beziehen wir uns auf das Grundparadigma unserer Epoche, in dem sie das Pendant zunächst zu ‚Singularität‘, dann zu ‚Konstellation‘ ist. Sie setzt die Bezugspunkte aller Zuschreibungen eines Beobachters, gleichgültig, ob er konstruieren oder regulieren will – aber nicht beliebig. Konkret würden wir die Formel Satztiefe ist Worttiefe durch Wortanzahl, von der wir ausgegangen sind, für unsere Zwecke umwandeln in: Regelungsdichte ist Regelungstiefe durch Regelzahl.

‚Regelung‘ erscheint dabei als zunächst als technische Regulierung durch Rückkopplung, die im Kern eine durch Gödeldifferenzen ermöglichte Selbstanwendung von Regeln ist. Der entsprechende englische Ausdruck dafür ist ‚Controlling‘, was es dort wie inzwischen auch im Deutschen notwendig macht, ein betriebswirtschaftliches Regelungsverfahren von unserem weiteren Regelungsverständnis zu unterscheiden, das den paradigmatischen Kern gegenwärtiger, das heißt nach-neuzeitlicher Regulierung fixiert: gerade weil sich von dort aus dessen strategische Bedeutung erkennen und bewerten lässt. ‚Regelung‘ kann daher auch eine axiomatische oder formale, meist rechtliche Regelsetzung bedeuten: die Erstellung eines Regelwerks als Produkt regulierendenden Handelns; man hat dann im Ergebnis einen ‚rechtlich geregelten Bereich‘. Das paradigmatische Verständnis regulierenden als regelnden Handelns kann hier fehlen und muss sich auf die Beobachterperspektive verlagern. Wir werden dann Unschärfen nicht immer vermeiden können.

Regelung erschließt in immer weiteren und sich überlagernden Programmschleifen Bewusstsein, aber unserem Bewusstsein erschließt sich vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Kommunikation auch eine bleibende Differenz zwischen Regelung und Regulierung, der wir uns nun zuwenden müssen. Wir konnten uns innerhalb der Schleifen, in denen wir uns zurechtfinden mussten, immer wieder an notwendigen Beziehungen orientieren, die auf soziale Sachverhalte verwiesen. Aber geklärt hat sich dadurch vor allem, was Regulierung nicht ist: technische oder rechtliche Regelung und nichts weiter.

2. Regulierung als soziale Regelung

Auf der Suche nach Orientierung am Anfang unserer neuen Epoche habe ich in diesem Regulierungsbuch wie schon im Innovationsbuch bei der Sprache angesetzt, in der sich die Menschen über das Neue verständigen. Andere gehen mit guten Gründen auf die Tätigkeit des Messens zurück: den Anfang der Mathematik.32 Die sich daraus ergebende Frage nach dem Verhältnis von Mathematik und Physik führt heute zu analogen Ergebnissen und anschlussfähigen Einsichten, wie die Frage nach dem, was Sprache leistet, wenn wir uns von diesem Ansatzpunkt aus dem Zwischenbereich des Sozialen nähern. Hier werden allerdings die mathematischen Möglichkeiten, die sich die Physik zu eigen gemacht hat, bislang nur in der soziologischen Statistik und in der Ökonomik konsequent genutzt, wo sie fast notwendig Realität trivialisieren und, regulierend umgesetzt, die Möglichkeiten gesellschaftlicher Praxis beschränken. Denn das Soziale erschließt sich letztlich nur von den Bewegungen her, die jetzt Neues einstmals auslösten.

Zwar stehen wir bei der Beschreibung wie bei der Handhabung kreativer Modelle ebenso ganz am Anfang wie bei der Analyse der Traditionsmuster, die gesellschaftliche Kooperation strukturieren, indem sie kollektive Erfahrungen vermitteln.33 Aber heute werden Regulierung wie Innovation als Versuche kenntlich, Soziales auch dann noch zu regeln, wenn es nicht mehr einfach darum geht, als Gemeinschaft das Fremde: andere und anderes an der Außengrenze abzuwehren. Der Innovator und das Neue rufen den Regulierer auf den Plan, weil sie im Innern bereits erfolgreich sind und sich gerade anschicken, nach der Schumpeter-Maxime das gemeinschaftlich Bewährte schöpferisch zu zerstören.34

Wenn wir die so gegeneinander antretenden Akteure beobachten, ähneln sie sich sehr. Sie wissen, worum es geht, und sind gerade darum von Anfang an in doppelter Hybris verbunden. Sie übertragen intuitiv ein mathematisch-technisches Verfahren auf einen Bereich, der nach eigenen Gesetzen funktioniert: was, wie wir gesehen haben, nur nicht-triviale Lösungen als regulär erscheinen lässt. Wie beim Innovator, der das Neue fördert, verbindet sich beim Regulierer, der es verhindern oder eindämmen will, die Intuition des Neuen mit der Illusion, das Bestehende kontrollieren zu können. In beiden Fällen entsteht so ein neuer Zusammenhang sozialer Kommunikation, der als Regelwerk eigene Gestalt annimmt, als Regelungsversuch eigene Wirkungen auslöst und eigenen Gesetzen gehorcht.

Innerhalb der epochenübergreifenden wechselseitigen Gefährdung von Alt und Neu verbirgt sich ein epochenspezifisches Lösungspotential, das wir zunächst analytisch nutzen können. Regulierung im Feld gesellschaftlicher Möglichkeiten hat als soziale Regelung eine Triggerfunktion (1). Schwankend zwischen Regulierung und Deregulierung droht sie als ökonomistische Regelung auf andere Funktionssysteme überzugreifen: das ist das Risiko von Regulierung als ökonomischer Regelung (2). Wenn das Neue in und zwischen Funktionssystemen Regelungsprobleme erzeugt, wird in unserem ausdifferenzierten Gesellschaftssystem gegenwärtig qua Informationssteuerung nachreguliert. Regulierung als Regelung in Funktionssystemen verändert die grundlegende Netzwerkstruktur in den Institutionen, Organisationen und Gemeinschaften unserer Gesellschaft (3).

1. Regulierung im Feld gesellschaftlicher Möglichkeiten

Wie zuvor der Innovator will der Regulierer seine Ziele durchsetzen: was der Legitimierung bedarf. Denn vor dem Hintergrund stets knapper Ressourcen, angesichts konfligierender Bedürfnisse und Interessen und schwankender Kooperationsbereitschaft setzt dies regelmäßig die Ausübung von Macht voraus, die Max Weber als die Fähigkeit definiert, „den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen“.35 Wie Innovation ist Regulierung nicht denkbar ohne Emotion und Illusion. Doch das sagt noch nichts aus über Gelingen und Misslingen, über moralisches Bestehen oder Scheitern des Regulierers. Hierüber entscheidet der Beobachter (der auch der sich selbst beobachtende Regulierer sein kann), indem er Intention und Ergebnis vergleicht. Dazwischen kann er Regeln kausal interpretieren und einem Urheber zuordnen. Und so bewertet er das Ganze als Prozess, den der Regulierer zu verantworten hat wie zuvor der Innovator.

Aber schauen wir genauer hin. Schon Bewusstsein und Selbstbewusstsein sind sozial verfasst. Unsere Intuitionen werden als Intentionen bewusst, wenn sie sich als Wille nach außen richten. Im Realitätskontakt werden aus begleitenden Emotionen Störungen der Befindlichkeit, die uns: die unser Ich gleichsam aufwecken. Wir erfahren uns dann als Subjekte und Objekte eines Begehrens anderer. Dies lässt unterhalb aller späteren Positionierungen Regelung als Machtausübung bedrohlich – und Regulierung als notwendig erscheinen. Gleichzeitig erfahren wir in dieser Konstellation zwischen der Macht der Liebe anderer und unserer eigenen Liebe zur Macht immer auch etwas über uns selbst – was die Chance eröffnet, Regulierer und Innovatoren nicht nur von außen oder unter irgendwelchen statistischen Gesichtspunkten zu betrachten. Wir können versuchen zu verstehen, was sie zugleich definiert und unterscheidet. Gerade weil sich die Ziele von Regulierer und Innovator unterscheiden, erhellen ihre gegeneinanderlaufenden Regelungsverfahren den Bereich des Sozialen als gemeinsamen Hintergrund erkennbarer Symmetrien und benennbarer Symmetriebrüche zwischen Regulierung und Innovation. Beide können Theorie wie Praxis weiterbringen.

Gehen wir dabei nun nicht von der Sprache, sondern vom korrespondierenden Vorgang des Messens als mathematischer Grundoperation aus, so können wir sagen: Der Innovator integriert, der Regulierer differenziert Traditionsmuster.36 Durch diese Differenz von Grundoperationen lassen sich zwar Kreator und Regulator sowie der gemeinsame Anwendungsbereich des Sozialen theoretisch bestimmen. Wie wir gesehen haben, setzen aber innovatorisches wie regulierendes Handeln ebenso wie eine Rollenübernahme oder -zuschreibung stets beide Grundoperationen voraus, weil es dabei um Charakterisierungen unterschiedlich regelnden Handelns geht: ausgehend von Mustern, die wir erst ansatzweise erkennen und beschreiben können. Während der Innovator in verschiedenen Ansätzen die integrierende Logik einer Gestalt höherer Dimension erschließt und wirksam werden lässt, verhindert oder zerstört der Regulierer solche Ansätze durch die Rekonstruktion jener Eigenlogiken und -werte, an denen wir uns bisher orientiert haben und auf die sein Kontrollbegehren ausgerichtet ist: allerdings setzt er dabei die Perspektive des Innovators voraus. Für den Beobachter wiederum (den wir nun beobachten) wird daher im Hin- und Herspringen zwischen unterschiedlich dimensionierten Bereichen eine Grenze sichtbar – während wir abermals sehen, wie aus einer digitalen Operation und der Grundoperation des Zählens durch Wiederholung jene Gestaltumrisse sichtbar werden können, an denen sich das soziale Leben wirksam orientiert: nicht trotz, sondern gerade wegen und während der Entstehung des Neuen.

Halten wir hier nur die grundlegenden Zusammenhänge fest, von denen wir dann im Folgenden ausgehen können: Die Operationen von Innovator und Regulierer erschließen soziale (wie psychische) Realität als Grenzzone, die als Filter zwischen zwei Potentialbereichen funktioniert. Das ungewollte Zusammenwirken der beiden lässt in den Bereichen des abstrakt Möglichen, den die Mathematik erhellt, vorwärts und rückwärts Kegelumrisse des konkret Möglichen erscheinen, die das, was gerade der Fall ist, überhaupt erst interpretierbar machen: vor dem Hintergrund dessen, was hätte gewesen sein können, und angesichts dessen, was noch werden kann.37 Gerade wenn wir nun in beiden Bereichen auch die zunehmend enger und schärfer werdenden Umrisse des physikalisch, technisch und kulturell Möglichen betrachten, dann erscheint Realität selbst als gerichtete Abfolge nichtbeliebiger und einander bedingender Konstellationen, die sich allerdings nicht einfach kausal, sondern im Wechselspiel geronnener Erfahrung und realistisch ehrgeiziger Entwürfe entfalten.

Abbildung 6: Licht- und Ereigniskegel von A38

Darauf verweist auch die mediale Textur der Traditionsmuster, die in diesem Feld evolvieren und von denen Innovator und Regulierer jeweils auszugehen haben. Körper und Nahrung, Sprache und Gabe, Schrift und Geld, Buch und Kapital, elektronische Vernetzung und Finanzkapital setzen als Epochen prägende Ausdrucks- beziehungsweise Messmedien einander paarweise voraus. Innerhalb dieser Leitmedienkonstellation39 verweisen sowohl epochenspezifische Vervielfältigungsmedien (wie Schriftrolle, Flugblatt oder Fernsehen) als auch die immer weiter sich ausdifferenzierenden Funktionsmedien gesellschaftlicher Subsysteme (wie ‚Öffentlichkeit‘) mit ihren spezifischen (‚Erfolgs‘-) Codes (hier: ‚neu‘ im Gegensatz zu ‚bekannt‘) auf eine Feldstruktur im Wirkungsbereich innovatorischen wie regulierenden Handelns.

Innovation und Regulierung erschließen heute dieses Feld des Sozialen zunächst dadurch, dass sie Institutionen als selbstregelnde Regeln erkennbar machen.40 Als Orte gesellschaftlicher Kommunikation und Konvention sind sie immer auch Schauplatz eines andauernden Ringens. Als Ergebnis vorhergehenden wie als Voraussetzung künftigen gesellschaftlichen Handelns sind sie in jeder Gegenwart janusköpfig. Jeder wirksame Ansatzpunkt orientierenden Handelns muss daher wie eine Münze Quantität und Qualität erkennen lassen. Jede Ziffer muss als Kennzahl gelesen, jedes Bild als Struktur definierend verstanden werden können. Dies macht aus der Münze mit Zahl- und Bildseite so etwas wie ein notwendiges Symbol. Diesseits der archaischen Gabe, auf denen unser gesellschaftliches Leben nach wie vor aufruht, ist in der Geschichte, soweit wir sie überblicken, Geld zum transepochalen Medium geworden, in dem die mitlaufend evolvierenden Traditionsmuster Quantität und Qualität immer wieder anders korrelieren. Um seine Wirkungsweise angemessen zu reflektieren, müssten heute die theoretisch wie methodisch isolierten Geistes- und Sozialwissenschaften von den Naturwissenschaften lernen, wie sich über Dimensionsgrenzen hinweg Zusammenhänge formulieren lassen, wie Vektor- und Tensorfelder Triggereffekte verstehbar, ja berechenbar machen, wie Zahlungen (oder deren Ausbleiben) als Twistoren irritierende Wirbeleffekte zwischen den Funktionsbereichen unserer postmodernen Gesellschaft auslösen. Daher finden heute nationalstaatliche Akteure, die in ihren hilflos langsamen Reaktionen wie Zombies in B-Filmen wirken, ihr genaues Pendant in Akteuren des global vernetzten Finanzkapitalismus, die blitzschnell kalkulierend noch kurz vor dem Fall ins Bodenlose Luftbuchungen ins Leere hinein vornehmen. Hier hat man sich Gedächtnis und Empfinden für die Nichtbeliebigkeit der Konstellationen abtrainieren können, die als Voraussetzung in jede Transaktion eingehen – während dort Macht ausgeübt werden kann, ohne dass Zahlenverhältnisse verstanden und Zahlungsverhältnisse ernstgenommen werden. Das macht karikierende Beobachtungen zum zielführenden Umweg.

Wir wollen nicht übersehen, dass als Ergebnis jener Gespensterschlachten und Luftnummern Schweiß, Blut und Tränen fließen. Die Einsicht in die gegeneinanderlaufenden und doch einander korrespondierenden Strategien von Innovator und Regulierer sowie die Identifizierung von Nichtbeliebigkeiten und Schnittstellen, die ihr Handeln erkennen lässt, sind praktisch wichtig. Aber sie setzen heute auch deshalb eine erneute theoretische Anstrengung voraus, weil sie vorbereitet wurden und einhergingen mit jener tief greifenden Umorganisation des Wissens, mit der alle wissenschaftlichen Disziplinen auf den Epochenwechsel reagierten. Wir werden gegenwärtig nicht zufällig immer wieder mit einem Regulierungsverständnis konfrontiert, das sich vom Funktionssystem Wirtschaft her konkretisiert: als Regelungsversuch jener Marktstörungen, die innovatorisches Handeln auslöst.

2. Regulierung als ökonomische Regelung

Wenn wir in unserer ausdifferenzierten Gesellschaft das kritische Potential der bisherigen Analyse fruchtbar machen wollen, können wir scheinbar bruchlos an die Differenz zwischen einem vorliegenden weiten und einem engeren Regulierungsverständnis anknüpfen, von denen das eine eher soziologisch, das andere eher ökonomisch geprägt zu sein scheint. ‚Regulierung‘, englisch ‚regulation’, kann danach zum einen bedeuten: „controlling human or societal behaviour by rules or restrictions”.41 Zum anderen

steht (der Begriff Regulierung) für die Summe der Regeln – Gesetze, Verordnungen und sonstige Bestimmungen – mit denen der Staat steuernd ins Wirtschaftsgeschehen und in das Verhalten der Marktteilnehmer eingreift. Ziel dieser Regulierung ist zum einen die Beeinflussung des Wettbewerbs zwischen den Marktteilnehmern, um unerwünschte Ergebnisse zu verhindern… Zum anderen versucht der Staat, mit Regulierungsmaßnahmen soziale Ziele durchzusetzen. Diesem Zweck dienen z. B. die Arbeitsmarktregulierung und die Sozialgesetzgebung.42

In beiden unterschiedlichen Definitionen prägt sich aber nicht nur eine gemeinsame Vorgeschichte gesellschaftlicher Differenzierung aus: sie sind auch geprägt vom geschichtlich gewachsenen Vorverständnis unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen sowie vom aktuellen Zugriff gegenläufiger Interessen. Was sich in wissenschaftlichen Auseinandersetzungen spiegelt, schlägt sich nieder im ordnungspolitischen Wechselspiel zwischen Regulierung und Deregulierung und vollendet sich in regelnden Übergriffen, die sich auf ökonomistische Konzepte berufen können.

- vom Gabentausch zum Austausch von Informationen

Die Wirtschaftswissenschaft steht im Ganzen in der Nachfolge der ehrwürdigen Politischen Ökonomie, die eigentlich Praktische Ethik ist. Vielleicht verfällt sie heute so leicht einer ideologisierten (‚neoliberalen‘) Ökonomik, weil Marktüberforderung sie wie ein Geburtsfehler begleitet. Denn nicht erst seit Adam Smith, Karl Marx und Max Weber wollte man vom Licht und Schatten auf dem Markt auf den Sonnenstand der Gerechtigkeit schließen, der am Horizont der Neuzeit wie hinter Wolken verborgen schien. Schon bei Aristoteles verhalten sich partitive und distributive Gerechtigkeit wie Produktions- und Distributionssphäre, in denen das Gerechte prinzipiell nach Alternativ- beziehungsweise Transaktionskosten berechnet werden kann: Dort arithmetisch: Schlag für Schlag, Stück für Stück; hier geometrisch: proportional zu Kraft, Geschicklichkeit und Cleverness – die allerdings auch zur erworbenen oder sogar bloß ererbten gesellschaftlichen Position akkumuliert sein kann (und an der sich dann die Gerechtigkeitsfrage immer wieder neu entzündet43): Wenn Kooperation der Anfang der Kultur, vielleicht der Menschwerdung war, dann war vielleicht sogar Ökonomik, einhergehend mit dem sich entwickelnden Geldwesen, die Grundlage, von der her traditionale Moral zu Ethik, archaische Regel zum Recht und dieses zu einem generalisierbaren Verteilungsverfahren von Gütern aller Art wurde, auf das sich jede Regulierung beziehen kann, wenn sie regelt.

Ich bin wie Luhmann Anhänger der Leitmedientheorie, die den Epochenwechsel von der Urgesellschaft zur Antike, vom Mittelalter zur Neuzeit und von der Moderne zu uns heute einhergehen sieht mit einem Wechsel des Hauptspeichermediums einer Gesellschaft im Übergang von der handwerklichen über die mechanische zur elektronischen Speicherung und Prozessierung der Traditionsmuster. Aber wir alle haben dabei wohl übersehen, dass dabei nicht einfach nur abstrahiert und symbolisiert wird, um die laufende Kommunikation zu erleichtern und zu sichern. Es hat sich vor dem Hintergrund langwelliger Veränderungen so etwas wie ein eigenes Differenzierungsmedium herausgebildet: wir werden es später ‚Transformationsmedium‘ nennen, dem Karl Marx mit seinem „Kapital“ und Hans Georg Simmel mit seiner „Philosophie des Geldes“ wohl am dichtesten auf der Spur waren.44 Bedingung der Möglichkeit gesellschaftlicher Evolution durch Ausdifferenzierung war und ist die prinzipielle Rückkopplungsmöglichkeit zwischen Produktions- und Distributionsverhältnissen. Genauer müsste man hier wohl von Kommunikationsverhältnissen oder von den gesellschaftlich festgelegten Verständigungspotentialen bestimmter Gemeinschaften sprechen. Sie werden begrenzt durch die mit jedem Medienwechsel fortschreitende Abstrahierung des jeweiligen Austauschmediums, die wir bei der Ablösung der symbolischen Gabe erst durch Münz- und dann durch Papiergeld nachvollziehen können und die wir heute beim Übergang vom Geld- zum Finanzkapital erleben. Offenbar sind Innovatoren wie Regulierer zusammen mit den Betroffenen über jeden Wechsel des Leitmediums hinweg auf die Vorstellung angewiesen, die Verteilung knapper Güter sei prinzipiell berechenbar. Heute sehen wir im Rückblick, dass sich im Epochenwechsel zwar beide Seiten der Gleichung radikal veränderten, dabei aber stets medial gekoppelt waren. Die verrechenbare Abbildbarkeit dessen, was angeboten und nachgefragt wurde, war jederzeit gesichert oder konnte doch nach krisenhaften Irritationen wieder hergestellt werden. Wir müssen heute rekonstruieren, was im kulturellen Bewusstsein einer Epoche einst getauscht, was dann gekauft wurde: wie ‚die Gabe‘ zum ‚Fetisch Ware‘ wurde und dann zum Investitionsgut. Heute aber steht jedenfalls den laufenden Finanztransaktionen wieder ein epochal codiertes knappes Gut in medialer Entsprechung gegenüber. Information wird unterhalb des Produktwandels im Zuge langwelliger Innovationszyklen das Schlüsselprodukt unserer Epoche bleiben: ob in Gestalt von Patenten, als Mediencontent oder als Terminkontrakt über lebenswichtige Energie, über Rohstoffe und Grundnahrungsmittel.

Das enge Verständnis von Regulierung thematisiert also zwar Berührungspunkte von Staat und Wirtschaft als kritische Parameter gesellschaftlicher Entwicklung. Aber zugleich drohen dadurch, wie wir schon bei Analyse der Sprachmuster gesehen haben, Codierungsprobleme und Differenzierungsverluste. Die Blindheit für den Gesamtzusammenhang verdeckt ebenso die transsystemisch wirkenden Regelungsmechanismen, von denen sich alle Akteure leiten lassen, wie die Partikularinteressen, für die sie sich einsetzen. Im Zuge der gesellschaftlichen Evolution wurde zwar die rechnend verdrängte Abhängigkeit vom Ordnungsbild einer aristokratischen Sklavengesellschaft und von einer Ständegesellschaft mit ererbten Privilegien erkannt und ersetzt durch das Leitbild einer vertragstheoretisch begründeten Gesellschaft freier Bürger – allerdings nur, sofern sie als Besitzfähige potentielle Marktteilnehmer waren. Und erst heute, nach einem erneuten Epochenwechsel, bemerken wir, dass noch Kants Diskurse Kinder, Frauen und Kolonisierte einfach übergehen konnten.

