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Augmented Reality. Zur Rede von der Schöpfung heute

Der vorliegende Text wurde nicht im Rahmen der AG diskutiert, sondern ergänzt die Debatten.

Published onMar 13, 2024
Augmented Reality. Zur Rede von der Schöpfung heute
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Anlässe neuen Nachdenkens

Anlässe über Schöpfung zu sprechen, gibt es derzeit viele. Der Weltnaturgipfel im Dezember letzten Jahres, die Räumung von Lützerath, die jedes Jahr neuen Temperaturrekorde – diese und viele andere Anlässe bewegen Menschen dazu, zum Schutz der Schöpfung aufzurufen.

Mit dem Begriff Schöpfung wird dabei eine besondere Bedeutungsebene markiert, die dem zugeschrieben wird, was unsere tägliche Lebensumgebung ist: Erde, Luft und Meer sind – wird dieser Begriff verwendet – nicht nur der mehr oder weniger selbstverständliche Lebensraum von Mensch und Tier, sondern in besonderer Weise qualifiziert. In den christlichen Kirchen dient der Rekurs auf die Schöpfung als zentrale Begründungsfigur für die Bemühungen um Klimaschutz, etwa für die gerade entstehende Roadmap zur Klimaneutralität der EKD bis 2030.

Um die Frage, was diese besondere Qualifizierung ausmacht, wird in den kirchlichen Feuilletons seit einigen Monaten heiß diskutiert und gerade die Rede von der Bewahrung der Schöpfung hat viel Kritik erhalten. Für die einen ist die Forderung der Bewahrung der Schöpfung so klar wie nie und eigentlich nicht mehr begründungsbedürftig, für andere ist sie nicht mehr tragfähig. So wird die Rede von der Schöpfung selbst neu dogmatisch interpretationsbedürftig – ein zweiter Grund für die erneute dogmatische Reflexion des Begriffes.

Und drittens dient der Begriff der Schöpfung nicht nur in den christlichen Kirchen als Referenzmarker zur Begründung von Klimaschutz, Nachhaltigkeit oder einer mehr oder weniger radikalen ökologischen Wende. Auch in säkularen Kontexten und anderen religiösen Traditionen wird der Begriff gern verwendet, um den Schulterschluss zwischen verschiedenen Akteursgruppen zu untermauern – auch wenn dessen Bedeutung oft völlig unklar bleibt, wie das European Forum for the Study of Religion and the Environment 2022 unterstreicht.1 Der Begriff wird auch in säkularen Kontexten und anderen religiösen Traditionen aufgegriffen, um den Eigenwert und eine besondere Qualität des uns Umgebenden gegenüber menschlicher Verfügbarkeit zu markieren.

„‚Fridays For Future‘ mahnen zur Bewahrung der Schöpfung“ – so Annette Kurschuss im April 2019. Wirklich?

Begriffe wie diese wecken meine dogmatische Neugier. Zu fragen wäre also, ob es sich hier um konvergierende Begründungslinien eines sehr pluralen Diskurses handelt – oder um eine zunehmend ausgeleierte Metapher, die in Sonntagsreden gern bemüht wird, aber insgesamt wenig Schaden anrichtet (und entsprechend wenig nützt). Beide Fälle fordern eine dogmatische Neubesinnung heraus: Ein konventioneller Terminus aus der biblischen Tradition, der hochgradig anschlussfähig sowohl für gesellschaftliche Herausforderungen als auch für dessen interreligiöse und interweltanschauliche Reflexion zu sein scheint – oder eine ausgeleierte Metapher?

„Schöpfung“, so meine Ausgangsbeobachtung, stellt eine geteilte Imagination der Welt dar, die den Eigenwert und eine besondere Qualität des uns umgebenden Welt gegenüber menschlicher Verfügbarkeit markiert. Schöpfung als „augmented reality“, so meine These, beschreibt die Welt, wie sie ist – und fügt der Wahrnehmung der Welt eine real-virtuelle Erfahrungsebene hinzu, die sich durch die Loci der Erhaltung, der Ordnung und Neuschöpfung der Welt dogmatisch füllen lässt.

