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Online-Verkündigung aus kirchenleitender Perspektive

Published onDec 04, 2020
Online-Verkündigung aus kirchenleitender Perspektive
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Dr. Matthias Kreplin: Online-Verkündigung


Einführung

Ich wurde gebeten aus kirchenleitender Perspektive einen Beitrag zum heutigen Workshop zu leisten.

Meine zwei Leitfragen lauten dabei:

  1. Was können wir lernen aus den Erfahrungen mit online-Verkündigungsformaten, die in den letzten Monaten während der Corona-Zeit emacht wurden? 

Diese Frage führt zunächst in den Rückblick und in die Wahrnehmung und ist damit leitend für den ersten der beiden Haupt-Abschnitte meines Impulses. Und

  1. Welche strategischen, kirchenleitenden Entscheidungen legen sich auf der Basis der so gewonnenen – auch kirchentheoretischen – Einsichten nahe? 

Diese Frage führt in die Zukunft und ist leitend im zweiten Haupt-Abschnitt meines Impulses.

Zugleich will ich dabei – zumindest implizit – Stellung nehmen zu den neun Thesen, die im Vorfeld an die Teilnehmenden versandt wurden.

Ich stütze meine Beobachtungen und Ausführungen nicht nur auf meine eigenen Erfahrungen mit online-Verkündigungsformaten, sondern auf dreierlei Versuche einer systematischeren Wahrnehmung. Dies möchte ich zunächst transparent machen:

  1. Schon zu Anfang der Corona-Zeit wurde bei uns im Evangelischen Oberkirchenrat eine Arbeitsgruppe online-Gottesdienste gebildet. Sie besteht aus Mitarbeitenden des Zentrums für Kommunikation und dort denen, die für Internetarbeit, Bewegtbildformate, Fernsehgottesdienste und das Projekt „Dialog im Netz“ verantwortlich sind. Hinzu kamen Mitarbeiterinnen der Abteilung Gottesdienst und Kirchenmusik. Gemeinsam haben wir nicht nur die Rahmensetzungen von online-Gottesdiensten reflektiert, die durch Mitglieder der Arbeitsgruppe zusammen mit anderen gestaltet wurden. Gemeinsam haben wir auch Produktionen verschiedenster Akteure vor allem in der Landeskirche analysiert und versucht, Qualitätskriterien zu benennen und Perspektiven der Weiterarbeit zu entwickeln.


  2. Recht früh haben wir ausgehend von dieser Arbeitsgruppe eine Umfrage unter Teilnehmenden an online-Gottesdiensten gestartet, die dann recht bald in ein gemeinsames Studienprojekt mit vier weiteren Landeskirchen mündete. Erste Ergebnisse der Studie liegen unter dem Titel „Studie zu online-Gottesdiensten“ unter http://www.ekir.de/url/Nkw online vor. Die Befragung deckt einen Zeitraum bis zum 20. Juli 2020 ab.


  3. Parallel dazu führte midi, die Evangelische Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung im Auftrag der EKD in vier Landeskirchen im Norden, Süden, Osten und der Mitte Deutschlands eine Ad-hoc-Studie zu digitalen Verkündigungsformaten während der Corona-Krise durch. Auch diese Studie ist digital greifbar: https://www.ekd.de/midi-studie-ergebnisse-kirche-digital-corona-56563.htm. Die Befragungen für diese Studie wurden in der zweiten Mai-Hälfte diesen Jahres durchgeführt.


  4. Noch nicht wahrgenommen habe ich die breit angelegte internationale Studie unter dem Titel contoc – churches online in times of corona. Die Veröffentlichung dieser Studie, die Pfarrpersonen in Kirchen auf fünf Kontinenten befragte und an der das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD mitarbeitet, steht unmittelbar bevor (https://contoc.org/de/contoc/). 