Jenes weite Verständnis von Regulierung ist also unaufgebbar, wenn die Gesellschaft als Ganze im Blick bleiben soll, die auch von eng konzipierten Regelungsvorgängen des Marktes betroffen wird. Aus dieser Konstellation ergeben sich trans- und interdisziplinäre Fragestellungen. Wir dürfen nicht vergessen, dass der moderne, regelnde Staat die traditionale Gemeinschaft als einzige und universale Regulierungsinstanz abgelöst hat. Er ist zu Beginn der Neuzeit philosophisch begründet durch die Eigentums- und Freiheitsrechte des Dritten Standes, der sich aus überkommenen Verhältnissen emanzipierte. Er ist gesteuert durch eine Ethik, die ihren zentralen Wertbegriff aus dem Kurswert der Aktie abgeleitet hat. Aber innerhalb des globalisierten Marktes der Gegenwart ist er – epochenlogisch betrachtet – bereits wieder ein Player von gestern. Er wird zwar faktisch auf lange Sicht der wichtigste Akteur bleiben und Adressat der meisten Appelle sein, die auf Veränderung oder Regulierung drängen. Aber selbst als kollektiver Akteur im UN-Rahmen oder im Rahmen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) ist er überfordert, wenn er auf epochentypische Herausforderungen durch netzvermittelte Akteure reagieren muss: seien es Terroristen oder Finanzjongleure, seien es Aktivisten von Nichtregierungsorganisationen (NROs), die sich zu Gegendemonstrationen verabreden, oder zivilgesellschaftliche Protagonisten, die demonstrieren um Diktatoren zu verjagen, mit denen sich zuvor im nationalen Rahmen gute Geschäfte machen ließen.

Daher geht es nicht nur um Interessenkonflikte, wenn ordnungspolitisch darum gestritten wird, ob und wie dem Markt Regeln zu setzen sind. Leiden die Menschen unter gesellschaftlichen Ausschlüssen oder unter Ungleichgewichten des Marktes? Versagt die regelnde Hand des Staates oder jene ‚unsichtbare Hand‘, mit der sich der Markt angeblich selbst reguliert?45 Muss der Markt geregelt werden, obwohl oder weil er eigene Regeln hat? Kann er überhaupt wirksam von außen geregelt werden – und muss sich nicht vielleicht sogar der Staat Regeln setzend zunächst selbst vor Marktübergriffen schützen, um weiterhin zum Wohle der Menschen regeln zu können? Schließlich: Wenn geregelt werden kann und muss und wenn direkt oder indirekt am Ende alle betroffen sein werden: nach welchen Maßstäben soll dann geregelt werden?

- zwischen Regulierung und Deregulierung

„Regulation is suddenly back in fashion“, heißt es einleitend in einem nach Ausbruch der Finanzkrise erschienenen Sammelband zum Thema.

After more than thirty years of deregulation being all the rage, the financial crisis of 2007 to 2009 has dramatically changed attitudes about the proper role of government.46

Und in einem zweiten Sammelband wird schon im Klappentext erläutert:

As the financial crisis has shown, neither traditional market failure models nor public choice theory, by themselves, sufficiently inform or explain our current regulatory challenges, nor point us toward the best solutions.47

Beide Publikationen beziehen sich auf das Auf und Ab von (eigentlich Re-) Regulierung und Deregulierung in den 60er- und 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Damals war allerdings angesichts erster Anzeichen der Umweltkrise zunächst von ‚externalisierten Effekten‘ wirtschaftlichen Handelns die Rede und erst dann von ‚nicht intendierten Nebenfolgen‘ staatlicher Eingriffe. Wie schließlich das zugleich ökonomische und ökologische Scheitern der realsozialistischen Alternative zu beweisen schien, bewirken sie vor allem eins: Sie lassen die Selbstheilungskräfte des Marktes leer laufen – letztlich zum Schaden aller.

Im Rückblick zeigt sich, dass diese Deutung bereits ein ökonomistischer Mythos ist – wie immer es auch um den darin verborgenen Wahrheitsgehalt bestellt sein mag. Die Geschichte des regulatorischen Versagens der Planwirtschaften angesichts postmoderner: epochal neuer Herausforderungen gegen Ende des vergangenen Jahrtausends ist noch nicht geschrieben; vielleicht geht sie auch ganz ein in die Geschichte ihres Versagens. Im Westen gab es unterschiedliche Verläufe disziplinärer Verarbeitung regulatorischer Herausforderungen, die an jeweils anders lokalisierte Vorverständnisse von Regulierung anknüpften. Ich möchte diese hier kurz skizzieren, ehe wir uns später den Ergebnissen im Einzelnen zuwenden.

Typisch für die USA waren und sind pragmatische Arrangements und politische Deals. Korruptionsskandale und Bürgerproteste führten angesichts komplizierter Sachverhalte zunächst zu einer institutionellen Ausdifferenzierung, die erst anschließend von den zuarbeitenden Wissenschaften in ihren disziplinären Konsequenzen reflektiert wurden. So wie sich damals aus einem regulatorischen Bedürfnis heraus neben einer ordnungspolitischen Reflexion der Wirtschaft, die bereits im New Deal ihre Praxistauglichkeit erweisen musste, in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine spezielle Unternehmens­ethik entwickelte (‚business ethics‘), so entstand nun auch eine auf Regelung ausgerichtete Technikethik, die einer neuen parlamentarischen Beratungseinrichtung zuarbeitete (‚technology assessment‘, TA).48 Und ebenso entwickelte sich eine übergreifende ‚regulatory science‘ aus einem Forschungsauftrag der Umweltbehörde, dessen Ergebnis sich schließlich die mächtige Genehmigungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) zu eigen machte als „science of developing new tools, standards and approaches to assess the safety, efficacy, quality and performance of FDA-regulated products“.49

Im Umfeld von Innovationen, so hatte sich gezeigt, ist nicht nur naturwissenschaftliches Wissen unsicher, sondern auch Routinen und Strukturen der Wissenschaften geraten in Bewegung. Darüber kann und sollte man als Regulierer etwas wissen! Und so wurde wie von selbst aus der Frage nach der Belastbarkeit des naturwissenschaftlichen Wissens, von dem Regulierungen als Ausgangspunkten intendierter Regelungen ausgehen konnten, zunächst die Frage nach belastbarem Regulierungswissen. Analog zur Technikfolgenabschätzung entwickelte sich eine Gesetzesfolgenabschätzung, vor allem aber erweiterten sich das Konzept anwendungsbezogener interdisziplinärer Arbeit und die Routine multidisziplinärer Kooperation um das einer transdisziplinären Konsultation von Praktikern und Betroffenen, um deren Wissen in das Regulierungsprojekt einzubringen. Und schließlich leitet sich aus der Forderung nach ‚sozial robustem Wissen‘ zunächst das Forschungsprogramm ab, sozial robuste Regulierungsverfahren zu entwickeln, an denen auch Betroffene und eine interessierte Öffentlichkeit beteiligt sein mussten.50 Alle diese Aktivitäten waren zunächst Zugeständnisse einer prinzipiell wirtschaftsfreundlichen politisc­hen Adminis­tration an eine alarmierte Öffentlichkeit – auf die dann die Wissenschaft durch interne Ausdifferenzierung reagierte. Heute ist aus all diesen damals aufregenden politischen Neuerungen institutionalisierte Routine geworden, die von allen Interessierten genutzt oder eingepreist wird.

In den Wirtschaftswissenschaften selbst verlief die Aufnahme und Integration von irritierendem Wissen hingegen deutlich anders. Eine gelingende Integration von Wissen, die zur sozialen Robustheit auf der Objekt- und Metaebene des Regulierungsprozesses führt, unterläuft die Grenzen zwischen den Funktionsbereichen unserer differenzierten Gesellschaften: aber eben als innovationsaffine Regulierung, die typischerweise zu bleibenden Strukturveränderungen in allen Funktionsbereichen führt, die davon betroffen sind. Theoretisch muss und im Allgemeinen kann auch praktisch unterschieden werden zwischen der Rechtssetzung als charakteristischer Regulierungsform in einem Bereich zwischen Staat und Wirtschaft, in dem sich die Eigengesetzlichkeit des Rechtswesens auswirkt, und der Wirtschaftspolitik, die sich als bestimmte Ordnungs-, Struktur- oder Prozesspolitik durch regelndes Recht durchsetzt. Die ‚Theorie der Wirtschaftspolitik‘ gehört als Wissenschaft allerdings wiederum einem Bereich mit eigenen Regeln an: Sie ist ein Hybrid aus Wirtschafts- und Politikwissenschaft.51 Zunächst entnimmt sie dieser das Verständnis institutioneller Funktionen, die sie unter einem bestimmten Gesichtspunkt bündelt: wirtschaftliche Innovation zu fördern. Items der Weltbank sind dabei:

starting a business, dealing with construction permits, employing workers, registering property, getting credit, protecting investors, paying taxes, trading across borders, enforcing contracts and closing a business52

Für die OECD werden genannt:

scope of public enterprises, government involvement in network sectors, direct control over business enterprises, price controls, use of command and control regulation, licenses and permits systems, communication and simplification of rules and procedures, administrative burdens for corporations, administrative burdens for sole proprietors, sector-specific administrative burdens, legal barriers, antitrust exemptions, barriers to entry in network sectors, barriers to entry in services, barriers to foreign direct investment, tariffs, discriminatory procedures, regulatory barriers

– wobei unter dem letzten Item lediglich verbleibende nicht tarifäre Handelshemmnisse zusammengefasst sind.53

Der Volkswirtschaft entnimmt die wissenschaftliche Wirtschaftspolitik sodann die Methodik, mit der sie sich nach der Diagnose und Prognose wirtschaftlicher Gesamtzustände als ‚normative Ökonomik‘ entfaltet. Praktisch wird diese Wissenschaft aber nicht allein durch die jeweils gemessenen Ausgangszustände, auch nicht durch Sollvorgaben bestimmter gesellschaftlicher Ordnungsbilder, sondern durch die funktionale Ausrichtung gebündelter Regelungsprozesse. Die Weltbank stellt für ihre Einschätzung jedenfalls klar, worauf alle Analysen unterschiedlicher Regulierungsmechanismen letztlich hinauslaufen: „The standard cost model is a quantitative methodology for determining the administrative burdens that regulation imposes on businesses.“54 Auf dieser Grundlage entstehen neue Organisationen, die Regeln interpretieren und implementieren, und die in einem abgeleiteten Sinn Institutionen genannt werden, wie wir das von staatlichen Behörden kennen. Indem Ratingagenturen nach analogen Verfahren und Kriterien die Belastbarkeit von Staatsanleihen beurteilen, wirken ihre Marktinformationen heute fast unmittelbar politikregulierend: eine Rückkopplung, die notwendig zum Systemflimmern führt und Katastrophen erwartbar macht – oder neue Regulierungs- und Organisationsformen.55 In dieser transsystemischen Funktion haben die sich überlagernden Finanzkrisen die langwellige Umweltkrise überlagert.

Es verwundert daher nicht, dass die verspätete Übernahme aller dieser Konzeptionen im deutschen Sprachraum stark beeinflusst war durch den internen Abwehrkampf qualitativer, eher regulierungsfreundlicher Traditionen in der Politikwissenschaft, in der Soziologie und in den Wirtschaftswissenschaften gegen eine immer deutlicher werdende Dominanz quantifizierender und kalkulierender Methodik, die mit eher ‚neoliberalen‘: regulierungsfeindlichen Tendenzen einherging. Fast verzweifelt setzte einst der Sozialdemokrat Gerhard Weisser, der auch zuerst von ‚Ökonomismus‘ gesprochen hatte, den Übergriffen der Modelle das Konzept der ‚Lebenslagen‘ entgegen.56 Diese Reaktionsbildung erscheint zwar in Krisenzeiten immer wieder aktuell, konnte aber die theoretische wie praktische Marginalisierung historischer Betrachtung und qualitativer Methodik auf Dauer nicht verhindern.

- ökonomistische Regulierung

‚Regulierung‘ so zeigte sich in der Krise bald, war in ihrer engen und scheinbar präzisen Bedeutung geradezu parasitär bestimmt worden: als eben das, was durch ‚Deregulierung‘ aufgehoben werden soll: die Einschränkung ökonomischer Handlungsfreiheit durch Regeln, die staatliche Akteure setzen und kontrollieren, um Marktversagen zu korrigieren. Dabei wird das, was Regulierungsindizes messen, von den Auftraggebern der entsprechenden Studien stets als Posten in einer Bilanz vermeidbarer und letztlich überflüssiger Transaktionskosten betrachtet. Ob sie Traditionen verkörpern oder aktuelle Bedürfnisse, Privilegien oder Schutzbedürfnisse, ob sie effektiv sind oder nicht: sie wirken auf Wettbewerber wie ein Klotz am Bein.

Heute betrachten wir diesen ganzen Ansatz skeptisch und distanziert. Wir fragen nach den nicht hinterfragten Voraussetzungen eines solchen Denkens, weil wir dessen Auswirkungen erfahren haben. Und auch im angepassten Mainstream der Zunft wird heute neu über den ‚ökonomischen Imperialismus‘ nachgedacht, zum dem sich der Nobelpreisträger Gary S. Becker noch fröhlich bekannt hatte.57 Er forderte die Ausweitung der Alternativkostenberechnung auf alle Präferenzentscheidungen des Individuums. So ließen sich innere Märkte erschließen, auf denen in ‚Humankapital‘ investiert wird, und politische Präferenzentscheidungen wurden zum quasi berechenbaren Objekt einer Public-choice-Theorie. Beides trug aber umgekehrt wenig bei zur moralisch-politischen Selbstorientierung der Finanzmärkte an den moralischen und ordnungspolitischen Kosten des eigenen Tuns.

Erst mit aufgefrischtem Krisenbewusstsein wirkt sich in der Wissenschaftspraxis ein gewandeltes Verständnis aus, demzufolge gesellschaftliche Regelungen Ergebnis unterschiedlich regulierenden Handelns sein können. Das werde an den qualitativ verschiedenen Sanktionen kenntlich, die Regelverstöße nach sich ziehen. Tatsächlich scheint ja das Steuerungsproblem bestimmter Regulierungsbereiche in parallel wirksame und übergreifende Gesetzmäßigkeiten anderer Funktionssysteme eingebettet zu sein, was sich etwa bei der Technikfolgeabschätzung, aber auch im Rahmen einer Unternehmens­ethik praktisch auswirkt in der Unabweisbarkeit disziplinübergreifender Analysen und Kooperationen. Und wir haben ja selbst schon in einem weiteren Kontext Irrtum, Scheitern und Blamage als Konsequenzen von Regelverstößen unterschieden. Aber wie sollen jene Qualitäten im Einzelnen bestimmt werden, um die es dann geht? Macht es vielleicht Sinn dabei einzusetzen, dass Regulierungen (wie Institutionen) nicht nur durch unterschiedliche Sanktionen, sondern auch durch unterschiedliche Anreize (engl. incentives) wirken – bei deren Verrechnung als Alternativkosten möglicherweise kostbare Information verlorengeht? Wer über Geld steuert, erhält auch nur, was für Geld zu haben ist und kriegt es am Ende in den Rachen gestopft, wenn er nach dem schreit, was er wirklich braucht.

Die Neoklassik hatte zunächst noch gelegentliches Marktversagen konstatiert und dann regulatorische Eingriffe des Staates zugestanden: etwa um Kartelle zu verhindern oder um Umweltschäden als externalisierte Kosten nach dem Verursacherprinzip zu internalisieren, damit der Wettbewerb wieder funktionieren könne. Bei öffentlichen Gütern wie Sicherheit sei ohnehin der Staat zuständig, der den Rahmen des Wirtschaftens sichern müsse. Im Gegenzug hatten Anhänger der Österreichische Schule allerdings eine Theorie des Staatsversagens entwickelt, die unterstellt, dass jedes staatliche Eingreifen die Selbstwiederherstellung eines ‚vollkommenen Marktes‘ gerade verhindert. Sie prinzipialisierte dabei ihren methodischen Individualismus in Modellen eines Ungleichgewichts von Marktinformationen, wie sie etwa auch der innovative Unternehmer verursacht.58 Das ließ sich allerdings später durchaus in ein dynamisiertes Marktmodell integrieren, in dem der findige Unternehmer Informationsdefizite gerade vor dem Hintergrund einer Gleichgewichtstendenz ausnutzt: als Grenznutzenmaximierer.59

Umgekehrt ließen sich in einer nicht institutionen- sondern konstitutionsökonomischen Neuinterpration neoklassischer Ansätze vollzogene wie ausbleibende staatliche Markteingriffe gleichermaßen als Ergebnisse einer Präferenzwahl des Homo oeconomicus interpretieren. Er entscheidet sich nach dem Ausgang aus dem geregelten Elend der Urgesellschaft jeweils für genau das Maß der Ungleichheit, das gerade besteht. Er handelt stets so, als ob es für ihn nicht nur eine ‚choice within rules‘, sondern auch eine ‚choice of rules‘ gebe. Wenn er sich diesen Regeln unterwirft, ohne sich ihnen zu entziehen, zu betrügen oder zu revoltieren, so, weil er sich davon seiner gegenwärtigen Lage einen größeren Nutzen verspricht als von möglichen Veränderungen. Oder, so kann man das auch deuten: Wenn der Homo oeconomicus seine Veränderungsbereitschaft nicht gegen Wohlstand tauschen kann, der sich damit erwerben lässt, dann lässt er sich seine immer noch mögliche Renitenz durch Transferleistungen abkaufen, die ihn ruhigstellen. Die sind dann immerhin keine Almosen mehr, sondern etwas, das der Regulierer einkauft, um sein Spiel fortsetzen zu können.60

Auch zunächst gegenläufige Ansätze mündeten also schließlich ein in jenen epochalen Trend zur mathematisierenden Modellbildung, der nicht nur die Wirtschafts-, sondern auch die Sozial- und Politikwissenschaft erfasst hatte. Die faszinierend elegante Kombination der unterschiedlichen Ansätze sowie die sich erweiternde Reichweite der Interpretationsmöglichkeiten bei scheinbar gleich bleibender Dichte schienen jenen ökonomischen Imperialismus zu legitimieren; jedenfalls stärkten sie eine ökonomistisch sprungbereite Ökonomik als heimlichen Leitstandard der Gesellschaftswissenschaften in der Nachkriegszeit und drängten auch theoretische Skeptiker in eine weltanschauliche Totalopposition.61 Allerdings fraßen sich die Verteilungsmodelle auch in Wissensgebiete hinein, die an Qualitäts- und Einzelwahrnehmungen gebunden bleiben und prägten über Beratungs- und Schulungsfunktionen auch die praktische Politik. Gegenbewegungen gingen daher nicht nur von der traditionellen Linken aus. Zunächst hatten ja die Erfahrungen von Faschismus und Stalinismus sowohl den theoretischen wie den methodischen Individualismus jener konvergierenden mathematisierenden Ansätze geprägt. Jetzt verkauften sich einzelne an den Kapitalismus, um nicht durch den Kommunismus versklavt zu werden. Der informationstheoretisch interpretierte Kontraktualismus verwischte allerdings all diese Spuren immer konsequenter. Schließlich wiesen auch Popper-Schüler auf die Ideologieanfälligkeit dieser sich selbst konsequent ökonomisierenden Gesamtströmung hin.

Im vorherrschenden Modell des Homo oeconomicus wird ein Prinzip rationaler Nutzenoptimierung (oder Schadensvermeidung) gekoppelt an eine desintegrierende Alternativkostenberechnung, durch die alle Gegenstände und Sachverhalte marktförmig werden. Unter den Grundannahmen einer Marktknappheit aller Güter und eines erreichbaren oder doch anzustrebenden Allokationsoptimums ist dieses Modell auf Güter, Kosten- und Wertekonstellationen aller Art anwendbar. Es ist allerdings selbst empirisch nicht zu falsifizieren. Es öffnet vielmehr in jedem Anwendungsfall Projektionen aller Art Tür und Tor und lädt zu immunisierenden Hilfsannahmen geradezu ein. Von Anfang an war es anfällig für ideologischen Missbrauch und für jene mythologische Selbstüberhöhung der Deregulierer, an deren Ende Geld zum Gott wird.

Dem unvoreingenommenen Beobachter wird schnell deutlich, dass die durch eindrucksvolle Formeln herbeigerechneten Ergebnisse abhängig sind von der jeweiligen Semantik der Basisannahmen und von den impliziten Wertungen dieser mathematisierten Ökonomik. Man kann aber auch zeigen, dass deren Modelle selbst auf schwankendem Boden stehen. Tatsächlich ist der Homo oeconomicus, der sich zwischendurch zum neuen Leviathan vergrößert hatte, ein Riese auf tönernen Füßen, der in einem Geisterschloss haust. Der ‚vollkommene Markt‘ ist ein Seitenflügel jener Festung, die Gödel gesprengt hatte – an deren gewaltigen Trümmern wir uns aber als Nachgeborene zuverlässig orientieren können und weiterhin orientieren sollten. Man muss diesen Ökonomismus nur auf die Spitze treiben, um immer wieder sein totales Versagen als Theorie des Großen und Ganzen und zugleich stets neu seine partielle Berechtigung zu erkennen. In einer offenen, nicht exklusiv konstituierten Gesellschaft ist die Ökonomie eingebettet in ein System notwendiger Beziehungen, die Staat und Wirtschaft verpflichten, ein bestimmtes Paretooptimum anzustreben: die beste Verteilung aller durch Kooperation erwirtschafteten Güter. Hier versagt der Staat, wie wir wissen, weil er dieses Regulierungsprinzip im komplexen Marktgeschehen prinzipiell nicht regelnd durchsetzen kann – und weil er dabei faktisch immer unter dem regelnden Einfluss von Lobbyinteressen steht. Aber auch die Wirtschaft versagt mit der Selbstregelungskraft des Marktes – weil für dessen Informationsdefizite immer auch die Regulierungen bestimmter Kartelle mitverantwortlich sind. Wenn und weil am Ende die Ressourcen nicht paretooptimal nach legitimen Bedürfnissen verteilt sind, versagen also beide immer, und das notwendig.