Um diese These auszuführen, gliedert sich mein Vortrag in drei Teile: Zunächst kartiere ich exemplarisch derzeit vorfindliche Imaginationen von „Schöpfung“ im Kontext der Reflexion auf die Klimakrise in kirchlichen Äußerungen, in der Klimabewegung und im Öko-Islam. Dann reflektiere ich diese im Licht der dogmatischen Sinndimensionen des Schöpfungsbegriffs. Abschließend präzisiere ich den von mir vorgeschlagenen Status als Schöpfungsimagination einer „augmented reality“.

1. Imaginationen von „Schöpfung“

Also, zunächst zu drei Ausformungen der Rede von der Schöpfung in gegenwärtigen Debatten um die Klimakrise. Sie kommen jeweils exemplarisch in den Blick, die erste ausführlicher als die anderen.

1.1. „Schöpfung“ in der kirchlichen Auseinandersetzung mit der Klimakrise

Wie Schöpfung in der kirchlichen Auseinandersetzung mit der Klimakrise imaginiert wird, habe ich exemplarisch in neun kirchlichen Klimaschutzkonzepten aus den letzten drei Jahren untersucht Sie wurden zwischen 2012 und 2019 verfasst, davon fünf von evangelischen Landeskirchen und eine aus einer evangelischen Stadtkirchengemeinde, sowie drei aus katholischen Bistümern in Deutschland. In Präambeln und Geleitworten wird durchgehend in Bezug auf den Begriff der Schöpfung die Notwendigkeit eines solchen Klimaschutzkonzepts begründet.

Die Texte skizzieren in unterschiedlicher Gewichtung einen vierfachen Zusammenhang: Erstens wird Gott als Schöpfer der Welt aufgerufen. Dieser Rekurs wird zweitens zur Begründung einer besonderen Qualität des Geschaffenen herangezogen: Die Welt ist eine „gute Gabe“2, mit der die Menschen beschenkt wurden. Damit verbunden wird drittens die anthropologische Pointe: Die Schöpfung sei das „Lebensnetz“3 für den Menschen – aber auch für alle anderen Kreaturen, um derentwillen die Schöpfung erhalten werden soll. Die ethische Implikation kommt viertens durch den Rekurs auf den biblischen Auftrag zum Bebauen der Schöpfung zum Ausdruck, der als Begründung einer Schöpfungsverantwortung des Menschen gelesen wird.

Die meisten Texte grundieren diesen Zusammenhang mit biblischen Bezügen: Am häufigsten findet sich der Rekurs auf Gen 2,15: „Und der HERR, Gott, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, ihn zu bebauen und ihn zu bewahren.“4 In Psalmzitaten und unter Bezug auf die Qualifizierung der Schöpfung als „gut“ in Gen 1,31 wird die Qualität der Schöpfung positiv herausgestellt und in engen Bezug auf ihren göttlichen Ursprung gedeutet. Verweise auf den Schöpfungsauftrag des Menschen in Gen 1,28 oder die Ermutigung zu einem Geist der „Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ unter Rekurs auf 2. Tim 1,7 scheinen motivierende Intention zu haben, während der Verweis auf die Verheißung eines „Lebens in voller Genüge“5 nach Joh 10,10 zur Begrenzung des Raubbaus an der Erde herangezogen wird.

Ergänzt wird der Rekurs auf die Rede von der Schöpfung durch das Motiv der Umkehr, verantwortungsethische Argumentationen, sowie soziale Argumente im Blick auf globale Verteilungsfragen oder intergenerationelle Gerechtigkeit. Dogmatisch interessant ist hier zudem das erkennbare Selbstbild der Kirchen als Anwältin der bedrohten Schöpfung6, gutem Beispiel7 oder „Mahnerin, Mittlerin und Motor des notwendigen gesellschaftlichen Wandels“8 mit einer gesellschaftlichen Mittlerfunktion9 , bzw. als „Change Agent“10. Wissenschaftliche Überlegungen zum Klimawandel oder politische Prozesse wie das Pariser Klimaabkommen finden nur in einem Text Erwähnung.11

Was zeigt dieser kursorische Ausschnitt kirchlicher Klimaschutzbemühungen?