Die Entwicklung von online-Verkündigungsformaten und der Vergleich zu Formaten in leiblicher Präsenz

Als Mitte März durch gesetzliche Vorgaben das Feiern von Gottesdiensten in leiblicher Präsenz unmöglich wurde, hat ein Großteil der Gemeinden digitale Gottesdienstformate als Ersatzangebot für die ausfallenden Gottesdienste in den Kirchen entwickelt – die meisten davon aus dem Stand heraus. Zunächst kam es häufig dazu, dass der Gottesdienst zwar ohne Gemeinde, dabei aber in gewohnter Form aus der Kirche übertragen wurden. Mit der Zeit entwickelten sich aber diese Formate weiter. Folgende Entwicklungen habe ich wahrgenommen:

  1. Die online-Formate wurden kürzer. Was schon in einem Gottesdienst in leiblicher Präsenz mühsam ist, geht in digitalen Gottesdiensten gar nicht mehr: lange Predigten oder Musikbeiträge, Abkündigungen mit vielen Details, mangelhafte liturgische Präsenz. Nebenbei bemerkt: Diese Tendenz zur Verkürzung und Konzentration wird durch die besonderen Bedingungen der Corona-Schutzkonzepte im gegenwärtigen leiblichen Gottesdienst-Feiern noch einmal durch Einübung verstärkt und sicher auch eine bleibende Wirkung hinterlassen. 


  2. Es kam zu einer Ausdifferenzierung digitaler Verkündigungsformate. Einzelne Elemente des Gottesdienstes wurden gegenüber anderen stark hervorgehoben oder wurden sogar extra ausgespielt. So entwickelten sich geistliche Worte nach dem Modell „Wort zum Sonntag“, aber auch musikalische Meditationen mit geistlichen Wortbeiträgen oder eher an einem TV-Magazin orientierte Themen-Sendungen oder online-Segensrituale und manches mehr. Manche dieser Formate sind auch offline gut denkbar, manche – wie das geistliche Wort – eigentlich nur in einem medialen vermittelten Format. Damit wird der auch in der analogen Welt schon bestehende Übergang zwischen Gottesdienst und anderen geistlichen Formaten und das Abschleifen tradierter Gottesdienstformen noch einmal verstärkt, weil an manchen Stellen die weniger am traditionellen Gottesdienst orientierten Formate zur Regelform wurden.

     

  3. Recht bald zeigte sich, dass digitale Verkündigungsformate nicht auf den Kirchenraum angewiesen sind. Und so wurden manche Formate in der freien Natur oder an thematisch interessanten Orten gestaltet. Auch wurden dazu besondere Möglichkeiten der Inszenierung genutzt, die im Gottesdienst mit leiblicher Präsenz nur schwer umsetzbar sind wie z.B. Kamerafahrten mit einer Drohne, Ansprachen oder Interviews an authentischen Orten, Inszenierung von Musik mit besonderen Kameraeinstellungen oder durch einen virtuell erzeugten Chor.


  4. Mit dem anderen Ort kommt es bei manchen Online-Formaten auch zu einer Entsakralisierung. Pfarrer*innen agieren nun bewusst nicht mehr im Talar, die Sprache wird alltagsnäher, der Ablauf wird rituell schlichter. Nicht mehr die Amtsautorität, sondern Authentizität, Performance, Präsenz, Ausstrahlung und Glaubwürdigkeit werden zu zentralen Qualitätskriterien – eine Tendenz, die schon seit längerem auch in den Gottesdiensten in leiblicher Präsenz zu beobachten ist.


  5. Recht bald zeigte sich auch, dass digitale Verkündigungsformate nur dann auf life-Übertragung angewiesen sind, wenn sie auf eine spontane Interaktion setzen. Da viele der online-Verkündigungsformate diese Option gar nicht nutzten, zeigte sich, dass eine vorherige Produktion deutlich mehr Möglichkeiten der Inszenierung und der qualitätvollen Gestaltung bietet. Wie unsere Studie ergeben hat, finden diese vor-produzierten Formate bei der überwiegenden Zahl der Rezipient*innen Akzeptanz (vgl. Studie zu online-Gottesdiensten, S.10).