Das kann man auch im Einzelfall überprüfen, und spannend wird es immer dann, wenn regulierende Formeln auf emergente Sachverhalte angewandt werden müssen. Das aber ist in unserer innovationsgetriebenen Wirtschaft schon zum Normalfall geworden. Eine lagebezogene Zusammenschau von Regulierungsauswirkungen auf kleine und mittlere Unternehmen (KMU) vereint dann umstandslos „historische Erfahrungen, ökonomische Analysen, theoretische Fundierungen, wettbewerbspolitische Beschränkungen und die Auswirkungen der Bürokratie“ – und der Leser kann froh sein, wenn er durch so eine Aufzählung auf die in der Tendenz konvergierende Zusammenstellung vorbereitet wird. Es geht einmal mehr um die Gleichsetzung von Marktregulierung mit Innovationsverhinderung. Das war auch der Fall bei der Transformationsökonomie, die sich nach den Zusammenbruch der Zentralverwaltungswirtschaften entwickelte: Hier ging es eher um eine ordnungspolitische Weichenstellung als um die Bewältigung konkreter Umstellungsprobleme. Tatsächlich enthüllt jede Empirie, wes Geistes Kind die Konstrukteure jeweils sind. Wie in der formalen Logik, so zeigt sich auch in der Ökonomie, dass selbst eine hyperintelligente mathematische Syntax zunächst mit einer fast beliebigen Semantik kombinierbar ist. Allerdings bleibt das nicht folgenlos. Anschließend werden nicht nur die gewünschten Ergebnisse sichtbar. Deren kritische Reflexion lässt vielmehr auch notwendige Beziehungen sichtbar werden, die die Auftraggeber lieber im Hintergrund belassen hätten. Wir beobachten vor deren Hintergrund in Besetzungsbeispielen aus den USA gelegentlich eine bestürzende lebensweltliche Naivität. Und dort wie hier werden schneller als sonst Auswahl steuernde Klientelinteressen sichtbar, wenn man den Schlüssen und Algorithmen stromaufwärts bis zu den ersten Setzungen folgt. Das Ergebnis jeder ernsthaften Überprüfung ist keine Pseudoquantifizierung, sondern eine Zurechnung in ganz qualitativ unterschiedlichen Tarifen, nachdem Ross und Reiter benannt oder doch bekannt sind: ein unangenehmes Wahlergebnis, eine Strafe, die das Kartellamt festlegt, ein brennendes Luxusauto im Carport – oder die überraschende Einsicht in einen Zusammenhang, der auch wissenschaftlich voranbringt.

- Innovation und Regulierung als Prinzipien Dritter Ordnung

Letztlich ist es stets Innovation, die unterschiedlich eingeschätzt wird: eben daran konnten wir uns durchgehend und können wir uns nach wie vor orientieren. Der Umgang mit dem noch nicht berechenbaren oder berechneten Neuen setzt diejenigen Unterschiede, die dann beim Ansatz von Regelungen Unterschiede machen. Hilfsannahmen, die Interessen verdunkeln, können auf methodisch Unbewusstes verweisen. Aus Irritationen an den Rändern etablierter Regulierungen kann weiterführendes Wissen entstehen. In internen wie externen Auseinandersetzungen wird allerdings regelmäßig mit einer methodisch unkontrollierten Heranziehung immer neuer Randbedingungen gearbeitet, während historische Voraussetzungen aller Art ausgeblendet bleiben. Zwischen Ökonometrie und Ideologie wird uns immer eine ganze Skala von Argumenten begegnen. Es bedarf also zunächst einer kritischen Hermeneutik, um schätzen zu können, was dennoch geleistet wird: gerade wenn man dann alte Orientierungsgrundlagen in Frage stellt. An den Rändern der Modelle, die fest im Auge behalten werden müssen, kann sich dann die Heuristik des Einzelfalls mit der Einsicht in nichtbeliebige Beziehungen verbinden und wertvolle Erfahrungen erschließen – oder den Bedarf an neuer Regulierung erkennen lassen, um alte Interessen zu verteidigen.

Der Beobachter konstatiert dabei zunächst die Porosität alter Schemata und irreguläre Verbindungen zwischen Form und Inhalt. Disziplinäre Irritationen und Transgressionen erschließen Genies und Künstlern intuitiv neue Konstellationen von Faktizität und Möglichkeit, die – irrtums- und verblendungsbedroht – aus den Tiefen der Realität emporsteigen. Später bewähren sich durch zunehmend zielsichere Erprobung bestimmte Lösungsalgorithmen. In der Soziologie und in der Politikwissenschaft weisen daher ähnlich wie Kreativmodelle im Psychischen und im Organisationsbereich Modelle der sozialen Selbstregulierung einen weiterführenden Weg, die im spieltheoretischen Hypothesenrahmen induktive Erforschung und theoretische Reflexion kombinieren.62 So erzeugen beim Umgang mit der Almende notwendige Bedingungen des Gemeinwohls sekundäre Ordnungen, die ideologische Alternativen am Wegesrand zurücklassen.63 Autoregulierung und automatische Deregulierung erzeugen eine Hyperstabilität, deren zunächst im Dunkeln bleibende Wirkweise auf eine nicht trivialisierende Prozess- und eine nicht-triviale Gestaltlogik höherer Ordnung verweisen – freilich unter Rahmenbedingungen, die sich auch erst nur erahnen lassen.

Halten wir fest: Das Regulierungsverständnis von praktischer Politik sowie von Politik- und Staatswissenschaft ist in sich widersprüchlich. Im Dienste von Stabilität wird Innovation gefordert und gefördert – und dann wird, wiederum im Dienste von Stabilität, alles getan, um die daraus notwendig sich ergebenden Störungen zu vermeiden. Zunächst sollen ökonomische Innovationen die Ökonomie so stabilisieren, dass die politische Ordnung stabil bleiben kann. Wenn dies nicht mehr funktioniert, sollen politische Innovationen der Wirtschaft wieder einen stabilen Orientierungsrahmen geben (der Innovationen ermöglicht, und so weiter). Was dabei geleugnet wird, ist die nicht mehr regulierende sondern regelnde Funktion des Rechts. Alle Beobachter in Politik, Recht und Verwaltung, in Wirtschaft, Wissenschaft und Öffentlichkeit nehmen es in Rückkopplungsprozessen wahr, die über Funktionssystemgrenzen hinweg wirken und wirken sollen, und ziehen daraus innerhalb der Funktionssysteme, in denen sie agieren, die entsprechenden Konsequenzen.

Wie wir uns erinnern, ist der durch Innovationsanforderungen ausgelöste Widerspruch innerhalb des Funktionssystems Wirtschaft, in dem produziert werden soll, nicht weniger tiefgreifend als der zwischen den Funktionsbereichen, die Regeln produzieren; er ist aber als internes Spannungsfeld anders gelagert. Der Innovator empfindet jede interne Regulierung als Störung, der unternehmerische Stratege, der ihn beauftragt, jede externe Regulierung, die ihn an der Grenznutzung hindert. Was beide Bereiche verbindet, ist der agonale Umgang mit irritierendem Wissen. Hier sind Regulierer und Innovatoren gleichermaßen gefordert – und überall werden an den Rändern, am Anfang und am Ende der regelnden Algorithmen ihre Interessen wie von Schlaglichtern erhellt, wenn konsistente Lösungen unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Sie polarisieren Beobachter, die an internen und externen Grenzen stehen – und sie beobachten und kopieren sich gegenseitig.

In solchen komplexen Spannungsverhältnissen, wo Spannungsfelder zu Schlachtfeldern werden können, auf denen wirklich gelitten und gestorben wird, konkretisiert sich, was wir im Vorfeld von Regulierung über Regeln und Regelung gelernt haben. Regulierung vollzieht sich epochentypisch als soziale Umsetzung technischer Regelung über alle Systemgrenzen hinweg. Die Einsicht in deren paradigmatische Schlüsselfunktion eröffnet allerdings zugleich eine weiterführende Perspektive, die über die Konstatierung zunehmender Komplexität und über Eindrücke zunehmender Unübersichtlichkeit hinausführt. Weil sich Regulierung in und zwischen allen Funktionssystemen als Regelung vollzieht, kann der unterschiedliche Umgang mit Information zum Leitfaden einer weiterführenden Untersuchung werden.

3. Regulierung als Regelung in Funktionssystemen

In der Finanz- und Wirtschaftskrise sahen wir, dass aktuelle Regulierungen versagen, wenn die Umstände sich ändern. Atom-, Bio- und Nanotechnologie zeigen, mitunter drastisch, dass das Neue häufig schlecht reguliert ist, wenn es auf den Markt kommt. Dass wir in dem einen wie im anderen Fall schlecht mit Innovationen umgehen, provoziert Rückfragen an Institutionen, Routineverfahren und Konzepte gesellschaftlicher Regulierung. Wie funktioniert Regulierung, wenn sie funktioniert – warum und woran scheitert sie? Wer reguliert was – und warum? Wie kann man das planen und gestalten? Und wie kann man regulierendes Handeln so erforschen, dass daraus wiederum Schlüsse für eine bessere Praxis gezogen werden können?

Bei der Beantwortung solcher Fragen können wir nun von einem Verständnis von Regel- und Regelung ausgehen, das durch Vertiefung anknüpfungsfähig geworden ist. Wir betrachten Regulierung – nach Gödel, mit Luhmann – in sich überlagernden Schichten gesellschaftlicher Kommunikation zunächst als Regelung durch geregelte, institutionalisierte und codierte Information, die gerade an den Nahtstellen zwischen den Teilbereichen unseres ausdifferenzierten Gesellschaftssystems wirksam wird. Sie wird überall kenntlich als Versuch herunterzuregeln, was vorher durch Innovation dereguliert war: die Reproduktion von Traditionsmustern in den alten Netzwerken.

- Regulierung durch geregelte Information

Das Leitmedium unserer gegenwärtigen Epoche erschließt Gesellschaft als Informationsgesellschaft. Diese speichert das Wissen, auf das sie sich bezieht, elektronisch und operiert auf der Grundlage von Vernetzung als programmierbarer Verknüpfung in sich überlagernden Kommunikationsschichten, von denen die erste das, was der Fall ist, zugleich mit seiner Identifizierung zum Ausgangspunkt bezeichnender und bezeichenbarer Rückbezüge macht.64 Luhmann knüpft an diese primäre Gödelisierung an, wenn er Gesellschaft von vornherein als Kommunikationszusammenhang beschreibt. In ihr unterläuft Digitalisierung die Differenz von außen und innen, Bild und Abbild. Stattdessen schränken nun Regeln und Schleifen, Muster und Medien die verbleibenden Verknüpfungsmöglichkeiten ein, erregen vor dem Hintergrund des allgemeinen Rauschens Aufmerksamkeit und erzeugen Sinn, wo sie zugleich Analogisierung und neue Arrangements ermöglichen. So werden gelingende Verständigung und manifestes Missverstehen wahrscheinlicher.

Regulierung versucht bereits bei jener Differenz zwischen syntagmatischer und paradigmatischer Grundorientierung bewussten Lebens anzusetzen, die wir schon einmal kurz in den Blick genommen haben. Unsere Alltagskommunikation unterstützt orientiertes Handeln. Die Regeln, nach denen wir normalerweise Informationen verarbeiten, gehen von Wiedererkennbarem aus und ordnen Relevantes in ein bestehendes Syntagma ein; Unschärfen werden durch Analogisierungen integriert, bis sie als Gestaltgrenzen zwischen Vorder- und Hintergrund zu differenzieren erlauben. Wo das nicht möglich ist, werden sie als Störungen ignoriert. Wenn wir diese Alltagsorientierung als ‚Arbeit‘ bezeichnen und sie von ‚Religion‘ als Sonntagsorientierung unterscheiden, erschließen wir uns weniger die Semantik als vielmehr die bewährten Verarbeitungsmuster alter Menschheitserfahrungen für den gegenwärtigen Gebrauch. Man kann dazu auf den Rhythmus von Arbeit und Feier, die Differenz zwischen profan und heilig, Immanenz und Transzendenz, System und Umwelt verweisen: muss daraus also kein Argument gegen die Säkularisierung oder gar für die Sonntagsruhe ableiten. Es geht darum verständlich zu machen, wie Regulierung verfährt.

Wenn wir unsere Alltagsroutine unterbrechen wollen oder sollen, orientieren wir uns paradigmatisch. Eine syntagmatische Störung, die auch durch eine Metaroutine ausgelöst werden kann, wird dann zum Anlass innezuhalten. Wir schauen auf und fragen uns, wie wir das, was wir gerade erleben, anders einordnen sollen. Die Regeln, nach denen wir Informationen verarbeiten, transferieren dann Kopien der aktuellen Konstellation auf andere Ebenen, suchen dort nach Analogien und schlagen uns dann ein neues Syntagma vor, das in aller Regel das alte als Unterroutine enthält. Das ist die innovative Grundoperation.

Regelnde Regulierung versucht daher zunächst, genau das zu verhindern. Erst wenn es dafür schon zu spät ist, wird sie selbst in verdeckter Weise kreativ. Sie versucht dann, durch Dekonstruktion aus dem neuen das alte Syntagma herauszulösen oder es wenigstens zur desorientierenden Adresse des alten werden zu lassen. Im ersten Fall wird das Neue zerstört, im zweiten Lernen verhindert. In beiden Fällen können wir so weitermachen, als ob nichts geschehen sei. Aber nicht das, sondern etwas anderes ist dann der Fall.

- Regulierung durch institutionalisierte Information

Regulierung ist selbst ein sozialer Tatbestand: eine Regelsetzung, in der Regelung nicht technisch, sondern in einem weiten Sinn institutionalistisch konzipiert ist. Allerdings lassen sich nur durch ein ebenfalls geschichtetes Institutionenverständnis Missverständnisse vermeiden, ohne Zusammenhänge aus dem Auge zu verlieren.65

Abbildung 7: ‚Bindung‘, ‚Gemeinschaft‘, ‚Institution‘, ‚Organisation‘, ‚Netzwerk‘ in unterschiedlichen disziplinären Kontexten [vgl. die gemeinsame Verwendung in Holger Böckel/ Wolfgang Nethöfel, (Führungshandbuch Kirche …]

In soziologischer Perspektive sind ‚Institutionen‘ durch Rückkopplung stabilisierte Verhaltensregeln, die sich in Routinen und Rollen ausprägen und als bindende (Gemeinschafts-) Verpflichtung empfunden werden. Die Institution Ehe legt das normalerweise zu erwartende Verhalten von Ehefrau und Ehemann fest, und die damit einhergehende Regelungsfunktion reicht im Alltag auch aus, um Störungen leerlaufen zu lassen. Stress und Rollenkonflikte sind die Folge, wenn das Neue sich nicht aufhalten lässt. Wenn es sich allgemein durchgesetzt hat, werden sowohl das eheliche als auch das nicht eheliche Verhalten durch andere Routinen und Rollen geschützt und anders empfunden: Regulierung vollzieht sich als permanente Institutionalisierung.

Jene eingangs betrachteten Orientierungen und diese Rollenerwartungen dienen zunächst der Kooperation innerhalb kleiner Gruppen und Gemeinschaften, in denen sich Menschen gemeinsam um überlebenswichtige Ressourcen bemühen. Im Zuge gesellschaftlicher Evolution differenzieren sich alle internen Verhältnisse aus; Arbeitsteilung geht einher mit unterschiedlichen Berufsrollen, soziale Schichtung mit Standesregeln und Klassengebaren. Einige Volkswirtschaftler zeichnen dies noch im Kontakt mit dem soziologischen Verständnis im Rahmen einer Konstitutionenökonomik nach, indem sie das Verhältnis von Solidarität und Verpflichtung, das sich im symbolischen Gabentausch manifestiert, durch die Betrachtung von Vertragsverhältnissen ersetzen, die einerseits den gemeinsamen Marktauftritt Einzelner und damit auch Märkte durch Rahmenbedingungen definieren: ‚Verfassungen‘ als ‚gewählte Regeln‘; die aber andererseits auch durch unterschiedlich ‚geregelte Wahl‘ vor dem direkten Zugriff des Marktes schützen: in jedem Fall durch ‚Institutionen‘.66

Dadurch erscheinen zunächst heute koexistierende evolutionäre Differenzierungszustände als Marktsektoren, deren unterschiedliche Regelungsmechanismen jedoch durchaus noch eine übergreifende Regulierungsdynamik erkennen lassen. Im informellen vierten Sektor überleben die Tauschverhältnisse der traditionalen Gesellschaft, indem freiwillige oder heimliche Leistungen staatliche Regulierungen leerlaufen lassen. Von diesem zweiten Sektor aus attackiert das stets konservative Regulierungsprogramm den Markt im engeren Sinn: den ersten Sektor, nachdem es sein Entstehen nicht hat verhindern können – während ein dritter (Misch-) Sektor, in dem man sich nicht privatwirtschaftlich orientiert für das Gemeinwohl einsetzt, durch staatliche Regulierung anerkannt und gefördert wird. Regulierung kann also wahrgenommen und analysiert, begrüßt oder bekämpft werden als Schutz wie als Wegregelung der Markteinflüsse: mit der idealtypischen Konsequenz einer Verstaatlichung der Wirtschaft, die sich als Resozialisierung tarnt – teilweise so, als ob Vergemeinschaftung heute noch in eine Welt zurückführen könnte, die in Wahrheit ja niemals heil war.

Neuere volkswirtschaftliche Theorien bilden vertragliche Regulierung hingegen in jedem Fall institutionenökonomisch ab. Regulierung definiert hier Institutionen, die prinzipiell als Transaktionskosten berechenbar werden: als Gebühr für regulierte Informationsmonopole auf dem Markt oder als kostenträchtige Bündelung von marktrelevanten Mitgliederinformationen. Unter beiden Gesichtspunkten sind Brückenbegriffe zum betriebswirtschaftlichen Institutionenbegriff unvermeidlich – führen aber immer wieder zu Missverständnissen und eröffnen ideologische Missbrauchsmöglichkeiten.

Betriebswirtschaftlich definiert die Wahl bestimmter (institutioneller) Regelungsformen innerhalb (institutionell) geregelter Bereiche ‚Organisationen‘ als Einheiten, die durch interne Vernetzung vor direkten Markteinflüssen geschützt sind.67 Ausgehend vom Staat als regulatorischem Projektionspunkt gemeinschaftlicher Interessen sind Regeln produzierende und reproduzierende Organisationen – Behörden, Verwaltungen und öffentliche oder offiziell beauftragte Einrichtungen – in diesem disziplinären Kontext zum Inbegriff von ‚Institutionen‘ eigener Art geworden: auch wenn sie außerhalb des zweiten Sektors agieren. Ihre konstitutionsökonomische Grenzfunktion erschwert deren präzise sektorale Einordnung ebenso, wie sie es ermöglicht, ihre internen Hierarchien und externen Grenzverläufe zu verschleiern. Doch organisationstheoretisch unterscheiden sich Institutionen von Organisationen im engeren Sinn erheblich, und zwar durch unterschiedliche Rückkopplungsmechanismen, die auf die Marktkonsequenzen interner Entscheidungen reagieren.

Organisationen sind durch interne Vernetzung ihrer Mitglieder vom Markt entkoppelt, aber diese sind vertraglich oder quasi-vertraglich eben sehr unterschiedlich in Organisationshierarchien eingebunden, damit Entscheidungen frei von direkten Markteinflüssen kommuniziert werden können. Das gilt auch für die in der Moderne noch auf Solidarität fußenden Pseudo-Institutionen Familie, Nachbarschaft, weltliche und Kirchengemeinden im sogenannten vierten Sektor des Marktes. Allerdings ergeben sich hier wiederum Differenzen, die zum Ansatzpunkt unterschiedlicher Regulierungsstrategien werden. Denn wer innerhalb dieses Sektors in Gemeinschaften operiert, scheint lediglich durch institutionelle Regeln im soziologischen Sinn gesteuert. Während diese aber in Organisationen als ‚Betriebsgemeinschaft‘ als Hintergrund normalen Handelns benannt, in Institutionen als ‚Dienstgemeinschaft‘ als Problem bekannt sind, werden Gemeinschaften regulierend missbraucht, wenn sie als ‚Institution‘ angesprochen werden: ebenso wie Institutionen, die als ‚Gemeinschaft‘ überhöht werden. Archaisierung sollte einstmals Handelnde vor Irritation bewahren, als unbezahlte und erzwungene Arbeit als Heldentum oder ‚Dienst am Volk‘ überhöht wurde. Sie schützt zusammen mit den Eigenheiten von Professionsberufen auch Standesprivilegien, wenn berechtigte Controllinganforderungen abgewehrt werden sollen. Und sie ist am Werk, wenn in Kirchengemeinden Priester- und Pfarrerrollen sakralisiert und Finanzströme verschleiert werden. In diesen neuen Gemeinschaften und in öffentlichen und halböffentlichen Organisationen, die nun erst als Institutionen im betriebswirtschaftlichen Sinn wahrgenommen werden, stellt die Regulierungsfunktion alles auf Dauerhaftigkeit, indem Steuerungsfunktionen wie Mitgliedschaft streng und zugleich verdeckt geregelt werden. Man distanziert sich als Kirchen- und Verbandsmitglied von öffentlich anerkannter Normalität, wenn man austritt; man muss als Bürger auswandern oder abtauchen in die Illegalität, um den mitlaufenden Verpflichtungen zu entgehen. In normalen Zeiten ohne Dienstverpflichtung unterscheiden sich zwar die Vertragsregelungen von Amt und Ehrenamt deutlich, und niemand wird gezwungen, in einer Klinik, als Pfarrer oder im Finanzamt sein Geld zu verdienen. Aber auch dann kommuniziert Führung in diesem Bereich ihre Entscheidung trotz nachholender Modernisierungsbewegungen ‚regelmäßig‘ nicht über Ziele. Diese scheinen vielmehr auch intern durch die institutionelle Regulierungsfunktion vorgegeben zu sein.68 Und entsprechend kontrolliert sie deren Erreichen nicht, sondern reagiert innen wie außen durch wiederum geregelte Sanktionen.