Über die Schöpfungsimagination wird erstens Klimaschutz als genuin theologisches Thema eingeführt, gegen das wissenschaftliche oder politische Begründungen fast vollständig in den Hintergrund treten. Dabei dient der Rekurs auf die Schöpfung zweitens als Beschreibung des Selbst- und Weltverhältnisses des Menschen. Denn der Gottesbezug wird – drittens – argumentativ als Garant der besonderen Qualität des zu Erhaltenden eingeführt und in Verweisen auf die göttliche Providenz zur Motivation oder als Trost für menschliche Akteur*innen zugespitzt. Deutlich ist somit viertens, dass die Rede von der Schöpfung zur Fokussierung auf die Menschen als Akteure im Umgang mit der Schöpfung führt. Diese wird fünftens sehr eng – und mit äußerst hohen Ansprüchen – mit der Identität und dem Auftrag als Kirche verbunden. Die biblische Basis dieser Argumentation ist dabei sehr begrenzt.

1.2. „Schöpfung“ in der säkular-aktivistischen Auseinandersetzung mit der Klimakrise

Auch in säkular-aktivistischen Kontexten finden sich Rekurse auf die Rede von der Schöpfung. Untersucht habe ich Luisa Neubauers Äußerungen im letzten und vorletzten Jahr, da Neubauer – mit einem Hintergrund in der kirchlichen Jugendarbeit – exemplarisch für die Aneignung und Umformung der Rede von der Schöpfung in säkular-aktivistische Kontexte steht.12

Neubauers Bezug auf die Schöpfung stellt durchgehend die Schöpfung als das positive, integrierte und heile Gegenbild gegenwärtiger Umweltzerstörung. Akteur ist dabei der Mensch. Transzendente Bezüge in der Rede von der Schöpfung oder gar im eigenen Engagement lehnt Neubauer explizit ab: „Mit mir und Gott ist's kompliziert"13 bringt sie es in einem Interview mit dem Domradio im Januar 2022 auf den Punkt.

Im Gespräch mit kirchlichen Akteur*innen nutzt Neubauer die Rekurse auf die Rede von der Schöpfung auf eine doppelte Weise: Zum einen als kritische Folie dem kirchlichen Engagement gegenüber, bzw. denjenigen, die sich als christlich bezeichnen.14 Zum anderen fokussiert sie auf die zivilgesellschaftliche Bedeutung der Kirchen im Kampf für Klimagerechtigkeit und greift die Rede von der dabei als Selbstverpflichtung der christlichen Akteur*innen auf.15

Man kann Neubauers Umgang mit dem Schöpfungsbegriff als eine säkulare Aneignung deuten. Interessanterweise findet hier keine Übersetzung von theologischen Konzepten in säkulare Sprache statt – wie etwa im Nachhaltigkeitsdiskurs beobachtbar – sondern eine Aneignung und semantische Verengung theologischer Begriffe.

Begleitet wird dieser Prozess durch eine ähnliche Bewegung von Seiten kirchlicher Akteur*innen: Wie das eingangs genannte Zitat von Annette Kurschuss exemplarisch zeigt, wird von kirchlicher Seite – gerade durch die begriffliche Übereinstimmung – das Engagement von FFF häufig als Einsatz für die „Bewahrung der Schöpfung“16 identifiziert. Erkennbar ist hier ein wechselseitiger Aneignungsprozess zwischen zwei eigentlich sehr unterschiedlichen Denk- und Akteurwelten über einen theologischen Begriff und die damit verbundene Imagination, verbunden mit einer semantischen Verengung – man könnte sagen: auf den „kleinsten gemeinsamen Nenner“ zwischen den Denk- und Akteurswelten.

Dieser wird ermöglicht durch eine säkulare Aneignung und deren Rezeption in den Kirchen.

1.3. „Schöpfung“ in der muslimischen Auseinandersetzung mit der Klimakrise

Mit der Bezeichnung „Öko-Islam“ wird eine Bewegung bezeichnet, die sich aus muslimischer Perspektive für den Klimaschutz einsetzt. Exemplarisch für den deutschsprachigen Raum habe ich die Schöpfungssemantik des Vereins Hima untersucht, der seit 2011 besteht.

Der Bezug auf das theologische Motiv der Schöpfung ist dafür zentral. So beschreibt Hima in seinen Statuten: „Durch Besinnung auf islamische Prinzipien wollen wir eine Veränderung leben, die Umweltschutz als Selbstverständlichkeit unseres Dīn begreift. Dabei sehen wir die Schöpfung als Zeugnis von Gottes Schönheit und Liebe, die es zu bewahren gilt.“17 Die Schöpfung und ihre Schönheit werden zum einen direkt als Zeichen Gottes interpretiert und zum anderen unmittelbar mit der uns umgebenden Lebenswelt identifiziert.