  6. Bei reinen online-Formaten verliert das gemeinsame Singen und Sprechen seine gemeinschaftsbildende Kraft. Es lässt sich zwar vor dem Bildschirm mitsingen und mitsprechen, aber die Erfahrung des gemeinsamen Tuns und damit die Gemeinschafts-Erfahrung ist deutlich reduziert. Dies führte dazu, dass mit der Zeit diese Elemente in vielen online-Formaten zurückgetreten sind. Statt des gemeinsamen Gesangs kam es stattdessen zu Musikdarbietungen.


  7. Doch bieten online-Verkündigungsformate ganz andere Möglichkeiten der Interaktion, die allerdings oft noch wenig wahrgenommen werden (vgl. ad-hoc-Studie S. 34f). Neben dem spontanen Einspielen von Gebetsanliegen wäre es möglich, auch mit den Predigenden in einen echten Dialog zu treten. Gottesdienste über Video-Konferenz-Systeme führen dazu, dass sich Gottesdienstteilnehmende wechselseitig sehen können – auch eine Form der Interaktion. Eine Form, die interaktive Interventions-Möglichkeit intensiv nutzt, ist der Sublan-Gottesdienst (vgl. https://sublan.tv).
    Um die besondere Stärke des Internets zu nutzen, wäre es sinnvoll, diese interaktiven Elemente noch weiter auszubauen. Darum ist Daniel Hösch zuzustimmen, wenn er in den Folgerungen aus der midi-ad-hoc-Studie formuliert: „Eine der Logiken der Digitalität ist die radikale Nutzerperspektive. Nicht nur, dass jeder und jede zum Produzenten werden kann. Auch fällt der Nutzer völlig selbstbestimmt die Entscheidung, was für ihn plausibel, passend und angemessen erscheint. Konventionen bei dieser Entscheidungsfindung gibt es kaum welche (…). Nimmt man die radikale Nutzerperspektive ernst, so kommt der gelebten Interaktivität eine entscheidende Bedeutung zu.“ (ad-hoc-Studie, S. 54) Noch ein Zitat von Daniel Hösch: „In dieser Hinsicht verspricht die Digitalität auch eine Demokratisierung bei der Verkündigung im Sinne eines tatsächlich gelebten Priestertums aller Gläubigen.“ (ad-hoc-Studie, S. 55).


  8. Zwar wurden – sicher auch auf Grund der Kurzfristigkeit – die meisten online-Gottesdienstformate von Pfarrer*innen initiiert (vgl. ad-hoc-Studie, S. 38) und es waren im Bild vor allem Pfarrer*innen zu sehen. Dennoch sind die meisten online-Angebote – viel stärker als die meisten offline-Gottesdienste – Team-Produktionen (vgl. ad-hoc-Studie, S. 41). Viele oft ehrenamtlich Mitarbeitende waren beteiligt im Bereich Technik und Inszenierung. Musizierende zum Beispiel waren deutlich sichtbarer als in den meisten Gottesdiensten in leiblicher Präsenz. Solche Beteiligungsformen in der Produktion können noch leicht ausgebaut werden. Hier bieten online-Gottesdienstformate Möglichkeiten, dem Priestertum aller Getauften noch mehr Ausdrucksformen zu geben. Allerdings ist auch festzuhalten, dass die Scheu, vor die Kamera zu treten, noch größer ist, als die Scheu, im leiblichen Gottesdienst an exponierter Stelle aufzutreten. Das macht es macht es vielen ehrenamtlich Engagierten schwer, selbst vor der Kamera aufzutreten. Dies dürfte auch ein Grund dafür sein, dass in vielen online-Formaten v.a. Pfarrer*innen und Profi-Musiker*innen sichtbar waren. 


  9. Wo Gottesdienste keine interaktiven Elemente enthielten, wurden die Teilnehmenden – viel stärker als bei Gottesdiensten in leiblicher Präsenz – in eine Zuschauer- oder sogar in eine Konsumentenrolle gedrängt. Dies zeigt sich auch im entsprechenden Verhalten. Wenn bei einem aufgezeichneten Gottesdienst Musik oder Wortbeiträge zu lange erschienen, dann haben Menschen einfach vorgespult oder gleich die Teilnahme abgebrochen. Hier verändert also das Medium auch das eigene Teilnahmeverhalten. Ekklesiologisch entsteht so die Gefahr, dass aus der gottesdienstlichen Versammlung eine Produkt-Kunden-Beziehung mit entsprechendem Konsumenten-Verhalten wird. Auch aus diesem Grund sind interaktive Elemente von großer Bedeutung.