Es wird typischerweise eben nicht konsequent geregelt, sondern Institutionen im betriebswirtschaftlichen Sinn verarbeiten Irritationen durch angestrengte Folgenlosigkeit, die Innovationsimpulse leerlaufen lässt: indem man etwa zwischen Kunden, Klienten und Mitgliedern unterscheidet, um berechtigte Ansprüche an professionellen Dienstleistungen ins Leere laufen zu lassen. Solche Institutionalisierung ist die Organisationsform, die ideologische Regulierer bevorzugen, wenn Gemeinschaft nicht mehr zu haben ist. Die entsprechenden Regulierungsmaximen sind also ein Gegenprogramm zum hellsichtigen „Ecclesia semper reformanda“: dem Identitätsprinzip protestantischer Selbstorganisation. Sie lauten: Gemeinschaft soll Gemeinschaft, Institution soll Institution bleiben (und möglichst als Gemeinschaft verstanden werden). Wenn Gemeinschaft nicht mehr zu haben ist, soll wenigstens Organisation verhindert werden. Denn in Organisationen im engeren Sinn sind Entscheidungen mit Zielsetzungen verkoppelt und haben Folgen: wirken also regelnd. Sie reagieren auf Umweltstörungen durch die Anforderung, die eigenen operativen Prozesse und schließlich selbst die interne Vernetzungsstruktur dauerhaft zu ändern. Weil Organisationen innovationsaffin sind, lautet die entsprechende (gegenreformatorische) Maxime der Regulierer (die allerdings nur in ‚heimlichen Lehrplänen‘ kommuniziert wird): Wo Organisation ist, soll Institution werden. Sind im ersten Fall besonders Kirche, Verbände und Verwaltung betroffen, so ist es im zweiten Fall besonders die Wirtschaft. Immer aber geht es um die Wegregelung von Reform­ansätzen.

Dabei kann der Regulierer an Strategien und Interessen anknüpfen, die gegenläufig sind zum jenem großen Trend zur Modernisierung als Ausdifferenzierung, die zunächst den Innovator begünstigen. Während große Modernisierungsprozesse möglicherweise unvermeidlich sind und am Ende vielleicht allen zu Gute kommen, gibt es jetzt und hier immer benennbare Verlierer, zu denen in bestehenden Organisationen immer zunächst einmal alle gehören, die sich weder selbst als Innovatoren verstehen noch von ihnen überzeugt worden sind. Veränderungen durchbrechen die Alltagsroutine, Reformen bedeuten Zusatzarbeit, und klar ist zunächst nur, dass mit überkommenen Privilegien von Professionsberufen traditionelle Schutzmechanismen ihrer Klientel wegfallen – während deren berechtigte Interessen an Dienstleistungen noch nicht organisierbar sind. Von allein werden Organisationen zu Pseudo-Institutionen und diese zu Pseudo-Gemeinschaften – auch wenn alle anderen auf dem Weg zu einer durchorganisierten Gesellschaft sind.

Das eröffnet dem Regulierer neue Möglichkeiten, zu denen nicht zuletzt Begriffspolitik gehört. Bei Ausdrücken wie ‚fraktale‘, ‚Hybrid‘- oder ‚vernetzte Organisation‘ ist daher Vorsicht geboten. Aufklärend wirken sie jedenfalls nur, wenn sie in einer ausdifferenzierten säkularisierten Gesellschaft nicht mehr deren religiöse oder theologische Vergangenheit in Anspruch nehmen69, sondern wenn gegenwärtige sachliche und begriffliche Zusammenhänge klar benannt sind. ‚Hybride‘ sind Mischgebilde auf einer, zum Beispiel der betriebswirtschaftlichen Ebene. ‚Fraktal‘ setzt Selbstähnlichkeit über Ebenen hinweg voraus. Hier kann etwa die ideologische Inanspruchnahme des soziologischen Institutionenbegriffs Organisations- und Führungsentflechtung zur Folge haben – damit erschließt sich aber nur dem betriebswirtschaftlichen Beobachter des Gesamtmarktes eine ‚Netzwerkorganisation‘. Für jemanden, der in diesem Bereich führen will, sagt das weder faktisch noch normativ etwas über die Auftrags- und Vertragsgestaltung noch über die Vernetzungsrealität seiner Organisation aus. Er muss selbst entscheiden, ob er deren Institutionalisierung fördert oder verhindert.

- Regulierung durch codierte Information

Moderne Verwaltungen verstehen sich längst als Dienstleistungsorganisationen. Heute stellen sie für ihre Standarddienstleistung Netzlösungen bereit; in Zukunft werden sie nur noch über die Schnittstellen ihrer internen und externen Netzoperationen definierbar sein. Das Ziel, die gestellte Regulierungsaufgabe effizient bei hoher Kundenzufriedenheit zu lösen, hat mindestens strukturanpassende Konsequenzen. Auch Gemeinschaften können heute effizient nach Zielen geführt werden, wie nicht nur Freikirchen beweisen. Auf der Grundlage organisationaler Durchdringung der Informationsgesellschaft ermöglicht Digitalisierung Regelung durch Um-, De- und Recodierung von Information. Hintergrund ist auch hier die gesellschaftliche Evolution. Sie hat einerseits zu einer Ausdifferenzierung unterschiedlicher Funktionssysteme mit je eigenen Erfolgsmedien und Codes geführt, wie Geld in der Wirtschaft, Macht in der Politik, Recht im Justizwesen, Wahrheit in der Wissenschaft, Ehre in der Ethik, in denen es jeweils um ein Ja oder Nein bei Zahlungen, Positionen, wissenschaftlichen, rechtlichen oder moralischen Urteilen geht.70 Das schließt die Übertragung von Steuerungsimpulsen zwischen den Bereichen aus. Andererseits aber öffnen sich alle Funktionssysteme dem regelnden Zugriff, wenn der Regulierer sich auf die immer gleiche Verfahrenslogik regelnder Regulierung konzentriert und jene Impulse als Koordinationsziele von Hybridorganisationen formuliert, die er an Nahtstellen gesellschaftlichen Teilbereiche zu etablieren versucht.

Tatsächlich dramatisiert sich dadurch zunächst nur die Routinebearbeitung fremder Thematiken im je eigenen System, die zu den originären Funktionsleistungen ausdifferenzierter Gesellschaften gehört. Die Auslagerung von Regulierungskonflikten in regelnde Kommissionen führt aber zu desorientierenden Umcodierungen, die Neues wirksam verhindern – auch wenn da­durch nicht sichergestellt ist, dass die Versprechen gehalten werden können, mit denen Regulierer in unterschiedlichen Zielgruppen um Verbündete werben: Altes zu erhalten und Modernisierungsverluste zu vermeiden. Vielmehr laufen im Windschatten solcher organisationaler Verfahrenslösungen institutionalisierte Funktionsleistungen gerade deshalb leer, weil Codes systematisch entkoppelt werden. Das Spiel von De- und Recodierung beginnt bereits in den Unternehmen bei der Entfachlichung technischer Sachverhalte durch deren Ökonomisierung. Die Ökonomen empfinden ihrerseits deren Politisierung als Entökonomisierung, die dann wiederum durch Verrechtlichung entpolitisiert, durch Ethisierung entrechtlicht werden kann. Wenn diese Verlagerung mit Entscheidungsnotwendigkeiten gekoppelt wird, ist das Verwirrspiel komplett, der Regelungserfolg aber über die Grenzen der Teilsysteme hinweg gesichert. In diesem Sinne kann die Kopplung zwischen Reaktormoratorium und Energie-Ethikrat nach Fukushima als konsequente Fortsetzung dessen betrachtet werden, was als Unternehmenspolitik zwischen Entwicklern und Betreibern begann und sich parlamentarisch erst im Lobbyismus und dann als Entscheidungsverlagerung an Genehmigungsbehörden und Gerichte fortsetzte: eine regulatorische Meisterleistung.71

Aber ist das gerecht? Festzuhalten bleibt hier, dass rechtliche Regelungen im Bereich der Wirtschaft eingebunden sein müssen in ein zugleich vertieftes wie realistischeres Bild der Gesellschaft, in dem das wirtschaftliche wie jedes andere soziale Handeln mit Regulierern aus verschiedenen Funktionssystemen und aus allen ökonomischen Sektoren zu tun hat. Nicht nur der Staat und die Wirtschaft, sondern auch Verbände und Vereine, Familie und Freunde setzen unserer Freiheit Grenzen oder, bei anderer Betrachtungsweise von Akteuren und Betroffenen: Sie sind der Raum, in dem sie sich entfalten kann, um Chaos, Zerstörung und Gewalt etwas entgegenzusetzen, das sinnvoll ist und mit dem wir Leben fördern. Die Menschen, deren regulierendes Handeln wir dann zu spüren bekommen, sind von individuellen wie kollektiven Interessen und Perspektiven geleitet, die man schlecht einschätzen und berechnen kann, wenn man sie nicht zuvor verstanden hat. Gerechtigkeit setzt beides voraus: einen differenzierenden und wertenden Blick, der Wichtiges vom Unwichtigen, Förderliches vom Hinderlichen oder Schädlichen unterscheidet – und eine adäquate Modellbildung, die dann auch im Bereich der Wirtschaft regelnde wie geregelte Größen sowie ihre systemischen Beziehungen benennt und Regulierungsprozesse abzubilden erlaubt.


3. Gerechte Regulierung?

Regulierung war und ist das eigentliche Thema der Ethik, denn durch sie kommt Gerechtigkeit in die Welt. Durch regulierendes und reguliertes Handeln ist sie in der Neuzeit zur Sozialethik geworden, auch dort, wo es scheinbar noch um Werte und Tugenden des Einzelnen geht. Der bewährt sich durch Regelbefolgung oder -verweigerung. Und wer reguliert, braucht erst die Einsicht anderer in seine Sicht der Zusammenhänge und dann deren Zustimmung zu den Konsequenzen, die daraus zu ziehen sind. Er muss erklären und begründen können, wenn er nicht mehr auf Gewohnheit, Macht oder Verführung setzen kann. Kommandos funktionieren oder funktionieren nicht, Regeln aber wollen verstanden werden, ehe sie befolgt werden können. Und spätestens der Beobachter regulierenden Handelns, der wir immer auch selbst sein können, wird jede Regulierung nach Kriterien der Gerechtigkeit beurteilen, die aus Erinnerungs- und Sehnsuchtsbildern gemeinsamen guten Lebens abgeleitet sind. Daher geht es dort von Anfang an sowohl ums richtige Messen als auch um gelingende Verständigung: im Dienste einer fairen Regulierung dessen, was die bislang selbstverständliche Ausgangsbasis gemeinsamen Lebens verändert hat. Erst wenn wir erkennen, was dies für unsere Gegenwart bedeutet, in der sich Regulierung bereits seit langem als soziale Regelung ereignet, zeichnet sich der Schauplatz ab, auf dem über künftige Regulierungen verhandelt werden kann.

Gerechtigkeitsfragen wurden immer schon durch Innovation ausgelöst und durch Regulierung beantwortet. Und immer schon entfaltet sich mit der Begründung und Erläuterung der Regeln eine soziale Semantik des Neuen als dessen gesellschaftliche und kulturelle Interpretation. Sozial- wie Wirtschaftsethik werden praktisch, indem eine Gesellschaft durch öffentliche Regelsetzung Kooperationsvorteile und -nachteile neu verteilt: Chancen und Risiken gemeinsamen Lebens. Zwischen Platon und Rawls gehen aus Bildern guten Lebens unterschiedliche Regulierungsmodelle hervor; vor dem Horizont ethischer Begründungen erscheinen sie zunächst alle im Schlaglicht moralischer Argumente: als regulierende Gerechtigkeit (1).

Gerechtigkeit ist aber nicht einfach ‚das Gute‘, das sich als ausgleichende oder zuteilende Gerechtigkeit durchsetzt. In der Neuzeit wurde erkannt, dass sich Ethik prinzipiell als Regulierung vollzieht und dass es dazu vor allem gerechter Verfahren und Verträge bedarf. Ist Gerechtigkeit ‚Fairness‘? Das ist in doppelter Hinsicht zu kurz gegriffen. Es ist zum einen tautologisch, Gerechtigkeit durch ein ‚gerechtes Verteilungsverfahren‘ zu definieren. Und zum anderen erkennen wir heute mit Blick auf unerwünschte oder doch unerwartete Ergebnisse solcher Verfahren immer deutlicher, dass regulierende als regelnde Gerechtigkeit eine Größe sui generis ist. Sie ist notwendig auf das Neue bezogen und weist als dessen praxisorientierte soziale Interpretation einen einzigartigen Weg zu seinem Verständnis. (2).

Es bedarf eines Neuansatzes, der Innovation und Regulierung gleichzeitig ins Auge fasst. Da regelnde Regeln vom Ergebnis her rückgekoppelt werden müssen, führen sie in Unbestimmtheiten und Unvorhersehbarkeiten hinein, die zurückverweisen auf das, was sie auslöst: Innovation, Kreativität, Schöpfung. Verfahren neuer Ordnung werden mit ihren nicht-trivialen Lösungen und weiterführenden Problemen zum Verstehenshintergrund der folgenden Darstellung. Bei der Suche nach gerechter Regulierung erweist sich regelnde Regulierung als der andere Aspekt des Neuen. Innovation ist die soziale Antwort auf die Frage, ob und wie das Neue bleiben kann. Regulierung beantwortet die Frage, ob und wie es bleiben darf. Dazwischen orientieren wir uns auf dem Weg des Neuen in die soziale Realität: vorerst an einem Modell (3).72

Wir gehen ihn als Freie, die durch Verantwortung gebunden sind. Jedenfalls können wir uns so von Anfang an beobachten und orientieren.

1. Regulierende Gerechtigkeit

Traditionsmuster nehmen in sozialen Welten die Gestalt von Leitbildern an, funktionieren aber als Orientierungsmuster.73 Im Rückblick auf epochale Veränderungen können wir Orientierungstypen unterscheiden, die dann im Sozialisierungsprozess einander voraussetzen. Denn die soziale Morphogenese trägt im Ganzen die kulturelle Phylogenese, so wie diese unter dem Anspruch steht, diese in jeder Gegenwart überlagern und ihr Potential nutzen zu können.74 Traditionale Welten stabilisieren sich durch überlieferte Bilder gesellschaftlicher Ordnung und Unordnung, wenn sie durch Beute oder Ernte oder durch deren Ausbleiben ins Ungleichgewicht zu geraten drohen. Gewohnheit reguliert das Verteilen, Ungewohntes wird als ungerecht empfunden und ebenso wie ‚unerzogenes‘ Verhalten sanktioniert. Die Traditionskrise durch das Leitmedium Schrift erzwingt und ermöglicht zugleich eine Distanzierung von jenen Ordnungsbildern und von den regulierenden und Regulierung erleidenden Rollenvorbildern, die in Riten und Mythen, in Erziehungsmustern und Kindererzählungen als Gleichgewichtsalgorithmen abrufbar gespeichert sind.

‚Gerechtigkeit‘ wird erst in einer Welt zum Kommunikationsthema, die im Ungleichgewicht mit sich selbst ist. In einer Platon-Welt wird sie als Ideal definiert, nachdem einander widersprechende Traditionen, die als solche Gültigkeit beanspruchen, nicht mehr erzählend angeglichen werden können, sondern als Texte zueinander ins Verhältnis gesetzt werden müssen. Dann werden aus Namen Begriffe, aus charakterisierenden Erzählungen Erörterungen von Bedeutung und Anwendung. Das Gerechte ist das Gute, das regulierend in Erscheinung tritt. Es ereignet sich, „wenn die Vorstellung vom Besten, wie auch immer ein Staat oder ein Bürger dies zu erreichen glauben, in den Seelen herrscht und einen jeden durchwaltet“, so dass jeder „das Seinige verrichtet“.75 Gesetze regulieren von außen diese innere Orientierung: als sichtbarer Grenzzaun oder als drohende Zuchtrute. Als Geber und Hüter des Gesetzes verbindet der Philosophenkönig prototypisch innere und äußere Orientierung – wobei der kritische Rezipient der entsprechenden Theorien unter jedem Purpur unschwer den jeweiligen Königsphilosophen erkennt. Die müssen nicht Platon und Aristoteles heißen. Und das Paradigma der philosophischen Berater, die aus der zweiten Reihe führen wollen und kläglich am Tyrannen scheitern, war mit Heidegger sicher nicht abgeschlossen.

In einer Aristoteles-Welt manifestiert sich der nächste Symmetriebruch. Hier werden die Ungleichgewichte dieser Welt als internes Problem bewusst und in entsprechenden Regulierungsmodellen bearbeitet. Es geht nicht um Beute- oder Jagdglück, sondern um Produktionsgewinn oder Kriegsbeute: in jedem Fall um das Ergebnis gesellschaftlich organisierter Tätigkeit, das verteilt werden muss. Gesetze regeln dies so, dass der idealtypische Richter das Seine tut, indem er jedem das Seine zuteilt: allerdings in zwei wiederum hinkend aufeinander bezogenen Modellkomponenten. In der privatrechtlich regelbaren Produktionssphäre herrscht ausgleichende Gerechtigkeit, indem ein arithmetrisches Verteilungsprinzip Gleichgewichtslücken schließt. Im öffentlich geregelten Distributionsbereich herrscht zuteilende Gerechtigkeit. Hier teilt ein proportionales (geometrisches) Verteilungsprinzip den Zugewinn in Relation zu Verdienst und Rang zu – wobei Kinder und Sklaven, Frauen und Fremde als Anspruchsgruppen völlig übergangen werden können. Man ahnt, wie in dieser Leitmedienkonstellation Abstraktions- und Rechenfähigkeit einander bedingen (von Anfang an werden Lesen und Rechnen zusammen gelehrt) und wie das universale Verteilungsmedium Geld zur Bedingung der Möglichkeit wird, Gerechtigkeit als Fähigkeit zu definieren, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln: gleichzeitig.

Diese Welt war von geradezu epochaler Dauer – erst ein weiterer Wechsel des Leitmediums, einhergehend mit einem weiteren Individualisierungsschub, machte zu Beginn der Neuzeit und diese heraufführend die durch den mittelalterlichen Ordogedanken begründete feudale Privilegienordnung und später den prinzipiellen Ausschluss ganzer Bevölkerungs- und Menschheitsgruppen als Inbegriff aktuellen Unrechts bewusst: als ungerechtes und zugleich antiquiertes Recht.76 In der neuzeitlichen Adam-Smith-Welt regeln prinzipiell freie und gleiche Subjekte sowohl den öffentlichen Rahmen wie den privaten Inhalt ihres individuellen Glücksstrebens, indem sie jetzt und hier untereinander Verträge schließen. Diese Verträge regulieren Regelwahl wie geregelte Wahl gleichermaßen, und beide begrenzen konvergierend die Risiken des Marktes. Gerechtigkeit entsteht hier durch die Internalisierung der Richterinstanz im Gewissen, das durch die mechanische statt handwerkliche Reproduktion der Traditionsmuster zum inneren Marktplatz widerstreitender Orientierungsansprüche geworden ist. Am Ende gilt nur die Selbstbindung der Vertragschließenden, die impliziert, einander als frei und gleich anzuerkennen. Ob dies eine eigenständige deontologische Komponente begründet wie bei Kant oder ob, wie bei Smith selbst, die mit jener wechselseitigen Anerkennung einhergehenden moralischen Gefühle den Vorteilskalkül gesellschaftlich konstituieren, macht für das neuzeitliche Ethikmodell nicht den entscheidenden Unterschied. Es ist prinzipiell säkularisiert und individualisiert, indem es Entscheidungen unter Marktbedingungen einem verantwortungsfähigen Subjekt zurechnet. Dabei ist dort, wo die regelnde Hand des Marktes als ethisch sinnstiftend sichtbar wird: auf der Beobachterposition eines alt gewordenen und nur noch über Sekundärursachen wirkenden Schöpfergottes, der philosophisch spekulierende vom nationalökonomisch kalkulierenden Moralphilosophen kaum zu unterscheiden.

2. Regelnde Gerechtigkeit

Alle folgenden Weltlinien verlaufen in Smith-Welten. Allerdings sind diese in eine neues Weltbild eingebettet, in dem sich die alt gewordene neuzeitliche Moral und eine irritierte Ethik gleichermaßen neu orientieren müssen: als regelnde Gerechtigkeit. Die normative Ökonomik ist durch die neoliberale Ideologie nachhaltig diskreditiert. Aber dem ökonomischen Imperialismus des Systems entspricht eine Tabuisierung der Lebenswelt, die das Kind mit dem Bade ausschüttet: als ob dort nicht gemessen und geregelt werden dürfe. Die klassische Politische Ökonomie vermag uns daran zu erinnern, dass sich normative Ökonomik nicht nur auf private Güter sinnvoll anwenden lässt, sondern auch auf öffentliche Güter wie Sicherheit und Gesundheit. Sie misst Wohlstand in einem weiten Sinn. Regulierer verteilen – unter Informationsknappheit – den stets knappen Kooperationsgewinn und die stets bedrohlichen Zukunftsrisiken einer Gesellschaft. Dabei müssen sie den Gerechtigkeitsstatus, der durch die gegenwärtige Schaden- und Nutzenverteilung erreicht ist, gegen die Chancen und Risiken abwägen, die eine Umverteilung eröffnet. Unter den epochalen Rahmenbedingungen regelnder Regulierung erweist sich dabei die Differenz zwischen Vermögen und Einkommen als erledigt. Die klassische Ökonomie überwand einst den durch Vorstellungen einer transzendenten Ordnung begründeten Status quo durch vertragstheoretische Konstruktionen, die letztlich zwischen dem Prozess kooperativem Erwerbs und der Realität individueller Besitztümer unterschieden; beide galten so als geregelt. Der Marxismus sah im Ergebnis ein Übergangsproblem, das man durch den geregelten Regelbruch der Enteignung wieder in eine geregelte Kooperation zurückführen kann, und scheiterte daran. Heute sind diese Differenzierungsprobleme gewiss nicht faktisch, wohl aber paradigmatisch erledigt, wie sich im Modell zeigen wird, in denen Vermögen wieder als zu regelnde Produktions- und Reproduktionsgrößen in Erscheinung treten, die – wie wir sehen werden – erst als Standbildelemente regelnder Regulierung zum Stillstand kommen, in denen zwischen Innovation und Regulierung vermittelt wird. Nicht die ewige Seligkeit und nicht der individuelle Tod rahmt dann das vergesellschaftete Leben, sondern dessen rekonstruierbare globale Rahmenbedingungen. Auch dann ist noch nicht zwischen Wirtschaft und Wohlstand, Wirtschaftswachstum und Wohlstandszuwachs sowie der dadurch erstrebten oder erreichten Zufriedenheit der Kooperierenden unterschieden.77 Aber es sind nichtbeliebige Beziehungen (etwa zum Brutto-Inlandsprodukt, BIP) und mögliche (Indikatoren-) Messungen über die Zeit hin angedeutet. Als entscheidende Größe wird dabei vor dem Hintergrund von Gleichgewichtstendenzen zwischen den Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital, die sich auf jedem erreichtem Niveau neu einstellen, die Bedeutung des technischen Fortschritts hervortreten – und die Frage, wie man dessen Verhältnis zu den natürlichen Grundlagen jeder Produktion definieren soll.78

Innerhalb marktförmig gedachter Rückkopplungsprozesse müssen Regulierungen als Regelungskurven konzipiert und realisiert werden. Kommuniziert werden sie als Regelungskriterien der Wohlstandsverteilung, an denen sich die Regulierer bei der periodisch erfolgenden asymmetrischen Zuteilung von Gewinnen und Verlusten orientieren. Moralisch wie ethisch entscheidend sind die Verteilungskurven beziehungsweise -linien, die sich daraus ergeben. Sie lassen eine Typologie von Regulierungs- als Regelungsgestalten erkennen, denen man historisch geprägte Leitbilder unterschiedlicher Regulierungsdichte idealtypisch zuordnen kann. Ausgehend von einem durch den Wohlstandszuwachs erreichbaren Durchschnittseinkommen beziehungsweise – beim marxistischen Verteilungsideal – vom gesellschaftlich erarbeiteten Stand der möglichen Bedürfnisbefriedigung, lassen sich unterschiedliche Verteilungslinien erkennen, die angeben, wie viele Einkommen unterhalb, zwischen oder oberhalb der Armuts- und Reichtumsgrenze liegen sollen. Während diese selbst sich durch den jeweils verteilten Zugewinn nach oben verschieben und jede Ausgangslinie sich zunehmend der Ideallinie angleichen sollte, bleibt zwischen gemessenem ursprünglichen Wohlstand und dem erreichten Wohlstand‘ das angestrebte Verteilungsmuster der jeweiligen Regulierer gleich.