In den Bezügen auf das Motiv der Schöpfung zeigt sich hier eine enge Verbindung von Schöpfung und Schöpfer. Der göttliche Charakter der uns umgebenden Welt wird interpretiert als göttlicher Auftrag und so kann der Schutz der Umwelt als Gehorsam gegenüber Gott gedeutet werden. Bezüge auf Schöpfungstraditionen in anderen Diskursen finden sich ebenso wenig wie Versuche, den eigenen Schöpfungsbegriff in säkulare Diskurse hinein zu übertragen. Der Rekurs auf den Schöpfungsbegriff hat eine inhaltlich motivierende Funktion für die eigenen religiöse Tradition.

2. Die dogmatische Rede von der Schöpfung

Versucht man, die erkennbaren Schöpfungsimaginationen im Licht der christlichen Tradition dogmatisch zu reflektieren, lässt sich diese entlang der Loci der Erhaltung, der Ordnung und Neuschöpfung der Welt spezifisch füllen.

2.1. Schöpfung und Schöpfer: Der theozentrisch-eschatologische Fokus der christlichen Rede von der Schöpfung

Die Rede von der Schöpfung ist in der biblischen und dogmatischen Tradition ein abgeleiteter Begriff: Er ergibt sich aus der Rede von Gott dem Schöpfer und steht daher im Kontext der Gotteslehre.18

Daraus ergibt sicher erstens ein theozentrischer Fokus:

Alttestamentlich betrachtet ist Gott nicht nur der Schöpfer einer guten Schöpfung, sondern zugleich auch Zerstörer der Natur und Teil dieser: „Er ist nicht nur „gegenüber“ der Natur, sondern auch Teil der Natur.“19 Die biblischen Texte kennen keine Vorstellung einer heiligen Erde oder intakten Natur20 und die Rede von der Schöpfung wird missverstanden, wenn als „metaphysisch verbrämte oder romantisierende Lehre von der Welt verstanden“21 wird. Die Schöpfung liegt in der uns umgebenden Welt eben nicht offen zu Tage, sondern mit entdeckt, geglaubt und gehofft werden.

Diese Differenz stützt sich auf eine zweite Unterscheidung: Die Schöpfung ist noch nicht abgeschlossen, sondern in der creatio continua wird die Hoffnung auf die Erhaltung der Welt und ihre Erneuerung als neue Schöpfung ausgedrückt. Die Schöpfung kann nicht bewahrt werden, sie musss erst geschaffen – i.S.v. weiter geschaffen werden. Und zwar nicht von Menschen, sondern von Gott. Dass gerade an der christlichen Schöpfungslehre sich Debatten mit säkularen apokalyptischen Bewegungen wie Extiction Rebellion entzünden, ist wenig verwunderlich – die Klimakrise ist der neue Ort um die Debatte um die Theodizee, wie Debatten um Theologies of Hopelessness zeigen.22 Dieser eschatologische Fokus ist die dogmatische Spitze der Verschränkung von Schöpfung, Erhaltung und Eschaton in der christlichen Tradition.

Daraus ergibt sich, dass der Begriff „Schöpfung“ als ein qualifizierendes Prädikat23 zu verstehen ist: Es schreibt der uns umgebenden Welt eine Qualität zu, die nicht aus ihr selbst heraus erkannt werden kann, sondern relational-verweisenden Charakter hat. Die Rede von der Schöpfung trägt damit etwas in die Welt ein, das ihr nicht inhärent ist: Die Schöpfung ist ein absichtsvoller Lebensraum Vieler, die sich dem schaffenden und erhaltenden Wirken Gottes verdankt.

Der christliche Schöpfungsbegriff reißt damit zugleich grundlegende theo-logische Fragen auf, die im Hinblick auf ihre Eschatologie zu befragen sind.