  10. Die ad-hoc-Studie bescheinigt den online-Verkündigungsformaten eine deutlich höhere Reichweite als dem in der Kirche in leiblicher Präsenz gefeierten Gottesdienst – in manchen Landeskirchen haben sich die Teilnahmezahlen mehr als verfünffacht (ad-hoc-Studie, S. 31). Ich bin hier eher etwas zurückhaltend. Denn Zugriffszahlen sagen noch nicht unmittelbar etwas über die Beteiligung aus – exemplarische Analysen zu den von uns selbst produzierten Gottesdiensten zeigten, dass nur ein Teil der Mitfeiernden die ganze Zeit dabei ist. Und sicher war auch der Neuigkeitseffekt motivierend zur Teilnahme: Der online-Gottesdienst mit unserem Gemeindepfarrer ist etwas Neues, das muss man miterlebt haben. Entsprechend sind nach meiner Wahrnehmung auch die Abrufzahlen inzwischen auch häufig zurückgegangen. Dennoch gibt es deutliche Hinweise, dass online-Formate noch einmal andere Menschen erreichen als Gottesdienste in leiblicher Präsenz.


  11. Online-Formate bieten dabei eine doppelte Flexibilisierung: Da fast alle online-Angebote auch zeitversetzt wahrgenommen werden können, kommt es zu einer zeitlichen Flexibilisierung der Teilnahme. Dies kommt Menschen entgegen, für die der Sonntag-Morgen nicht die passende Gottesdienst-Zeit ist. Und online-Angebote sind ortsunabhängig, sie können von überall aus wahrgenommen werden. Das erlaubt es, auch über große Entfernungen teilzunehmen. Online-Angebote stehen damit nicht nur in einer lokalen oder regionalen, sondern in einer zumindest auf den ganzen Sprachraum bezogenen Konkurrenz. Zugleich ist es aber auch möglich, dass sich um online-Verkündigungsformate eigene Communitys bilden. Damit kann auch eine neue Sozialgestalt von Kirche entstehen. Allerdings bleibt festzuhalten: Beteiligung und zeitliche Flexibilisierung schließen einander wechselseitig aus.


  12. Um die Reichweite von online-Angeboten zu erhöhen, gibt es noch eine Reihe bisher kaum ausgenutzter Möglichkeiten: Bewerbung in den social media durch Personen mit Influencer-Qualitäten, Schalten von bezahlten Anzeigen in digitalen Medien. Gerade durch den leichten Übergang von anderen digitalen Medien zu online-Verkündigungsformaten ergibt sich hier eine ganz niederschwellige – zugleich auch unverbindlichere –Zugangsweise. 

Zur Zukunft von online-Verkündigungsformaten

Auf dem Hintergrund all dieser Beobachtungen möchte ich darum die – eigentlich selbstverständliche – These formulieren, dass online-Verkündigungsformate nicht nur eine medial übertragene Form von offline-Formaten darstellen, sondern eine eigene Ausdrucksform religiöser Kommunikation und kirchlichen Lebens darstellen. Online-Formate sind damit nicht nur ein Ersatzangebot wie vielerorts zu Beginn der Corona-Zeit. Sie sind zumindest ein Ergänzungsangebot; für manche Menschen vielleicht sogar ein Alternativ-Angebot zu den Gottesdiensten in leiblicher Präsenz. Online-Verkündigungsformate müssen deshalb zukünftig einen selbstverständlichen und eigenständigen Teil kirchlicher Arbeit darstellen. Das sehen auch die überwiegende Mehrheit der Anbietenden und der Teilnehmenden an online-Verkündigungsformaten so (vgl. ad-hoc-Studie, S. 9; ad-hoc-Studie, S. 23). Dazu einige kirchentheoretische Überlegungen.