Als Verteilungskriterien sind dabei zu unterscheiden:

- in einer liberalen Hayek- Welt (die an den Utilitarismus von Mill und Bentham anknüpft): Wähle die größtmögliche Verteilung!

- in einer kommunitaristischen Walzer-Welt modernisierter Solidaritätsleistungen: Wähle die größtmögliche Verteilung oberhalb der Armutsgrenze!

- in einer egalitären Rousseau-Welt: Wähle die größtmögliche Verteilung, die Armut und Reichtum vermeidet!

- in einer sozialdemokratischen Rawls-Welt: Wähle die Verteilung mit dem höchsten Ausgangspunkt!

- in einer sozialistischen Marx-Welt: Verteile entlang der Linie gegenwärtig zu befriedigender Bedürfnisse!

Abbildung 8: Wohlstandsverteilung durch regelnde Regulierung (nach Daniel Bonevac)79

Selbst wenn wir Nano vorerst als bloßen Namen für eine einzuführende Schlüsseltechnologie verstehen, an deren Regulierung sich die Verteilung von Risiken ablesen lässt, ergibt sich nun aus den Differenzen der Alternativen ein aussagekräftiges Bedeutungsspektrum gegenwärtig konkurrierender Regulierungsleitbilder:

Hayek-Regulierungen erstreben Wohlstand um jeden Preis. Sie folgen dem klassischen Laissez-faire-Prinzip der Regulierungsvermeidung: aktuell als Politik der Deregulierung und der Regulierungsverhinderung (was allerdings die Re-Regulierung eines existierenden Sozialstaats nicht ausschließt). Diese Politik wird durch das Argument begründet: Wenn sich die Leistungsfähigen und Leistungsbereiten ungehindert die Taschen füllen dürfen, bleibt für die anderen letztlich am meisten übrig. Der Markt vermeidet Armut also nur in einem Maße, das mit maximaler Wohlstandsmehrung vereinbar ist; sogar neue Armut wird dabei in Kauf genommen. In ähnlicher Weise soll sich Nanosicherheit auf dem Markt der Nanoprodukte wie von selbst ergeben: gelenkt von unsichtbarer Hand – oder eben nicht. In abgeschwächter Weise sind hier Positionen zuzuordnen, die davon ausgehen, dass die bestehenden Sicherheitsbedingungen auch für die Nanoproduktion und für den Vertrieb von Nanoprodukten ausreichen beziehungsweise rechtzeitig durch Standardverfahren angepasst werden können.

Walzer-Regulierungen ziehen im Unterschied dazu ein Sicherheitsnetz ein, über dem dann der Markt seine Kunststücke vollbringen kann. Ökonomisch sind hier Grundsicherungen kennzeichnend, die das Überleben sichern und Notlagen zu überwinden helfen. Aber auch deren quantitative und qualitative Ausweitungen durch bürgerschaftliches Engagement lassen nur vor einem marktliberalen Hintergrund Solidarität als Markenkern dieser Regulierungsgestalt erscheinen. Vor dem Hintergrund stark regulierter Wohlfahrtsstaaten tritt ebenso stark die mit dieser Position verbundene Regulierungsvermeidung als charakteristisch hervor. Für die Nanoregulierung ergibt sich daher die Maxime: So viel Markt wie möglich, solange nichts Ernsthaftes passiert. Oder umgekehrt: Basis-Sicherheitsstandards müssen auch für Nanoprodukte gelten beziehungsweise: jene dürfen durch diese nicht unterlaufen werden. Das ist nicht verhandelbar.

Rousseau-Regulierungen sind heute wohl in skandinavischen Wohlfahrtsstaaten am deutlichsten ausgeprägt. Sie müssen nicht um jeden Preis identische Lebenslagen anstreben, aber sie wollen unter allen Umständen vermeiden, dass es nach der Umverteilung noch signifikante Wohlstandsunterschiede gibt wie die zwischen Arm und Reich – selbst wenn das den Markt gefährdet. An den Wohlstandsgrenzen verdichtet sich die Regulierung: durch Luxussteuern beziehungsweise durch bevormundende Fürsorge. Und so wie man auf Reichtum verzichten würde um Armut zu vermeiden, so würden radikale Nanoregulierer auf Nanotechnologie und -wirtschaft völlig verzichten, um Nanorisiken zu vermeiden. Dieser Position kann man auch die abgeschwächte Variante zuordnen, die ein (gelegentlich: zeitlich befristetes) Nanomoratorium fordert, um Nanorisiken auszuschließen. Die Nanoforschung müsste sich unter allen Umständen am Vorsorgeprinzip der Nano-Risikoforschung orientieren.

Marx-Regulierungen werden heute eher ökologisch statt sozialistisch begründet. Sie unterwerfen sich faktisch einer Wohlfahrtsökonomik, die oft ideologisch ausgeblendet wird, und lassen sich von ihr die optimale Verteilungskurve erwirtschafteter Güter vorschreiben – so wie einst der ‚wissenschaftliche Sozialismus‘ die planmäßig erwirtschafteten Güter nach ‚objektiv‘ festgestellten Bedürfnissen und Fähigkeiten verteilte. Die Wirtschaft wäre dem Primat der Wissenschaft (richtiger: besseren Wissens) unterworfen, wie sie in den Zentralverwaltungswirtschaften der Politik unterworfen war, genauer: einer politischen (heute: ökologischen) Ökonomie, die sich als Quasi-Naturwissenschaft missverstand. Der hier zu verzeichnende absolute Wohlstandsverlust drückt nicht die korrespondierende Erwartung aus, dass dieser erst zunehmend und dann endgültig durch ökologisch oder kommunistisch ‚richtiges Leben‘ kompensiert werden wird: als Alternative zum eh‘ ungesunden Luxus für wenige, der damals wie heute mit vorhersagbarer Notwendigkeit in den gemeinsamen Untergang führt: wenn die Ökonomie nicht stark reguliert wird. – Diesem richtigen Leben würden externe Sicherheitsstandards entsprechen, an denen entlang sich Nanoforschung und -technologie nur auf einem ganz bestimmten Pfad überhaupt und nur gegebenenfalls zur Nanowirtschaft entfalten könnten. Denn die Grundbedürfnisse Gesundheit und Sicherheit wären statt mit ideologisch vorgegebenen Planzahlen mit Kennzahlen korreliert, die aus systemfremden Integritätsvorstellungen Guten Lebens abgeleitet wären, das keine Zweifel und keine Fragen kennt. Schon gar nicht innovationstypische, wie sie durch Nanowissenschaft und -technik erst generiert werden.

Zwischen all diesen Positionen und den von dort aus angestrebten Regulierungsgestalten vermitteln Rawls-Regulierungen. Sie schützen den Markt und nehmen Reichtum in Kauf, optimieren aber die Wohlstandsverteilung nach einem nach unten geeichten Pareto-Kriterium: an der besten möglichen Armutsüberwindung. – In der Nanotechnologie würde das jenem Höchstmaß an Sicherheit entsprechen, das sich mit dem Funktionieren einer Nanowirtschaft vereinbaren lässt. Die Innovationsleistungen von Wissenschaft und Technik wären hier ökonomisch wie ethisch integriert, aber wie die Politik sind sie insgesamt durch eine nicht nur theoretisch existierende Pareto-Alternative gefährdet. Wenn der Citoyen sich um der Vorteile der Nanoprodukte willen sein Bürgerrecht abkaufen lässt, hat er sich über den Markt mit den anderen Konsumenten auf einen Regulierungsverzicht verständigt, der auch wirklich drohende Risiken in Kauf nimmt. Vor allem dann, wenn sie nur ferne und fremde Gruppen betreffen oder erst kommenden Generationen einholen werden. Genau dies versucht in der Welt von heute die Nanowirtschaft durch Lobbyismus einerseits, Werbung andererseits zu erreichen. Das Ergebnis ist der Ersatz von verbindlicher Regulierung durch irgendwo hinterlegte kiloschwere Dokumentationen, verschleiernde Aufdrucke und unlesbare Beipackzettel: der Informationsoverkill unter der Überschrift ‚Konsumentensouveränität‘. In der Welt von heute drängen aber auch alle Parteien mit ihren Programmen und ihrer Propaganda in diese ursprünglich sozialdemokratisch definierte und besetzte Mitte und versprechen wirklich gute Regulierungen: über die wir also in Freiheit entscheiden können, solange wir uns nicht auch noch diese Freiheit abkaufen lassen.

Vorrang für die, die es am meisten brauchen, nach bestem Wissen und Gewissen im Rahmen des jetzt und hier Möglichen: ist mit dieser Maximin-Lösung das theoretische Optimum einer mit den Realitäten unserer pluralistisch verfassten Lebenswelt vereinbaren gerechten Regulierung erreicht?80

3. Der Weg des Neuen in die soziale Realität: ein Modell

In jedem Fall erschließt eine so sich abzeichnende Lösung des Regulierungsproblems notwendige Beziehungen im Regulierungsfeld, die wir zum Abschluss des Einleitungsteils in einem Gesamtmodell zusammenfassen können.81 Indem es alle denkbaren Leitbilder und Formen von Gerechtigkeit als nichtbeliebige Gabe- (und Opfer-) Konstellationen auffasst, interpretiert es den produzierten Kooperationsgewinn einer Gemeinschaft als deren soziales Gestaltungspotential. Ihre Traditionsmuster werden Rückkopplungsoperatoren, die den Sozialraum einer Gemeinschaft generieren. Sie füllen ihn mit Sozialkapital in einem weiten Sinn – ehe und bis er sich ausdifferenzieren kann in ökonomisches, Human- und Sozialkapital im engeren Sinn, das dann ‚nur‘ noch aus einer mehr oder weniger von Vertrauen und Moral getragenen Vernetzung besteht, der mitlaufend sich entwickelnden Gemeinschaftsfunktion der gesellschaftlichen Infrastruktur. Diese radikale Interpretation liegt in der Konsequenz dessen, was sich uns bisher erschlossen hat. Und wir hoffen, dass sich im Zuge der weiteren perspektivischen Erschließung des Regulierens und des zu Regulierenden alle inhaltlichen Bezüge schließlich zu einem anschlussfähigen und praxistauglichen Modell globaler sozialer Nachhaltigkeit verdichten. So können wir das Ziel unserer Darstellung jetzt genauer benennen.

Wir betrachten nacheinander das Gesamtmodell als Rückkopplungsraum, seinen Ordnungsrahmen (einschließlich der ordnenden Rückkopplungskomponenten) sowie innerhalb des Modells (Distributions-) Sockel und (Distributions-) Säulen zwischen Input- und Outputblock, ehe wir es im Überblick ins Auge fassen. In seinem Rahmen lässt sich die Frage nach gerechter Regulierung, die im Mittelpunkt dieses Kapitels steht, als Kohärenzfrage formulieren: Wie wird jeweils zwischen Innovation und Regulierung vermittelt? – Das Modell ermöglicht eine überleitende Zusammenfassung des Einleitungsteils in einer Perspektive, in der wir die bereits ins Blickfeld gerückten Themen wieder aufgreifen können und die im Folgenden durchgehend mit zu entfalten sein wird.

- Das Gesamtmodell als Rückkopplungsraum

Weil alles, was wir regeln, unter Regeln steht, sind Rückkopplung, Digitalisierung und Überdeterminierung, sind Ebenen und Grenzen durchgehende Merkmale eines Gesamtmodells, in das wir unsere vorausgreifenden Überlegungen einzeichnen können. Weil die sozial-mentale Welt und die Welt mathematischer Wahrheiten sich in der Welt unserer physikalischen Realität überschneiden, können wir hier ebenso anknüpfen wie bei den notwendigen Beziehungen, die unsere Sprache abbildet. Wir orientieren uns in der Welt des Sozialen an Mustern, die uns selbst als ihre innere und unsere Welt als ihre äußere Umwelt immer mitthematisieren: in Identität und Differenz.

Regulierungskurven grenzen Mannigfaltiges zeitlich und örtlich ab. Erwerb und Verteilung von Beute und Ernte sind durch den Naturzusammenhang rhythmisiert, und sie strukturieren einen gesellschaftlichen Zusammenhang, indem sie vor diesem Hintergrund Erwerbs- und Verteilungsgemeinschaften hervortreten lassen. Was jetzt hier drinnen anders ist als es draußen und vorher war, kann dann in einer Weise identifiziert, gezählt, gemessen und verteilt werden, dass es das Gemeinschaftsleben bis zur nächsten Verteilungsrunde stabilisiert – oder eben nicht. Denn dies alles geschieht nicht ohne beifälliges oder missbilligendes Gemurmel oder unter klagenden Blicken stummer Verzweiflung: eine sich immer weiter ausdifferenzierende Kommunikation darüber, in welcher Hinsicht die Objekte des individuellen Begehrens als gleich oder als verschieden betrachtet und zugeteilt oder vorenthalten werden. Sammeln und Verteilen, Produktion und Distribution bedingen einander in immer neuen Kreisläufen oder besser: in einer fortgesetzten Spirale.

Wir als Beobachter sehen heute vor allem Differenzen zwischen solchen Differenzierungen. Drinnen und Draußen sind ursprünglich Ort- und Zeitbegrenzungen; die Gegenwart des Verteilens trennt vergangene von zukünftigen Zuständen. Die Qualität dessen, worauf sich das anfängliche Begehren richtet, tritt zurück hinter der ganz anderen Bedeutung dessen, was durch zuteilendendes Zählen und Messen zur teilbaren und summierbaren Quantität wurde: der wiederum erst im Gegenzug eigentümliche Gestalt, ursprüngliche Bedeutung und Eigenwert zugerechnet werden. Wir beobachten, unterscheiden und bewerten beim Regulieren Grenzen von Strecken, Flächen und Räumen; Zahlen unterschiedlicher Art, die sich auf Singularitäten, Mannigfaltigkeiten und Unendlichkeiten im Großen wie im Kleinen beziehen; unterschiedliche Gleichgewichts- und Ungleichgewichtsordnungen sowie Regulierungsmuster als Topologien oder Verfahrensalgorithmen, denen wiederum kopierte, aber auch einfach gespiegelte oder komplex transformierte Ordnungs- und Bewegungsbilder entsprechen können.

Wir können uns daran orientieren, weil wir alle diese Größen zugleich identifizieren und unterscheiden können. Dies ist möglich, weil alle im Kontext von Gerechtigkeitsdiskursen unterscheidbaren Verteilungen unterschiedliche soziale Welten als Ereignisräume konstituieren. Nach normativen oder faktischen Einschätzungen zeichnen sich deren Umrisse auf einer der Orientierung dienenden Messebene als Projektionen hyperbolischer Kurven ab, die von einem gemeinsamen Nullpunkt aus als deren charakteristische Weltlinien ins Auge zu fassen sind.

Abbildung 9: Orientierungspunkt, Messebene und Weltlinie (vgl. Penrose, zit. Anm. 4, 424)

Unsere Welt als gemeinsamer Ereignisraum wird in der (Penrose-) Grafik mit H+ bezeichnet, weil er einem (Potential-) Ereignisraum H- korrespondiert. Beide haben ihren Ort in jenem uns bekannten Ereigniskegel, der sich nun durch koordinierte Mess- und Orientierungsimpulse als Doppelkegel erschließt.82

Abbildung 10: Orientierungsimpuls im Ereignis- (Doppel-) kegel (vgl. Penrose, zit. Anm. 4, 423)

Jeder Orientierungsimpuls erweist sich damit als Rückkopplungsprozess zwischen Potentialität und Aktualität, der mit der Differenz zweier Beobachtungen sowohl eine grundlegende Unschärfe im Beobachteten bedingt als auch die Möglichkeit, sich innerhalb von Topologien an Ebenendifferenzen zu orientieren.

Abbildung 11: Rückkopplungsimpuls, Orientierungs- und Regulierungsebene im Ereigniskegel (vgl. Penrose, zit. Anm. 4, 425)

Das heißt aber auch: Gleichgültig ob wir unter dem Raumaspekt die Gabe oder unter dem Zeitaspekt die Weitergabe betrachten und gleichgültig auf welcher Ebene wir das zu Verteilende und das Verteilen ins Auge fassen: Regulierungsmodelle erschließen auch die soziale Welt als Quantenwelt. Das Ergebnis von Regulierung als regelnde Rückkopplung zwischen unterschiedlichen Ebenen erscheint dem Beobachter als Sprung ins oder im Erscheinungsbild, der seine Beobachtungsgrundlagen, seine Vorurteile oder ihn selbst in Frage stellt. Zum einen betrifft das die Naturwahrnehmung selbst, die im Hintergrund jeder sozialen Realität steht. Sie ist von Anfang an das, was nichtbeliebig antwortet, wenn ein Mensch fragt – der fragen kann, weil sein anfängliches Begehren durch überlebensnotwendige Gaben gestillt wurde. So verwandelt sich eine bereits sozial konstituierte Potentialität in eine sozial nicht mehr hintergehbare Realität. Zum anderen betrifft das nach der Identifizierung (m)einer Welt deren soziale Gestaltung innerhalb ihrer natürlichen Möglichkeitsbedingungen. Und hier gilt: Jede Gabe ist ein Quantum, weil sie physische Quantität in soziale Qualität verwandelt. In dieser Hinsicht wird sie noch vor der Münze, die dann Geschichte macht, zum gesellschaftlich universalen und kulturell stets präsenten Hintergrundmedium aller Transformationen. Die Beute wird in definierten Stücken verteilt, kleine und große Münzen und Scheine funktionieren durch Wertprägung, Überweisungen und Finanztransaktionen erfolgen oder fallen in bestimmter Höhe aus. Und all dies geschieht in veränderlichen, aber messtechnisch jeweils unhintergehbaren Zeitintervallen, so dass sich die Darstellung der physikalischen Grobkörnigkeit, unterhalb derer nur Sprünge messbar sind, mutatis mutandis in der sozialen Welt fortsetzen ließe:

Abbildung 12: Gaben-Quantum als Quantenstruktur sozialer Welten83

Auch die sozialen Entsprechungen des sich dann abzeichnenden größeren Modellkontextes sind angebbar. Der Ort dieser pulsierenden Ga­ben­trans­for­ma­tionen sind die sozialen Institutionen. Hier erhalten die abstrakten Schemata, die – analog zum physikalischen Gitternetz-Muster – Gabe oder Nichtgabe als Grundmuster des sozialen Lebens bezeichnen, eine bestimmte Gestalt. In Gemeinschaften, Institutionen oder Organisationen im engeren Sinn werden Aufgaben und Gaben (als Chancen wie als Risiken) in je un­terschiedlicher Weise verteilt. Aus der Kooperations- und In­sti­tu­tio­na­lisie­rungs­struktur von Gesellschaften werden so konkrete Vernetzungs-, Auf­trags- und Controllingstrukturen. Sie legen fest, wer wem Aufträge erteilt be­zie­hungs­­weise wer wem berichtet, um Produktion und Distribution zu or­ga­ni­sieren, zu gestalten und zu sichern.84

Abbildung 13: hypothetische (potentielle) und institutionell bestimmte (reale) Vernetzungsstrukturen (vgl. Penrose, zit. Anm. 4, 959)

Damit ist auch unsere soziale Modellwelt als Ereignisraum interpretiert, der durch einen Rückkopplungsoperator in Quantensprüngen generiert wird und in dem wir uns innerhalb einer bereits sozial interpretierten Welt an sich überlagernden Differenzen von Aktualität und Potentialität orientieren. Als Leitlinien einer neuen Verteilungswelle schneiden sich die Regulierungslinien in jenem Berührungspunkt der Zeitkegel, unter oder hinter dem sich die Vergangenheit eines Raum-Zeitpunktes A auf die Ge­genwart zugespitzt hat und jetzt der Zukunft notwendige Bedingungen setzt. Diese Konstellation weist unserer gegenwärtigen Orientierung einen Ort zu und setzt ihr einen Rahmen. Jene notwendigen Bedingungen, die Potentia­lität und Realität miteinander verbinden, garantieren keineswegs, dass wir unsere Umwelt korrekt abbilden und noch viel weniger, dass wir uns in ihr angemessen verhalten. Aber sie bewähren sich im Zusammenspiel vorlau­fend (deduktiv-) hypothetischer und nachlaufend induktiver Orientierung, so dass die waagerechte Orientierungs- und Regulierungsebenen während eines Orientierungsprozesses unausgesetzt zwischen den Kegelrändern pendeln. Daher zeichnet sich der jeweilige Verlauf der Verteilungslinien zusammen mit den konkurrierenden und ausgeschlossenen Alternativen in einem Ori­entierungsmuster ab, in dem erfahrungsgetränkte Seinsvorstellungen, die sich deskriptiv auf eine relative Vergangenheit beziehen, als Sollensvorstel­lungen normativ in die Zukunft projiziert werden. Dabei treten die Vertei­lungsperioden von Wohlstand und Wohlstand‘ so auseinander, dass nach erfolgter Entscheidung des Regulierers vor dem Hintergrund bleibender Un­ter­schei­dungs­merk­male ein fortlaufender Rückkopplungsprozess zwischen Ist und Soll eine stabile Gegenwartsorientierung ermöglicht. Im Überblick stellt sich das so dar:

­­

Abbildung 14: Orientierungsebenen und Rückkopplungsebene bei regelnder Regulierung

Spätestens hier beginnt sich der Orientierungsrahmen unseres Gesamtmo­dells abzuzeichnen. Bereits bei der Überführung der potentiellen in die reale Welt erschließt Rückkopplung Semantik und konkrete Zahlen, Maße, Gestal­ten mit trennscharfen Grenzen, deren Bedeutung notwendig im Streit steht, da sie von Anfang an sozial konstituiert sind und dann mit realen Chancen und Risiken neue Freihei­ten und Bindungen und in jedem Fall neue Ver­ant­wort­lich­keiten nach sich ziehen. Da der Rückkopplungsoperator nicht nur re­gelnd funktioniert, sondern zugleich orientierend und generativ wirkt, wird im Zuge unserer Modellbildung rückkoppelnde Regulie­rung durchsichtig auf ihren Ursprung. Innovation ist als potentieller Unruhefaktor einer gegebenen sozialen Ordnung nicht nur ihr Anlass, sondern ihr Ursprung. Ehe wir über das Gelingen oder Misslingen von Regulierung urteilen können, müssen wir sie verstehen als die andere Erscheinungsform von Innovation im Pulsschlag sozialer Zeit.