Angesichts der derzeit beobachtbaren Zerstörungen der Welt beschreibt der katholische Theologe Markus Vogt „die ökologische Herausforderung als einen ‚locus theologicus‘, um heute im Zeichen der Ohnmacht von Gott zu sprechen.“24 Schaut man auf die apokalyptischen Tendenzen, die sich in Klimabewegungen bis hin zu Gruppen wie Extinction Rebellion zeigen, wird sehr deutlich, dass für diese die Auseinandersetzung mit der Deutung der Welt als guter Schöpfung in eine fatalistische Naherwartung umgeschlagen ist. Ort der Schöpfungsfrage wird dann die Theodizeefrage, die Frage nach der Ohnmacht Gottes angesichts von lebensfeindlichem Leid. In der theologischen Debatte etwa um „Theologies of Hopelessness“ oder Catherine Kellers Versuch in „Facing Apocalypse“ finden sich theologische Deutungen dieser Spannung.25 Zugleich liegt in der dogmatischen Verortung der Schöpfungslehre in der Gotteslehre ein hoffnungsvoller Überschuss: Die Hoffnung auf Erhaltung und Neuschöpfung der Welt. Markus Huppenbauer hat zurecht darauf hingewiesen, dass in diesem Neuwerden eben die Kreativität Gottes, das neue Sein der Welt in den Blick gerückt werden muss. Gottes Bewahrung meint weniger die Erhaltung als mehr die immer wieder neue Ermöglichung von Leben.26

2.2. Ordnung: Die Welt als Chaos – und Schöpfung

Die theozentrisch-eschatologische Pointe des Schöpfungsmotivs verweist auf eine zweite Dimension des Schöpfungsbegriffs: Die Rede von der Schöpfung ist, so die Breite der biblischen Zeugnisse, eine Suche nach der Ordnung der Welt und ihrer relativen Stabilität der Welt angesichts erfahrenden und bedrohenden Chaos. Deutlich wird dies, wenn man sich jenseits der in den Klimaschutzkonzepten zitierten biblischen Texte mit biblischen Vorstellungswelten auseinandersetzt.27 Nur wenige Konturen der breiten alttestamentlichen Debatte könne hier genannt sein: Dass es nicht „die“ biblische Lehre von der Schöpfung gibt, ist wenig überraschend. Die biblischen Texte näher sich narrativ (Gen 1-2), hymnisch (Pss 8, 19,104), aber auch seelsorgerlich und deutend der Frage, wie die Welt um uns herum eigentlich ist und in welcher Verbindung sie zu dem geglaubten Gott als Schöpfer steht.28

In Gen 1 steht – bedingt durch die Anlage als monotheistischer Text - 29die scharfe Unterscheidung zwischen Geschöpf und Schöpfer im Vordergrund: „Gott hat keine weltliche Qualität und die Welt keine göttliche Qualität.“, spitzt Konrad Schmid zu.30 Nach Konrad Schmid zielt die Schöpfungserzählung in Gen 1 darauf ab, die Welt den Menschen „lesbar“ zu machen: „Die Schöpfung ist kein Konglomerat sinnloser Elemente, sondern sie ist Schritt für Schritt durch worthafte Verfügungen entstanden und mithin als ‚Text‘ lesbar – auch wenn natürlich ihre ursprüngliche Gestalt nicht mehr in ungebrochener Weise zugänglich ist.“31

Diese Überzeugung von der Ordnung der Natur rückt in anderen Texten deutlich in den Hintergrund.32 So stellt Markus Saur heraus, dass den weisheitlichen Texten folgend die Natur sich dem Wesen nach verbirgt:33 Schöpfung wird so zu einem Prozess der Ordnung des Chaos, in dem Schöpfung und Ordnung dynamisch miteinander verbunden sind.34 Die „elementaren Lebensgewährungen und -ordnungen der Schöpfung“, auf die der Mensch angewiesen ist, sind dabei bleibend ambivalent.35

In dieser innerkanonischen Debatte liegt der ordnende Impetus einer priesterschriftlichen Erzählung derzeit lebensweltlich ferner als die skeptischen Texte der späten Weisheit. Auch und gerade, wenn wir angesichts der von Menschen gemachten Zerstörung die bedrohliche und chaotische Dimension der Schöpfung viel stärker im Vordergrund sehen, lohnt es sich, sich von der Pluralität und Ambiguität der biblischen Beschreibungen anregen und irritieren zu lassen: Wir haben es biblisch – in Worten von Thorsten Moos – mit einer „skeptischen Kosmologie“ 36 zu tun: Es gibt keine „heile“ Welt, sondern nur eine mit und durch den Menschen gebrochene Welt. Auch die von der Schöpfung durchwirkte Welt ist durchsetzt von Chaos – Sinn und Schönheit stehen neben Sinnlosigkeit, Gedankenlosigkeit und Grausamkeit.37 „Biblische Schöpfungstheologie“, so fasst es die Alttestamentlerin Klara Butting zusammen, „ist Ringen um eine Lebensperspektive angesichts zerstörerischer Gewalt […].“38