  1. Es ist völlig unangemessen, online-Verkündigungsformate gegenüber Gottesdiensten in leiblicher Präsenz nur als defizitär wahrzunehmen. Online-Formate bieten nicht alle Gestaltungs- und Erfahrungsmöglichkeiten, aber sie bieten dafür andere, zusätzliche Möglichkeiten. Deshalb sind sie als legitime, eigene Ausdrucksform von Kirche wahrzunehmen.


  2. Dass online-Verkündigungsformate keine geschützten Formate sind, und alle, die es möchten, solche Formate gestalten können, muss uns keine Angst machen. Im Netz tummelten sich auch bisher schon unzählige berufen und unberufen Predigende, nur wurde das von vielen bisher kaum wahrgenommen. Als Landeskirche sollten wir hier vor allem das Qualitätskriterium ins Spiel bringen. Online-Verkündigungsformate im Namen der Landeskirche müssen inhaltlichen und dem Medium entsprechenden Qualitätsanforderungen genügen. Eine formale Berufung in den Dienst der öffentlichen Verkündigung soll vor allem dieses doppelte Qualitätskriterium sichern. Deshalb würde ich auch für Online-Formate, die im Namen der Landeskirche und ihrer Gliederungen verantwortet werden, an dieser Berufungsvoraussetzung festhalten – in aller Freiheit, in der sie auch in Gottesdiensten in leiblicher Präsenz gehandhabt wird.


  3. Die Rückmeldungen aus den ersten Corona-Monaten zeigten: Es gibt viele Teilnehmende an online-Formaten, denen es wichtig ist, bekannte Personen oder bekannte Räume zu erleben. Dies dürften aber vor allem Menschen sein, für die die online-Formate ein Ersatzangebot darstellen, das nicht mehr benötigt wird, wenn das Feiern in leiblicher Präsenz wieder voll umfänglich möglich ist. Für diese Zielgruppe scheinen mir zukünftig v.a. zwei Formen von online-Formaten sinnvoll zu sein: 

    • Die Video-Aufzeichnung oder vielleicht sogar das Streamen von Gottesdiensten aus dem Kirchenraum für Menschen, die zwar gerne an genau diesem Gottesdienst teilnehmen möchten, dies aber aus körperlichen (z.B. weil sie gehbehindert sind) oder zeitlichen Gründen (z.B. wegen Schichtdiensten) nicht können. Hier wäre das online-Format also die technisch aktualisierte Form des früheren Kassetten-Dienstes. Das online-Angebot erweitert also die Reichweite des in der Kirche in leiblicher Präsenz gefeierten Gottesdienstes.

    • Die Video-Übertragung eines Gottesdienstes in eine Kirche oder in ein Gemeindehaus zu einer dort versammelten kleinen Gemeinde, für die aber auf Grund mangelnder personeller Ressourcen kein Gottesdienst vor Ort gestaltet werden kann. Online-Übertragungen ganzer Gottesdienste oder auch einzelner Bausteine könnten so eine Möglichkeit sein, in ländlichen Gebieten das regelmäßige Feiern von Gottesdiensten trotz zurückgehender Zahl an Pfarrer*innen aufrecht zu erhalten.

    In diesen beiden Fällen können online-Verkündigungsformate gerade durch ihren hybriden Charakter eine Aufgabe parochialer Gemeinden sein.


  4. Eine besondere Stärke von online-Verkündigungsformaten ist ihre Orts-Unabhängigkeit. Deshalb sind online-Verkündigungsformate grundsätzlich nicht an parochiale Strukturen gebunden. Wenn online-Verkündigungsformate als eigenständige Ausdrucksweise kirchlichen Lebens gepflegt werden sollen, dann braucht es dafür zumindest eine regionale, vielleicht sogar eine landeskirchliche Trägerschaft. Die Konzentration auf eine überschaubare Zahl von Teams ermöglicht dann auch, online-Formate mit guter Qualität zu produzieren. Dem entspricht in unserer landeskirchlichen Strategiediskussion, dass wir zukünftig neben den Parochialgemeinden und vernetzt mit diesen auch andere Formen kirchlicher Präsenz als wichtige Möglichkeit zur Wirksamkeit von Kirche in den relevanten gesellschaftlichen Netzwerken sehen. 
    Um solche online-Formate können dann – wenn sie regelmäßig gestaltet werden – auch eigene Communitys entstehen. Durch ihre selbstverständliche Nähe zu sozialen Netzwerken können sie so noch einmal anderen Menschen einen Zugang zu Kirche eröffnen. Auch das ist ein Grund, weshalb wir landeskirchlich oder bezirklich über die Trägerschaft für solche regelmäßigen online-Formate nachdenken sollten. Inwieweit diese online-Communitys auch Begegnung in der Kohlenstoffwelt brauchen, wird sich mit der Zeit zeigen. Voraussetzen würde ich das zunächst nicht.