Im Rahmen des Gesamtmodells lässt sich das – mit einem exemplarischen Rückgriff auf die Darstellung im Innovationsband – als fraktale Ordnung darstellen: durch auseinander hervorgehende interne Modellrahmen.

Abbildung 15: Einordnung des Modellrahmens (vgl. Penrose, zit. Anm. 4, 967, Fig. 33.7 b)

- Der Rahmen des Gesamtmodells

Wenn die soziale Welt so geordnet ist, dass jedenfalls jeder denkbare Beobachter zwischen orientiertem und desorientiertem Verhalten bei der Wohlstandsverteilung unterscheiden kann: Wie sind dann die im Modell sich abzeichnenden Orientierungsachsen zu benennen? Oder genauer, da Zeit und Raum ja als waagerechte und senkrechte Achse vorgegeben sind: Wie haben wir deren soziales Produkt zu verstehen, und wie wirken die dort erkennbaren Differenzierungen zurück auf die zeitlichen und räumlichen Verständnisparameter im Rückkopplungsraum der sozialen Welt?85 – Diese Fragen sind fruchtbar, denn indem wir sie zu beantworten versuchen, ordnen sich unsere Vorüberlegungen wie von selbst. Zunächst ist festzuhalten, dass sich alle Verteilungsli­nien, die sich als Ergebnis konkurrierender Regulierungsalternativen abzeichnen, in einem gemeinsamen Ausgangspunkt von Orientierung, Regulierung und Regelung schneiden.86 In jeder derart bestimmten so­zialen Welt generiert der Rückkopplungsoperator

- innerhalb einer zeitlich begrenzten Verteilungsperiode (P)

- aus dem als Wohlstand zu verteilenden Kapital, das im Sozialraum erwirtschaftet wurde (K),

- durch soziale Investments nach Art und Zahl bestimmte Verteilungsgüter (G),

- als deren Produkt sich das (Gesamt-) Sozialkapital (S) einer Gemeinschaft ergibt.

Abbildung 16: Sozialkapital als P-K-G-Matrix der Wohlstandsverteilung im Sozialraum

Innerhalb der topologischen Matrix der Wohlstandsverteilung erkennt man die wechselseitige Abhängigkeit von Quantität und Qualität der erwirtschafteten Güter. Das vorhandene Sozialkapital im Sozialraum einer Gemeinschaft lässt sich (wenn wir P als Modell-Normierungsgröße gleich 1 setzen) als Produkt aus Kapitalertrag und Gütern darstellen, aber auch als Wohlstandsdifferenz von Chancen und Risiken, wenn man diese Güter perspektivisch ins Auge fasst, oder – wie wir sehen werden – als Summe aus bereits und noch nicht investiertem Kapital, wenn man jenen Ertrag periodisch differenziert bilanziert.

Diesen topologischen Rahmen füllen sich überlagernde Rückkopplungsprozesse, die den Zusammenhalt und die Gestalt oder jedenfalls die Erkennbarkeit des jeweiligen gemeinschaftlichen Lebens sichern, obwohl Freud wie Leid innerhalb einer Gemeinschaft unausgesetzt nach neuen Wegen suchen. Sie schreiben im Modell durchgehende Aspekte der bisherigen und auch der folgenden Darstellung von Regulierungsprozessen fest:

- Digitalisierung als Quantelung des Grundtaktes wie als durchgehende Nötigung, jede Ebene unter zwei sich ergänzenden Aspekten zu betrachten,

- die Differenzierung zwischen Vorder- und Hintergrund durch die Unterscheidung sowohl von Rahmen und Modellbild im Ganzen als auch durch die interne Unterscheidung zwischen Gesamt- und Teilregelungskomponenten,

- schließlich die Herausforderung, beide Aspekte durch die Diskussion von Überdeterminierungs- und besonderen Grenzzonenverhältnissen miteinander zu verbinden.

Um dem gerecht zu werden, enthält unser Modell ein Ensemble, das aus unterschiedlich geschichteten und gestalteten Regelungskomponenten besteht. Zusammengehalten wird es von Gesamtregelungskomponenten, die die muster- und periodenbezogene Rückkopplung sichern. Hier tritt im Regulierungsmodell erstmals ‚Innovation‘ in Erscheinung:

Abbildung 17: Gesamtregelungskomponenten (‚Regulierung‘ vs. ‚Innovation‘)

Strukturiert wird der Modellraum durch Teilregelungskomponenten

- die verschiedene Modellkomponenten (Gütersäulen zwischen In- und Outputblock) verbin­den oder übergreifen,

- ohne oder mit interner Rückübertragung von Sozialkapital:

Abbildung 18: Teilregelungskomponenten

Zusammen bilden diese Komponenten in einer jeweils bestimmten Konstellation das permanent reproduzierte (Kohärenz-) Muster einer Gemeinschaft, aufgrund dessen ein Beobachter abschließend topologische Zuweisungen vornimmt. Aber um sich ein Bild von dieser sozialen Welt zu machen, muss er ja zunächst wissen, was in dieser Weise verteilt oder vorenthalten wird.

- Sockel und Säulen im Gesamtmodell

Es ist mehr als nur ein Darstellungstrick, wenn wir das in unterschiedliche Wohlstandsgüter investierte Sozialkapital auf einem soliden Distributionssockel abbilden. Mit seiner gleichmäßigen Höhe können wir die Unmöglichkeit darstellen, es unterhalb der Gaben-Quantelung völlig zum Gegenstand von Transaktionen zu machen und immer trennscharf zwischen Innovationskosten und -risiken zu unterscheiden. Seine festgesetzte Grundfläche ist die Vor­aussetzung, um darstellen zu können, dass der Sozial- als Wirtschaftsraum durch ein bestimmtes Wohlstandsniveau gekennzeichnet ist, das neben seiner normierten Länge auch die Tiefe aller Regelungsbereiche deckelt. Angebots- wie Anspruchsniveau verlagern sich dann als Regelungsdruck nach innen, wo er sich als Gestaltungsdruck auswirkt.87 Erst so öffnet sich auf jenem Fundament eine Bühne, auf der sich das Sozialkapital der Gemeinschaft als eine Summe gemeinsam geregelter und gemessener, aber unterschiedlich konfigurierter Wohlstandsinvestments darstellen lässt.

Abbildung 19: Distributionssockel

Als soziale Weltlinien beziehen sich Regulierungskurven auf Mannigfaltigkeiten, die Gleiches und Verschiedenes umfassen. An ihnen entlang werden Verbrauchs- und Investitionsgüter aller Art verteilt, Lebenschancen und -risiken neu zugeteilt. Dass dieselben Verteilungskurven Ordnungsbilder auf Verschiedenes projizieren, gibt berechtigten Anlass zu Kritik, wenn das gemeinsam Erwirtschaftete lediglich als Bruttosozialprodukt gemessen wird. Dann werden erworbenes Wissen oder gespendete Hilfe ebenso wenig erfasst wie Naturverbrauch; Krankheiten und Schäden werden als Heilungs- und Reparaturkosten auf der Habenseite verbucht. Immerhin geschieht das nicht willkürlich und nicht notwendig aus neoliberaler Bosheit oder Dummheit. Eine Gemeinschaft kann zwar tatsächlich alles Mögliche erbeuten, sich technisch und wirtschaftlich erschließen oder neu erfinden und vermarkten. Aber was immer dadurch erworben wird: es wird am Ende immer in charakteristischer Weise verteilt sein. Wobei jeder Ausflug in die Kulturgeschichte und Ethnologie beweist, dass man dabei schon alles Mögliche und Unmögliche zu regeln versucht hat – während regelmäßig übersehen wurde und wird, was wir wie selbstverständlich als Gewinn oder Verlust bewerten oder wovon wir im Nachhinein erkennen, dass es für damaligen Fortbestand des gemeinschaftlichen Lebens entscheidend war.

Aber für unsere Modelldarstellung lässt sich vorab festhalten: Ein bestimmter Wirtschaftsraum ist innerhalb einer Investitionsperiode in seiner Regelungshöhe durch das insgesamt erwirtschaftete Kapital und in seiner Regelungstiefe durch den entstandenen Bedarf und die bereitstehenden Investitionsmöglichkeiten be­grenzt (K x G). Er wird dadurch zum gestalteten Sozialraum, dass der Wohlstand in charakteristischer Weise auf unterschiedliche Güterarten verteilt ist. Im Modell stellen wir typologisch gleichgestaltete Güter als Säulen dar.88 ‚Massengüter‘, die vor allem durch ihre aggregierbaren Grenzzustände (+/–) zu definieren und institutionell zu kontrollieren sind, fassen wir zu einer integrierenden (Hamilton-) Gütersäule (H) zusammen.89 Sie ist zu unterscheiden von mindestens zwei differenzierenden (Lagrange-) Gütersäulen (L 1, L 2, ... ), in denen unterschiedlich gruppier- und zählbare, auf der institutionellen Betrachtungsebene aber nicht weiter teilbare ‚Stückgüter‘ zusammengefasst sind:

Abbildung 20: H- und L-Säulen

Diese Betrachtung der Wohlstandsgüter mag noch so differenziert sein: sie bleibt in mehrfacher Hinsicht unvollständig. Der Beobachter würde das Sozialkapital nur als Summe addierbarer Einzelkonten aktueller Wohlstandsinvestments überblicken. Innerhalb einer Periode wird aber nicht nur über die Distribution, sondern immer auch über die Produktion und Investition künftig zu verteilenden Güter entschieden. Nur in dieser Perspektive erschließt sich das Gesamtmodell als Standbild einer Bewegung, deren Richtungssinn man wiederum nur erkennt, wenn man neben dem Wie auch das Warum dieser unterschiedlichen Verteilungen in Betracht zieht: jene Leitbilder als Orientierungsvorgaben, an denen man sich in dieser Welt zustimmend oder streitend orientiert. Und dabei geht es ja nicht nur um das Erreichen oder Nichterreichen der Leitbildvorgaben, sondern gegebenenfalls auch um deren Wechsel. Das setzt allerdings sowohl eine qualitative Beurteilung des Erreichten in der Vergleichsperspektive von Soll und Ist als auch von Wohlstand und Wohlstand‘ in der Folgeperiode voraus. Damit aus dem Stand- wieder ein Bewegungsbild wird und unsere Erzählung fortgesetzt werden kann, müssen wir also zunächst noch Aufbau und Funktion von Modellkomponenten ganz anderer Art betrachten.

- Input- und Outputblock im Gesamtmodell

Qualität und Quantität der Bedarfs- und Investitionsgüter einer Gemeinschaft sind begrenzt durch die gesellschaftlichen Regulierungskosten, die ihren Bestand sichern. Das lässt sich im Modell durch einander im Niveau entsprechende Transaktionskostenblöcke am Anfang und am Ende einer Produktions-, Distribution- und Investitionsperiode darstellen, von denen aus sich die Verteilung im Einzelnen regelt. Als gestaltende Operatoren eines Sozialraums treten die Traditionsmuster einer Gemeinschaft innerhalb eines Regelkreises als Input- und Outputblock auseinander und zugleich als Orientierungsmuster und Leitbild in eine Soll-Ist-Beziehung, innerhalb derer sie durch Einzelvergleiche auf Verteilungsergebnisse reagieren und sich zugleich durch deren Bilanzierung wechselseitig definieren und stabilisieren können. Erst durch diese Regelfunktion der Anfangs- und Endgrößen lassen sich Perioden voneinander abgrenzen und als Produktions- und Distributionseinheit betrachten. Regulierungsstörungen werden aber darüber hinaus auch durch Ausdifferenzierung innerhalb der Blöcke verarbeitet. Und erst so bildet das Modell auch die Funktionsweise der identitätsstiftenden Traditionsmuster einer Gemeinschaft ab, in denen Leitbilder Orientierungsmuster generieren, deren Kontrolle wiederum nicht nur die Produktion und Reproduktion von Gütern, sondern auch von Leitbildern regelt – und damit eine Anpassung der Traditionsmuster an wechselnde Bedürfnisse der Gemeinschaft ermöglicht.

In so einem genetisch offenen Regelkreis lässt sich noch rekonstruieren, wie aus der ‚Erstheit‘ des natürlich Gegebenen jene Entsprechung und Differenz von ‚Zweitheit‘, ‚Drittheit‘ und anderer: neuer ‚Erstheit‘ hervorgeht, die jeder Kommunikation zugrunde liegt. Im Peirce’schen Zeichen-Regelkreis, den das Modell dann abbilden würde, können wir so sogar noch die Verhältnisse von

- Hinter- und Vordergrund,

- Struktur und Semantik und von

- 0 und 1

abbilden, die uns am Anfang begegneten, sowie das von

- ‚Zählen‘ und ‚Erzählen‘,

- Mess- und Ausdrucksmedium

von dem wir bei der Modellbildung ausgegangen sind und bei dem wir jetzt wieder einsetzen. Ich stelle die durchgehende Entsprechung und interne Differenzierung innerhalb unserer differenzierten Kultur- und Gesellschaftsverhältnisse zunächst in einer Besetzung dar, in der die Blöcke von Gesellschaft als Messgröße und Kultur als deren Ausdrucksform noch im Gegensatz zur Natur ihre Einheit finden. Indem sie Kooperation und Kommunikation begründen, bilden sie gemeinsam den Hintergrund zu Gemeinschaften, die sich voneinander durch ihre unterschiedlichen ‚Kulturen‘ abgrenzen.90

Der Mensch wird auch dadurch zum gesellschaftlichen Gattungswesen, dass der natürliche Hunger des Körpers nach Nahrung zum anerkannten und beherrschbaren leiblichen Begehren wird91 und der tierische Laut durch die Unterscheidung von Name und Zahl zur Sprache, die das Zählen ermöglicht: damit nämlich der natürliche Kampf um die Rangordnung zur gesellschaftlichen Vorstellung von ‚Gerechtigkeit‘ werden und als Norm durch Werte regelnd wirken kann. Diese gesellschaftliche Dynamik wird gespiegelt und verarbeitet durch eine kulturspezifische Differenzierung, die bereits im Ansatz das Prinzip medialer Differenzierung als transkulturelles gesellschaftliches Merkmal erkennen lässt: Dem ‚Begehren‘ des Leibes entspricht noch die bloße An- oder Abwesenheit einer entsprechenden Gabe, dem sprachlichen ‚Zählen‘ bereits ein Erzählen: von Leit- (oder Leid-) bildern ‚Guten Lebens‘, die den gesellschaftlich normierten und regelnden Gerechtigkeitsvorstellungen entsprechen – oder eben nicht.

Abbildung 21: gesellschaftliche Mess- und kulturelle Ausdrucksmedien als Soll-Ist (Input-Output-) Blöcke

Diese Körpermedienkonstellation unserer kulturellen Genese notiert die phylo- wie ontogenetischen Grundlagen, die unserer Kommunikation zugrunde liegen. Wir wollen und können auch nicht wirklich vergessen, dass dabei allem Anfang die bedingungslose Gabe vorausgeht, der sich uns als „Glanz im Auge der Mutter“ einprägt.92 Aber was kommt danach? Am Boden jeder empfundenen Sein-Sollens-Differenz und noch in jeder Ist-Soll-Unterscheidung geht es um jenen (Freud-Lacanschen) Mangel, den wir empfinden, wenn das begehrte Objekt abwesend ist und wir uns unserer selbst als eines gemeinschaftsbedürftigen (und hoffentlich: gemeinschaftsfähigen) Wesens bewusst werden. Wenn unser ungestilltes Begehren uns nicht erstarren und verstummen lässt, machen wir uns auf die Suche nach dem verlorenen Glück unseres Ursprungs.

Als Modellkomponenten im Regelkreis sind Mess- und Ausdrucksmedienblöcke Orte von Gleichgewicht und Ungleichgewicht, Schauplatz von Bewährung und Gefährdung unserer Kreativität. Die Grenzräume zwischen Sein und Sollen, Ist und Soll sind der Ereignisraum des Neuen, das uns unterwegs begegnet. Doch der Rückmeldeoperator setzt in uns selbst an. „Unruhig ist unser Herz, bis es in Dir ruht“, wird Augustin später sagen.93 Schon ehe die neue Jagd beginnt oder wenn die Ernte eingebracht ist, nehmen wir in Traum, Spiel und Kunst, hörend und erzählend vorweg, wohin wir wollen. Aus dem Begehren werden dann unsere Bedürfnisse nach Partizipation und Autonomie, Dauer und Wandel. Zwischen Liebe und Macht bahnen sich unsere Gefühle ihren Weg und richten unser Interesse auf Ziele, die dann Gier oder Neugier festlegen können. Wenn wir dann wirklich unterwegs sind, wenn uns Fremde begegnen in einer Welt, in der aus der Gabe erst der Tausch und dann der Kauf geworden ist, lösen sich die Medien vom Körper – und die Geschichte nimmt ihren Lauf.

Fatal entspricht dann jenem verlorenen Glanz am Anfang das Schimmern der Münze, die als Realsymbol eines universalen Transformationsmediums zugleich zum Symbol für unsere Korrumpierbarkeit wurde. Locken und verführen konnte zwar auch jene verbotene Frucht des Mythos. Aber der Teufel, der uns im Innovationsband eher narrativ begleitete, findet seinen Modellort so dicht wie möglich bei uns selbst, weil er uns immer neue Mittel in die Hand drückt, mit denen wir das Verhältnis von Zahl und Bild zugleich fixieren und in andere Bereiche übertragen können. Er setzt an bei unserer Kreativität: unserer Fähigkeit, ganze Welten zu verstehen, zu entwerfen und zu erschaffen und uns deshalb an die Stelle dessen zu setzen, dem wir uns selbst verdanken. Wenn wir nur noch uns selbst spüren wollen und können, wenn aus Neugier Gier wird, geht es uns wie Midas, dem sich alles, was er berührte zu Gold verwandelte: Qualität in Quantität. Wir können aber auch als Furcht davor unsere kreative Bestimmung verfehlen, indem wir dem Buchhalter in uns selbst das Feld überlassen und die vorliegenden Zahlen so kritik- wie phantasielos als Kohärenzsystem zum Ersatz allen möglichen Sinns machen, der sich von dort aus entfalten könnte, wenn wir eigener oder fremder Kreativität ihren Lauf lassen würden.

Thema des Messmedienblocks ist gesellschaftliche Kopplung, Thema des Ausdruckmedienblocks ist kulturelle Entkopplung. Beides gehört zusammen. Geld wird in diesem Kontext zur Erscheinungsform eines Epochen übergreifenden Verteilungsmediums, an dem sich Verteilungs- als Orientierungskriterien erkennen lassen, über die immer wieder neu verhandelt und berichtet wird. Es erschließt sich aber erst durch ein in jeder Kultur und jeder Epoche neu und anders sich ausprägende charakteristische Medienkonstellation – deren langwellige Veränderung auf einer anderen Ebene zu beobachten ist. Die entsprechenden Größen sind auch kulturell in jeweils bestimmter Konstellation und Besetzung vorgegeben. Aber es ist klar, dass sie im Laufe kultureller Genese auseinander hervorgegangen sind und sich jetzt untereinander jeweils durch Überdeterminierungsverhältnisse regulieren. Dies wird für die Konstruktion des Gesamtmodells noch von Bedeutung sein. Wir orientieren uns daher als Beobachter jeder denkbaren Modellbesetzung am besten an den einander entsprechenden Gefahren ‚systemischer‘ Reduktion und ‚lebensweltlicher‘ Borniertheit, wenn wir betrachten, wie aus den gesellschaftlichen Gerechtigkeitsvorgaben Traditionsmuster hervorgehen: die das Gemeinschaftsleben regelnd regulieren: als kulturell geprägte Leitbilder ihres guten Lebens.

Im Inputblock einer konkreten Gemeinschaft lokalisieren wir differenzierte, aber aggregierbare absolute und relative Regulierungsfunktionen. Was Regeln als gültige Normen und gesetztes Recht einer bestimmten Kultur- und Gesellschaftsordnung deckeln, ruht auf gemeinschaftlich erreichten und etablierten Standards und setzt die Aufteilung und Verteilung von Gütern in einer intuitiv oder explizit vorgegebenen Kennzahlkonstellation voraus. Dem entspricht eine Outputkomponente, in der die Konfiguration der symbolischen Güter einer Gemeinschaft: ihre Medienkonfiguration als bestimmte Wissenskonstellation das Controlling von Produktion und Distribution durch Leitbilder sichert. Was die Orientierungsmuster als Regelvorgaben für Produktion, Reproduktion und Distribution enthalten, wird hier bewusst als Differenz von Sein und Sollen, Ist und Soll – aber auch von Haben und Sein, Quantität und Qualität.

So entsteht durch die Differenz von Erreichtem und (noch) nicht Erreichtem unausgesetzt neues Wissen, das doppelt in Erscheinung tritt:

- stets durch Leitmedien94, aber jeweils epochentypisch neu konfiguriert: heute als das Regel- und Emergenzwissen einer Informationsgesellschaft (so es in der vergangenen Neuzeit die Fakten- und Sinnerkenntnis einer vom modernen Geist der Rechenhaftigkeit getriebenen, vom Kapital gesteuerten „Gesellschaft der Buchhalter“ war95),

- durch Funktionsmedien: institutionell codiert als Erfolgsvorgaben in den Funktionsbereichen einer sich spezialisierenden Gemeinschaft, die sich seit der Neuzeit antitraditional als ausdifferenzierte Gesellschaft konstituiert hat96,

- durch Vervielfältigungsmedien nur scheinbar paradox in individuellen Zielsetzungen vermittelt.