Und zugleich ist diese Schöpfung dem Anspruch des biblischen Zeugnisses nach durchsichtig hin auf eine besondere Qualität: Die Schöpfung ist der „Welthorizont des Reiches Gottes“39, die auf Gott hin transzendiert und lesbar bleibt. Sie soll Lebensraum bieten für das, was Gott geschaffen hat. Die Rede von der Schöpfung trägt damit etwas in die Natur ein, das ihr nicht inhärent ist.40

2.3. Der Weltauftrag des Menschen

Denkt man vor diesem Hintergrund über den Ort und die Aufgabe des Menschen in der Welt nach, ist ein dreifaches erkennbar.

Erstens: Schöpfung ist – in den Worten von Klara Butting – ein „gegenwärtiges Beziehungs-geschehen“41, präziser ein „theo-anthroporelationale[s] Schöpfungsgefüge“42 In diesem Rahmen kann auch die Rede von der „Mitschöpfung“, die jüngst Konjunktur in den Debatten um die EKD Klimastrategie erfährt, verortet werden.43 Dogmatisch weiterführend ist an dieser Stelle die Rede von der Geschöpflichkeit: Diese vermeidet eine Gegenüberstellung von Geschöpfen und Schöpfung, indem sie ausgehend von der Rede über den Schöpfer die Geschöpflichkeit als Implikat dieser Relation in der Anthropologie verortet. Der Schöpfungsbegriff ist kein deskriptives, sondern ein „lozierendes Prädikat“44, so ein Terminus von Markus Huppenbauer: Er verortet den Menschen in einem Relationsgefüge zu Gott, das konstitutiv auf die Welt bezogen ist, aber nicht in ihr aufgeht.

Zweitens ist die Rede von der Schöpfung (auch) eine Antwort auf die Frage, ob und wie diese Welt sinnvoll ist – geordnet – geschützt. Hintergrund ist das biblische Bewusstsein für die Verletztlichkeit der Natur, die sich etwa in den Regelungen des Ruhejahrs zeigt45. Dies umfasst auch das Bewusstssein für die Verletztlichkeit aller Lebewesen – einschließlich des Menschen. Hier liegt die Zusage des Locus von der Schöpfung und Erhaltung der Welt, wie der Alttestamentler Konrad Schmid überzeugend nachzeichnet: „Ökologische Verantwortung ist nicht über eine supponierte Heiligkeit der Schöpfung, sondern über die Zerbrechlichkeit und Bedürftigkeit ihrer Geschöpfe zu begründen.“46

Dies bildet drittens den Rahmen für menschliches Handeln. Thetisch formuliert: Schöpfung muss und kann von Menschen nicht bewahrt werden – Welt muss bebaut werden, um der Schöpfung willen. 47

Schöpfung muss von Menschen nicht bewahrt werden: Die Sicherung der eigenen Lebensgrundlagen stellt den Menschen nicht nur vor eine logistische, politische und technische Herausforderung – im Licht der biblischen Anthropologie handelt es sich um eine ontologische Zumutung, sich selbst die Grundlagen des Lebens sichern zu sollen, die er sich doch nicht selbst sichern kann. Die Erhaltung der Schöpfung ist Aufgabe Gottes. Erhaltung und Neuschöpfung dürfen dabei nicht konservativ verstanden werden: Gottes Bewahrung meint weniger die Erhaltung als mehr die immer wieder neue Ermöglichung von Leben.

Schöpfung kann von Menschen nicht bewahrt werden: Unsere Gestaltung der Welt ist – bei aller guter Absicht – begrenzt durch unsere Einsicht, unsere Selbstbezogenheit und beschränkt durch unser Wissen.48 Bis in die Ikonographie des Klimaschutzes hinein braucht es hier neue Vorstellungswelten: Denn es ist nicht der Mensch, der die Welt in der Hand hält.49