  5. Online Verkündigungsformate gibt es nicht umsonst. In der Corona-Zeit konnten sie so schnell und so zahlreich gestaltet werden, weil die Hauptamtlichen von anderen Anforderungen freigestellt waren: Kein Religions- und Konfirmationsunterricht, keine Gremien, keine Gottesdienste in leiblicher Präsenz. All dies ist nun wieder hochgefahren. Entsprechend schwer fällt es, dem Wunsch nach Fortführung der online-Angebote zu entsprechen. Hier braucht es landeskirchliche und bezirkliche Ressourcenentscheidungen, die durch Kürzung an anderer Stelle die Freiräume schaffen, um online-Formate wirklich dauerhaft zu gestalten. Konkret wird das bedeuten: Reduktion der Gottesdienste in leiblicher Präsenz, um online-Verkündigungsformate in einer Regelmäßigkeit zu gestalten. Ich stelle mir gegenwärtig vor, dass wir – ausgehend von guten Erfahrungen in der Gestaltung von online-Formaten in den letzten Monaten – vielleicht fünf Teams in der Landeskirche mit zeitlichen und materiellen Ressourcen so unterstützen, dass sie jeweils ein besonders profiliertes online-Verkündigungsformat regelmäßig anbieten können – sei es profiliert durch besondere Formen der Interaktion, durch einen besonderen Musikstil, durch eine thematische Fokussierung oder eine besondere Frömmigkeit. Die dazu nötigen Ressourcenentscheidungen werden uns aber sicher nicht leichtfallen, weil sie Kürzungen an anderer Stelle erfordern.


  6. Da online-Verkündigungsformate zukünftig von großer Bedeutung sein werden, wird es wichtig sein in der Aus- und Fortbildung Haupt- wie Ehrenamtliche dafür zu qualifizieren. Die Erfahrung zeigt, dass eine Arbeit an medialer Präsenz auch der offline-Arbeit zugutekommt. Erste Fortbildungsangebote haben wir bereits aufgebaut. Sie werden zu verstetigen und weiterzuentwickeln sein.


  7. Ein nicht zu unterschätzendes Problemfeld stellen die Rechtefragen dar – insbesondere in Hinblick auf Musik. Die äußerst komplexe Rechtslage im Urheberrecht macht vieles schwierig und bringt gegenwärtig einen hohen Grad an Unsicherheit. Hier braucht es grundsätzliche Klärungen, bis hin zur Prüfung, ob die EKD nicht eine eigene Rechteverwertungs-Gesellschaft gründen sollte. 

Zum Schluss noch eine grundsätzliche Bemerkung: Ein eher überschaubarer Kreis diskutierte seit Jahren über die Möglichkeiten digitaler Verkündigungsformate und erprobte erste Formate. Ab und an durfte ich an diesen Diskussionen teilnehmen. Corona hat jetzt innerhalb weniger Wochen dafür gesorgt, dass das, was einige wenige damals vorgedacht haben, plötzlich für viele relevant geworden ist und manches an Vorgedachtem und Erprobtem jetzt sehr schnell eine große Verbreitung fand. Dafür möchte ich diesen Vordenkerinnen und Vordenkern danken. Manchmal schenkt uns Gott auch Krisen, die dazu führen, dass Bretter, an denen wir schon lange bohren, plötzlich entscheidende Risse bekommen. Das mag uns Hoffnung und Trost sein, wenn wir wieder mal am Bohren dicker Bretter sind.

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