Denn was bis in organisatorische Kennzahlen im engeren Sinn hinein als Controllingvorgabe formalisiert werden kann, muss auch immer wieder neu jedem einzelnen Mitglied der Gemeinschaft in einer Medienkonstellation vorgegeben werden, die jetzt und hier für ihn ‚Sinn macht‘.

Abbildung 22: Input-Outputblock als Regel- und Medienblock einer Gemeinschaft

- Das Gesamtmodell im Überblick

Aus den bisher betrachteten Komponenten lässt sich das Gesamtmodell zusammenfügen, wobei wir voraussetzen, dass das Regelungsensemble in jeder bestimmten Musterkonstellation alle Komponenten irgendwie miteinander verbindet:

Abbildung 23: Regulierungs- (Innovations-) modell

Dieser Überblick lässt mit den Grenzen des Modells zugleich sein Entwicklungspotential erkennen. Produktion und Distribution von Gütern sind als bloße Reproduktion von Regulierungsmustern und -bildern zwar darzustellen, aber nicht zu sichern. Im Modell macht die doppelte Deckelung der einander entsprechenden Blöcke zwar ebenso Sinn wie dessen Gesamtdeckelung, die alle Gütersäulen einschließt. Denn die Bilanz einer Investitionsperiode ist bestimmbar mit Blick auf das Regulierungsmuster, an dem sich Produktion und Distribution von Gütern aller Art orientieren, weil das Sozialkapital einer Gemeinschaft als ihr investiertes Gemeinschaftswissen und -können verstanden werden kann. Es lässt sich aber ebenso als investierbares Wissen, Können und Verhaltenspotential bilanzieren, wenn man es von der entsprechenden Medienkonstellation her als Konfiguration der symbolischen Güter einer Gemeinschaft versteht.

Die geltenden Regeln und Normen einer Gemeinschaft sichern nicht nur Entscheidungs-, Controlling und Überwachungsgrundlagen der gegenwärtigen Produktion und Distribution. Da auch Investitionen distribuiert werden, sichern sie immer auch die Kontinuität der Kooperation über die Dauer einer Investitionsperiode hinweg. Die Standards einer Gemeinschaft sind als Differenz von Chancen und Risiken immer auch das Ergebnis vorangegangener Kooperationen. Ihr Bedürfnisniveau bestimmt sich und ihre Nachfragemöglichkeiten eröffnen sich auf der Grundlage kumulierter Investments. Dabei geht es – marxistisch gesprochen – nicht nur um den Entwicklungsstand der Produktivkräfte, sondern auch um die entsprechenden Produktionsverhältnisse. Was die in Geltung stehenden Regeln ausdrücken, ruht auf einem Sockel, der vom gegenwärtigen Zustand der Umwelt, vom Stand der Infrastruktur sowie vom erreichten Niveau privater wie öffentlicher Dienstleistungen gleichermaßen geprägt ist. Die daraus sich ergebenden Sollvorgaben einer Gemeinschaft funktionieren zwar fraktal: nach dem Prinzip der Selbstähnlichkeit. Aber gerade deshalb erhellen sie für den Beobachter die gesamte Szene. Die gegenwärtigen Leitbilder der Gemeinschaft tauchen ihre Sinnkulisse, ihr Mobiliar und ihre Requisiten in das Licht jener Intentionen, die einst den Fundus aufgeschlossen und die Inszenierung vorbereitet haben. Erst vor diesem Hintergrund werden Produktion und Aktion, Streit und Einigung verständlich, die das Bühnengeschehen bestimmen. Was am Ende erreicht sein wird, steht im Lichte dessen, was zuvor erreicht wurde und was hätte sein können.

Was sich in der ins Auge gefassten Normperiode P = 0 realisiert97, bemisst sich also letztlich an ihrem Potential, das wir im vollständigen Ereigniskegel mit P = -1 bezeichnen müssten. Und die so bestimmte Summe erhält ihren Sinn erst als Verstehenshintergrund einer darauf folgenden unverwechselbaren Investitionsperiode P 1, mit der wir erst die Folge bestimmter Investitionsperioden beginnen lassen könnten. In ihr würde der Innovationsoutput der vorhergehenden Investitionsperiode zum Regulierungsinput der folgenden und so fort. In erster Näherung ließe sich das im Modell so abbilden:

Abbildung 24: innovationsgenormte und normierte (periodische) Regulierung

Bei solchen Kombinationen bilanzierender und periodischer Darstellung zeigt sich, dass das Modell durchgehend als Dritte Größe funktioniert, das heißt über Ebenen hinweg zwischen korrespondierenden Aspekten vermittelt.98 Bei bloß bilanzierender Übernahme veränderter Output- als neuer Inputgrößen würden sich (wenn P konstant bliebe) in aufeinanderfolgenden Darstellungen desselben Sozialraums dessen Höhe und Tiefe verändern. Abhängig vom Kapital- oder Güter- (beziehungsweise Nachfrage-) potential verändert sich dann das Volumen des Sozialraums und mit ihm das Volumen seiner Gütersäulen, aber immer als Variationen desselben Gestaltbildes (Typ N).

Abbildung 25: bilanzierende Fortschreibung im Sozialraum (Typ N)

Das Modell weist in seiner Weise auch dem sprachlichen Aspekt regelnder (wie deregulierender) Muster einen Ort zu. Es wird dabei sowohl ihrer internen Struktur gerecht, von der wir ausgegangen sind, als auch ihrer Semantik, der wir uns erst im Kontext der Modellentwicklung explizit zuwenden konnten. In diesem ersten Fall haben wir es allerdings noch nicht mit einem Zeichen, sondern lediglich mit einem Anzeichen zu tun. Weil die Verhältnisse wegen ihrer trotz aller numerischen Verschiebungen identischen Konstellation lediglich signalisieren, dass das Traditionsmuster funktioniert, wird dieses selbst gar nicht zum Kommunikationsthema.

Genau deshalb ist dies aber lediglich die taktische, nicht die strategische Perspektive des Regulierers, den wir angesichts dieser Alternative wieder Regulator nennen könnten. Er will einen allenfalls schweigend sich verändernden Sozialraum sehen; daher bleibt er wachsam. Der Innovator setzt dagegen als Kreativer prinzipiell auf qualitative Veränderungen. Weil es daher beiden, wenn auch mit entgegengesetzten Intentionen, um die Identifizierung kritischer Parameter im Sozialraum geht, machen beide die vorweggenommene Bilanz zum Maßstab der laufenden Entwicklung. Sie richten dabei ihr Augenmerk auf Veränderungen, bei denen sich die Gestalt des Sozialraums (Säulenzahl, -art und -anordnung) in Abhängigkeit von potentiellen (K) oder aktuellen Investments (G) ändern könnte. Dann (und nur dann) verändert sich aber auch das Arrangement von Orientierungsmuster und Leitbild. Das Traditionsmuster ist dann, wie wir sehen werden, so oder so ein anderes geworden. Wenn der Regulator dann seine Niederlage akzeptiert hat und in seiner Weise kreativ geworden ist: wenn neue Bilder neue Orientierungen begründen, setzen mit verändertem Traditionsmuster auch Regulierung und Innovation (als De-Regulierung) neu ein. Ein neues Spiel beginnt.

Schon im Innovationsband haben wir uns durchgehend der Leistungsfähigkeit Dritter Größen versichert. In seiner Funktionsweise als Dritte Größe zeigt das Modell, wie destabilisierende Innovationen den Regulierer vor ein doppeltes Dilemma stellen. Er muss kritische Parameter zunächst erkennen und dann auf einer anderen systemischen Ebene richtig einordnen. Im Modell lassen sich topologische Alternativen unterscheiden, denen man Typen von Regulierungskohärenz zuordnen kann, die – wie wir vorwegnehmend sagen können – auf kritische Parameter im Sozialraum als notwendige Nachhaltigkeitsbedingungen verweisen. Der erste Darstellungsversuch wäre dann nur zu übernehmen, wenn sich bei stabilisierten Transaktionskosten Innovation und Regulierung dauerhaft synchronisieren ließen: Orientierungsmuster und Leitbilder müssten Störgrößen ‚unterwegs‘ routinemäßig verarbeiten und gemeinsam die Reproduktion des Traditionsmusters gewährleisten können. Man könnte so neben einem mythologisch oder ideologisch gesicherten: in jedem Fall postnaiven Überleben auch ein inkrementelles oder evolutionäres Wohlstandswachstum einer Gemeinschaft notieren, die dies bewusst anstrebt und aktiv sichert (Typ E):

Abbildung 26: Regulierungskohärenz (Typ E)

Bei diesem ersten Arrangement bildet sich im durchgehaltenen Entsprechungsverhältnis der beiden Blöcke durchgängig das Verhältnis von Signifikat und Signifikant ab: eine einfache Zeichenstruktur. Die Traditionsmuster sichern im Routinebetrieb lediglich das Wiedererkennen der Gewohnten und Akzeptierten – und gewähren damit gleichzeitig ebenso ihre eigene Reproduktion wie die Kontinuität von Produktion, Distribution und Investition im Sozialraum.

Bei disruptivem oder revolutionärem Wachstum (Typ R) sind die Blöcke hingegen übereinander darzustellen:

Abbildung 27: Regulierungskohärenz (Typ R)

Der Zuwachs des Sozialkapitals im engeren Sinn hat hier das potentielle Wissen derart erhöht, dass sich alles verändert, was als Bild Guten Lebens interpretiert werden kann: ohne dass dieses selbst sich wesentlich verändern muss. Die Traditionsmuster verändern sich, indem sie zu notwendigen Metaphern werden. Dass der Sozialraum sich dabei nicht einfach vergrößert, kann man am deutlichsten an der Universalisierung von traditionellen Standards ablesen. Wenn aus kollektiven Gemeinschaftsrechten gesellschaftliche Ansprüche nach Art der Menschenrechte werden, verändern sich innerhalb eines begrenzten Sozialraums gleichzeitig alle Begründungen und durch Antidiskriminierungsregeln und Quotierungen auch sämtliche Controllingkon­stellationen.

Während hier quantitative Veränderungen schließlich in qualitative umschlagen und Wissenschaft und Technik zum Motor der Entwicklung werden können, gerät der Regulierer beim dritten (beziehungsweise vierten) Veränderungstypus eher unter den Druck von Künstlern und Propheten, neuen Bewegungen und Trends, weil Phantasie und neue Erfahrungen entkoppelt haben, was durch ein Traditionsmuster zusammengehalten wurde. Bei qualitativem Wachstum (im engeren Sinn, Typ Q) stehen Medien- und Regelblock schließlich hintereinander:

Abbildung 28: Regulierungskohärenz (Typ Q)

Vorher ist das Traditionsmuster zur produktiven Metapher geworden, indem Wissen als neue Idee in einem neuen Sozialraum dessen Potential in durchgehend neuen Angebots- und Nachfragekonstellationen erschließt: mit einer völlig gewandelten Vorstellung von Wohlstand (und Armut), die sich auf neue Weise stabilisieren muss – und kann, wenn der Regulierer seine neue Chance wahrnimmt.

Aber wie ist diese Veränderung in die Tiefe des Raumes hinein eigentlich zu interpretieren? Spätestens sie lässt vermuten, dass die gesamte Typologie axialer Verschiebungen auf eine Veränderungslogik höherer Ordnung verweist: auf Metastabilitäten (und deren Gefährdung), die ich am Ende der Modelldarstellung mit einem Rückgriff auf die Darstellung im Innovationsbuch und Vorgriff auf das Folgende wenigstens andeuten möchte. Auf der betriebswirtschaftlichen Ebene löst der Innovator das Problem, vor das er auf der ordnungspolitischen den Regulierer stellt, durch die kreative Fortsetzung der Produkt- als Organisationsentwicklung. In seiner Perspektive entkoppeln sich die konstitutiven Einheiten dieser Ebene. Weil er etwas Neues auf den Markt bringen kann, öffnet sich vor ihm eine Art Dritter (hier eigentlich: Vierter) Weg in die Tiefe des Raumes als stabiler Wachstumspfad (Typ K):

Abbildung 29: Disruptiv-inkrementelle Bifurkation: Das Innovationsmodul als E-R-K-Weiche; integriertes Innovationsmodell Typ K.99

Parallel dazu erschließen sich neue Differenzierungsmöglichkeiten, die in unserem Modellkontext nicht nur auf metastabile Arrangements von Mustern und Bildern zwischen den Blöcken sondern auch bei den Rückkopplungsverhältnissen zwischen den Säulen verweisen. Dies wirft im Gegenzug neue Fragen nach der Beschaffenheit und nach dem Arrangement der Güter in ihnen auf. Die nun allerdings Hypothesen sind: gezielte Fragen nach notwendigen Beziehungen im Sozialraum, der sich uns in der Perspektive der Gerechtigkeitsfrage erschlossen hat.

- Die Gerechtigkeits- als Kohärenzfrage

Indem das Modell die strategische Herausforderung des Regulierers als Bündel topologischer Alternativen darstellt, interpretiert es Gerechtigkeitsfragen als Kohärenzprobleme der Traditionsmuster, deren Reproduktion dieser gewährleisten will. Festigt sich das vorgegebene Verhältnis von Leitbildern und Orientierungsmustern und aktualisiert es sich lediglich in Anwendung und Umsetzung? Oder delegitimieren sich die Traditionsmuster am Widerspruch zwischen den Gerechtigkeitsvorstellungen, mit denen im Sozialraum Regulierungen begründet werden, und den Bildern des weniger guten Lebens, die dort wahrgenommen werden? Das hier entwickelte Modell zeigt, wie die kennzeichnende Verteilungslinie, die eine bestimmte Gerechtigkeitsvorstellung vorgibt, immer neu und jedes Mal differenzierter in die laufenden Verteilungsprozesse hineinprojiziert wird. Dritte Größen leisten im Vollzug beides: Sie unterbrechen kritisch das vorgegebene Verhältnis von Name und Zahl – und sie fügen sie dann in neu bestimmter Weise wieder zusammen. Wo zunächst nach der Art der Gütersäulen und nach den zwischen ihnen möglichen oder ausgeschlossenen Investitionsmöglichkeiten gefragt wird, wird schließlich nach dem wahren Wert einer Verteilung oder nach der wirklichen Belastung für eine bestimmte Zielgruppe gefragt, in der die Gemeinschaft dann im Kontext biographischer Einzelentscheidungen reproduziert – oder eben nicht. Dass sich dabei der Standpunkt aller Akteure verschieben kann, dass sich anschließend alle in einem anderen Sozialraum befinden, fürchtet der regulierende Regulierer, nimmt aber oft nur dessen Beobachter wahr.

Zwischen Traditionsmuster und brutalem Faktum wirkt regelnde Regulierung Störgrößen entgegen: zu denen neben konsensgefährdenden Egoismen auch die wie notwendig narzisstischen Intentionen des Innovators gehören. Für den regelnden Regulierer, den Prototypen des technischen Regulators, reduziert sich das eine wie das andere zu einem desorientierenden Richtungsimpuls, dem er entgegenwirkt. Das wirft ein Schlaglicht auf den Kontext der Gerechtigkeitsfrage in unseren pluralistischen Pseudogemeinschaften, die zunehmend in internationale und globale Zusammenhänge eingebunden werden und sich daher als Teil einer vorweggenommenen Weltgesellschaft bewähren sollen. Der Kampf um die Verteilungsleitbilder:

- „Jede/r nach seinen/ ihren ...“ oder

- „Alle nach unseren

- Bedürfnissen/ Leistungen/ Fähigkeiten!“

mag als kulturelle Suchbewegung noch ihren Sinn gehabt haben. Unser Modell zeigt zunächst, dass er angesichts der heutigen Regulierungspraxis zwar noch politisch wichtig werden kann, aber in einem strengen Sinn oberflächlich geworden ist. Nicht zufällig inszeniert er sich als Leitbildkonflikt sozialpolitischer Gesetzgebung zwischen Befähigungs-, Chancen- und Ergebnisgerechtigkeit. Dabei wird aber der Streit um gerechte Verteilung faktisch durch eine Auseinandersetzung über die geeignete Messung im Implementierungsprozess ersetzt. Ob bei Umverteilungen persönliche Möglichkeiten, institutionelle Gelegenheiten oder erzielter Erfolg gemessen werden, ist zunächst eine controllingtechnische Frage der Ökonometrie, die schon deshalb pragmatisch und nicht ideologisch entschieden werden sollte, weil sich mit präzisen Antworten auch institutionelle Verteilungsalternativen eröffnen.100

Hier geht es ja nicht um ein immer tieferes Verstehen der Differenzen zwischen Smith und Marx, Hayek und Keynes, sondern um wirkliche Teilhabe im evolvierenden Sozialraum. Projektionen wie Transformationen von Verteilungslinien bilden im Modell semantische Differenzen unterschiedlicher Orientierungsmuster ab, die dann als Leitbilddiffe­renzen kommuniziert und vom Regulierer korrigiert werden können. Sie scheinen ihm den Kurs vorzuzeichnen; so begründet er sein Tun. Einst wurde der Verlauf der unterschiedlichen Wachstumskurven nicht notwendig bestritten, er wurde aber im Kontext unterschiedlicher Traditionsmuster jeweils anders interpretiert und bewertet. Heute wird allerdings jede kommunizierte Differenz erst einmal daraufhin überprüft, ob sie sich überhaupt in stabilisierende Rückkopplungsprozesse einbeziehen lässt: Lässt sich das regeln? Ist der, ist die noch regulierbar? Ist er ein Störer, ist sie gestört? Die Energien, die beim Streit der Prinzipien zu Tage treten, kompensieren die gemeinsame Angst aller Regulierenden (wie die Besorgnisse von Investoren und Innovatoren) vor der Dynamik, die bei jeder Implementierung und bei allen Verteilungskonflikten zu erwarten ist. Vor dem gemeinsamen Hintergrund regelnder Regulierung drohen alle Bilder guten Lebens und ihre korrespondierenden Gerechtigkeitsvorstellungen billige Kopien zu werden, die nur noch sich selbst legitimieren. Bei der faktischen Reproduktion von Traditionsmustern sind in unseren pluralistischen Gemeinschaften vor allem zwei Varianten zu unterscheiden: die zynische, bei der traditionale Leitbilder aktuelle Interessen verschleiern – die selbst in nicht eingestandenen oder nicht einmal erkannten darwinistischen oder hedonistischen Traditionen stehen. Und die naive, in der Traditionen als solche gepflegt und irgendwie an Regelungen gekoppelt werden. Wobei diese selbst hier wie da weder als regelnde Regulierung begriffen noch gar in reproduktionsfähigen Traditionsmustern verankert sind. Weil die amorphen multikulturellen und pluralistischen Traditionsgemeinschaften der Gegenwart nur regelnd zu regulieren sind, stehen sie vor einer epochalen Orientierungsaufgabe.

Wenn sie zu sich selbst finden, könnte ‚posttraditional‘ ein neues Paradigma bezeichnen, dass mehr und anderes meint, als die Abwesenheit von Traditionen. Für regelnde Regulierer stellen sich die alten Gerechtigkeitsfragen neu. Welche axialen Verschiebungen drohen oder geschehen im Sozialraum tatsächlich und was bedeuten sie? Maßstab sind dabei die Ideallinien des Veränderungsbildes, das gerade wegen solcher möglichen starken Irritationen über Periodengrenzen hinweg reproduziert und intendiert wird. Der scheinbare Sonderfall der ultrastabilen Marx-Verteilung nach Bedürfnissen statt nach Kooperationsergebnis trägt dem dadurch Rechnung, dass bereits im Ausgangsmodell der Wohlstandsverteilung in­nerhalb eines gemeinsamen Zeitrahmens zwei Verteilungsperioden (Wohlstand und Wohlstand‘) dargestellt werden müssen, um eine charakteristische Verteilungskurve erkennen zu können. Dieses Muster bildet damit allerdings in Wahrheit den Prototyp eines Fortschrittsleitbilds mit integrierter Wohlstandsmehrung ab – die dann selbst zum Begründungs- und Legitimationsprinzip wird und zum Rechtfertigungsprinzip gegenüber Fortschrittsopfern. Die Wohlstand-gleich-Wachstums-These ist weit über den ursprünglichen Geltungsbereich jenes Musters hinaus aktuell. In der Ausgangsfassung, die dem marxistischen Modell ein Alleinstellungsmerkmal sicherte, lautete sie, man dürfe nach der Revolution eine Wohlstandsminderung in Kauf nehmen, damit sich anschließend Wohlstand mehrt: im Sozialismus für die meisten, im Kommunismus für alle? Damit traten jene Fragen neuen Typs auf: Wie verlief diese Linie in der Vergangenheit, stimmt die Verelendungshypothese? Wird sich die Produktion tatsächlich steigern lassen – oder werden die Bedürfnisse verflachen? Sollen die Produktionsanreize von der Vermeidung absoluter Armut, vom Durchschnittswert des Produzierbaren, von der Bedürfnisgleichheit ausgehen? Im Blick zurück fragen wir: Was geschieht, wenn die Regulierung nach Bedürfnissen misslingt: Wie sind dann Reichtum und Mangel gerecht zu verteilen? Grundsätzlicher werden die Fragen, wenn Regulierung dauerhaft gelingt: Wie verhalten sich dann ökonomische zu ökologischen Produktionsrisiken und diese zu Bedürfnissen? Lassen sich Wohlstand und Wachstum tatsächlich dauerhaft entkoppeln? Und dann wird die Grundfrage dieses Ansatzes immer dringlicher: Woran misst man Bedürfnisse, und wer bewertet sie? – Die Praxis regelnder Regulierung zeigt bei allen Antwortversuchen, dass Gerechtigkeitsleitbilder ohne eng gekoppelte Verteilungsmuster von Ressourcen leer sind.

Funktionierende Verteilungsmuster ohne Gerechtigkeitsleitbild hingegen sind blind. Während am Medienhimmel pluralistischer Gesellschaften auf dem Weg zur Weltgemeinschaft Geisterschlachten zwischen traditionalen Leitbildern toben, haben sich die regelnden Regulierer unterschiedlicher Provenienz längst auf Rawls-Tools verständigt, mit denen sie die Verteilungspraxis möglichst geräuschlos optimieren. Sind genügend Ressourcen vorhanden oder lassen sie sich hier und jetzt ohne Störgeräusch verfügbar machen, werden innerhalb vernünftiger Grenzen die Klientelinteressen mit dem größten Störpotential vorrangig befriedigt. Fortschrittsopfer ohne Lobby werden mundtot gemacht; ungehört leidet, wer schlecht vernetzt ist und außerhalb des Scheinwerferlichts der Medien steht. Die Frage, wohin langfristig die Reise geht, wird verdrängt zugunsten der Möglichkeit, sie möglichst ungestört fortsetzen zu können. Bei diesem muddling through überdeckt die lautstarke Diskussion über die richtigen Leitbilder, dass die Orientierungsmuster längst ganz andere geworden sind. Auf die unterschiedlichen Kohärenzfragen der Traditionsmuster wird immer dieselbe Kontinuitätsantwort gegeben: The show must go on!