Thorsten Moos entdeckt in der Rede von der Rechtfertigung einen „Entfürchtungsgedanken“ in diesem Zusammenhang:50 Trotz Fehlbarkeit dürfen wir handeln. Trotz Fehlbarkeit, Unwägbarkeiten und im Bewusstsein, niemals das ganze Bild überschauen zu können, müssen wir sogar handeln. Es geht vielmehr um das Bebauen und Gestalten einer gefallenen Welt im Sinne der schöpfungshaften Gestalt – mit Christensen gesprochen um das Bebauen der Welt außerhalb Edens.51

Welt muss bewahrt und bebaut werden, um der Schöpfung willen: Versteht man Schöpfung als Beschreibung des intendierten Lebensraums Vieler im Bewusstsein der Verletzlichkeit jedes Einzelnen, so gilt es diese in der uns umgebenden Welt zu erhalten. Auftrag des Menschen ist das Bebauen und Gestalten einer gefallenen Welt. Diesen Geschöpfen, einschließlich den Menschen, Erbarmen widerfahren zu lassen, ist ein schöpfungserhaltender Impuls. Ethische Begründungslinien über intergenerationelle Verantwortung oder globale Gerechtigkeit können Präzisierungen dieser dogmatischen Figur sein.

3. augmented reality

Lassen Sie mich zusammenfassen, was in meinen Augen die Konturen der christlich-protestantischen Schöpfungsimagination ausmacht.

„Schöpfung“ ist ein qualifizierendes Prädikat: Es schreibt der uns umgebenden Welt eine Qualität zu, die nicht aus ihr selbst heraus erkannt werden kann. In meinen Worten: Die Schöpfung ist ein intendierter Lebensraum Vieler im Bewusstsein der Verletzlichkeit jedes Einzelnen, die sich dem schaffenden und erhaltenden Wirken Gottes verdankt. Dieses steht in Spannung zum Chaos der umgebenden Welt – und doch kann das Chaos auf Gott hin lesbar gemacht werden.

Diese schöpfungshafte Qualität kann nur von Gott erhalten und aktualisiert werden. Der Mensch kann sich in der erbarmenden Zuwendung zu allen Geschöpfen zum Bebauen der Welt beitragen, um der Schöpfung Willen. Die Rede von der Schöpfung loziert den Menschen in seiner Relation zu Gott und Mitwelt in seiner Geschöpflichkeit.

Von dieser Zusammenfassung her lassen sich die Verbindungen zur Rede von der Schöpfung als einer geteilten Imagination beleuchten, die Ausgangspunkt meiner Überlegungen war.

In der Differenz von Welt und Schöpfung liegt ein entscheidender Unterschied des christlichen Schöpfungsbegriffs zu den Grundlagen des Öko-Islam auf der einen Seite, aber auch zur Identifikation von Schöpfung und Welt in Teilen der säkular-aktivistischen Klimabewegungen: Nicht jedes Engagements für die physische Welt ist identisch mit der Bewahrung der Schöpfung – und aus der Natur selbst ergibt sich nicht unmittelbar das, was bewahrt werden soll.

Zugleich beweisen die säkularen Reduktionen des Schöpfungsbegriffs mit der Qualifizierung der Schöpfung als das „Gute“ eine übereinstimmende Intention. Mit dem Begriff Schöpfung wird in allen drei Diskursen eine besondere Bedeutungsebene markiert, die dem zugeschrieben wird, was unsere tägliche Lebensumgebung ist. Diese markiert den Eigenwert und eine besondere Qualität des uns Umgebenden gegenüber menschlicher Verfügbarkeit. Diese Qualifizierung kann jedoch theologisch nicht abgekoppelt werden vom Qualifizierenden, da es sich um eine Relation über Zeit und auf Hoffnung hin handelt.

Das Spezifikum der christlichen Schöpfungsimagination im Konzert pluralen Denkwelten um diesen geteilten Begriff lässt sich präzise als Vorstellung einer augmented reality beschreiben: Legt man die Imagination der Schöpfung auf die Wahrnehmung der Welt, erhält man eine mehrschichtige Weltwahrnehmung, -erfahrung und -deutung. Ergebnis ist die titelgebende augmented reality: Die Schöpfungsimagination hat Anhalt an der empirisch-beschreibbaren Welt und geteilter Welterfahrung und fügt dieser eine virtuelle Erfahrungsebene als weitere Ebene von Realität hinzu. Somit ist es mehr als eine Deutungsebene, vielmehr eine Realitätsebene – angelehnt an die paulinische Verbindung von Realitätsebenen, wenn er vom Sein in Christus und dem Anziehen der neuen Kreatur spricht. Diese Realitätsebenen fallen nicht in eins, wie in der unmittelbaren Verbindung von Schöpfung und Schöpfer im untersuchten Ausschnitt des Öko-Islams. Zugleich ist der Mehrwert der uns umgebenden Welt ist nicht rein weltimmanent zu verstehen – etwa durch zeitliche (intergenerationelle Gerechtigkeit) oder räumliche Ausdehnung (globale Verantwortung) von Verantwortungsbereichen in der säkularen Klimabewegung.

Die Metapher der augmented reality präzisiert somit das Verhältnis der theologischen Beschreibung der Schöpfung zur Welt. Um zu markieren, dass der virtuellen Realitätsebene zwar eine andere Art der Realität zukommt, diese aber nicht weniger Realitätssättigung hat, beschreibe ich diese mit dem Begriff der „Imagination“.

Die Rede von der Schöpfung habe ich beschrieben als eine Imagination. Eine Imagination ist ein Deutungskonzept, das vor Augen stellt, die die Welt sein soll und sein wird. Es handelt sich um eine theologische Qualifizierung, die auf einer anderen Ebene liegt als etwa eine naturwissenschaftliche Beschreibung der Welt. Der Begriff der Imagination markiert, dass es sich bei der Rede von der Schöpfung nicht nur um ein kognitives Konzept handelt, sondern um ein ineinander verwobenes Set von Überzeugungen, Bildern und Narrativen. Die christliche Schöpfungsimagination ist dabei insbesondere von biblischen Bildern und Narrativen geprägt – die ihrerseits schon den Textgenera nach vielfältige Imaginationswelten unter. Den Begriff der Imagination übernehme ich von Charles Taylor: Mit dem Begriff des „Social imaginary“ beschreibt er„the ways people imagine their social existence“.52 Er spricht von Imaginationen – von Bildern, Metaphern, Geschichten – statt allein von kognitiven Überzeugungen – denn wie wir unsere Welt erleben und uns in ihr bewegen ist seiner Meinung nach viel weniger von theoretischen Begriffen geprägt, „but is carried in images, stories, and legends“.53 Diese bilden den Rahmen individueller und gesellschaftlicher Kommunikationsprozesse und ermöglichen „common practices and a widely shared sense of legitimacy“.54 Der Begriff der Imagination markiert, dass es sich bei der Rede von der Schöpfung nicht nur um ein kognitives Konzept handelt, sondern um ein ineinander verwobenes Set von Überzeugungen, Bildern und Narrativen – im Fall der christlichen Schöpfungsimagination etwa der vielfältigen biblischen Tradition.

Dogmatik als Arbeit an und mit sozialen Imaginationen zu verstehen, folgt einem induktiven Denkweg: Ausgangspunkt der Frage nach der Schöpfung ist kein einheitlicher Schöpfungsbegriff, sondern eine Wahrnehmung der mit dem Begriff verbundenen Denk- und Vorstellungswelten in einem perspektivitätstheoretischen Ansatz.55 Die Wahrnehmung der pluralen – auch christlichen – Imaginationen, die (selbst-)kritischen Reflexion der christlichen Imaginationen und die Annäherung an neue Imaginationen bilden die Arbeitsschritte einer solchen Dogmatik, die ich heute am Beispiel der Schöpfungsimagination skizzenhaft umrissen habe.56

Legt man die Imagination der Schöpfung auf die Wahrnehmung der Welt, erhält man eine mehrschichtige Weltwahrnehmung, -erfahrung und -deutung. Ergebnis ist die titelgebende augmented reality: Die Schöpfungsimagination beschreibt die Welt, wie sie ist – und fügt der Wahrnehmung der Welt zugleich neue Marker, Kennzeichen, Perspektiven und Relationen ein: Sie hat Anhalt an der empirisch-beschreibbaren Welt und geteilter Welterfahrung und fügt dieser eine virtuelle Erfahrungsebene als weitere Ebene von Realität hinzu. Somit ist es mehr als eine Deutungsebene, vielmehr eine Realitätsebene – angelehnt an die paulinische Verbindung von Realitätsebenen, wenn er vom Sein in Christus und dem Anziehen der neuen Kreatur spricht. Die Metapher der augmented reality präzisiert somit das Verhältnis der theologischen Beschreibung der Schöpfung zur Welt.

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