Die Frage ist, ob dies nicht Krisenmomente im Übergang zu einem neuen Traditionsmuster einer neu sich konstituierenden globalen Gemeinschaft sind. Metastabilitätsbedingungen prinzipiell pluralistischer Gemeinschaften, die sich als schwankende Gestalten irgendwie wiedererkennbar im Sozialraum abzeichnen, lassen sich schnell benennen. Alle Gemeinschaften erhalten sich irgendwie durch regelnde Stabilisierung, weil sie sonst in einer sich ändern Umwelt nicht überleben könnten. Würden sie sich blind und starr reproduzieren, könnte man sich bald weder in noch an ihnen orientieren. Stabile Identität im Strom der Zeit setzt aber voraus, dass sich Regeln und Zulassen, gesellschaftliches Regulierungs- und kulturelles Verständigungspotential die Waage halten. Denn so wie der Innovationsertrag einer Gemeinschaft als Regulierungspotential bereitsteht, so bildet ihr Regulierungsergebnis ihr Innovationspotential. Dessen Realisierung ist immer auch ein Verständigungs- als Kooperationsertrag. Und so spiegelt sich in der Güterkonstellation ihres Wohlstands die Medienkonstellation ihrer symbolischen Güter.

Aktuelle Regulierungsherausforderungen helfen uns zu verstehen, dass wir in Zukunft sowohl die ganze Skala von Regulierungsmöglichkeiten ausschöpfen als auch integrationsfähige Rawls-Tools schmieden müssen. Innovation wie Regulierung sind zwar gleichermaßen notwendig, sie liegen aber auch fast unvermeidlich im Streit miteinander, weil sie widerstreitende Interessen bündeln. Heute sind in der Tendenz alle Güter einer Gemeinschaft als Objekte eines bestimmten Begehrens identifizierbar, und jede ihrer Investitionsentscheidungen, die sie dem einen verfügbar machen, dem anderen entziehen, kann und wird kritisiert werden. Damit tritt aber nicht nur der Rahmen des Gesamtmodells wieder vor seinem Hintergrund hervor, sondern auch regelnde Regulierung als Grundoperation. Gerade im Rahmen notwendig pluralistischer Gesellschaften ist unübersehbar, dass Gemeinschaften nur überleben, indem sie unausgesetzt ihren Sozialraum umgestalten. Für uns Beobachter im gegenwärtigen Übergangsfeld ereignet sich dabei wie von selbst eine Akzentverschiebung: Innovation wird zum Verstehenshintergrund von Regulierung. Das Ping! unserer modellgesteuerten Innovation-Regulierungs-Hypothese erzeugt einen Dopplereffekt, der zwischen Kreativität und Schöpfung die Struktur und die Semantik des Neuen eigentümlich plastisch hervortreten lässt: so dass wir uns genau daran orientieren können, wenn Grenzen im Sozialraum unscharf werden und stabile Bewegungsrichtungen sich noch nicht abzeichnen.

Während sich regelnde Orientierung unausgesetzt pendelnd auf jenen Doppelkegel aller kosmischen Ereignisse in unserer Welt bezieht, vermittelt sie allerdings nichtbeliebig zwischen Potentialität und Realität: Während der laufenden Umgestaltung wird gestaltend immer auch verworfen, messend wie leer laufend wird dennoch gewertet. Spätestens dem Beobachter werden die Leerstellen zu kritische Parametern der Beurteilung. Mindestens er wird nach tragfähigen Begründungen: wird wieder nach Gerechtigkeit fragen. Und diese Frage fokussiert sich auf einen Punkt, den Regulierer wie Innovator immer wieder verdrängen: Wie steht es angesichts regelnder Regulierung in pluralistischen Gesellschaften mit fließenden Grenzen, die gerade im Übergang zur Weltgesellschaft auf Innovation angewiesen sind, um die wirksame Teilhabe von Beteiligten und Betroffenen?

- Zusammenfassung und Überleitung

Roger Penrose, der uns bei der Modellbildung begleitet hat, ist bekennender Platoniker, wie es vermutlich auch Gödel war. Ihm zufolge erschließt die mentale Welt unabhängig von ihr existierende moralische, ästhetische und absolute (mathematische) Wahrheiten. Einige mathematische Wahrheiten konstituieren die physikalische Welt, einige physikalische die mentale (und soziale), wobei die moralischen Wahrheiten (kantianisch) durch unsere Setzung erzeugt werden und daher auch im Ideenhimmel isoliert bleiben, während Schönheit etwa auch die einer mathematischen Theorie sein kann. Dass dies wenigstens teilweise zutrifft, sollte nach Penroses Meinung auch von denjenigen zugestanden werden können, die seine ‚platonischen Vorurteile‘ (wie er selbst sie nennt) nicht teilen. Damit die Gesamtdarstellung dieser Verhältnisse durch Penrose ihre Erklärungskraft störungsfrei entfalten kann und nicht unversehens physikalisch inkarnierte absolute Wahrheiten zur Ausgangsbasis unserer Modelle werden, würde ich die mutige Penrose-Grafik, die das darstellen soll, allerdings leicht nach links drehen:

Abbildung 30: Die drei Penrose-Welten (Penrose, zit. Anm. 4, 1029; vgl. 16.20)

Ich bekenne mich durch diese Form der Reproduktion zu einem gemäßigten Konstruktivismus als meinem eigenen (platonischen?) Vorurteil, genauer: zu Theorien, die falsifizierbar sind, obwohl sie physikalisch und biologisch, sozial und kulturell, geschichtlich und biographisch eingebunden sind. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Möglichkeit, zwischen Objekt- und Metabereich, Binnen- und Beobachterperspektive differenzieren zu können: was bleibend Vergleichbares voraussetzt. Was aber bleibt, wenn man bei Regulierungen einsetzt und wenn dann beim Nachdenken über Regeln Regelung zum eigentlichen Thema wird? Wenn so soziale Regelungen ins Blickfeld geraten und schließlich regelnde Gerechtigkeit zum Ansatzpunkt der Modellbildung wird? Weil wir auf einem Gödelpfad zu Penrose gelangt sind, scheinen Grenzen zu verschwimmen:

- zwischen Genese und Regulierung des Neuen, das heißt zwischen Regulierung und Innovation;

- zwischen Produktion, Kommunikation und Abbildung beziehungsweise Mo­dellierung des Neuen;

- zwischen Handelnden und Betroffenen, zwischen Beobachtern und uns selbst.

Indem wir die Spur regulierenden Handelns aufnehmen, erschließt sich uns ein Prozess, dessen Teil wir sind. Das hat sicher schon in diesem Einleitungsteil zu Überraschung und Verwirrung geführt, aber vielleicht doch auch, so hoffe ich, nicht nur mir selbst überraschende Einsichten in unbezweifelte Zusammenhänge ermöglicht, die neugierig darauf machen, wie es weitergeht. Unsicherheiten und neue Gewissheiten ließen sich schließlich im Modell so bündeln, dass wir von ihm aus aufbrechen können wie von einem Basislager.

Wie wir uns im ersten Band im Land der Mythen auf den Weg gemacht haben mit dem Zauberblatt in der Hand, folgen wir jetzt dem Rückkopplungsoperator wie einem Kreiselkompass: hier wie da auf einem Pfad, der sich an Dritten Größen orientiert. Das hypothetische Wissen, das der Modellzusammenhang generiert, funktioniert auch hermeneutisch und heuristisch, nicht zuletzt durch Falsifizierung. Nichtbeliebige, notwendige Beziehungen erschließen uns Innovations- und Regulierungswissen so, dass wir jedenfalls als Beobachter zwischen kritischen Parametern sicher geleitet werden. Aber bis wohin? Was verbindet die funktionierende oder scheiternde Genese des Neuen mit seiner gelingenden oder misslingenden Bewältigung? Und was ist das Geheimnis guter Regulierung, an dem wir uns jetzt und hier orientieren können? Unser Modell war ein sicherer Ausgangspunkt vergleichender Fragestellungen, indem es die Frage, welche der historisch geprägten Regulierungstypen ‚gerecht‘ ist, beantwortbar machte als Frage nach dem Verhältnis von Verteilungsfunktion und Verteilungsbegründung der entsprechenden Traditionsmuster. Wir konnten sie im Vorgriff einer vergleichenden Kurvendiskussion unter dem Regulierungsaspekt regelnder Gerechtigkeit unterziehen und dabei von einer Modellkomponente ausgehen, in der ein gesellschaftlicher Kooperationsertrag als stabiler Sollwert einem kulturell und gesellschaftlich bereits definierten Ensemble von Chancen und Risiken vorgegeben wird: sei dies nun Beute oder Ernte oder ein mit ständigem Blick auf das Bruttosozialprodukt definierter Wohlstand im Wettstreit parteipolitischer Ordnungsbilder, für die wir wechselnde Regelungsdichten abbilden oder empfehlen könnten. Mit dem Merkmal der Universalisierung haben wir schließlich abnehmende Partikularisierung als Metakriterium identifiziert, das nicht nur formale Vergleiche ermöglicht.101 Es eröffnet die Perspektive auf eine Menschenrechtsgemeinschaft, in der Diskriminierungen oder gar Ausschlüsse nicht geduldet werden dürfen.

Was die vor- und zurücklaufenden Hypothesenraster interner wie externer Beobachter jenes großen Prozesses erschließen, ist nie beliebig, wird aber spätestens dann unscharf, wenn wir uns am Ende selbst zum Thema machen. Im Modell hat sich gezeigt, dass der als Regulierungsgröße notwendig scheiternden, aber vorläufig funktionierenden Kennzahl das notwendig täuschende, aber vorläufig orientierende Bild korrespondiert. Beide ermöglichen die gegenwärtige Standardprozedur des Politischen: Regulierung als notwendig scheiternde, aber vorläufig funktionierende Regelung. Aber beide geben nicht nur den bestehenden Verbindungen Sinn, sondern erzeugen auch neue Auskunftsbedürfnisse und Berichtspflichten und bahnen so neuen funktionalen Verknüpfungen ebenso den Weg wie neuen Beziehungen, die anders Sinn set­zen. So ergibt sich jene erzählbare und erzählenswerte Ereignisfolge, in der immer wieder aus dem bekannten Alten das unerhört Neue hervorgegangen ist: aus dem Geregelten das neu zu Regelnde. Für uns Beobachter von Beobachtern und nachrekonstruierende Modell­kon­struk­teure wurde es immer dann spannend, wenn scheinbar unmöglichen Modellkonstruktionen mögliche Erfahrungen entsprachen, von denen wir gehört hatten, und wenn reale Produkt- und Verteilungskonstellationen neue Rekonstruktionsmöglichkeiten erschlossen, die sich plötzlich zeigten. In Erscheinung treten jene Strukturen beziehungsweise deren Veränderung als Folge von Inhalte setzenden Entscheidungen bestimmter Personen, die sich ihrer Tradition so oder so neu versicherten: mit Zustimmung ihrer Gemeinschaft oder im Dissens mit ihr, regulierend oder innovativ. Regelnde Regulierung weist auf den Weg notwendiger Beziehungen als Einschränkung wie als Voraussetzung fremder und eigener Freiheit.

Das alles scheint auf einen Prozesszusammenhang zu verweisen, der die Sache, um die es uns geht, das Modell, an dem wir uns orientieren, entlang jener eigentümlichen Gödelspur miteinander verbindet, die uns von ‚Regulierung‘ zu ‚Regel‘, von ‚Regel‘ zu ‚Regelung‘ und dann mit ‚regelnder Regulierung‘ zum Unterscheidungsmerkmal unseres Weltzeitalters geführt hat. Wir kennen es inzwischen gut genug um rückblickend zu verstehen, dass die Falsifizierbarkeit von Kohärenzthesen die unser Modell generiert, auf ein tief verankertes Prozessmerkmal des gegenwärtigen Weltzustandes verweist: die Koevolution von allem. Es ist, als ob sich eine unendlich verdichtete Singularität in immer neuen Ordnungs- und Bedeutungskonstellationen entfaltet, die nie beliebig sind, sich aber immer als unerschöpflich und unausdenkbar erweisen. Sie sind dies vor allem, weil sie uns immer mit einschließen: als Handelnde, als Beobachter, als Beobachter unserer selbst. Das würde dann auch erklären, warum jenes Modell zwar mit der wechselseitigen Abhängigkeit von Regulierung und Innovation in der Entfaltung von Traditionsmustern notwendige Bedingungen gesellschaftlicher Stabilität aufzeigt – aber in seiner jetzigen Standardbesetzung noch nichts darüber aussagt, wie aus notwendigen hinreichende Bedingungen für das Überleben oder für die Stabilität unserer Gemeinschaft werden und wie die kritischen Parameter zu benennen sind, an denen wir uns auf dem Weg dorthin orientieren sollen. Darüber wissen wir vom Hörensagen bereits mehr und wir haben auch schon ein passenden Begriff dafür: Nachhaltigkeit. Deutlich bedrohlich zeichnet sich hingegen im Modellrahmen die Gefahr ab, jetzt und hier statt auf die Kohärenz begründeter Leitbilder auf die Kontinuität ihres Überlieferungsprozesses zu setzen und unter der Hand ein leeres Fortschrittsleitbild zum Ziel unserer Reise werden zu lassen, dessen bloßes Funktionieren blind macht für die Opfer am Rand einer Straße, die auf einen leeren Horizont zuläuft. Auch hier haben wir einen Begriff, aber es zeichnet sich die umgekehrte Aufgabe ab: Wir suchen nach einer Modellkonstellation, die ‚Gerechtigkeit‘ als nachhaltige Teilhabe rekonstruiert, um uns in der Welt von heute zu orientieren oder besser: um uns gemeinsam mit den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern unseres blauen Planeten orientieren und gegebenenfalls umorientieren: an dieser Gemeinschaft partizipieren zu können.

Es ist auch schon hinreichend deutlich geworden, was uns in die gegenwärtige Konstellation einer globalen Schicksalsgemeinschaft gebracht hat, die wir notwendig als universale Rechtsgemeinschaft wahrnehmen. Es ist unsere eigene Traditionsgemeinschaft, die nur im Rahmen einer auf gerechte Teilhabe begründeten Weltgemeinschaft zu sich selbst finden kann, um nachhaltig bei sich selbst bleiben zu können. Mir selbst ist völlig klar, dass die abrahamitische Tradition, in der ich stehe, entscheidend dazu beigetragen hat, alle traditionalen Gemeinschaften weltweit mit einander zu vernetzen und gleichzeitig derartig zu destabilisieren, dass nur der Ausweg gemeinsamen Überlebens bleibt. Das Judentum ist zwar nur eine der antiken Schriftreligionen, von denen diese Bewegung ihren Ausgang nahm. Aber es hat als Christentum die gesamte Antike umgestaltet, dieses hat unter Aufnahme des islamischen Erbes das Mittelalter überwunden und in mehreren Globalisierungswellen alle Erdteile in einen immer dichter werdenden naturwissenschaftlich-technischen Gesamtzusammenhang gebracht. In allen Kulturen stellt sich nun die Frage der Säkularisierung, der sich der Protestantismus durch seine Selbstsäkularisierung exemplarisch gestellt hat.102 Das war keine geradlinige und keine einsträngige Entwicklung. Aber so wenig wie einst Triumphalismus angesichts dieser Fortschrittsgeschichte angebracht war, so wenig kann mit Blick auf die Opfer dieser Entwicklung der Hinweis auf Zufallskonstellationen und fremde Einflüsse, auf einen Fortschritt wider Willen oder auf die inneren Widerstände der involvierten Religionsgemeinschaften von der eigenen Verantwortung entlasten. Die Sicht auf die Beiträge anderer erschließt Quellen und Perspektiven, auf die wir alle angewiesen sein werden. Was hier und heute als Verteilungslösung für Lebenschancen und -risiken funktioniert, muss in Zukunft überall und dauerhaft funktionieren und jede Begründung, die uns einleuchtet, sollte im Prinzip von jedermann und jeder Frau nachvollzogen werden können. Es läuft darauf hinaus, dass jeder seinen eigenen Weg gehen muss, dass wir uns aber dabei aufeinander zu bewegen müssen. Wir brauchen autonome Bindungen an eine immer auch „säkulare Religion“, die Nachhaltigkeit wie Solidarität jener Gemeinschaft begründet.103

Ausgehend von dem Modell, das ich am Schluss vorgestellt habe, eröffnet sich mir im Rückblick auf den ersten Band und dessen Vorgeschichte im Kontext meiner wissenschaftlichen Biographie als europäischer protestantischer Theologe ein Vorblick auf das noch zu Leistende, an dem sich Autor und Leser nun hoffentlich gemeinsam orientieren können: Wenn Innovationsmodelle abbilden, was bleiben kann, und Regulierungsmodelle, was bleiben soll, dann ist unsere Kreativität erneut herausgefordert, nachdem wir das Neue in die Welt gesetzt haben: diesmal ethisch. Kreativität ist der Weg, Regulierung und Innovation, Wohlstand und Wachstum miteinander in einer universalen Nachhaltigkeitsperspektive miteinander zu verbinden. Näherten wir uns dem Regulierungsthema mit der unbehaglichen Aussicht, die dunkle Kehrseite der Innovation nicht außer Acht lassen zu dürfen, so beschäftigen wir uns nun mit ihr in der Gewissheit, dass Innovation mehr ist als nur deren heller Vordergrund. Sie scheint tief hinein in eine Welt, die sich vom Geheimnis der Kreativität her dem einen oder der anderen als Schöpfung erschließen mag. Die Traditionen der größeren und kleineren Gemeinschaften, denen ich angehöre, mögen so oder so zur gegenwärtigen Problemlage beigetragen haben: mir haben sie geholfen, mich jenem Ziel zu nähern. Ich empfinde sie nicht als Behinderung, sondern ergreife sie dankbar als didaktische Chance, möglichst viele mitzunehmen auf den Weg zu einem Ziel, das wir nur gemeinsam erreichen werden. Ich selbst sehe einen Weg vor mir, meine bisherigen Erfahrungen als Sozialethiker in überall erkennbare Nachhaltigkeitsbestrebungen einmünden zu lassen, die als Verteilungsmodelle scheinbar ganz anders organisiert und ganz unterschiedlich begründet sein können. Das Ziel, dem ich mich sozialethisch verpflichtet fühle, heißt Integrierte Innovation.

Damit ist das Programm des Buches von seinem intendierten Ziel her vorgezeichnet. Das vorgestellte Modell muss sich diskursiv in realen Muster- und Bedeutungskonstellationen entfalten, um sich schließlich als Nachhaltigkeitsmodell in unserer globalisierten Welt bewähren zu können: als globales Orientierungsmuster, das Nachhaltigkeits- und Innovations-, Partizipations- und Autonomieprinzip integriert. Regulierungen thematisieren ihren sozialen und politischen Kontext ethisch: unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit. Regulierend, durch die Integration individueller Kreativität, gestaltet sich Gesellschaft. Aber Regulierungen sind nicht einfach das Pendant zu Innovationen. Ehe ich am Ende dieses Buches das spannungsvolle Ausgangsverhältnis von Innovation und Regulierung rückblickend als erschlossenes Orientierungspotential ins Auge fassen kann, werde ich also nach dieser vorbereitenden Einsicht in die sich abzeichnende Grundstruktur der Orientierungsmuster unserer Epoche zunächst die gegenwärtige Regulierungsdiskussion zwischen Markt- und Politikversagen in der angekündigten Weise historisch einordnen. Dem Überblick über die Evolution regulierender Muster wird ein Überblick über deren gegenwärtige Erscheinungsformen folgen. Anschließend folgen zwei Vertiefungen: am Beispiel der Nanotechnologie sowie, einmündend in die Schlusszusammenfassung, am Beispiel der Nachhaltigkeitsdebatte. Dies ermöglicht, wie im ersten Band, immer wieder den Rückbezug auf creatorSfactory: Modelle und Projekte des Instituts für Wirtschafts- und Sozialethik (IWS) und des darauf aufbauenden Frankfurter QRaftwerks, sowie schließlich die Besetzung des Ausgangsmodells mit aktuellem Material aus meiner eigenen Traditionsgemeinschaft.

Als Integrierte Innovation ersetzt gute Regulierung Fremdregulierung durch die meiner Überzeugung nach im Kern religiös begründete Selbstregulierung von Kreativität. Weil die Argumentation nachher für Atheisten wie Agnostiker, für Angehörige aller Religionen und Konfessionen funktionieren muss, obwohl ich als Christ und Theologe exemplarisch von einer Tradition ausgehe, der ich mich verpflichtet fühle, möchte ich diese einleitenden Bemerkungen mit einem Bekenntnis schließen: Im Lauf der Zeit entbirgt sich nicht nur das bloße Sein alles Seienden, sondern unser Woher. Wenn der Mensch Gerechtigkeit verwirklicht, indem er sich in seinem schöpferischen Handeln selbst zurücknimmt, handelt er in Analogie zu einem Schöpfer, der sich selbst begrenzte und sich auf Tod und Teufel einließ, um ein Gegenüber freizusetzen, das er beim Namen rufen konnte: aus Liebe. Ich hoffe zusammen mit den vielen Zusammenhängen, die sich im Folgenden detaillierter entfalten werden, auch Verständnis für diesen Zusammenhang zu wecken, der sich mir je länger je klarer erschlossen hat. Wie immer man das deutet: unterwegs kann viel passieren, auch das deutete sich im ersten Band schon an. Wir werden nicht nur dem ängstlichen und neidischen Verhinderer, dem impotenten Kreativen und dem betrogen Leidenden in die Augen sehen, sondern dem Teufel selbst. Wir werden ihm nicht nur als komischer Figur und Affen Gottes begegnen, sondern als lachendem Gewinner, als triumphierendem Schöpfer einer eigenen Welt. Und wir werden in ihm letztlich uns selbst begegnen: nicht nur schaffend, sondern immer auch schöpferisch verhindernd, ehe wir im Zulassen des Neuen uns selbst so nahe kommen wie damals im Bruder Jesus dem Schöpfer selbst.

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